Jens Rehn „Nichts in Sicht“
April 1st, 2005Jens Rehn: „Nichts in Sicht“, Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2003, Gb., 164 Seiten, 18,90 Euro. Dieses Buch folgt dem Text der Erstausgabe im Hermann Luchterhand Verlag von 1954.
Zwei Mann in einem Schlauchboot mitten auf dem Ozean. Der eine schwer verletzt. Ihre Gedanken und Gespräche. Das ist das Thema.
Das Buch ist fesselnd geschrieben, aber keine angenehme Lektüre. Eine fordernde. Weil sie mit dem Elend der beiden konfrontiert. Mit ihren Schmerzen, ihrem Durst. Dieses Buch vermittelt und ist eine Erfahrung, man muss sich ihm aussetzen.
Es wurde zu seinem 50. Jubiläum noch einmal neu aufgelegt, im Jahr 1954 war es zum ersten Mal erschienen, aber auch in der Zwischenzeit immer wieder einmal herausgebracht worden. Jens Rehn, sein eigentlicher Name war Otto J. Luther, ist 1918 geboren, 1983 gestorben und als Autor so gut wie vergessen. 1937 wurde er Offizier der Kriegsmarine. Im Zweiten Weltkrieg war er U-Boot-Offizier und –kommandant. 1943 geriet er für vier Jahre in Gefangenschaft, die er in Afrika, Kanada und England verbrachte. Von 1950 bis 1981 war er Literaturredakteur beim RIAS Berlin. 1954-1958 studierte er an der FU Berlin Philosophie, Anglistik und Musikwissenschaften. Er komponierte und unternahm Reisen nach Ostasien, Indien und in die USA. Rehn war Mitglied des PEN-Zentrums und erhielt 1956 den Berliner Kunstpreis „Junge Generation“, 1979 ein Stipendium der Villa Massimo.
Seine Bücher – „Feuer im Schnee“ (1956) oder der Science Fiction „Die Kinder des Saturn“ (1959) – schildern Menschen in extremen, existentiell bedrohlichen Situationen.
Das Buch „Nichts in Sicht“ stellt Fragen. Es ist radikal im Wortsinn: es geht an die Wurzeln. Was ist wirklich wichtig? Was braucht der Mensch? Was bewegt ihn? Was hält ihn am Leben? Was macht sein Leben und sein Sterben aus? Was bleibt von ihm? – Im Grunde stellt das Buch eine der vier kantischen Fragen für ein neues Programm der Philosophie wie sie in der „Kritik der Urteilskraft“ von 1781 formuliert werden: „Was ist der Mensch?“ Wie diese Frage bei Kant auf Anthropologisches zielt, so kann man auch in Rehns Buch unter anderem eine anthropologische Fragestellung erkennen.
Das aber nicht lehrbuchhaft, sondern sehr geschickt. Hier wird kein philosophisches Traktat mit anderen Mitteln exerziert, hier wird lebendig erzählt, auch wenn das in diesem Zusammenhang beinahe makaber klingen kann. Es bietet die lesende Teilnahme und Nähe einer Erfahrung an, die zu machen sich niemand wünscht und die niemandem zu wünschen ist, im Krieg aber so oder ähnlich zig-tausendfach oder zehntausendfach erlebt wurde.
Dialog, Traum, Erinnerung, kurze essayistisch-definitorische Einschübe, schließlich Halluzinationen formen den Text. Wie verhält sich der Mensch, wenn er sich kaum noch verhalten kann? Wenn aller Luxus und alle Normalität aus seiner Lebenssituation herausgefallen sind? Völlige Verwilderung und Barbarisierung oder doch Anstand und Rücksichtnahme, wo sie kaum noch nötig wären und wie fremd gewordene Relikte wirken? Welche Gedankengänge kennt schiere Verzweiflung? Und worauf kommt es, rückblickend, an im Leben? Wie sieht das Fazit eines Lebens aus? Bleibt mehr als die Erkenntnis, daß nur ein paar Augenblicke unbewussten Glücks in ausgezeichneten Augenblicken übrig bleiben?
Was zählt der gehabte oder nicht gehabte äussere Erfolg in so einem Moment? Rehn findet ein markantes Bild dafür: Im Schlauchboot findet einer der beiden Havarierten eine zehn Dollar-Note und findet Spaß daran, sich damit eine seiner letzten Zigaretten anzuzünden, wobei er sich die Reaktion von Umstehenden imaginiert, die freilich nicht vorhanden sind.
Sehr schön, wie Rehn ganz am Rande nur, im Grunde ohne es wirklich zu thematisieren, den Vorgang des Krieges in seiner Absurdität für den Einzelnen beschreibt. Denn ganz nebenher stellt sich heraus, daß die beiden Bootsinsassen in der Logik des Krieges feindlichen Lagern angehören – ein Deutscher und ein Amerikaner, ein U-Boot-Soldat und ein Pilot – dies aber durch die Extremsituation in der sie sich befinden, ganz ausgehebelt und unbedeutend wird, ja gar keine Rolle mehr spielt. Der Autor lässt, schon durch den Umstand, daß er den beiden Figuren keine Namen gegeben hat, deutlich werden, daß hier nicht nur eine persönliche Geschichte erzählt wird, daß hier keine Einzelschicksale thematisiert werden.
Sachlich kühl, teils mit protokollarischem Charakter wird hier berichtet. Das mag Gottfried Benn seinerzeit dazu bewegt haben, das Buch mit positiven Worten zu begrüssen. Die Anlage ist, der geschilderten Situation entsprechend, minimalistisch, ein Kammerstück, nur auf dem offenen Meer angesiedelt. Das stimmt jedoch auch zum Parabelcharakter des Buches, das in seiner existentiellen Fragestellung an Camus und in der Art der Inszenierung an Beckett erinnern kann.
Die gnadenlose Schrecklichkeit und Einsamkeit der Lage wird durch die völlig unbeteiligte Natur mit ihrer sengenden Sonne, dem warmen Wasser und dem traumschönen Sternenhimmel konterkariert und gerade dadurch unterstrichen. Unter anderen Umständen eine passende Kulisse für Urlaub und Romantik, bei Rehn für ein langsames Sterben. Er folgt hier einem von zwei Topoi, die Natur in Kriegsdarstellungen betreffend, der andere ist derjenige der beteiligten, metaphorisch oder allegorisch überhöhten, gleichsam engagierten Natur.
Dieses Buch ist leicht zu lesen, nicht leicht zu verdauen, aber wert, daß man es tut. Man kann es auch als Versuchsanordnung, als Experiment lesen: was passiert, wenn…?
Als problematisch könnte ein aufmerksamer, vielleicht etwas beckmesserisch veranlagter Leser einen Punkt empfinden, der die Erzähl-Logik betrifft: Woher weiß der Erzähler was er weiß? Trotzdem gut, daß Rehn hier nicht zu Hilfskonstruktionen, wie etwa einem gefundenen Tagebuch, einer Flaschenpost oder ähnlichem gegriffen hat, man kennt solche Entwürfe, etwa den von Poes Pym, sondern das Wagnis des direkten, auktorialen Erzählens eingegangen ist, auch wenn das auf narrativer Ebene ein logisches Problem mit sich führt. Die Wirkung, den Wert und die Fragestellung des Buches beeinträchtigt das nicht.
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