Aharon Appelfeld „Geschichte eines Lebens“
April 18th, 2005Aharon Appelfeld: „Geschichte eines Lebens“, Berlin 2005, aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, 201 Seiten, 17,90.
Ein jüdischer Name, der Titel „Geschichte eines Lebens“, man weiß sofort: das Umschlagfoto bildet schwarz umrahmte Fluchtkoffer ab. „Geschichte eines Lebens“ ist der Titel des Buches, nicht: „Geschichte meines Lebens“. Und doch erzählt Appelfeld natürlich die eigene, seine individuelle Geschichte. So kann man die Wahl des Titels als bescheidene, gar demütige Geste sehen oder in ihr den Hinweis darauf erkennen, daß dieses Leben für viele andere, ähnlich verlaufene stehen möchte.
Erzählt wird nicht chronologisch. In kurzen, nüchternen Sätzen, so scheint es zunächst. Berichtet wird von einer Kindheit und vom Herausfallen aus dem, was man gewöhnlich mit Kindheit verbindet – einem Aufwachsen im mehr oder weniger behüteten Schoß der Familie. Berichtet wird vom Zuziehen der Schlinge dessen was im Gefolge des Nationalsozialismus vor sich ging, davon, daß sich mit dem Sommer 1937 alles änderte. Und von verschiedenen Generationen, denen ein unterschiedliches Schicksal zustösst.
Appelfeld erzählt die Geschichte eines Kindes im Krieg. Und wie sich das Erlebnis des Krieges für Kinder und Erwachsene unterscheidet. Kinder, so meint er, erleben den Krieg sprachlos, als Körpererfahrung. So wird er tief in den Menschen eingesenkt und hört vielleicht nie wirklich auf. (S. 96) Dieses Thema bildet den Kern des Buches: der Krieg als Schock und Sprachverlust, das Überleben in einem anderen Land, abhängig vom Neu-Spracherwerb. Sprache wird als Überlebensmittel erfahren, als Mittel, mit der Welt umzugehen, sich Welt zugänglich zu machen, sich in ihr zu positionieren, zu behaupten. Zugleich schildert Appelfeld die Genese eines Schriftstellers. Eines Schriftstellers, der zunächst, ohne Schulbildung und im Wortsinn sprachlos, Gefallen am Stottern findet und nur unter grossen Schmerzen und Anstrengungen überhaupt wieder zur Sprache und zum Schreiben kommt. Getragen scheint das Buch von Altersweisheit. Man spürt den Sätzen an, daß sie von weither kommen, daß sie durch allerhand Filter gelaufen sind bis sie so gesagt werden konnten. So schreibt Appelfeld hier auch, allem Erlebten zum Trotz, kein Schreck-Buch, schockt nicht mit Horror-Details, auch wenn Härtestes beschrieben wird. Und doch ist der Krieg, mit allem was das heisst, in diesem Buch präsenter als in vielen anderen, die direkter zu Werke gehen und auf Effekte bauen.
Er schildert den Krieg als bittere Schule der Sinne: vom intensiven, sich versenkenden Betrachten als Technik der Kindheit, die Not zu ertragen zu suchen, kommt er, zwangsweise, zum Lauschen. Denn „Menschen bedeuten immer Gefahr.“ (S. 107) Als Kind, meist allein, im Wald, überlebt er, hält es mit Pflanzen und Tieren, Welpen, Kätzchen und Ziegen – weil er mit Menschen nur schlechte Erfahrungen macht. Kinder sind im Krieg in noch höherem Maß der Gewalt und Willkür ausgesetzt als Erwachsene. Und er macht deutlich, daß es Grenzen der Sprache gibt, Grenzen des sinnvollen Sagens, weil es im Unglück nichts zu sagen gibt: „Wer bei Verstand war, schwieg“. (S. 108) Im Krieg, so muss er lernen, sprechen nicht Worte, sondern Gesicht und Hände, „der Hunger bringt uns zurück zum Instinkt, zum Sprechen vor dem Sprechen“. (S. 109 f.) Und so lernt er: „Wörter halten großen Katastrophen nicht stand“. (S. 110) Und für Kinder heisst das: „Wenn man keine Sprache hat, ist alles Chaos und Durcheinander“, „wenn man keine Sprache hat, offenbart sich der nackte Charakter“ und „ohne Sprache ist der Mensch verstümmelt“. (S. 113) Sein Schluß ist, daß man im Krieg nicht durch Stärke, sondern mittels Phantasie und Erinnerung überlebt. Aber er schreibt auch: „Jeder, der den Krieg überlebte, überlebte ihn dank eines Menschen, der ihm in großer Gefahr Halt gab. Gott haben wir in den Lagern nicht gesehen, gute Menschen schon. Die alte jüdische Legende, dass die Welt nur dank einiger weniger Gerechter besteht, stimmte damals genau wie heute.“ (S. 146)
Nach dem Krieg, in Israel, muss er neu zur Sprache finden – und es fällt ihm furchtbar schwer. Über den Umweg des Stotterns, über das Lesen einzelner Wörter findet er in die neue Sprache, die er innerlich ablehnt, weil sie ihm fremd ist und weil ihn deutsch an seine Mutter erinnert. Mit dem Verlust der Sprache der Mutter jedoch fühlt er diese ein zweites Mal sterben. Er hasst die, die ihn ins Hebräische zwingen und braucht Jahre für den Prozess der Anpassung. Er ist zunächst ein Mensch ohne Halt, Minderwertigkeitsgefühle drücken ihn.
