Horst Krüger „ Ludwig lieber Ludwig”

April 11th, 2005

Horst Krüger: „ Ludwig lieber Ludwig. Ein Versuch über Bayerns Märchenkönig“, zuerst 1979 bei Hoffmann und Campe, später bei dtv erschienen, 123 Seiten, mit 23 Farbphotographien von Gregor M. Schmid

Einen ´Versuch´ nennt Horst Krüger sein Büchelchen über Ludwig II. und stellt sich damit in die Tradition des Essays, mit all den Freiheiten, die dieses Genre bereithält. Locker und mit wohlwollender Kenntnis nähert sich Krüger dem Bayernkönig in sieben Kapiteln und einem Nachwort. Für eine erste Annäherung an dessen Person, als Vorbereitung oder Begleitung eines Besuchs von dessen Schlössern oder auch als Anregung für eine weiter- und tiefergehende Beschäftigung mit diesem ist das Buch bestens geeignet. Leicht und schnell zu lesen, mit, trotz des Formats, den Text sinnvoll ergänzenden Fotos. Hier macht diese Art der Illustration, die an anderer Stelle keineswegs immer glücklich oder auch nur passend wirkt, durchaus Sinn, weil sie unaufdringlich vor Augen stellt, wovon im Text die Rede ist. Krüger nähert sich Ludwig stellenweise auch in der Form eines imaginären Zwiegesprächs – ob das zu weit geht kann man dem persönlichen Geschmack des Lesers überlassen. Aufdringlich oder pathetisch wirkt es nicht und an anderer Stelle nimmt er Ludwig auch in einen psychologischen Blick.
Auf diesem kurzen Raum gelingt Krüger ein kluges, erstaunlich reiches und einfühlsames Porträt des Monarchen, dem es, bei aller spürbaren Sympathie für diesen auch nicht an kritischer Sicht mangelt.

Die entwaffnende Ausstrahlung des jungen Ludwig, seine durchaus auch homoerotisch geprägte Beziehung zu Richard Wagner, der vielleicht lebensprägende Bruch mit ihm, die daraus folgende Vereinsamung, allerdings, was gut ist, ohne weiter in dieses Thema einzusteigen, werden ebenso beschrieben wie Ludwigs Leistung als Architekt und Planer und seine freundschaftliche Beziehung zu Bismarck gewürdigt, vielleicht der einzigen Vaterfigur, die er anerkannte.
Auffällig sind die sentenzhaften Stellen des Buches, die melancholisch bis pessimistisch wirken und wohl der Lebenserfahrung und –haltung des bereits älteren Horst Krüger entstammen. So etwa, wenn es heisst: „Ludwig, lieber Ludwig, schrecklich wie unsere Träume enden!“ (S. 73) Oder wenn auf der fogenden Seite vom Leben als einer Kette von Mißverständnissen die Rede ist. Der in Magdeburg im Jahr 1919 geborene Krüger starb 1999 in Frankfurt am Main, veröffentlichte sein Ludwig-Buch also in seinem 60 Lebensjahr.

Krüger sieht Ludwig nicht als kreative Künstlernatur, seine Bauten und ihre Ausstattung hätten etwas Dekoratives, kunstgewerbliches, wie auch seine Königsidee phantastisches Kunstgewerbe darstelle. Das ist gut beobachtet. Das Übertriebene, Hypertrophe von Ludwigs Bau- und Lebensstil, seine späten Mythologisierungsversuche des Königtums zeigt der Autor als aufgerichteten Schein. Er sieht das wesentliche, das einem Menschen zustösst, mag man es Schicksal oder anders nennen, in den ersten fünf Jahren geprägt – Ludwigs Kinderblick ist da nicht auszuschliessen. Ein verletzter Kinderblick, der die Welt noch einmal glitzern und glänzen lassen wollte wie am Weihnachtsabend, wenn auch nur als seine eigenste Welt. Ludwig, der seiner Mutter zeitweise mit Hass begegnete, habe ihr vorgeworfen, daß sie, recht einfach gestrickt, nicht in der Lage gewesen sei, seinen Träumen zu folgen. Diese Kritik weist Krüger zurück um zu schreiben: „Einer Mutter wirft man frühen Liebesentzug, Gefühlskälte, mangelnde Nestwärme vor, also Zerstörung des Urvertrauens.“ (S. 39)
Sehr bildhaft beschreibt Krüger einen Besuch in Ludwigs Nachbau von Versailles auf Schloß Herrenchiemsee, das jenes noch übertreffe, während dieser Spiegelsaal von 4000 Wachskerzen illuminiert wird.
Ludwigs unerfülltes Liebesleben, seine Einsamkeit und seine reaktionären politischen Tendenzen bleiben, wenn auch teils nur kurz angerissen, nicht ausgespart.

Die immer wieder aufkommende Frage nach den Kosten der gebauten Schlösser weist Krüger einerseits als unberechtigt zurück und verteidigt sie auf der anderen Seite: sie wären ein gutes, noch heute einträgliches Geschäft.
Gerne mehr gelesen hätte man über sein Verhältnis zu Bismarck. Aber wen es interessiert, der kann sich ja durch diese Lektüre anregen lassen, dem auf eigene Faust nachzugehen.
Es bleibt als Rätsel und als produktiver Stein des Anstosses Ludwigs leben seines romantischen Traums, seine Berauschung durch die Musik Wagners, durch Kunst und Literatur überhaupt, sein Entwurf eines Märchenkönigtums. Drogen, die Mängel kompensieren sollten, die sie nicht kompensieren konnten, die aber ein Streben und eine Sehnsucht zum Audruck brachten, die keineswegs nur in Ludwig brannte: die nach einer besseren, lebenswerteren, nach einer schönen Welt. Daß gerade ein Monarch weniger an Macht und Gelderwerb um seiner selbst willen oder für den Staat interessiert war als an Kunst, am scheinbar Nutzlosen, am Imaginären, daß er seiner Phantasie Raum gab, sie am Ende über die Forderungen des Tages, über die Staatsgeschäfte stellte, das geht auch jeden Spießbürger an, und sei es als Provokation.

Keine Antwort zu “Horst Krüger „ Ludwig lieber Ludwig””

  1. Es gibt noch keine Kommentare. Mit dem Formular auf der rechten Seite kannst Du Kommentare schreiben.