Peter Winnen „Post aus Alpe D´Huez”

Juli 15th, 2005

Peter Winnen: „Post aus Alpe D´Huez. Eine Radsportkarriere in Briefen“, aus dem Niederländischen von Christoph Bönig, die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel „Van Santander naar Santander. Brieven uit het peloton“ in Amsterdam, die deutsche Ausgabe 2005, 303 Seiten, broschiert, 14,80 Euro.

alte tourWer tourbegleitend auch noch etwas über das schnelle Radfahren lesen möchte, der ist bei Peter Winnen richtig: er konnte nicht nur Radfahren – er gewann zwei Mal Alpe D´Huez -, was für den Leser wichtiger ist: er kann auch schreiben. Und zwar äusserst spannend. Wer in Gefahr ist, sich vom Untertitel „Eine Radsportkarriere in Briefen“ abschrecken zu lassen, sollte das ganz schnell vergessen. Ja, es sind Briefe, aber nein, es stört überhaupt nicht, es fällt einem nach ein paar Seiten gar nicht mehr auf. Winnen kann erzählen, und er tut es auf eine Weise, die durchaus literarische Qualitäten hat. In diesen Briefen liefert er ein Stück Sportler-Autobiographie, die sich liest wie ein Roman.

Er beschreibt seinen Weg vom Arbeitslosen in die Armee und zum Radprofi. Und er macht es deutlich, was es heisst, was es für ihn hiess, Radprofi zu sein. Mit den Höhen und den Tiefen, mit der unmenschlichen Anstrengung, der bleiernen Müdigkeit, aber auch dem Empfang in der Heimatstadt nach dem Erfolg. Er verschweigt jedoch auch nicht den Preis des Erfolgs: wenig private Stetigkeit, das Untergraben der Gesundheit (vgl. S. 149) und natürlich: Doping ist auch in diesem Buch ein Thema, leider und zum Glück. Leider weil es unendlich schade ist, dass es, übrigens von Beginn der ersten Tour de France im Jahr 1903 an, ein Thema ist, zum Glück, weil dieses Buch ehrlich wirkt und es ohne dieses leidige Thema zu streifen, etwas fehlen würde. Es mag Geschmacks- und Ansichtssache sein, wie man sich zum Themenbereich Doping stellt, dieses Buch darauf zu reduzieren und die kritischen Stellen oder die, an denen vielleicht doch noch etwas verschwiegen und geschummelt wird, herauszusuchen, scheint indes nicht sinnvoll, das kann tun wer will. Ohnehin wird die Fragwürdigkeit der Feststellung dessen, was sinnvoll als Doping zu gelten hat und was nicht, aufgeworfen.

Wichtiger erscheint, dass hier ein wirklich gut geschriebenes Buch über den Radsport vorliegt, das einem in bildhafter Anschaulichkeit eine Innensicht, einen Blick in die Erlebniswelt liefert, die man sonst nicht bekommt. Alte Bekannte begegnen fortwährend: Rudy Pevenage ist zusammen mit Winnen gefahren (es gibt auch ein Bild von beiden, Pevenage noch rank und schlank (S. 91)) und Walter Godefroot war der Leiter des Teams Capri Sonne, für das Winnen zeitweise fuhr. Aber auch Olaf Ludwig kommt vor, mit der Übersetzung 56/ 12, die er flott bewältigt hat und immer wieder der fünffache Tour-Sieger Hinault, über den nicht nur Freundliches zu lesen ist (auf S. 134 f. etwa ist ein nettes Kurz-Porträt). Thurau, van Impe, LeMond und andere kommen vor.

Dieses Buch ist keines von denen, die den Radsport in seiner extremen Form anklagen oder verurteilen. Aber es macht durchaus nachdenklich. Deutlicher als nur vor dem Fernseher wird einem nach der Lektüre, dass die Fahrer in Grenzbereiche dessen eindringen, was ein Mensch überhaupt leisten und aushalten kann. „Eine reife Seele würde wohl zumindest zögern, bevor sie sich selbst zum Beispiel in der Königsetappe der Tour de France so abrackert, dass es ihr schwarz vor Augen wird, die Leber sich irgendwo zwischen den Schulterblättern befindet und die Nieren hinter den Augen liegen.“ (S. 164)

