Paul Auster „Nacht des Orakels“

November 30th, 2004

Dieses Buch ist schon viel gelobt worden von der Kritik, es ist auch spannend, aber man kann auch das Gefühl haben damit vor einem Scherbenhaufen zu stehen.
Man kann das beabsichtigt nennen, postmodern meinetwegen, wenn das noch eine Vokabel ist, die man verwenden darf, aber am Eindruck des Scherbenhaufens ändert sich damit nicht unbedingt etwas. Freilich, die Scherben glänzen, aber das ist ja gerade das Ärgerliche!

Gern hätte man mehr erfahren, gern die abgebrochenen oder unterwegs liegengelassenen Motive durchgeführt gefunden. Aber so: höchst unbefriedigend.
Sicher, Auster gilt als Autor, als ´Zeremonienmeister´, wie die FAZ schrieb, des Zufalls. Aber genügt das? Ein rundes Buch ergibt das nicht. Soll es auch nicht? Oder könnte der Zufall als Hauptinteresse nicht auch anders behandelt werden? Man könnte zur Verteidigung noch mit dem ´richtigen Leben´ argumentieren – aber ist das ein gutes Argument wenn es um Literatur geht? Hat die nicht ihre eigenen Gesetze?
Und ist in deren Bereich ein unbefriedigter Leser, dem Geschichten angeboten werden die ihm gefallen, die ihm den Mund wässrig machen, die dann aber nicht zu Ende erzählt, nicht durchgeführt werden, ein guter Leser? Das ist wie ein Witz ohne Pointe.

Gut, es hat den Effekt, daß einem das Buch nachgeht.
Aber nicht als gute Erinnerung.
Will das der Autor? Kann, darf er das wollen? Ist es seine Art uns mit seiner Sicht der Welt, mit der Dominanz des Zufälligen bekannt zu machen? Eine produktive Zumutung? Oder geht es um ganz anderes?

Wäre es nicht ein gefährliches Argument, das dem Kitsch Tür und Tor öffnete, würde man sagen wollen, daß man als Leser, der die Realität ohnehin schon als allzu zudringlich und zufällig kennt, gern in der Literatur etwas erzählt bekommen würde, das nicht ebenso willkürlich und zerfasert ist.

So erinnert der Eindruck den man nach der Lektüre hat an den, den man von Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ im Gedächtnis hat, keine Assoziation derer man sich zu schämen brauchte, sicher, aber es bleibt dieses gleiche hohle Gefühl, es bleiben diese im Stillen ohne Ergebnis weiterarbeitenden Geschichten…

Oder sollte allzu wörtlich genommen, gewissermaßen als vielleicht schnellfertiges und ein wenig bequemes Programm ausgelobt worden sein, was gegen Ende des Romans so heisst: „van Velde ist … der Erste, der eingestanden hat, dass Künstler sein Scheitern bedeutet, zu scheitern wie niemand sonst es riskiert, Scheitern ist seine Welt“. (S. 214)

Wenn aber, wie man noch später liest, Worten eine Macht zukommt, eine die Realität zu verändern, wenn es einen Zusammenhang zwischen Phantasie und Realität gibt, ist eine derart unterbrechende, abbrechende Schreibweise, die eine ihrer Figuren in einem unterirdischen Verlies eingeschlossen zurücklässt nicht tendentiell grob fahrlässig?

Paul Auster: „Nacht des Orakels“, Roman, Rowohlt 2004, 285 Seiten, 19,90 Euro.

Eine Antwort to “Paul Auster „Nacht des Orakels“”

  1. 1 Anne
    September 12th, 2005 at 3:54 pm

    Ziemlich ausgefallene Auswahl – oder bin ich inzwischen so ungebildet? Darüber muss ich mal nachdenken