Sandor Marai „Die Gräfin von Parma“

Mai 4th, 2005

Sandor Marai: „Die Gräfin von Parma“, Roman, 240 Seiten, die vorliegende Übersetzung, erstmals 1943 unter dem Titel „Ein Herr aus Venedig“, 1950 unter dem Titel „Begegnung in Bolzano“ erschienen, wurde von Hanna Siehr überarbeitet, München 2002, 12 Euro.

Sandor Marai hat bewundernswerte, wertvolle Bücher geschrieben.
Das Vorliegende gehört nicht dazu.

Grosse Gesten, ritterliche Art, Liebe und Leben als schöne Kunst in den höheren Kreisen vergangener Jahrhunderte, das wird geboten. Der Held des Buches ist unverhohlen an Casanova angelehnt; vielleicht war schon der Stoff nicht geeignet oder lag Marai nicht. Der Zauber, der von Casanova ausgegangen sein muss, wird hier nicht transportiert.

spreeVielleicht gehören die Monologe am Ende mit zu den stärksten Stellen des Buches – aber sie sind unnatürlich ausgedehnt und werden auch da noch längst nicht durch den Ein- oder Widerspruch einer Figur unterbrochen, wo man schon darauf wartet. Zudem sind sie zu essayistisch geraten, da wird eine Philosophie oder was auch immer, in den Roman integriert, doch die Scharniere knirschen. Auch würden sie, selbst wenn sie gelungener wären, den Roman nicht tragen können.

Das Buch ist auf seine Art gut gemacht, in manchen Parts nimmt es Tempo auf, es hat Spannung, scheint aber stets zu gewollt, zu durchsichtig komponiert, regelrecht abgehandelt, ein Eindruck, den auch ein Blick aufs Inhaltsverzeichnis nahelegt, einfach mit zu wenig Herzblut geschrieben. Es wirkt wie eine Auftragsarbeit, wie ein schnell und zu gutem Verkauf gemachtes Stück Handwerk.

Sicher, man weiss und merkt: das ist ein Autor, der etwas kann, der sein Metier beherrscht, einen Spannungsbogen schlagen und erhalten kann, mitgelieferte Lebensweisheiten über die Liebe inbegriffen. Aber das alles wirkt nicht. Es erscheint zu gemacht, zu sehr auf den Effekt abgestellt, bis hin zum Abgeschmackten. Man kann sich des Eindrucks und der Vokabel nicht erwehren: hier hat man Edelkitsch vor sich.
Das ist schade.
Vermutlich hätte der Verlag diesem Autor, seinem wiedererlangten Renommee und sich selbst einen grösseren Gefallen getan, wenn er dieses Buch nicht noch einmal veröffentlicht hätte.
„Die Glut“, die „Bekenntnisse eines Bürgers“, die „Wandlungen einer Ehe“ und last not least die Tagebücher, vor allem sein letztes: ja, unbedingt, sehr gut, absolut empfehlensert.
„Die Gräfin von Parma“ allerdings, das muss nicht sein.
Das Buch überzeugt auch sprachlich nicht. Da wird zu dick aufgetragen, zu sehr drapiert, zu sehr auf sinnliches Erlebnis geschielt, sich zu sehr simplen physiognomischen Beschreibungsmustern überantwortet – das alles wirkt hohl und leer. All das kann Marai besser. Man kann nur hoffen und wünschen, dass dieses Werk nicht manchen Leser vor der Lektüre anderer Bücher dieses Autors abhält; ein schaler Beigeschmack wird bleiben und sich auch auf anderes von Marais übertragen.

Die Dialoge könnte man sich auf dem Theater vorstellen, manches wirkt geradezu filmisch gedacht, einige Stellen strotzen vor verbaler Opulenz, es gibt grosse Gesten, einige Szenen sind mit Überblick gemacht, durch die raffende Schreibweise an bestimmten Stellen kommt Tempo auf – aber es überzeugt nicht, erinnert an Kolportage und Groschenroman, bleibt Klamotte. Solche Sätze, wo könnten sie noch stehen?!:
„In ihren Augen strahlte mit ruhigem Glanz etwas vom Blick der Frauen, die in einer vergangenen Zeit für eine Leidenschaft zu leben und zu sterben bereit waren. Doch der Tod hatte nur ihn bedroht, als der Degen des steinreichen und vornehmen alten Bräutigams über dem Herzen in seine entblößte Brust gedrungen war.“ (S. 90)
Gnade!
Auch die ganze Konstruktion, die Motivation des Grafen wirken nicht überzeugend, sind nicht recht nachvollziehbar.
Hier hat ein Grosser sich vergriffen.

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