Cesare Pavese „Der Teufel auf den Hügeln“
Mai 12th, 2005Cesare Pavese: „Der Teufel auf den Hügeln“, aus dem Italienischen von Catharina Gelpke, München 2004, zuerst Turin 1949, 190 Seiten, 6,95 Euro
Ein Buch über die Jugend und den Sommer.
Pavese schreibt das Porträt einer Gruppe und der Jugend.
Er fängt das Lebensgefühl der Jugend ein, das nicht nur in Italien zutrifft. Und nicht nur für die Vierziger oder Fünfziger Jahre – das Buch wirkt erstaunlich frisch. Und er fängt die Dynamik der Jugend ein, das Gären, Drängen, die Ruhelosigkeit, die Angst etwas zu verpassen, die Schlaflosigkeit, den Kampf gegen die Langeweile, den Griff zu Drogen.
Seine Figuren bewegen sich zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Spiel und Ernst, Selbstsuche und Offenheit, zwischen ziellos verbummelten und vertrunkenen Nächten und dem Nachdenken über das Leben, das man sucht und von dem man kaum oder zu sehr zu merken scheint, daß man gerade mittendrin ist. Man sucht nach einem Handwerk des Lebens, das einem aber nicht beigebracht wird und von dem unsicher ist, ob es überhaupt existiert.
Er baut Spannung auf, es sammeln sich unheilschwangere Vorausdeutungen, man ahnt etwas von Blut und Mord, doch im Grunde geschieht nichts besonderes, nur eben das ganz normale Leben. So bringen die jungen Leute diese Tage eines brummenden, mit betäubendem Grillenzirpen angefüllten Sommers auf dem Greppo im italienischen August zu und werden nahtlos braun. Die Charaktere werden nicht beschrieben, sie werden indirekt deutlich, durch das was sie im Verlauf des Buches denken, sagen und tun. Erst allmählich lernt man sie kennen, differenzieren sie sich, dann jedoch sehr deutlich.
Pavese fängt dieses zwischen grosser Unbeschwertheit und tödlicher Schwere schwebende Leben mit sicherer, lockerer Hand ein.
Die Atmosphäre, die Landschaft, zeitlose, atmende Sätze gibt es, wie: „Das Gezirp der Grillen, der Duft des Himmels fielen über uns her.“ (S. 120) „Zum Essen erschien Gabriella und roch nach Sonne.“ (S. 124) „Was mich anlangt, so zirpten mir schon die Grillen und Zikaden Tag und Nacht im Blut, sie gaben dem Sommer Stimme und Leben.
Manchmal war das Geräusch so stark, daß ich erschauerte – sicher drang es bis zu den Schlangen und unterirdischen Wurzeln hinab.“ (S. 129) „(…) jener leichte Geruch nach Gardinen und Sonne (…)“ (S. 187)
Sie konterkarieren das Geschehen, sie werden aus ihm heraus gesagt und stehen ihm doch entgegen. Zwischen den Zeilen schwebt die Melancholie des Schreibens – es ist immer ein Nachhinein -, aber auch die, die einen anfliegen kann angesichts von vertanen Tagen und halben, unerfüllten Verliebtheiten, von unfreiem, haltlosem Verhalten, das auf der Suche nach Glück ist oder was es gerade dafür hält, aber das Wesentliche, gerade vor seinen Augen, übersieht. Melancholie auch darüber, daß es dem besser geht, der sich nicht ganz gibt, der sich nicht naiv dem Geschehen überlässt oder überlassen kann, sondern mit Abstand und einer gewissen Reserve zusieht, ohne grosse Begierden, nur als Zuschauer, als einer, der dabei ist, sich einigermaßen selbst genügt und dem der Duft der Macchia, die heißen Strahlen des Sommers und die Kühle des Schattens genügen. Einer, der das alles absorbiert, im Nachhinein, als Schreibender, wissend, dass es Glück war oder hätte sein können, jedenfalls ein Teil seiner Jugend, und der nun so schreibt, als habe er es damals schon geahnt, als habe er sich bereits so verhalten, als wolle er es noch einmal benutzen.
