Bert Wagendorp „Der Prolog. Radsport-Roman“
Juli 3rd, 2005Bert Wagendorp: „Der Prolog. Radsport-Roman“, das Original erschien 1995 in Amsterdam, die deutsche Ausgabe 2003 in Kiel, 126 Seiten, 12 Euro
Als rabenschwarze Litanei kommt dieses Buch daher. Ein Roman kann nahezu alles und nichts sein, man kann das Buch so nennen, trotzdem: besonders passend erscheint dieser Untertitel nicht. Es handelt sich weitgehend um das Gedankenprotokoll eines fiktiven Fahrers in der Nacht vor dem Prolog der Tour de France, untermischt durch Dialoge mit seinem Zimmerkollegen, der immer wieder, ein wenig zu oft, aufwacht und einschläft. Im Grunde wird eine einzige These in allen möglichen Varianten durchbuchstabiert: alle dopen, alle betrügen und wer etwas anderes erwartet ist ein naives Weichei. Dargeboten wird das häufig in derber Gossensprache. Etwaige Faszination oder Spass am Radsport werden gründlich ad absurdum geführt. Ein negatives Buch, dessen Ineinanderschneiden von Fiktion und wirklichen, bekannten Namen – Roche und Schepers, Chiapucci, Merckx und Anquetil, um nur einige zu nennen – nicht recht überzeugt, die Sphären bleiben getrennt, es stellt sich kein Amalgam her. Zudem ein Buch, das sprachliche Mängel aufweist. Neben einigen Druckfehlern, dem pennälerhaften Verwechslern von „das“ und „dass“ (etwa Seite 106), scheint auch der Gebrauch des Konjunktivs und der Zeitenfolge nicht recht beherrscht, einige Kommas wirken deplaziert. Wenn dann wiederholt in Bezug auf Rennräder von „Lenkrädern“ die Rede ist (S. 24, S. 112), die diese haben sollen, versteht man die Welt nicht mehr. Ist das ein Übersetzungsfehler? Hat jemand das Buch übersetzt, der nicht wusste, dass ein Rennrad einen Lenker hat, kein Lenkrad, wie ein Auto? Und schreibt man „beim Alpe d´Huez“? (S. 78) Und atmet der Zimmergenosse des Protagonisten in der Tat „sechs Liter Sauerstoff“ beim Schlaf in die Lungen? (S. 5) Selbst wenn man ein Lungenvolumen von sechs Litern hat, im Schlaf atmet man viel flacher, vielleicht bewegt man ein Drittel der Luft, jedenfalls aber keinen reinen Sauerstoff.
Bleibt noch die, schon halb unliterarische Frage, ob hier ´Wahrheit´ verkündet wird, ob man hier einen Blick hinter die Kulissen des Radrennsports werfen kann, der sonst, weil man die Sponsoren und das Publikum verprellen würde, nicht zu haben ist, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Darüber mag der Leser selbst entscheiden, aber selbst Körnchen oder Körner von Wahrheit würden aus diesem Buch kein besonders Gutes machen. Zudem gibt es andere Quellen. Es geht ja auch nicht um Journalismus, das Buch nennt sich einen Roman. Nicht gänzlich ohne Unterhaltungswert, aber doch ärgerlich durch die mangelnde Sorgfalt, die Ungenauigkeiten und letztlich dünn, äusserlich wie innerlich. Man kann es an einem halben Nachmittag lesen, hängen bleibt allenfalls das ungute Menschenbild, das da transportiert und auch halb propagiert wird – oder soll das alles eine implizite Anklage, gar ein Appell sein? Im Grunde wiese nur das Ende der Danksagung auf S. 119 darauf hin: „Vive le cyclisme“. – Woher das nach diesem Buch noch kommen mag, bleibt allerdings ein Rätsel. Gut, der Autor ist Journalist für eine niederländische Zeitung und man merkt, dass er weiss, wovon er schreibt. Trotzdem wirkt dieses Buch eher wie eine schwarzmalende Thesensammlung, eine Anregung zur Diskussion, weniger wie ein eigenständiges, ausgegorenes Produkt, gar ein Roman.
