Philipp Köster „ Lötzsch. Der lange Weg eines Jahrhunderttalents“

Juli 21st, 2005

Philipp Köster: „ Lötzsch. Der lange Weg eines Jahrhunderttalents“, Bielefeld 2004, 253 Seiten, 19,80 Euro.

DDRMit lakonischem Pathos wird eine Heldengeschichte erzählt, ein düsteres Märchen aus der grauen DDR und ihrem menschenverachtenden Umgang mit ihren Bewohnern.
Es ist die Geschichte von Wolfgang Lötzsch, eine Bekanntgabe und eine Art ´Wiedergutmachung´ post rem (natürlich ist eine Wiedergutmachung vollkommen unmöglich – aber die Geschichte kann und sollte erzählt werden, mehr kann man jetzt kaum noch tun) und von unbeteiligter Seite.
Worum geht es?

Es war einmal in den Siebziger Jahren der DDR ein junger, staatlich geförderter Radrennfahrer, der enormes Potential hatte, viel gewann und mit dem man im Ausland auf Medaillenjagd gehen wollte. Doch dann fiel er in Ungnade, verhielt sich undiplomatisch und man entzog ihm das Vertrauen. Da war er 19 und bereits auf halbem Weg zu den Olympischen Spielen in München 1972 und zur Weltmeisterschaft. Er wird „ausdelegiert“, weil man fürchtet, dass er sich in den Westen absetzen könnte (S. 35). Die Umstände, die dazu führten sind weitgehend schlicht unglückliche. Das bedeutete den Sturz vom umsorgten Elitefahrer zum Paria. Eine Petition des Vaters an den Genossen Honecker bleibt ohne Antwort (vgl. S. 39). Der Trainer, der zu Lötzsch steht und sich für ihn verwendet, wird ebenfalls geschasst (S. 41 ff.). Noch meint Lötzsch er würde gebraucht, seine körperlichen Leistungsdaten liegen über denen des DDR-Radsport-Idols Täve Schur, er kann 600 Watt treten, doch da täuscht er sich. Jahrelange Schikanen folgen, man legt ihm alle nur erdenklichen Steine in den Weg, man überwacht ihn, setzt 50 IMs auf ihn an, verfolgt ihn mit dem Auto bei Trainingsfahrten, schliesslich geht er für 10 Monate in den Stasi-Knast, in eine 8 Quadratmeter grosse Zelle – man will ihn körperlich zugrunderichten, damit er „aus gesundheitlichen Gründen“ vom Leistungssport entfernt werden kann. Er macht täglich 3000 Kniebeugen und hunderte Liegestützen. Vor und nach dem Gefängnisaufenthalt düpiert er die Konkurrenz der Elitefahrer ein ums andere Mal empfindlich. Das gefällt den Machthabern wenig. Mehrfach werden wegen ihm die Regeln geändert, um ihn von Rennen auszuschliessen und weitere Blamagen zu vermeiden. Das geht so weit, dass er an der Startlinie von vier Volkspolizisten umringt wird, die ihm das Rad festhalten.

Ein Vernehmungsleiter sagt ihm: „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir Sie rüberlassen, damit sie uns die Medaillen wegschnappen! Und selbst wenn wir Sie ausreisen lassen, bei Ihrem ersten Rennen stürzen Sie sowieso. Wir hatten einen Guillaume drüben – da werden wir doch wohl mit einem Lötzsch fertig werden.“ (S. 103) Diese und weitere Maßnahmen erreichen schliesslich genau das, was sie eigentlich verhindern wollten: nun will er wirklich ausreisen. Selbstverständlich werden seine Anträge abgelehnt. Die Wohnung seiner Freundin und seiner Eltern werden bis ins Schlafzimmer verwanzt. Am Ende wird er 1500 Seiten Stasiunterlagen über sich in der Gauck-Behörde einsehen können.

Die Perfidie des Stasi-Systems ist ohne Worte. Eigentlich weiss man es, aber wenn man es an einem konkreten Fall noch einmal in aller Deutlichkeit gezeigt bekommt, kann man es erneut nur schwer fassen. Der Leiter der Bezirksverwaltung Gehlert schrieb am Ende von Lötzschs Haft an Erich Mielke: „Ich schlage vor, durch Sportmediziner die derzeitige und durch Verbüßung der Strafe zu erwartende sportliche Kondition des Lötzsch überprüfen zu lassen. Über die Ausweisung aus der DDR sollte dann entschieden werden, wenn die Sportmediziner bekunden, dass es Lötzsch nicht wieder zu sportlichen Höchstleistungen bringen wird.“ (S. 114) Man begegnet ihm mit totaler Ausgrenzung. Als er ein Rennen gewinnt, darf keiner neben ihm aufs Podium. Einer der Unterlegenen, ein Nationalfahrer, gibt ihm trotzdem die Hand und gratuliert ihm – er wird aus dem Nationalkader ausgeschlossen und fährt nie wieder eine Rennen für die DDR (vgl. S. 68).

