Les Woodland „Das Velodrom der Narren. Die 50 verrücktesten Radsportgeschichten“
Juli 27th, 2005Les Woodland: „Das Velodrom der Narren. Die 50 verrücktesten Radsportgeschichten“, Bielefeld 2004, 237 Seiten, flexibler Einband,
12,80 Euro
Welcher atlantische Tiefausläufer, welches Sturmtief war es, das diesen Hagelschauer all der unzähligen Schreib-, Druck-, Formulierungs- und vielleicht Übersetzungsfehler in dieses Buch hat prasseln lassen? Unglaublich! Ein Tsunami! So viele, dass es schon beinahe witzig ist.
Beinahe, denn eigentlich ist es ein trauriger Umstand, der wohl jedes Buch herunterziehen und kaputt machen könnte. Denn vor lauter Lauern auf den nächsten Fehler – und er kommt so sicher wie das Amen in der Kirche – tritt der Inhalt des Buches in den Hintergrund. Versucht man sich dennoch auf diesen zu konzentrieren:
worum geht es?
Dieser besteht aus einer Sammlung – oder ist es nur eine Ansammlung? – von Anekdoten und Anekdötchen aus dem Radsport. Deren Komik, Witz oder auch Tragik ist von unterschiedlichem Niveau. Manches kennt man als Interessierter bereits, hat man so oder ähnlich schon einmal gehört oder gelesen. Es sind kurze, leicht zu lesende Texte, wer sich fürs Metier interessiert und sich auch vor Histörchen aus dem Historischen nicht scheut, wird ein ganz unterhaltsames, nettes Buch finden.
Leider ein unbebildertes, das schöne Umschlag-Foto aus den frühen Jahren ausgenommen.
Aber Fotos hätten das Buch mit der vorliegenden Art, den Text zu präsentieren, auch nicht retten können, sondern nur den Preis in die Höhe getrieben, so dass man sich noch mehr geärgert hätte, denn so, pardon, geht es nicht. Das haben weder der Autor noch der Leser noch der Radsport verdient.
Es gibt viele Stellen im Text, die in doppelten Anführungszeichen stehen, aber es gibt keinen einzigen Nachweis, keine Quellenangabe, auch am Ende des Buches kein Literaturverzeichnis.
Erzählt wird von illustren Figuren, speziellen Charakteren, besonders angetan haben es dem Autor krude und krasse Erzählungen wo man sich auf die Hände pinkelt, um sie zu wärmen (S. 172) oder überliefert wird wie viele Wellensittiche Platz auf dem erigierten Glied eines mit Namen genannten, ´gut bestückten´ Radfahrers haben (S. 202 f.). Ob man das wissen muss – oder will? Manches speist sich aus der Tour-de-France-Geschichte, aber auch die Erfindung des Liegerads und das Zustandekommen von Geschwindigkeitsrekorden bietet eine Quelle, Woodland geht zurück bis ins 19. Jahrhundert.
So erfährt man manches Merkwürdige, etwa von Murphys Rekordfahrt über die Meile – hinter einem Zug her, oder von Barthélemys Glasauge – sein richtiges hatte er auf einer Tour-Etappe eingebüsst, oder vom Meilenrekord pro Jahr, aufgestellt von einem offenbar mehr als schwierigen Charakter sowie von Banino, dem ältesten Tour-Teilnehmer, 51 Jahre, der am Ende, schon ausgeschieden und auf der Heimreise per Rad, noch schwer verprügelt wird, irrtümlich.
Ein Problem der Anlage des Buches ist, dass hier Geschichten versammelt sind, deren einziger Grund für ihre Aufnahme eben ein witziger, pikanter oder krasser Inhalt ist. So erzeugt man im Leser auch eine gewisse Müdigkeit, nimmt den Einzelgeschichten ihre Wirkung, indem man sie der nächsten, der Reihe und damit einem Überbietungsgestus ausliefert: es muss noch doller kommen, man muss noch eins draufsetzen – aber das lässt sich freilich nicht durchhalten, der Effekt verpufft.
Die zuweilen etwas gesucht und auf komischen Effekt hin geschriebene, aber doch etwas lahm wirkende Ironie des Autors, der sich, aber selten, auch nicht vor Pathos scheut (S. 157), gefällt nicht durchgehend. Wie er zudem im Jahr 2004 schreiben kann: „Heute leben wir in einem vereinten Europa, in dem Kriege undenkbar sind (…)“ (S. 111) wird, angesichts dessen was im ehemaligen Jugoslawien stattfand, sein Geheimnis bleiben.
Es gibt noch andere Widersprüche, Unklarheiten und logische Mängel. Bleiben wird der
Eindruck, den, aus dem Sammelsurium hervorstechend, die eine oder andere Geschichte machte und der Umstand, das mit Abstand fehlerreichste Buch seit langer Zeit in Händen gehalten zu haben. Hier kann man dem kleinen, durchaus liebenswerten und sympathischen Covadonga Verlag, der sich selbst „Verlag für Radsportliebhaber“ nennt, nur dringend ans Herz legen etwas zu unternehmen, denn auch andere seiner Bücher weisen überdurchschnittlich viele Fehler auf, auch wenn das vorliegende den Vogel abschiesst. Nur wissen Sportbuchleser oder an Radsport Interessierte auch ordentlich gemachte und geschriebene Bücher zu schätzen. Mal sieht man Scheusslichkeiten der neuen Rechtschreibung („Portmonnee“ S. 33), dann ist wieder die alte bemüht („Passtrasse“ S. 134), dann wieder ist auf einer Seite mehrfach der Name eines Radrennfahrers unterschiedlich geschrieben (S.231), mal fehlt ein ganzes Wort, mal ist eines zu viel, dann wieder gibt es Ausschweifungen in die Alltagssprache wie vergackeiern (S. 215) oder richtig auf die Nüsse gehen (S. 199), auf die man vielleicht verzichten könnte und was will uns der Satz sagen:
„So hatten die Zielrichter denn auch ziemlich den Café auf, als das Trio endlich eintrudelte.“
(S. 39) ?
Ich habe fertig.
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