Man konnte auch vor und ohne dieses Buch wissen, dass der Radsport ein hartes Metier ist. Es ist nichts Neues, zu schreiben, dass von Beginn an Doping eine Rolle spielte, bereits vor 90 und 100 Jahren. Wenn auch mit anderen Mitteln als es heute der Fall sein mag. Es mag auch sein, dass Rennen abgesprochen und verkauft worden sind. Ob die Verhältnisse allerdings so zynisch sind, wie Wagendorp es darstellt, ist dennoch schwer vorstellbar. Doch selbst wenn, was wäre durch diese Art der Darstellung mit ihren Extremen und ihrer Grellheit gewonnen? Ob man Darwin bemühen muss? (S. 36) Alles nur Betrug und abgekartete Sache? Keine Freunde, nur Vorteilssucher? Das ´Heldentum´ der ´Helden der Landstrasse´ nur romantische Illusion und verlogene Fassade? Das Peloton ein Haifischbecken, in dem der Erfolg um jeden, wirklich jeden, Preis gesucht wird? Lügen, Täuschen, Kaufen – kein Problem: nur normal. „Träumer gewinnen nicht. (S. 109) Das lernt man bereits beizeiten: „Elf Jahre und schon so link, das wird mal ein Großer. Und wenn du mit dem Gejammer weitermachst, wird nie was aus dir. Beim nächsten Mal machst du auch ein kaputtes Gesicht; ehrliche Fahrer, das werden Freizeitradler.“ (S. 60) Die eigene Gesundheit? „Und Anquetil, den ereilte der Tod, als er 52 war. Er wohnte in einer grossen Villa und hatte ein Auto mit einem Chaffeur, der weiße Handschuhe trug.“ (S. 103) Anquetil, von dem man, wie von vielen anderen weiss, dass er sich dopte, er starb an Magenkrebs, wäre anderenfalls, so geht die Überlegung weiter, „wahrscheinlich 72 geworden, in einem Reihenhaus in einer Provinzstadt mit einem klapprigen Citroen vor der Tür, vergessen von allen.“ (S. 103) Dem schliesst sich an: „Vielleicht hängen wir zu sehr an einem langen Leben. Eine große Tat, die dich aus Milliarden von Menschen hervorhebt, da musst du schon Opfer bringen. Wir denken zu eng und haben Angst vor dem Tod. Aber ist ein Mensch, der achtzig Jahre herumgeochst hat, nicht viel mehr tot als ein Radrennfahrer, der an seinem 50. Geburtstag als legendärer Toursieger stirbt?“ (S. 107)
Nun, wer mag, kann diese Rechnung aufmachen. In der neuesten Ausgabe der „Zeit“ (Nr. 27 vom 30.06.2005, S. 60 findet sich ein Artikel mit dem Titel: „Romingers Qualen“ von Rico Czerwinski) findet sie Bestätigung. Einer Umfrage an einer australischen High School zufolge antworteten 70% der Interviewten auf die Frage, ob sie es in Kauf nähmen, für einen garantierten Olympiasieg mit 40 zu sterben: Ja, würden wir machen.
