Sándor Márai „Wandlungen einer Ehe“
Februar 20th, 2005Der Wahrnehmung des Autors Sándor Márai war eine merkwürdige Entwicklung zuteil. Lange Zeit vergessen ist er vor wenigen Jahren mit seinem Roman „Die Glut“ wieder einmal ins Tageslicht der aktuellen Buchproduktion gehievt worden, und siehe da: was für ein Erfolg! Das war der Startschuß für alle weiteren Bücher des Autors, die inzwischen bei Piper erschienen sind. Sie sind es alle Wert gelesen zu werden. Es ist ja nicht ungewöhnlich: es gilt nicht nur auf einzelne Bücher hinzuweisen, sondern auf Autoren, die man wahrnehmen sollte. Márai ist unbedingt einer von ihnen. Ob es seine „Bekenntnisse eines Bürgers“ sind, sein wunderbares „Himmel und Erde“, das man eigentlich immer in irgendeiner Tasche stecken haben sollte, sein herbes Hundebuch – verzweifelt sucht der Erzähler nach einem Weihnachtsgeschenk für sein Frau, es will ihm nichts Passendes oder Originelles einfallen, bis er auf die Idee kommt: ein Hund!… bis hin zu seinen phantastischen Tagebüchern – wer sein letztes Tagebuch, das er bis kurz vor seinen Freitod in hohem Alter geführt hat, liest, wird mehr tun als lesen, weil das mehr ist als bloß Literatur, oder anders: weil es zeigt, was Literatur sein kann.
Aber hier sollen seine vorgeschlagen werden. Ein Roman von 460 Seiten Umfang, 2003 wieder erschienen (zuerst in den Vierzigern), der sich um einen Mann und zwei Frauen bewegt. – Wohl eines der ältesten Sujets der Welt, schon tausende von Malen beschrieben. Aber wie es hier geschieht ist erwähnenswert. Warum? Es wird die Geschichte einer Ehe erzählt. Deren Probleme, deren Scheitern. Aber sie wird von jedem der drei Beteiligten erzählt. Mit eigener Stimme. Getrennt voneinander. Jeder erzählt die gleiche Geschichte aus einer anderen, der eigenen Perspektive. Das wird kommentarlos zusammengestellt. Die Idee ist ingeniös. Es spricht daraus die Erkenntnis, daß die Wahrheit aus der Summe der Perspektiven besteht – oder sich irgendwo dazwischen tummelt. Gilbert Sorrentino hat in „Die scheinbare Ablenkung des Sternenlichts“ – ob in Kenntni des Marai-Romans oder nicht? – die gleiche Idee benutzt. Es wird nicht von oben herab von einem allwissenden Erzähler berichtet, die Figuren selbst erzählen ihre Geschichte. Und sie erzählen sie so, wie sie sie erlebt haben, erleben mussten. Aufgrund von Prägungen und Erfahrungen – das ist so gut gemach tund mit so hellsichtigen Bemerkungen über das Verhältnis der Geschlechter versehen, daß jeder Leser etwas mitnehmen kann. Und weil die Form so offen ist und keine Hilfestellung gegeben wird, ist der Leser darauf verwiesen sich selbst ein Urteil zu bilden. Dieses Buch wirkt noch weiter auch wenn man es lange zugeschlagen hat. Ist es düster in der Konsequenz: kann man sich gar nicht verstehen, ist das nur eine hübsche Illusion? Lebt nicht stets jeder in seiner Welt, unfähig sie zu verlassen und die Welt anders zu sehen als es die eigene, mitgebrachte Brille erlaubt? Wie greifen Wünsche und Vorstellungen verschiedener Personen ineinander, wie kommunizieren sie? Ein Buch, das philosophisches Niveau hat ohne daß man es merkt, denn es ist immer spannend.
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