Joseph Conrad „Herz der Finsternis”

Juni 4th, 2005

Joseph Conrad: „Herz der Finsternis“, Bd. 20 der Reihe ´Süddeutsche Zeitung. Bibliothek´, zugrunde liegt die Textfassung der Diogenes-Ausgabe von 2004, 125 Seiten, 4,95 Euro.
„Herz der Finsternis“, dieser Titel verheisst nichts Gutes.

Licht und Schatten sind ein Leitmotiv des Buches, auch im übertragenen Sinn. Vielleicht werden sie ein paar Mal zu oft bemüht im Verlauf des Textes. Es geht jedoch nicht nur um harte Kontraste, sondern auch um Zwischenbereiche. Und ebenso um Grenzen und deren Überschreitung.

nuss Von Europäern in Afrika, vom Zusammentreffen von Zivilisation und ´Wilden´, von Technik und Natur, von der sklaventreibenden Ausbeutung eines Kontinents durch andere, vom hellen Elfenbein im Schwarzen Afrika ist die Rede. Wesentlicher jedoch als die äusseren, das wird in dem Buch deutlich, sind die inneren Grenzen, die in diesem Land erreicht und auch überschritten werden.

Es ist das Buch einer Reise und damit einer Annäherung. Einer Annäherung an das Herz der Finsternis. Es ist nicht wirklich die des afrikanischen Dschungels, sondern die der weissen Seele. Das Buch handelt von einem Zustand, in den vielleicht nur ein besonders begabter, talentierter, vielleicht gar sensibler Europäer in der extremen Konfrontation mit der Einsamkeit des Urwalds und unter Eingeborenen geraten kann. Aber auch einer, der hoch hinaus will, der sich in einer Hierarchie hochdienen und darüberhinaus noch mehr will, der vielleicht eine Utopie hat und für den der erhoffte Weg dahin über das weisse Gold, gewonnen durch brutale Ausbeutung, führt. So ist es auch ein Buch über Mittel und Wege, über solche, die hoch hinaus wollen, vielleicht zu hoch, und deren Mittel nicht zu ihren Zielen passen. Also über solche, die Ideale im Kopf haben, deren Verwirklichung, wie meist, wie in einer Art übler Ironie, dem Gegenteil des Beabsichtigten sehr nahe kommt. Was ist das für eine Persönlichkeit, in der Poesie und Mord kulminieren?

Vieles bleibt im Vagen. Gerade auch die ambivalente Haltung des Erzählers der Figur gegenüber, die den Kern der Erzählung stellt, macht einen Teil vom Reiz dieses Buches aus. Der Mensch, der sich zur Gottähnlichkeit aufzuschwingen meint, bekommt unweigerlich Teufelsähnliches. Der Verführer Kurtz, der offenbar auf Menschen wirkt, Gabe und Fluch?, erscheint als Täter und Opfer zugleich, er hat monströse Züge.

Der Erzähler überlässt es am Ende des Buches dem Leser, zu entscheiden, ob er der Frau, die Kurtz geliebt zu haben vorgibt, die Wahrheit seiner letzten Worte vorenthält um sie oder um den toten Kurtz zu schützen; um ihr oder ihm einen Gefallen zu tun. Erinnert sie nur ein Bild von Kurtz, eine frühere Möglichkeit seines Seins, das dieser lang nicht mehr war? Oder ist sie bereits damals seiner mephistophelischen Ausstrahlung erlegen und handelt es sich also nicht um Liebe, sondern um Besessenheit? Oder schützt gar der Erzähler etwas in sich – vor Kurtz, vor dem unangenehmen Zugriff einer Erkenntnis?

Conrad stellt viele Fragen mit diesem Buch, auch letzte. Was bleibt vom Leben, wenn man es auf die Essentials reduziert? Was, wie Walter Benjamin einmal schrieb, wenn man es auf seine Zerstörbarkeit hin überprüft und es aus dieser Perspektive betrachtet? Was geschieht mit Menschen, die Macht über andere erlangen und die dann kein Halten mehr kennen? Menschen, so wird Kurtz beschrieben, die bei glasklarem Verstand sind, aber deren Seele verfinstert ist? Ist die Faszination, die sie auslösen, ja die Gefolgschaft, etwas Gutes? Es geht um den Verlust von Masstäben, geht um Ausserordentliches. Hat es Sonderrechte? Werden sie ihm angetragen? Wie steht es um die, die sich gerade an solche innerlich Verlorene hängen?
Wie ein Vorgriff auf Hitler und Co. lesen sich die Sätze: „(…), Himmel! wie dieser Mann reden konnte! Er riß grosse Versammlungen mit sich fort. Er war erfüllt von Glauben – verstehen Sie? – erfüllt von Glauben. Er brachte es fertig, an alles zu glauben – alles. Er hätte einen glänzenden Führer einer extremistischen Partei abgegeben.“ (S. 117)