Die Parole, die ausgegeben wird, ist: geschlossen gegen Lötzsch. Als ihm bei einem Rennen das Vorderrad bricht und er stürzt und schwer verletzt ohne Bewusstsein liegenbleibt, ignoriert man ihn. Alle fahren vorbei, nicht nur die Fahrer, auch die Begleitfahrzeuge, ja selbst die Rennsanitäter(vgl. S. 59). Nachdem er vom Mechaniker Bernd Fischer aufgelesen wurde, liegt er drei Tage im Koma.

Interessant ist die Perfidie, die die Selbsteinschätzung des Stasi deutlich werden lässt: Man will Lötzsch dadurch fertigmachen, dass man gezielt das Gerücht streut, er würde mit ihnen zusammenarbeiten (vgl. S. 125). Ausgerechnet er, der nicht in die SED eingetreten war, dem man die Karriere vernichtet und den man aus dem Studium entfernt hatte, um ihn subalterne Tätigkeiten in einer Gärtnerei machen zu lassen (vgl. S. 119), damit er keine Zeit mehr zum Trainieren haben sollte! Das ganze Instrumentarium des paranoiden Stasi-Überwachungs-Systems wird an Wolfgang Lötzsch zum Einsatz gebracht. Bis hin zur „Operation Ulrike“: Er soll von seiner Lebensgefährtin durch eine Frau, die vom Stasi auf ihn angesetzt wird, getrennt werden (vgl. S. 115).

Wolfgang Lötzsch konnte den Fall der Mauer erleben. – Ein Glück? Oder nicht? Ironie der Geschichte? Oder einfach das ganz normale Leben? Nur fragt man sich wie viele ähnliche Fälle es womöglich gab. Wieviele Schicksale auf diese unsägliche Art durch den Unrechtsstaat, dem eine abstruse Form der Staatsräson über alles ging, zerstört wurden. Bezeichnend, wer hätte es anders erwartet: Die beteiligten IMs sind sich keiner Schuld bewusst, nicht einer hat sich entschuldigt oder erklärt (vgl. S. 156). Den grösseren Teil kennt Lötzsch seit Öffnung der Stasi-Akten mit richtigem Namen.

Auch Wolfram Lindner, der in Radsportkreisen bekannt ist, ehemaliger Nationaltrainer der DDR-Strassenfahrer und Buchautor, hat sich, so stellt es das Buch dar, im Fall Lötzsch nicht mit Ruhm bekleckert. Er hat maßgeblich mitgeholfen, Lötzsch Steine in den Weg zu legen wo es irgend ging, damit die hofierten Elitefahrer nicht von ihm ein ums andere Mal düpiert würden, weil sie trotz Unterstützung, trotz Fahrrädern aus dem Westen, trotz besserer Bananen statt Butterbroten, und obwohl sie in Mannschaften antraten, nicht gegen ihn gewinnen konnten.
Irgendwann, es gibt viele Aufs und Abs, mal darf er doch wieder an kleinen Rennen teilnehmen, vorzugsweise auf Volkssport-Niveau, mal wird ihm die Rennlizenz wieder entzogen, zieht er seinen Ausreiseantrag zurück, mit 32 tritt er dann doch in die SED ein. Die Akte „Speiche“ wird im März des Jahres 1979 von der Stasi geschlossen (vgl. S. 130).

Der Autor Philipp Köster, bekannt als Chefredakteur des erfolgreichen Fussball-Magazins „11 Freunde“, das in den letzten Monaten zunehmend von sich Reden machte, erzählt ein Stück deutsche Geschichte, nicht nur Sportgeschichte. Das Buch hat 253 Seiten, der Text-Teil geht nur bis Seite 160. Die übrigen Seiten sind mit Schwarzweiss-Fotos gefüllt, die dem Buch eine Dimension hinzufügen, die man keinesfalls missen möchte, denn sie sind mehr als Bebilderung oder Illustration. Die ganze merkwürdige muffig-dumpfe Atmosphäre der Zeit dringt einem aus ihnen auf andere Art entgegen als aus dem Text, dessen Dramaturgie hin und wieder doch ein wenig zu sehr auf den Effekt hin komponiert ist. Trotzdem, es ist ordentlich geschrieben und ist ein wichtiges Sportbuch.

Lötzsch erlebt den Fall der Mauer und er begeht ihn auf seine Art: Mit dem Rennrad fährt er über die Grenze, nach Bayern, 240 Kilometer werden es an diesem Tag (vgl. S. 152). Aber da sind seine besten Jahre als Rennfahrer wohl vorbei, er ist Jahrgang 1952. Durch die Vermittlung von Rudi Altig, zu dem auch zuvor schon freundlicher Kontakt bestand, fährt er noch drei Jahre im Westen für den RC Hannover und wird, von Tränen übermannt, Deutscher Meister (vgl. S. 154).

