Hans Jürgen von der Wense „Von Aal bis Zylinder“
März 25th, 2005Hans Jürgen von der Wense: „Von Aal bis Zylinder“, Werke Bd. 1 und 2 plus ein Band über Wense, alles zus. ca. 1700 Seiten, drei Bände in einem Schuber, hg. von Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini, Verlag Zweitausendeins, 59 Euro.
Dieser Tage ist ein beachtenswertes Werk erschienen. Es ist das Werk, Teile, Fragmente davon, eines Aussenseiters. So ist es kein Zufall, daß es erst spät erscheint, ja es ist nicht selbstverständlich, daß es überhaupt erschienen ist. Ein Autor der nicht veröffentlichen will ist ebensowenig etwas selbstverständliches. Wense lebte und starb weitgehend im Verborgenen. Kaum weil es nicht anders möglich gewesen wäre, sondern weil er selbst es so wollte – oder zumindest nicht anders konnte als so zu wollen. Aber er schrieb viel. Und er war ein Tausendsassa. Er komponierte, er war ein besessener Wanderer, betrieb Wetterkunde, er übersetzte aus vielen, auch den entlegensten, Sprachen und er schrieb immer wieder und exzessiv Briefe, in denen er sich und sein Leben inszenierte.
Gut, ein Vergessener, vielleicht sogar Verkannter – aber was soll das uns, heute?
Wense ist noch zu entdecken. Und, wieso nicht, heute mehr denn je. Aus mehreren Gründen. Einer der gewichtigsten dürfte sein: er stellt uns eine Frage.
Diese besteht darin, uns nach dem Wert unseres eigenen Lebens auf dieser speziellen Erde zu fragen – und wie wir sie sehen. Oder sehen wollen. Oder können. Wie wir damit umgehen. Dabei geht es nicht um Ökologie oder gar ausgestreckte Zeigefinger, nichts davon. Es geht um das Wahrnehmen-Können des Lebens als Wunder. Um das Staunen-Können. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht darum, jeden Tag neu – oder wie den letzten zu empfinden, und zu leben. Es geht um die Frage nach der eigenen Existenz, ihrem Wert, für uns, für andere. Und dabei geht es immer um die Kunst, um die künstlerische Arbeit, um Wahrnehmung.
Gerade weil er ein exzentrierter Einzelgänger war, aus den gewöhnlichen Maßstäben und Beurteilungskriterien produktiv ent- oder ver-rückt, hat er uns heute etwas zu sagen. Oder zuzuflüstern. Oder zuzujubeln. Denn das ist sein Ton: der Überschwang, die Begeisterung. Wense berauscht sich am blossen Dasein. Er fällt in Extasen, wo andere nur eine ziemlich durchschnittliche, wenig auffällige mitteldeutsche Landschaft sehen. Zeitgenossenschaft ist ihm nichts, er lehnt, und immer auf witzige Weise, Thomas Mann und Gottfried Benn ab, findet auch kritisch-satirische Worte über zeitgenössische Musiker und Komponisten – und halftert sie mit wenigen Sätzen, aber gekonnt, ab. Dafür entdeckt er 3000 Jahre alte Texte, die er für wesentlich hält und liest, ebenso wie Überliefertes aus Afrika oder der Südsee. Aus all dem spricht die Radikalität einer Existenz, die nur sich selbst und dem was sie als wichtig und richtig ansieht, Rechenschaft geben will. Äusserer Erfolg, ja selbst wohl schon publiziert werden, würde das gefährdet haben. In einer Zeit allfälliger Durch- und Ausnutzung von allem und jedem stellt Wense ein Antidot dar. Sein Leben und Werk kann als anarchistisches Korrektiv gelesen werden und heute darum einen Sprengsatz darstellen. Sich nicht fügen. Auf´s Eigenrecht beharren. Auf die Forderungen des Tages pfeifen. Dem Ökonomisierungszwang ein Leben lang Schnippchen schlagen – nicht immer leichten Herzens, aber trotzdem bei der Linie bleibend. Wense blieb zeitlebens arm. Er ging keinem geregelten Beruf nach, hatte nicht studiert, lebte oft, und oft mehr schlecht als recht, von Gönnern. Aber man hat den Eindruck auch er hätte die Sätze des sterbenden Wittgenstein sagen können: Sagt ihnen ich hätte ein wunderbares Leben gehabt. Sicher, das entbehrt auch nicht tragischer Züge. Man fragt sich: was wäre gewesen, wenn – wenn er in Amt und Würden gekommen wäre etwa. – Bestand die Möglichkeit? Ja, vielleicht, sicher, wenn Wense eben nicht Wense gewesen wäre.
„Von Aal bis Zylinder“, das ist eine Fundgrube, ein Steinbruch, eine Schatzkammer, ein Akku, an dem man sich aufladen kann. Denn Wenses Sprache und Stil atmen Mut, Witz, Kraft. Er drängt nach vorne in seinen Texten, prescht durch Jahrtausende, ein Wirbelwind freier Gedanken, die einem den Kopf ganz schön zurechtsetzen können und das Hirn ordentlich durchblasen und erfrischen. Wandlung ist sein Prinzip. Jeder Tag ist neu und anders. Das mag von den alten Chinesen gelernt sein oder von Heraklit oder einfach seinem Wesen entsprochen haben, er lebt es. Freilich, das kann ihn auch etwas don quijotesk machen. Mag er gegen Windmühlen anreiten, auch gegen die in sich selbst, aber er tut es immer auf spannende, meist vergnügliche, anregende Weise. Er hat etwas von einem Asketen, etwas von einem Mystiker, etwas von einem Wissenschaftler, vielleicht auch etwas von einem Clown. Manches andere mag noch zum Tragen kommen, denn auch hier steht er für das Gegenteil von Statik und Stillstand. Er will im Fluß halten, will weiter staunen dürfen, will nicht abschliessen, will auch kein fertiges Werk. Das hat etwas Kindliches, aber es hat Methode. Da lebt einer den Traum den er hat. Insofern lebt er ein modernes, ein surreales Leben: Ich ist ein anderer, der Wahlspruch der Surrealisten, könnte sein Leitmotiv sein. Ebenso der Umstand, daß das Träumen das wahre Wachsein ist und das Imaginäre das höhere, bessere Wirkliche. Diesem aus der Zeit gefallenen Romantiker ist wenigstens posthum grosser Erfolg zu wünschen – auf daß noch genügend Leute in der Lage sind, wahrzunehmen, daß der derzeitige Ökonomisierungszwang mit der damit einhergehenden Auslieferung an die Sachzwänge ein mindestens ebenso grosser Wahnsinn ist, bloß eben einer, bei dem man nur verlieren kann, wo Wense gewinnt indem er verschwendet. Und sei es, scheinbar, das eigene Leben.
Wense? Lesen!
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