An alles glauben, ist das der Fehler? Ist das ein kritischer Ansatz, dem man folgen kann? Und so stellt sich die Frage: an was glauben?
Conrads Buch ist weit mehr und anderes als ein Afrika- und Reisebuch. Vielleicht ist es auch weit weniger als das. Vielleicht schlicht etwas anderes. Es drängt sich dem Leser als Parabel auf.
Das Buch lebt in hohem Mass von Vorausdeutungen und Rückblenden, wie ja die ganze Erzählung eine grosse Rückblende ist, eingespannt in einen Rahmen, der zu Beginn breit und beinahe panoramatisch ist, am Ende nur kurz und der Vollständigkeit halber, beinahe abrupt. Der Text ist zuerst im Jahr 1899 erschienen, er enthält eine überraschend deutliche, äusserst herbe Kritik des Kolonialismus. So fliesst auch ein Stück Dokumentation ein, doch wird diese mehr benutzt um zu fragen, zu hinterfragen: die Berechtigung, den eigenen Antrieb. Das Herz der Finsternis, das können auch Hab- und Machtgier und der Dünkel sein, sich als etwas Besseres, Höheres zu wähnen. Georg Christoph Lichtenbergs Ausspruch: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung“ kann ungebremst auch für den Afrikaner, der den ersten Weissen sah, geltend gemacht werden.

wasserDas Buch erzeugt eine eigentümliche Stimmung. Vage, unsicher, merkwürdig schwebend. So lebt der Text auch in hohem Mass von dem, was nicht gesagt wird. Traumartig und alptraumartig zugleich ist diese Annäherung. Gleichzeitig langsam und dann doch wieder plötzlich. Lange geschieht nichts, dann unvermittelt viel, aber ohne dass ein Ziel getroffen würde. Es fehlen die wirklichen Annäherungen, die Übergänge. Es fehlt die Bewältigung des Weges. Wie mit einem schreibenden Stottern, das für ein seelisches stehen mag, ein Stocken, irgendwo zwischen Faszination und Erfrieren, stecken Text und Leser. Wo steht der Erzähler in Bezug zu Kurtz? Conrad kommt hier ohne Klärungen und Erklärungen aus; eine Qualität des Buches, ein Grund für die intensive Beteiligung des Lesers. Das Geheimnis um diesen Kurtz, das Sagenhafte und das Grauenhafte, das sein Treiben im Dschungel umgibt, und evtl. seine Verwandtschaft zu uns, setzt sich im Leser fort, er muss es ergründen oder der Frage wenigstens nachhorchen. Ihm bleibt es überlassen, Kurtz´ letzte Worte zu deuten: „Das Grauen, das Grauen“.

Eine Parabel auf die Einsamkeit des Lebens und Sterbens, auf die Absurdität des menschlichen Daseins, auf die Lehre aus Grenzsituationen und die Leere, die einem Überschreiten von Grenzen folgen kann – oder muss, den Verlust der Masstäbe. Vielleicht auch darüber, wie sich ein feingeistiger Mensch in Widerspruch zu einer Situation befindet, in der es nur auf praktisches Handeln ankommt. So könnte man das Buch auch als Künstler- oder Politiker-Novelle lesen.

Eben dass es nicht auszulesen ist, und der Leser doch seit gut hundert Jahren den Eindruck gewinnet, dass ihm hier etwas Wesentliches, ihn Angehendes mitgeteilt wird, macht einen bestimmenden Teil der Faszination und Qualität des Buches aus. Es lebt ganz eigentümlich von seinen Sprüngen und Lücken, erzählerisch gesehen, beinahe von seiner Inkonsistenz. Wenn man den Finger auf eine Stelle legen will, gibt sie nach. Der Finger gleitet ab, gerät auf andere Stellen und Hinweise, die wiederum schwammig ausweichen, glitschig werden, wie der Regenwald selbst reagieren. Dieses Buch verkörpert einen Alptraum, der uns dunkel ahnen lässt, dass wir selbst das Monster sind, dass wir selbst den äussersten Schrecken beinhalten, ihn mit uns tragen, und dass unsere grösste Stärke mit unserer grössten Schwäche Tür an Tür wohnen. Gott und Teufel – nur graduell geschiedene Wesen? Beides allzu nahe, inhärente Möglichkeiten? Eine in der Tat beunruhigende Perspektive.

Bereits Orson Welles wollte sich von dem Buch zu einem Film anregen lassen.
Verfilmt hat es dann, in einer sehr freien Adaptation, Francis Ford Coppola, „Apocalypse now“ ist der Titel. Coppola hat sein monumentales Filmepos vom Zentralfrika des Jahres 1891 in das Indochina des Jahres 1968 verlegt, vom Kongo auf den fiktiven, dem Mekong nachempfundenen Fluss Nung. In der deutschen Fassung spricht Christian Brückner mit seiner eindrücklichen Stimme Captain Willard und die Off-Stimme. 1979 kam der Streifen ins Kino, er bekam zwei Oscars, war für acht nominiert, zwanzig Jahre später wurde die längere Redux-Fassung präsentiert. Der Film, der unter chaotischen Bedingungen zustande kam, die ihrerseits bereits wieder zu einer Art Kult- oder Legendenbildung beigetragen haben – Coppola soll sich mit dem Film fast ruiniert und dem Suizid nahegestanden haben, transportiert, auch wenn er sich sehr frei an „Herz der Finsternis“ anlehnt, doch die eigentümliche, untergründig ungute Stimmung des Buches: die allmähliche und dann doch wieder sprunghafte Annäherung, die Verquickung aus Faszination und Grauen.
1994 folgte eine Verfilmung mit John Malkovich in der Hauptrolle.

2 Antworten to “Joseph Conrad „Herz der Finsternis””

  1. 1 Anne
    September 12th, 2005 at 3:48 pm

    Das habe ich nicht gewusst (Coppola-Film) Ich liebe Joseph Conrad, habe in meiner Jugend viele Teile der Welt durch Conrad kennen gelernt

  2. 2 Anne
    September 12th, 2005 at 3:51 pm

    Der Kommentar, den ich nach dem Text …more geschrieben habe, wird nicht als Kommentar angezeigt