Es wird eine entwurzelte Jugend geschildert, deren städtische Teile oberflächlich und zynisch erscheinen, von erschreckender Kälte und Leere, weit von sich entfernt, und deren ländlich-naive Teile hin- und hergerissen wirken. Der Erzähler und die Jugendlichen halten einerseits das einfache Landleben hoch, andererseits ist doch deutlich, dass es etwas darstellt, das passé ist und das für sie nicht mehr in Frage kommt, mit seinen archaisch anmutenden Beschränkungen. Es wird als etwas Wahres geschildert, das aber vor allem von aussen beneidenswert erscheint und keine lebbare Möglichkeit mehr darstellt. Die Stadtjugend, mit zu viel Geld und Zeit ausgestattet, wirkt verdorben und verloren, hungrig und übersatt zugleich. Dazwischen bleibt nur die gärende, kochende Natur, und selbst diese riecht nach Geschlecht, Tod und Verwesung, und die Einsamkeit des Erzählers.
So wird der Leser an das Gefühl und den Geschmack später Jugend erinnert, mit ihrer schwebenden Schwere und ihrer Unbestimmtheit, die zugleich Lust und Belastung ist, Freiheit, und das Wissen darum, dass diese sehr endlich und so gross auch wieder nicht ist.
Der Erzähler ist Teil der Gruppe, kleinere und grössere Geheimnisse bleiben bestehen, sie wirken als Fragen im Leser nach, machen ihn nachdenklich: Wusste Poli von seiner Krankheit? Wird Oreste Giacinta heiraten und Landarzt werden? Und wovon würde er dann träumen? Was bindet Poli und Gabriella zusammen? Was bedeutet ihr Satz, dass sie nicht frei über sich verfügen könne?
Es wird viel diskutiert und philosophiert, mit spannenden Thesen, aber ohne Richtung oder Konsequenz, es kommt nichts dabei heraus, es ist ernstgemeintes Gerede, wenn es so etwas gibt, man hat Angst allein zu sein, setzt sich zusammen und verredet die Zeit, Gefühle schwirren durcheinander, es ist ein privilegiertes studentisches Leben, den Angestellten geht es anders, es fallen Sätze wie: Um eine Erde zu lieben, muß man sie bestellen, muß man Schweiß vergiessen.“ (S. 129) Aber sie wirken dahingesagt, wie um sich an etwas zu erinnern, etwas zu beschwören oder sich selbst zu überzeugen von etwas, von dem man weiss, dass man es nicht mehr kann, dass es nicht mehr gilt. Man hält sich daran fest als einem Mythos vom Landleben, der längst von Weinbauern eingeholt ist, deren Sonnenhüte vom Sulfat zerfressen sind, das sie auf die Reben sprühen. Man geht sich aus dem Weg und kommt wieder zusammen, halb freiwillig, halb gezwungen – oder auch nur, weil man nicht wüsste, wohin man gehen, vielleicht fliehen sollte. Halb ist es Ernst, halb Theater.
Das Porträt dieser kleinen Gruppe ist zugleich auch das Porträt der unaufhebbaren Fremdheit zwischen den Menschen, ja selbst der zur Natur – vielleicht der Hauptgrund für die melancholische Stimmung, die diesen Sommer umgibt, der doch zugleich so lebenssatt und voll und reich ist – nur: wie ihn erreichen, berühren, festhalten? Ihn und die Jugend und eine Zeit, die, vielleicht, ja einmal besser war – oder wenigstens das Zeug dazu gehabt hätte, es zu sein.
Also auch ein Buch über die Fremdheit und die grundlos-tiefgründige Trauer.
Der Roman ist der zweite von Paveses Turiner Trilogie „Der schöne Sommer“, 1950 wurde er dafür mit dem Premio Strega ausgezeichnet.
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