Grenzbereich, das heisst in Winnens Fall, dass sich bei äusserster Anstrengung das rechte Auge so nach aussen verdreht, dass nur noch das Weisse zu sehen ist. Das heisst auch, dass es ohne Zusatzstoffe, Infusionen, Höhentraining und Enthaltsamkeit sowie die Künste und Geschichten des Masseurs, die ihn zum Lachen bringen, ablenken und entspannen, nicht geht.
Er erzählt, wie er von einem gestürzten Fahrer, der über die Strasse schliddert, überholt wird (S. 164), nennt das bekannt nervöse Tour-Peloton einen „Eimer voll Aale“ (S. 169) und berichtet darüber wie Gregor Braun selbst mit angebrochenen Knochen noch weiterfahren wollte (S. 177). Über die Etappe an einem 15.07. von Fleurance nach Pau, die über 234,5 km führte, schreibt er: „Radrennen in den Bergen sind eigentlich rührend simpel. Ein riesiges, unsichtbares Hackmesser saust einige Male nieder und schon ist die Gruppe wie ein Thunfisch zerstückelt.“ (S. 185)

Aus erster Hand ist zu lesen, wie man mit einem Ruhetag umgehen kann, wie der Besuch eines unzufriedenen Sponsors aussieht, dass er immer wieder stunden- und tagelang seine Sattelhöhe einstellen muss um die passende Position zu finden bei einem neuen Rad (vgl. etwa S. 103), und dass in Barcelona und Umgebung die Gefahr besteht, über Hundekadaver zu stürzen (S. 95). Man erfährt etwas über die Gefühle beim Ende der Tour de France (S. 209), die ja bildlich auch schön in dem Film „Höllentour“ in Szene gesetzt sind, wenn etwa Rolf Aldag auf dem Lenker seines am Boden liegenden Renners sitzt oder Erik Zabel ein bißchen ratlos, halb verwundert, halb melancholisch an seinem lehnt, um dann wegzufahren wie der poor lonesome Cowboy.
Den anfänglich wiederholten Bemerkungen, dass der Radsport genau des Richtige für ihn sei, folgen Feststellungen wie: „was habe ich für einen Scheißberuf“ (S. 193). Wie ist es „high vor Erschöpfung“ durch „Asphaltmatsch“, der sich durch die Hitze gebildet hat, zu fahren? (S. 199 und S. 196) Natürlich fragt man sich als Beteiligter an bestimmten Punkten, warum man so etwas tut, Zweifel kommen auf. Winnen macht deutlich wie hauchdünn das Aufgeben-Wollen und der Sieg beieinander liegen können (S. 200 f.). Er sagt es deutlich: „Nicht selten hatte ich Verlangen nach dem Gnadenschuss.“ (S. 254) Das führt auch zu dem so kurzen wie deutlichen Zwischenresümee: „Eigentlich ist alles Irrsinn.“ (S. 266) Zu Beginn des Briefe heisst es noch, dass das Radrennfahren DER Sport für ihn ist, dass es genau das Richtige für ihn ist. Am Ende heisst es einmal anlässlich von Frust und unerträglicher Hitze im Zentralmassiv: „Radrennen war die humorloseste Beschäftigung, die es gab“ (S. 252). Dazu nervende und entwürdigende Dopingkontrollen, auch mit gebrochenem Schlüsselbein.

Das Buch strotzt vor Insider-Informationen. Sicher, man fragt sich manchmal, was sich verändert hat im Radsport in den vergangenen zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Aber es ist nicht nur etwas für ältere Semester oder Historiker, das Buch hat Zug, die dreihundert Seiten lesen sich im Nu und ohne Anstrengung, leicht und spannend wie ein Krimi. Das liegt daran, dass es einfach gut gemacht ist, auch wenn es, aber für Bücher dieser Art nur in geringem Maß, ein paar Schreibfehler gibt (etwa S. 74, S. 75, S. 150, S. 175, S. 196, S. 236, S. 269, S. 288, S. 297). Die wären in einer nächsten, überarbeiteten Ausgabe zu korrigieren, das Buch wäre es jedenfalls wert. Ein paar Bilder mehr, vielleicht auch in Farbe, hätte man sich ebenfalls gewünscht.
Der aberwitzig erscheinende Kampf um Sekunden ist es, die Alternativen zwischen Sieg und Niederlage, das Ganz oder gar nichts, die sowohl den Reiz als auch das Aberwitzige dieses Sports, ja des Leistungsports überhaupt, ausmachen. Winnen schildert die Banalität, auch mit Derbheit, und erzählt vom Rampenlicht, in dem man sich selbst fremd werden kann, aber auch, wenngleich mehr implizit, von der Melancholie der Vergänglichkeit solchen Leistungsvermögens.
Aber es wird noch vieles andere thematisiert oder kommt zum Tragen, von Gott als geplatztem Kartoffelbovist (S. 123) bis zu Kopf-Statistiken (S. 297) oder das Aufkommen von EPO, am Ende des Buches (S. 301 f.)

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