Max Blecher „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“
Juni 13th, 2005Max Blecher: „Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit“, aus dem Rumänischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ernest Wichner, Edition Plasma Berlin 1990, 142 Seiten; seit September 2003 in der Bibliothek Suhrkamp für 12,80 Euro.
Hat man sich auf dieses Buch eingelassen, taucht man am Ende daraus auf wie aus einem Alptraum.
Es enthält Bildkaskaden der Vergängnis und des Verfalls.
Und die Getroffenheit, die Gekränktheit, die Anklage an die Welt, dass nur Schmerz und Einsamkeit und Vergehen ist. Hier schreibt jemand mit einem Blick, der vom Elend des Daseins prädominiert ist. Blecher lässt deutlich werden, wie unverschämt, wie registrierend klar der Verstand auch dann noch – oder gerade dann – arbeitet und welch verzweifelt-schöne Bilder die Einbildungskraft an uns schickt, wenn wir an der absoluten Grenze sind, auf ihr entlangspazieren oder auch schon den Fuss ein Stück darüber hinausgesetzt haben. An der Grenze, diese Welt als die unsrige, selbstverständlich Zugehörige zu empfinden.
Es ist ein Text, der sich hart am Wahnsinn bewegt, weil sein Autor den Sinn vermisst. So ist er ein Dokument dafür, was es bedeuten kann, das Leben nur als eines zum Tode hin auffassen zu können. Die Essenz des Buches machen die Trauer über die Einsamkeit, das Leiden und den Tod aus.
So ist es auf der anderen Seite aber auch Ausdruck der grossen Sehnsucht nach einem Leben, das, bitteschön, wahrer, authentischer, sinnvoller hätte sein sollen. Es ist der Aufschrei aus dem Leben als Alptraum erwachen zu wollen und doch zu wissen, dass wenig Hoffnung darauf besteht. Es ist der Ausdruck des Lebens als Mangel: etwas wesentliches fehlt. Im letzten Satz münden die Verzweiflung und der sehnsüchtige Aufschrei beinah in ein Wimmern: „Immer war es so, immer, immer.“
Dieses Buch würde gern aus der Todesgewissheit, die eine permanente, entwertende Todesbewusstheit auslöst, die Erlösung prügeln. Es ist ein Ansturm gegen die eigentlich unzumutbare Sinnlosigkeit des Todes, der letzten Endes alles zunichte macht – auch im Vorfeld die Freude am Leben. Die düsteren Bilder des Buches drängen nach Verkehrung; wären gern überwölbte, aufgehobene, in den Arm genommene.
So geht es dem Autor um nichts weniger als um alles. Das Buch ist Klage und Anklage und implizites Flehen um Erlösung. Es ist das Buch eines enttäuschten, verlassenen Kindes in einer fremden Welt, das bei der Hand genommen und getröstet werden möchte.
Das Schreiben ist Ausdruck und zugleich Gefäss des absoluten Daseinsschmerzes, und wird zugleich mit der alten, magischen Hoffnung beladen, etwas zum Besseren wenden zu können.
Blechers Buch zeigt die Welt nach dem Fall aus dem Paradies, ist Dokument einer Zerstörung und Peinigung – ein Alptraum, der so gern Traum geworden wäre.
Er unterliegt der melancholischen Obsession für die Optik des Zerfalls.
Schon das Phänomen ´Zeit´ geht ihm zu weit.
Ein ´Ich´, das sich kaum noch recht formulieren kann, das ausgeliefert und zersplittert ist, lechzt nach Gewissheit und Sicherheit.
So ist dieses Buch die verzweifelte Bitte darum, dass die Welt anders sein dürfte als sie, leider, ist. Es ist das schwarze Gebet einer zutiefst verunsicherten Seele, die an und über den Rand dessen gedrängt ist, was sie ertragen kann und die durch das Schreiben versucht das Unmögliche möglich zu machen oder sich doch gerade noch hier zu halten, irgendwie. Dieser Hilferuf, gepeinigt, voller Angst, ruft nach Erlösung, die durch den Zauberstab des Sinns erfolgen soll. Ränder und Mitte sollen oszillieren, sich gegenseitig steigern, erhellen, ein Drittes, Anderes ermöglichen. Es ist der uralte Versuch, mit Kunst zu zaubern. Es ist Autobiographie und Theologie und Poesie in einem.
Es ist der Versuch, dem Panischen, uferlosen Fragen und angegriffenen Sehenmüssen etwas entgegenzusetzen, es aufzuhalten, Ruhe zu finden.
