Denis Johnson „Train Dreams“

März 17th, 2005

Denis Johnson: „Train Dreams“, Novelle, übersetzt von Barbara Abarbanell, marebibliothek Bd. 16, 2004, 111 Seiten, 18 Euro

Johnson schreibt als wollte er einem das Lesen neu beibringen. Er schafft es, daß man mitschmeckt, mitriecht und darüberhinaus denkt. Er macht deutlich, daß das Leben etwas kostet. Er hält uns den Spiegel vor: wie leben wir heute? Die Zeit, in der man sich körperlich kaputtarbeitete und mit 35, 40 bereits ein alter Mann zu werden begann und schon die Kinder rissige Hände hatten, ist für viele in manchen Weltgegenden vorbei. Aber einen Preis zahlen alle, auch heute. Jede Zeit, jede Gesellschaft hat ihre Härten. Johnson erzählt ein sehr mögliches Leben. Eines, wie es in ähnlicher Weise viele gab – mit all der harten Arbeit, den Entbehrungen, der Einsamkeit, der fehlenden Nähe. Einer Zeit, die noch nicht lange her, aber Lichtjahre entfernt ist. Und an die zu erinnern gut ist, heilsam. Deutlich wird auch die Verschränkung der Zeiten: Grainier, der Held von „Train Dreams“, stirbt in den Sechziger Jahren – die Pionierzeit und die Flower-Power-Generation zur gleichen Zeit im gleichen Land, aber wie verschieden.

Es wird üppig gestorben in diesem Buch. Aber es hat nichts Spektakuläres, nichts von Krimi und Action. Sondern nur von Leben. Einem Leben, zu dem Sterben ganz selbstverständlich dazugehörte. Und so wird es geschildert. Ein harter Realismus und Traumähnlichkeit werden hier verwoben. Denis Johnson schreibt kein Wort zu viel – und doch blüht das schmale Bändchen unter dem Lesen auf und man meint am Ende ein viel umfangreicheres Buch gelesen, ein ganzes Leben umfassend kennengelernt zu haben. Sein Erzählen ist beeindruckend: schnörkellos und fesselnd, nüchtern und poetisch. Wie der Blick in ein Prisma: anhand eines ganz unbedeutenden Schicksals wird die Geschichte der USA in einem wesentlichen Teil ihres Werdegangs aufgeblättert, aber so unprätentiös und sinnlich, daß man es erst im Nachhinein merkt. Eine kleine Trouvaille, ein grosses Buch.
Eine kleine logische Irritation sei erwähnt: wenn Grainier in den 1860er Jahren geboren wurde und in die 1960er Jahre gelebt hätte, müsste er etwa hundert geworden sein. Es heisst aber er sei mit um die 80 gestorben.

Eine Antwort to “Denis Johnson „Train Dreams“”

  1. 1 As Seen on TV Doggie Ramp
    Januar 13th, 2006 at 11:18 pm

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