Matt Seaton “Der Ausreisser. Meine Rennradjahre“

Juni 29th, 2005

Matt Seaton: “Der Ausreisser. Meine Rennradjahre“, im Original 2002 erschienen, die deutsche Übersetzung von Karen Lauer in München 2003, 221 Seiten, 17,90 Euro

fahrradHier geht es ums Radfahren, ums sportliche Radfahren, entsprechend dazu ist das Buch in sieben „Etappen“ sehr unterschiedlicher Länge untergliedert. Es ist nicht nur vom Radfahren die Rede, sondern auch von den Weiterungen des Lebens, also wie die Obsession, auf dem Rad zu sitzen und durch die Landschaft zu zischen – oder ist es die, den eigenen Körper in eine gute Form zu bringen – oder die, mit anderen mithalten, sie am Ende vielleicht besiegen zu können… ? – wie also die Obsession ´Rennrad´ mit dem ganz normalen Leben kollidiert; vielleicht auch in Kompromisse zu zwingen ist, mehr oder weniger faule. So wird also auch von schlechtem Gewissen erzählt, von Ehe, von Kindern, vom Älterwerden. Das Radfahren – ist es nur eine Metapher für die Absurdität menschlichen Tuns überhaupt? Im Hintergrund schwebt immer auch die Frage des Dürfens: Darf er seine Frau, seine Kinder alleinlassen um mit dem Rad zu fahren? Sind seine Stunden auf dem Rad kleine Fluchten, der Titel legt das nahe? Oder ist es näher an der Sache, das genau umzudrehen: wollte er immer nur zurückkommen? Ist das von zu spitzfindiger Dialektik, ist alles viel einfacher? Was treibt sie an, die Rennradler?

Man stellt sich beim Lesen die Frage an wen sich das Buch wohl wenden mag. Grosse Literatur ist es nicht, das dürfte auch kaum der Anspruch sein. Es gibt einige Druckfehler (z.B. S. 19, S. 52, S. 61, S. 109, S. 130, S. 180; in einem Satz kommt drei Mal das Wort „anständig“ vor: S. 193, auf S. 29 fehlt ein Wort…), teils wirken die Sprünge im Erzählten etwas assoziativ, man hat den Eindruck, dass die Übersetzung nicht immer die gelungenste ist – es heisst nicht „den Ritzel“ (S. 52), sondern „das Ritzel“.

Dennoch ist das Buch nicht ohne Reiz. Ein Teil des Reizes dürfte in seiner Perspektive ´von unten´ liegen. In der Optik aufs Renngeschehen, die abseits von Begnadeten und Herrschern von Pelotons liegt: irgendwo in den Niederungen der Normalsterblichen, die sich aber wohl sehr ähnlich anstrengen und quälen wie die Stars, die aber ohne deren Erfolg, deren Geld, deren Medienrummel auskommen müssen. Es könnten vor allem engagierte Hobbyfahrer, einfach am Metier Interessierte oder auch Freundinnen und Gattinnen als Leser in Frage kommen, die um Verständnis für die wohl meist männlichen Radsportbesessenen bemüht sind.
Seaton berichtet aus den Niederungen des Radsports, wie er ihm in London begegnet ist, er erzählt von den ersten eigenen Rädern und ihrem Erwerb, vom Material, den rasierten Beinen, unmässigen Anstrengungen, Stürzen, Schmerzen, aber auch von kleinen Erfolgen und ihrem Wert, so bescheiden sie objektiv gesehen auch sein mögen. Er lässt auch nicht das andauernde schlechte Gewissen aus, das er wegen seiner langen Trainingszeiten hat.

Ein Schlüsselmoment in seiner Geschichte sind die Wege und Umwege von seiner Frau und ihm zu einem Kind: muss er das Radfahren opfern? Hat das etwas mit Erwachsenwerden zu tun? Oder sind das nur Scheinalternativen? Man merkt, hier geht es anders zu als bei Profis.
Jedenfalls beinhaltet das Buch, nicht nur anhand des Radfahrens, sondern auch durch den frühen Krebstod seiner Frau, eine education sentimentale. Leute denen Radfahren mehr ist als Fortbewegung, vielleicht auch mehr als Sport, mögen, auch wenn das Schicksal weniger hart zugeschlagen hat, Parallelen zu eigenem Erlebtem entdecken. Seaton benutzt den Begriff „Heimat“ (S. 47), bezogen auf den Radsport, und meint damit wohl auch eine Lebenshaltung.
Man erfährt etwas über die Gefühls- und Gedankengänge eines Radenthusiasten, darüber was ihn bestimmt und bewegt, aber auch über die Zweifel die damit einhergehen.
Seine Geschichte ist, das kann kaum anders sein, melancholisch. Es ist die Geschichte von Verlusten, Ablösungen, kleinen Behauptungen, des Alterns. Sie ist gut beobachtet, wirkt aufrichtig und selbstkritisch. Psychologisch wird er nicht.