Heute, „Die Zeit“ hat am 7.Juli 2005 in einem Artikel von Christoph Dieckmann darauf hingewiesen, arbeitet Lötzsch als Mechaniker beim Team Gerolsteiner. Bei der Tour de France ist er allerdings nicht dabei. Im Februar erlitt er am Glücksberg bei Chemnitz einen Herzinfarkt und man meinte, ihm den Stress der Tour nicht zumuten zu können. Er selbst sagt: „Ich bin doch nie zum Arzt. Ich wollte kein Weichei sein. Erkältung, da hab ich Antibiotika draufgehauen, Anorak an, aufs Rad, rausschwitzen.“ (Zit. nach „Die Zeit“ Nr. 28, 7.07.2005, S. 56)
550 Siege hat er auf seinem Konto.
Nach der Wende ist er arbeitslos.
Im Oktober 1995 verlieh ihm Roman Herzog das Bundesverdienstkreuz.
Im Dezember desselben Jahres wurde seine ABM-Stelle nicht verlängert.

Gut, dass das Buch erschienen ist, gut dieser Lebensgeschichte Öffentlichkeit verschafft zu haben, trotzdem bleibt auch ein etwas flaues Gefühl nach der Lektüre. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass es sich um ein Heldenepos handelt. Man vermutet, dass es als solches zu rein ist. Zumal es sich wohl auch mehr um einen unfreiwilligen Helden handelt. Man kann ihn wohl kaum zurecht zu einem Widerstandskämpfer stilisieren. Eher war er ein Opfer unglücklicher Umstände in einem Staat unter Paranoia, darin ein aufrechter, politisch vielleicht naiver, nur an seinem Sport interessierter Mensch, der auch einmal redete wie ihm der Schnabel gewachsen war – mit allen Konsequenzen, die das haben konnte.

Und es fallen einem die auf den hervorhebenden, betonenden Effekt ausgerichteten Stellen auf. Ausserdem bleiben auch einige Lücken und Fragen. Wer etwa sass bei Lötzsch in der Zelle, als er inhaftiert war? Einmal wird nebenher ein Mitinsasse erwähnt, mehr nicht. Unklar bleibt auch ob und wann er sich von Freundinnen trennte, ob die ´Operation Ulrike´ in die Tat umgesetzt wurde. Vielleicht ist das Buch etwas zu straight. Sicher, man sieht gern den Underdog gegen die Etablierten siegen, gerecht gegen ungerecht, gehandicapt gegen privilegiert, aber wenn es zu helden- oder märchenhaft wird, auch wenn es die reine und lautere Wahrheit ist, kann da etwas kippen.
Trotzdem, ein absolut lesenswertes und spannendes Buch über eine anrührende deutsche Biographie.

Mit sechs Jahren hatte Wolfgang Lötzsch, wie wohl die meisten damals, auf einem viel zu grossen Erwachsenenrad, Rad fahren gelernt – und ein Glückserlebnis erfahren. Später wurde er zum verbissenen Besessenen, der sportlich nicht zu besiegen war.

2 Antworten to “Philipp Köster „ Lötzsch. Der lange Weg eines Jahrhunderttalents“”

  1. 1 Arno Meinicke
    Juni 19th, 2007 at 10:58 pm

    Sehr geehrte Damen un Herren!Guten Abend!
    Ich habe das Buch eben fertig gelesen, und bin schockiert, dass es doch so abgelaufen ist! Mann-o-Meter!
    Mir hat die Schreibweise des Buches gefallen, konnte es flüssig lesen. Wenn patout jeder Fakt aufgelistet worden wäre, hätten sie einen “Wälzer” herausgeben müssen. Das war bestimmt nicht im Sinne der Autoren und Verleger.
    Nochmals zum Inhalt: Einen kleinen Einblick in das Radsportgeschehen hatte ich auch. War immerhin als “Stippi” Radfahrer, nachher Fan und auch im Kampfrichterkreis.
    Was ich hier zu lesen bekam, ist niederschmetternd! Immerhin hatte ich auch so einige Fahrer und Trainer bewundert. Ich ziehe echt den “Hut” vor dem Herrn Lötzsch. Alle Achtung!! So viel Courage hätte ich bestmmt nicht gehabt.
    Mit freundlichem Gruß
    ARNO MEINICKE, geb. HUHN

  2. 2 Helmut
    Juni 20th, 2007 at 12:07 pm

    Sehr geehrter Herr Meinicke,

    vielen Dank für Ihren Beitrag!
    Sie waren in der damaligen DDR Radfahrer? Hatten sie den Eindruck, dass das Buch einen authentischen Eindruck zeichnet? Könnten sie vielleicht kurz erläutern, was ein “Stippi” genau war – ich denke jemand, der eine Stippvisite macht? – und was es noch für Begriffe gab?
    Mein Eindruck war, dass die beigegebenen Fotos die Aura der gewesenen DDR atmen – wie sehen sie das?
    Ich sehe es auch so: Der Fall Lötzsch ist ein interessanter, aber auch beinahe tragischer – wenn man an die Möglichkeiten denkt, die da waren – und dann als Mechaniker enden, das ist traurig.

    Schöne Grüße,

    Helmut Kaffenberger