Das Buch ist ein Manifest der Trauer über die Welt wie sie ist: karg, banal, eng, einsam, erbärmlich, langweilig. Wie sie ist oder auch ist oder manchmal ist? Diese mildernden Ausnahmen kennt Blecher kaum. Er fühlt sich überwältigt, ja vergewaltigt von seiner Erfahrungswirklichkeit. Er bräuchte Schutzzonen oder eine heile Seele. Selbst vom übergrossen Vorhandensein von Materie fühlt er sich bedroht: „In jeder noch so kleinen Ecke ragt die Lava der Materie aus dem Boden, erstarrte an der leeren Luft in der Form von Häusern mit Fenstern, von Bäumen mit Zweigen, die sich ständig aufrichteten, um die Leere aufzuspiessen, in der Form von Blumen, die weich und bunt kleine gewundene Stellen im Raum ausfüllten, von Kirchen, die mit ihren Kuppeln immer höher hinauf wuchsen, bis zum Kreuz auf der Spitze, wo die Materie ihr Zerfliessen in die Höhe angehalten hatte, unfähig, noch höher zu steigen.
Überall hatte sie die Luft verheert, war in sie eingebrochen, hatte sie mit den eingekapselten Abszessen der Steine angefüllt, mit verletzten Baumhöhlen…“ (Edition Plasma, S. 90)
Auffällig ist das Licht, in das Blecher manche Szenen taucht, sind die Bilder, die er findet oder denen er ausgesetzt ist, etwa wenn das Kino brennt oder ein Mann seinen Zigarettenrauch durch ein Loch im Hals ausbläst. (Vgl. ebd. S. 44 ff., S. 55)
Blecher schreibt eine Parabel der Verletzlichkeit, schreibt von einer zutiefst fremden, ebenso verschlossenen wie zudringlichen Welt, in der die Schutzzonen fehlen.
Hier wird nicht herumerzählt, hier wird keine versöhnliche Sosse über etwas gegossen; dieses Buch ist Essenz.
Die Essenz angesichts der Zumutung und Unverschämtheit der Existenz des Todes in der Welt.
Von ungefähr kommt das nicht.
Max Blecher, 1909 in Botosani geboren, einer Provinzstadt in Nordostrumänien, ist 29 Jahre alt geworden.
Es ist schwer, angesichts dessen nicht an Psychologie zu denken. Dennoch, man sollte das nicht überbetonen und sich auch vor kurzschlüssigen biographischen Deutungen hüten. Das könnte bedeuten, ihn leichtfertiger abzutun als er und sein Buch es verdient haben. Mit 19 erkrankte er an Knochentuberkulose und verbrachte sein Leben in der Folge in Sanatorien. Im Jahr 1936 erschien der kleine Roman erstmals. Trotzdem steht seine Botschaft und die Art wie sie gesagt wird, steht poetisch und ästhetisch und erreicht auch dienjenigen, die nicht auf den Tod krank sind. Am 31. Mai 1938 starb Max Blecher. Sicher, er schrieb als Beschädigter. Nur: für wen gälte das nicht? Sein Buch steht für eine sensitive, traumnahe Weise die Welt wahrzunehmen, aber diese wirkt nicht auf ausgestellte Art morbide, sondern schlicht existentiell. Es sind die Ungeschickten in der Literatur, die zu Trägern der besonderen Sicht werden. Sie tragen ein Mal, das Malum und Ausgezeichnetes in einem ist. Es ist ihnen etwas genommen und dadurch auch gegeben. Blecher hat ein düsteres Buch geschrieben, das dennoch leuchtet und eine eigentümliche, dunkle Kraft und, ja, auch Schönheit hat. Ebenso spannend wie obsolet die Frage, wie er in höherem Alter, gar als alter Mann geschrieben hätte. Vielleicht verbietet sie sich auch angesichts dieses Lebens, das er hatte; vielleicht hätte er als junger Mann anders geschrieben, wenn er nicht den Tod bereits so präsent in sich gehabt und vor sich gesehen hätte. Aber das ändert nur graduell, nicht prinzipiell: auf diesem Planeten wird nun mal gestorben, früher oder später.
Max Blechers Buch ist zu Unrecht so unbekannt, wie auch er selbst zu Unrecht erfolglos geblieben ist, im Grunde bis heute. Nach dem ersten Erscheinen wurde das Buch erst 1970 neu aufgelegt, 1972 in französischer Sprache und es erschien 1990 auf deutsch. Ohne rechten Erfolg, es ist ein Geheimtipp geblieben. Leider und zu Unrecht. Ob die neue deutsche Ausgabe daran etwas wird ändern können, darf bezweifelt werden. Ob es an der Verspätung liegt, an der Herkunft des Autors, an seinem frühen Tod, seinem schmalen Werk, an seiner Weltsicht oder einer Kombination aus verschiedenen Aspekten? Die literarische Qualität jedenfalls kann nicht die Ursache sein. Blecher kann zur Avantgarde seiner Zeit gezählt werden, Vergleiche hinken immer, trotzdem ein paar Namen, die mit ihm in Zusammenhang mit seiner exzessiven, fiebrigen Prosa bereits genannt wurden: das reicht von Gottfried Benn, Paul Valéry, Henry Michaux über Géza Csath und Bruno Schulz bis Robert Walser und Franz Kafka. Zweifellos eine illustre Gesellschaft, die sich sehen lassen kann und die zumindest deutlich werden lässt, welchen literarischen Stellenwert man Blecher, der auch in diesem erlauchten Chor eine ganz eigene Stimme behauptet, zumisst.
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