Georges Simenon „Zum Weißen Roß“
März 25th, 2005Georges Simenon: „Zum Weißen Roß“, Roman, deutsch von Trude Fein, Zürich 1980, zuerst 1938.
Mitten hinein ins ganz normale Leben springt der Leser unter Anleitung von Simenon, hinein in das Leben einer Familie und die Leute in einem Restaurant, irgendwo am Rand einer Route Nationale. Wie hingetuscht wirkt diese Geschichte. Und man fragt sich wie der Autor diesen Sog erzeugt, der den Leser wie von selbst durch das Buch zieht und dürftige Fernsehprogrammangebote vergessen lässt. Er beschreibt einfache Leben, in ihren Grenzen, ihrer Enge, aber auch ihrer Armseligkeit und Widerlichkeit. Er umschreibt Unterschwelliges: nicht ausgesprochene Lüste von eigentlich ganz glücklichen Ehemännern – können sie etwas dafür?, aber auch tragische Folgen von Schicksalsschlägen, die ein ganzes Leben verändern, zum Schlechten natürlich. Milieustudie und Seelenkrimi gehen ineins.
Die Relativität jedes Lebens wird zur Anschauung gebracht. Die Schwäche. Die innere Balance – oder ihr Fehlen, bzw. die Ersatzkonstruktionen, die die Menschen finden, wenn diese fehlt. Empfindet der Wirt des Restaurants sein Leben als Gefängnis und Hölle und sucht das zu konterkarieren indem er unter den Augen seiner Gattin den weiblichen Hausangestellten nachstellt, was ihm letztlich nicht bekommt, so sieht der zufällig Durchreisende, der sich in eine dieser Angestellten verliebt ohne sie zu kennen – oder ist es nur ein Gelüst? – dieses Leben von außen als Paradies. Jede Medaille hat zwei Seiten. Und das jugendliche Objekt seines Begehrens, vielleicht nur ein Männertraum, so erfährt der Leser ganz nebenbei, ist diesen Seelenaufwand kaum wert.
Es mag kein grosses Buch sein, Simenon mag bessere unter den hunderten die er verfasst hat, geschrieben haben. Aber es ist gute Unterhaltung – und auch noch mehr, denn diese Figuren und Gedanken, auch wenn das Buch 1938 geschrieben wurde, kommen uns noch nah. Die Gefühle und Konstellationen, die Simenon anspricht, dürften sich inzwischen wenig geändert haben. Und wie er es macht, das ist einfach gekonnt. Immer wieder überraschend werden Details in den Handlungsverlauf eingebaut, sodaß er wie zum Greifen realistisch nahrückt, die Szene fast filmisch gedacht wirkt. Gleichzeitig wird durch sinnliche Beschreibungen und den Zusammenschnitt der Handlungsverläufe eine dichte Atmospäre entwickelt, die sich mühelos mitteilt und in die man einsteigen kann wie in einen Zug. Verlorene Seelen werden geschildert, das Buch wirkt so realistisch wie düster. Und das ganz Grobe, bis hin zur Gewalt, wird als Seelenausfluß dargestellt. Als beinahe notwendig, oder folgerichtig. Dabei wird kein Verständnis eingeworben, die Figuren werden aber auch nicht angeklagt oder bloßgestellt. Alles wirkt, als müsste es so sein. Man versteht, kann aber nichts ändern.
Wie die meisten Bücher Simenons kann man auch dieses als psychologischen Roman lesen. Das Sein der Menschen hat seinen Grund. Auch wenn ihn keiner kennt oder er längst vergessen oder verdrängt ist. Diese Menschen sind ihrem Schicksal ausgeliefert. Insofern ist es ein düsteres Buch. Ihre Statik, ihre Bewegungsunfähigkeit, ihre Unfähigkeit ihre Lage zu ändern, vielleicht zum Guten zu wenden, wirkt bedrückend. Strahlt hier die historische Zeit in das Buch hinein, der Roman ist im Jahr 1938 geschrieben? Oder drückt sich nur Simenons Menschenbild aus? Ihr Schicksal, ist das ihre Geschichte – und wie sie diese sich selbst erzählen? In diesem Buch jedenfalls arrangiert man sich. Im Schlechten, nicht im Guten. Denn so ist das Leben wohl. Jedenfalls für die, die nicht zu den Reichen gehören, die in offenen Wagen einmal kurz hereinschneien und schnell etwas Gutes zu Essen wollen. Es ist auch ein Buch über Armut – auf mehreren Ebenen. Oder auch darüber wie materielle Armut auf Leben wirkt, wie es sie zerstört. Wie aggressiv und brutal Armut ist, wird ganz unaufdringlich gezeigt. Und vielleicht ist sie es, der die Anklage des Autors gilt, ohne daß das mit einem Wort gesagt würde. Ein auswegloses, traurig stimmendes Buch. An einer Stelle heisst es: „Ein Traum schwebte vorbei, sie hatte nicht Zeit, ihn festzuhalten.“ Dieser Satz scheint symptomatisch für das Buch und seine Bewohner: haben sie Träume? Oder nur kleine miese Utopien, die zu forcieren sie nicht gemacht oder zu schwach sind? Ein traumloses Buch mit schlechten Aussichten? Das gelebte Gegenteil des ehemaligen ´American Dream´. Ausbruchsversuche – indem man säuft und seine Frau schlägt, indem man sich in eine kleine bereits verdorbene Person verliebt, sich nur dem Geld widmet und im Wegsehen übt, sich miese kleine erotische Abenteuer gönnt oder gar versucht sich eine Kugel in den Kopf zu schiessen – gelingen nicht. Alle werden vom ganz normalen Leben zurückgepfiffen. Das Leben – man geht darüberhin, lebt die Tage wie es einem vergönnt ist, verdrängt, tut, im Rahmen des Möglichen, was man kann. Man redet nicht über die Probleme, man klärt nicht, man schweigt, man richtet sich ein, irgendwie, man lebt sein Leben oder was man dafür hält oder einem als solches zugewiesen ist, denn sicher: es könnte alles auch noch viel schlimmer sein. Und so kam es denn auch.
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