István Örkény „Minutennovellen“
März 20th, 2005István Örkény: „Minutennovellen“, ausgewählt und aus dem Ungarischen übersetzt von Terézia Mora, mit einem Nachwort von György Konrád, Frankfurt am Main 2002, Band 1358 der Bibliothek Suhrkamp, 163 Seiten, 12,80 Euro
Örkény gilt als der Schöpfer der erzählerischen Gattung der ´Minutennovellen´. Diesen gab er eine ´Gebrauchsanleitung´ mit auf den Weg. Darin legte er Wert darauf, daß diese ihrer Kürze zum Trotz vollwertige Literatur seien. Ihr Vorteil liege darin, daß man mit ihnen Zeit sparen könne. Wenn man das ernst nimmt, kann man sich fragen ob der Leser überhaupt Zeit sparen möchte. Aber vielleicht ist dieser Hinweis auf die Zeitersparnis ja auch (selbst)ironisch gemeint. Jedenfalls sind sie insofern modern. Die Minutennovellen rechnen mit einem zerstreuten, eiligen Leser. Einem, der nebenher sein Frühstücksei kocht oder auch einmal im Stehen liest oder während einer Busfhart. Mit auf den Weg gibt der Autor noch den Hinweis, daß die Titel der einzelnen Stücke wichtig seien, daß es aber nicht genüge nur die Titel zu lesen.
Der ungarische Jude Örkény, der von 1912 bis 1979 lebte, er war Apotheker und Chemiker, wurde 1942 eingezogen und musste, weil er Jude war, in einem Arbeitsbataillon an der russischen Front dienen. Dann war er für fünf Jahre in Kriegsgefangenschaft. Dem Tod entging er mehrmals nur um ein Haar. Nach dem Krieg ging er zurück nach Ungarn und erlebte den dortigen Sozialismus. Womöglich hatte diese ´Schule´ nicht wenig dazu beigetragen, seine Texte so lakonisch werden zu lassen wie sie waren und ließ die erlebte Absurdität, das Mißverständnis, die Willkür, den Unfall als realistische Zutat in diese einfliessen. György Konrad schreibt in seinem Nachwort, Örkény hätte sich auch dann nicht vom Grotesken und Absurden abwenden können, wenn er es gewollt hätte. Sein Verstand habe einfach so funktioniert. Die Geschichte habe ihm nicht viel Zeit zum Schreiben gelassen, sagte er selbst einmal, darum schreibe er kurze Texte. Auch das könnte man als launige bitter-selbstironische Aussage lesen. Er war wohl einfach kein Typ fürs Langatmige, er soll sich, auch in Gesellschaft, schnell gelangweilt haben.
Die Minutennovelle aber scheint es nicht zu geben. Hier scheint weniger eine Gattung kreiert, als ein Ideensammelsurium offeriert zu werden. Und dabei überzeugt keineswegs alles. Zuweilen gelingt es, zwischen Titel und Text Funken sprühen zu lassen, aber manchmal erscheint das Ergebnis der Lektüre nicht besonders überraschend oder auch einfach nichtssagend. Es klingt also schon mal hohl. Dafür sind andere Texte treffsicher und teilen ihren absurden, wohl der Lebenserfahrung abgelauschten Witz, mit. Käuze tauchen auf, Bemitleidenswerte, auch Tragisches gibt sich zu erkennen. Überhaupt sind Tragik und Komik nah aneinandergerückt in dieser Welt, sind zwei Seiten derselben Medaille.
Ob es sich hier um moderne Märchen handelt, wie Konrad meinte? Jedenfalls sind es Sprachlupen oder –prismen, die aber stets wenigstens einen Fehler in der Optik haben, der jedoch gerade in der Verzerrung die Dinge bisweilen zur Kenntlichkeit entstellt.
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