Gabriele Söhling „Hans Erich Nossacks Tagebücher 1943-1977″
Februar 17th, 2005Vermutlich etwas für geübte Leser, für diese aber eine Schatztruhe und ein Ereignis: Die Ausgabe von Hans Erich Nossacks Tagebüchern 1943-1977. Drei Bände, davon ein Kommentarband, Suhrkamp Verlag, hg. von Gabriele Söhling und mit einem Nachwort von Norbert Miller. Es gibt eine Leinenausgabe und eine broschierte zum Preis von 92 bzw. 51 Euro.
Da schreibt ein grosser Einsamer, der vermutlich nicht zuletzt aus dieser Einsamkeit den Blick schöpft, den Standpunkt ganz weit draussen, der eine derartige Beschreibungsdichte und ein solches Reflexionsniveau erst ermöglicht. Ein zärtlicher Misanthrop, der in der Form des Tagebuchs erst als Autor ganz zu sich selbst gekommen zu sein scheint. Mag man selbst als wohlwollender Leser vielleicht nicht unbedingt noch zu den Romanen Nossacks greifen, sein Tagebuch ist zwingend.
Es überzeugt mit seiner Frische und Offenheit. Der zurückgezogen lebende Nossack, in seinem Tagebuch kann man ihn von ganz nahem kennenlernen, hier wird er zugänglich, ja sympathisch. Und es lohnt sich! Sein Anspruch an sich und sein Schreiben ist hoch. Auf der ersten Seite liest man: „- Man sollte immer so schreiben, daß es von anderen nicht noch einmal geschrieben zu werden braucht.“ Diese Tagebücher sind herausragend. Vollkommen ungewöhnlich, was er über die Zeit der Dreissiger und Vierziger Jahre schreibt. Derartiges findet man an anderer Stelle nicht leicht – wenn überhaupt. Aber auch spannend ihm durch die folgenden Jahrzehnte zu folgen: wie erlebt er die Nachkriegszeit, wie die 60er Jahre? Und: was liest er selbst? Seinen Lektüreerfahrungen und – hinweisen kann man blind vertrauen. Was es darüber zu sagen gäbe wäre potentiell unendlich – man kennt die Formulierung, ein bestimmtes Buch mache ganze Bibliotheken überflüssig – hier könnte man geneigt sein es selbst zu sagen. Gewinn und Vergnügen auf höchstem Niveau, noch viel zu unbekannt, noch gar nicht recht als das Ereignis erkannt das es ist. Man müsste in Superlativen schwelgen. Ein wertvolles Buch, dem die grösste Zahl an Lesern zu wünschen ist.
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