Notgedrungen vielleicht, trennt er Radfahren und Leben sehr deutlich (S. 176), Fremdheiten bleiben; ernsthaftes Radfahren und Familie scheinen unvereinbar.
Natürlich kommen auch grosse Namen vor, von Fausto Coppi bis Miguel Indurain. Ebenso das Bewusstwerden der eigenen Verantwortung den Kindern gegenüber, das Bewusstwerden der Risiken des Radfahrens. Hat er sich für ein abstraktes Fitnessideal gequält, den Körper als Maschine angesehen (vgl. S. 211) oder war da doch noch mehr und anderes?
Lag die emotionale Bedeutung des extremen Radfahrenwollens, auch und gerade ohne grossen äusseren, vorweisbaren Erfolg in einer inneren Notwendigkeit, etwa zur Flucht? Das Radfahren als andere, bessere, ehrlichere Welt, mit seiner Verbindung von Kooperation und Konkurrenz und seinem ritterlichen Ehrenkodex? Ist das Radfahren etwas für Monomanen (S. 215) oder treibt es den ´Dämon´ aus, führt zu einer Stimmungsaufhellung? (S. 201)

Wie auch immer, es ist ein Stück sehr gegenwärtigen, schönen Lebens – ob auf dem Rennrad, dem Bahnrad, dem Crossbike oder dem Mountain Bike, alles Varianten, die Seaton im Lauf der Zeit und des Buches erfährt. Zudem man nicht nur Rennen fahren muss, sondern auch zum Genuss Radfahren kann, was er schliesslich auch entdeckt, auf dem Mountain Bike, zum Beispiel, das er „Mein Methadonprogramm“ nennt. (S. 215)
Sind es also keine Masochisten, die sich in ihrer Freizeit diesem Sport auf einem Niveau widmen, von dem sie wissen, dass es sie nie zu Weltmeister- oder Tour de France-Ehren führen wird? Hat Radfahren für sie einfach etwas mit Glück zu tun? Dem Gefühl, das man, vielleicht zuerst als Kind, hatte, fast schwerelos, fast fliegend, das Sirren der Reifen auf dem Asphalt, den Fahrtwind auf der Haut zu spüren und dahinzugleiten, sich zu bewegen, zu atmen?
Fährt er vielleicht nicht nur immer wieder weg um zu fliehen, sondern, den Spiess umdrehend, um immer wieder zurückzukehren? Oder sind das unzulässige, ja auch ganz unnötige Überhöhungen, zu denen man neigen und ein Bedürfnis haben mag, um etwas Obsessives zu erklären, wegzuerklären vielleicht?

Eigentümlich kurz, fast trocken berichtet er vom Tod seiner Frau, auch distanziert von der Geburt seiner Kinder, von Männerfreundschaften, die auf dem und durch das Rad funktionieren, von Männern, die sich fast die Hoden wegfahren, von den typischen Jungen, die man in Fahrradläden findet, von den Fortschritten der Technik. Vieles wird angesprochen, nicht alles ausgeführt.
Ein Buch mit Detail- und Schönheitsfehlern, das dennoch jemandem, der sich fürs Radfahren interessiert oder vom Bike-Bazillus befallen ist, und vorzugsweise, wie Seaton selbst, in den Sechzigern geboren ist, eine anregende Lektüre sein kann.
Am Wochenende beginnt die Tour, eine Stelle im Buch erinnert an einen ihrer Protagonisten:
„Außerdem war er einmal Triathlet gewesen. Das erklärte seinen unermüdlichen Willen zu trainieren. Triathlon zieht meist obsessive bis zwanghafte Typen an, denen es nicht reicht, in einer Disziplin topfit zu sein. Es sind Konditionsfetischisten mit einer anormalen Fähigkeit, nicht nur die zermürbenden Schmerzen extremen Ausdauertrainings zu ertragen, sondern auch die tödliche Langeweile, die damit verbunden ist.“ (S. 127)
Wie man weiss, war Armstrong vom Triathlon zum Rennradfahren gekommen.
Doch so negativ sollte der Ton zum Schluss nicht sein, darum seien noch die Mottos der 5. und der 1. Etappe mitgeteilt:

„Die Ehe ist eine wunderbare Erfindung –
Fahrradflickzeug allerdings auch.
Billy Connolly“

„Schaff dir ein Fahrrad an.
Wenn du es überlebst,
wirst du es nicht bereuen.
Mark Twain“

Dann muss man es nur noch mit Fausto Coppis Wahlspruch halten:

„Radfahren, radfahren, radfahren.“ (Vgl. S. 48)

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