Es wird der Vergleich mit der Kunst oder anderen Gesellschaftsbereichen gezogen: „Man sagt, dass wir ein Vorbild für die Jugend sind und dass wir deswegen dem Doping abschwören müssen. Aber sind Dichter und Maler denn keine Vorbilder? Oder ein Minister? Und saufen die nicht auch manchmal? Hängen die nicht oft genug über einer Linie Koks? (…) Aber wenn wir mal damit ankommen, dann werden wir gleich lebenslänglich gesperrt und deine ganzen Kunstwerke werden dir abgenommen und auf den Misthaufen gekippt.“ (S. 104)
Wenn man dem Buch also etwas abgewinnen will, könnte man die darin enthaltenen Fragen oder sind es bereits Diagnosen unserer Leistungsgesellschaft – Leistung um jeden Preis -, als Anlass auch zu kritischen Überlegungen nehmen. Nicht nur über den Radsport, sondern über die Gesellschaft, die ihn, in der existierenden Art und Weise, hervorbringt. Zumal die Alternative zwischen Olympiasieg und Tod eine mephistophelische ist. Allerdings ist es auch möglich, wenn nicht wahrscheinlich, dass sich bei einer Umfrage unter älteren Semestern eine andere Zahl ergeben hätte. Trotzdem. Leben wir in einem mephistophelischen System, von dem der Radsport nur ein kleines Rädchen am Rande ist? Alles Mafia (vgl. S. 91)?
Es bleibt ein ungutes, etwas unsauberes Gefühl am Ende.
Das Buch hat einen denunziatorischen Gestus – aber woher der Enthüllungs-Furor durch einen fiktiven Fahrer, wenn das alles so normal ist – sind wir alle, die heute dem wirklichen Prolog der Tour am Fernsehen oder vor Ort zusehen und es für etwas anderes halten als für einen abgekarteten Deal, Zurückgebliebene, einfach schlecht Informierte?
Besteht das Band zwischen uns und den Fahrern, wie Wagendorp nahelegt, darin, dass wir alle Verlierer sind? (Vgl. S. 100)
Oder klagt er nur die „schmutzige Heuchelei“ (S. 105) an, „die Entrüstung von Journalisten, die selbst keine Zeile mehr aufs Papier bekommen, ohne eine Kiste Bier neben der Schreibmaschine, die Heuchelei von Veranstaltern, die uns Tage hintereinander in glühender Hitze über Berge schicken, die dich schon verrückt machen, wenn du noch am Fuß davor stehst.“ (S. 105 f.)
Ist das Publikum schuld? „Das Publikum versteht es schon, die Leute, die täglich in irgend einer schmuddeligen Fabrik am Band stehen, die wissen, dass man manchmal davon kaputtgeht. Die wollen ganz normal, dass wir gewinnen, und es interessiert sie nicht die Bohne, wenn wir das mit Doping machen.“ (S. 106)
Es wären Rennen, es wäre Sport und Wettbewerb denkbar, bei denen keiner betrügt – wären sie weniger spannend? Nein, nur die Durchschnittsgeschwindigkeit wäre geringer, doch wen würde das interessieren? Wenn der Druck zu gewinnen, der investierte Einsatz, das zu verdienende Geld zu gross werden, wird die Versuchung zu gross, es mit Manipulation zu versuchen. Versucht es einer, rechtfertigt das den nächsten und dann heisst es: es machen doch alle und das wird dann für eine ausreichende Entschuldigung oder Rechtfertigung gehalten.
Also alles nur Heuchelei? Von den Journalisten über die Ärzte, die Teammanager, die in Kauf nehmen, dass ihre Schützlinge an Epo sterben, bis zu den Fahrern selbst, alle bekommen ihr Fett ab, es wird gesagt, dass sie und ihren Sport nur die Omertá am Leben erhält. Was ja auch nicht ganz stimmt, Thévenet, das schreibt der Autor selbst (S. 54), redete anschliessend, auch Anquetil machte keinen grossen Hehl daraus, dass er nicht nur mit Wasser fuhr, viele andere Fälle sind bekannt.
Eine Anfrage bei google ergab 500 Treffer für ´Bert Wagendorp „Der Prolog“´, eine Stichprobe zeigte, dass die Kommentare zu dem Buch, meist dürftig und kurz, offenbar alle eine Quelle haben, so gleichen sie sich – weshalb darin von einem „respektvollen Denkmal“ für den Radsport die Rede sein kann, wäre erklärungsbedürftig.
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