Was er mag, das sind die kleinen Wörter, die Gerüche und Klänge heraufbeschwören.
Er schreibt: „Falls die Literatur tatsächlich Wahrheit ist, so ist sie die religiöse Melodie, die wir verloren haben.“ (S. 121)
Es ist in seiner Kombination aus Einfachheit und Intensität ungewöhnliches Buch, das mit rückhaltloser Ehrlichkeit geschrieben scheint. Diese Fragmente eines sprachskeptischen Bildungsromans schildern die Geburt eines Autors aus den Verwerfungen und der Geistlosigkeit des Krieges. Aus körperlicher Benachteiligung, der Not auf der Flucht und dem erzwungenen Neuspracherwerb. Aus bitterer Notwendigkeit heraus, lernt er es, dem allzu nah gegangenen Ausdruck zu verschaffen. Das Erlebte wird ansatz- und versuchsweise ins Wort gebannt. Aber es wird auch deutlich, und das erinnert an Aussagen von Jean Améry, Primo Levi und anderen, daß sich bestimmte Erfahrungen nicht tilgen lassen, sie bleiben bis zum Ende im Individuum. Trotz aller Härten und der Erfahrung, daß Triebe stärker sind als alle Werte – eine einfache Wahrheit, die er schwer zu ertragen nennt (S. 191) – hat Aharon Appelfeld ein positives, ein warmes Buch geschrieben, einen Roman in Fragmenten, der die Schwächen der Menschen zu integrieren, zu lieben versucht. Das zeigt Größe.
Vielleicht können nicht alle Passagen jeden Leser gleichermaßen erreichen, vielleicht sind sie auch nicht sämtlich gleich stark. Die Berichte über innerisraelische Entwicklungen können blasser wirken – ob es am Gegenstand liegt, an der Qualität des Textes oder schlicht daran, daß einem der Gegenstand fremd ist und man nicht so gut versteht, mag dahingestellt sein. Aber sie gehören zur Geschichte. Zu dieser Geschichte eines Lebens und wie sie erzählt wird. Und sie bereichern das Bild.
Appelfeld schildert wie er zum Studium kam, daß er grosses Glück mit seinem Lehrer hatte und daß er Buber, Scholem, Agnon kennenlernte.
Er erzählt mit grosser Bescheidenheit und Stringenz wie er zum Schriftsteller wurde obwohl er den Worten mißtraute. Trotzdem waren sie wichtig für ihn und ein bestimmender Teil seines Weges. Er erzählt von Kritik an dem was er schrieb, von ganz grundlegender Kritik – über die Schoah dürfe man nicht fiktiv schreiben, nicht die Schwächen der Opfer schildern -, wie er mit ihr umging und allem zum Trotz sein Ziel weiterverfolgte: „Schreiben lernst du allein oder mit seelenverwandten Menschen.“ (S. 196f.) Und er schafft es, daß das Buch trotz der fragmentarischen Konstruktion sehr rund und ganz wirkt, ein Buch, das es verdiente wahrgenommen zu werden und lange zu bleiben.
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