Antal Szerb „Reise im Mondlicht”

November 30th, 2004

Noch ein noch einmal und spät zu uns Gekommener. Gleichaltrig wie Sandor Marai hat auch er ein erstaunliches Comeback gegeben. Sein Buch ist eine spannende und leichte Lektüre. Es entwickelt einen Sog der so stark ist, daß es dem Fernseher durchaus Konkurrenz machen kann. Es hat Witz, Esprit und ist immer wieder in der Lage den Leser zu überraschen. Und trotzdem ist es ein Buch, das man garantiert wiederlesen kann. Das liegt nicht zuletzt an seiner Sprache. Dieses Buch macht an manchen Stellen den Eindruck einer Harlekinade, es ist mit grossem Tempo geschrieben, ein erzählender Hasardeur, der im Nebenberuf Literaturprofessor war (wie sah wohl sein Unterricht aus?) bietet uns eine merkwürdige Geschichte. Diese soll natürlich nicht verraten werden. Nur so viel: es geht um eine Hochzeitsreise nach Italien – was daraus wird – nun ja.

Antal Szerb gönnt seinem Helden in „Reise im Mondlicht“ eine Verwirrung, die zu einer Klärung führt, wenn man so will eine ´education sentimentale´ des Helden. Eine Verwirrung, fast eine Obsession, die dem Helden des Buches wie dem Leser desselben letztendlich gut anschlägt. Dies tut er auf sympathische Weise. Es ist ein Plädoyer für das Leben, das eigene Leben, und dafür, sich nicht von der konformistischen Normalität erdrücken, sich aber auch nicht von der eigenen Vergangenheit bestimmen zu lassen. Mihály, der an akuter Nostalgie leidet, flieht aus dem Korsett des für ihn vorgesehenen bürgerlichen Lebens, er verweigert sich der Arbeit, kann sein, daß man hier eine frühe Schilderung des burn-out-Syndroms vor sich hat, und gibt seinem Affen Zucker. Seine Flucht, die man auch als Opposition zum modernen Leben und seinen Forderungen des Tages lesen kann – dieses ermüdet und überanstrengt ihn-, macht ihn zum Passiven, zum Träumer.

Er ist auf der Suche nach dem inneren Leben, er ist den Phantasien und inneren Bildern und ihrem Recht näher als die meisten. Die Suche nach seiner grossen Jugendliebe lässt ihn eine Auszeit nehmen, aus der er kaum den Ausgang findet. Doch er tut es nicht aktiv, nicht gezielt, verfolgt kein Programm, sondern ist dem was ihm begegnet ausgeliefert, er kann nicht anders, er gehört nicht zu den Zielgerichteten und Effektiven.

Er hat Schwierigkeiten mit der ganz normalen Wirklichkeit. Wie bei jeder guten Reise begegnet der reisende Held, der eher ein Antiheld ist, ein ´Idiot´ im Sinne Dostojewskis, am Ende unterwegs sich selbst. Wenn auch auf Umwegen. Doch scheinen sie nötig.

Der Autor dieses fast süffig erzählten Buches, 1901 in Budapest geboren, 1924 promoviert, 1937 Professor, lebte in den Zwanziger Jahren für etwa vier Jahre in Frankreich, später ein Jahr in London, verfasste 1934 eine ungarische Literaturgeschichte und 1943 eine Literaturgeschichte der Welt und noch zwei, drei belletristische Bücher, wie „Die Pendragon-Legende“ oder die Essaysammlungzur modernen Literatur „Die Suche nach dem Wunder“. Getötet wurde er von Faschisten im KZ Balf in Westungarn im Alter von etwa 44 Jahren. Die „Reise im Mondlicht“ ist 1937 zum ersten Mal erschienen und liest sich frisch wie am ersten Tag. Sicher, man könnte auch ein paar kritische Anmerkungen machen – käme sich aber kleinlich dabei vor. Es ist ein Lesespaß mit Niveau, den man durch Krittelei nicht schmälern muss – und vielleicht sähe es der geneigte Leser ohnehin etwas anders.

Das Buch ist bei dtv als deutsche Erstausgabe erschienen, es hat 259 Seiten und kostet 14 Euro. Das kurze Nachwort stammt von Petér Esterházy.

Keine Antwort zu “Antal Szerb „Reise im Mondlicht””

  1. Es gibt noch keine Kommentare. Mit dem Formular auf der rechten Seite kannst Du Kommentare schreiben.