Lojze Kovacic „Die Zugereisten“
Oktober 16th, 2005Lojze Kovacic: „Die Zugereisten“, Roman/ I, aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof, Klagenfurt/ Celovec 2004, 319 S., 23 Euro
„So verliessen wir Basel. (…) Und wenn du sie nach Hause gebracht hattest, waren im Korb nur klebrige Polentakrümel…“ – was steht alles zwischen diesem ersten und dem letzten Satz in diesem Buch?
Kovacic, 1928 in Basel geboren, er starb 2004, lebte seit 1938 in Slowenien, er schildert lebenssatt und bilderreich ein bewegtes, wildes Jugendleben, in dem mit dem Umzug aus der Schweiz nach Slowenien der Verlust einer Welt erzählt wird: eine Höllenfahrt findet statt. Eine Flüchtlingsgeschichte: Verlust des Zugehörigkeitsgefühls, sozialer Abstieg, Erleben von Ungerechtigkeiten und Gewalt grenzen direkt an der kindlichen Phantasie, die von Rittern, Indianern, Afrikanern, von Robin Hood und Tarzan bevölkert wird (vgl. S. 209). Schon der Titel des Buches macht Distanz und Fremdheit deutlich: „Die Zugereisten“, die, die nicht dazugehören, die Fremden eben.
Dieses Buch macht Armut hautnah und sinnlich nachvollziehbar. Recht ungefiltert scheint diese Suada dem Leser mitteilen zu wollen, wie die Zeit mit ihrem jungen Helden, am Ende des Bandes ist er etwa 13, umgesprungen ist. Das hat allerdings auch Längen, das wird ab einem bestimmten Punkt monoton, man liest schleppender, fast mühsam.
Die vielen Druckfehler auch hier, wie oft ist z.B. „die“ und „dir“ (S. 57), oder vor allem „wie“ und „wir“ verwechselt, das findet das Korrekturprogramm nicht, auch nicht die einzelnen Buchstaben, die zu viel oder zu wenig sind und die Flexion ändern, da hätte man den Text noch einmal lesen müssen – gibt es noch Lektoren und Korrektoren? , erhöhen das Lesevergnügen nicht. Einige Beispiele: „Schnurbart“ (S. 166), „ein richtiger Kaufmannn“ (S. 181), „dünn wie eine Schilfrohr“ (S. 184), „Vati schlichtete Pelze und fertige Sachen hinein“ (S. 202), „durch einem spassigen Vorfall“ (S. 224), „den Mund zeriß“ (S. 247). Aber auch Sätze wie dieser: „(…) und irgendwo hoch droben war, als würde es sich irgendwo am Gipfel (…)“ machen den Leser nicht glücklich. (S. 270)
Auch ist der Autor zu Beginn des Buches sehr um gesuchte Sprachbilder, Metaphern und originelle Vergleiche bemüht, die nicht immer überzeugen. Es gibt gute und sinnfällige, aber auch andere und auch einiges Ungehobelte. „Draussen war noch Grün, und ab und zu wollte ein Baum in den Gang hineintorkeln, was er natürlich nicht konnte.“ (S. 12) Ja, genau, er konnte es ´natürlich´ nicht: wozu dieser Satz? „Dem dicken Tabakrauch nach, der mir Kopf und Lunge füllte (…).“ (S. 19) „Auf den Gepäckablagen standen Körbe, bedeckt mit Tüchern wie gepolstert.“ (S. 20) „Der mit dem Rucksack neben ihm sagte etwas wie ein Donner.“ (S. 21) „Er sprach mit ihm in seiner wie Gebäck flockigen Sprache“ (S. 23) „Auf den Bildern in der Vitrine waren Männer mit Haut wie Haferbrei und weiße Frauen (…)“. (S. 37) „Aber der Weg war wieder teuflisch eigensinnig“. (S. 45) „Begeistert, wie ich ging, schmatzte der aufspritzende Matsch unter meinen Füßen.“ (S. 46) „So schöne, gelbe Stücke (es handelt sich um Holzreste, H.K.), daß einem bei dem Gedanken, was man alles daraus machen könnte, hätte man Nägel und Hammer zur Hand, das Wasser im Munde zusammenlief.“ (S. 139) Und mit welcher Logik ist dieser Satz zu verstehen: „Auf dem breiten Weg konnten wir jetzt beide bequem nebeneinander gehen, ich hatte den ganzen Weg für mich.“ (S. 48)
Seine Stärke hat das Buch in der Mitteilung des Aromas der Zeit der Dreissiger und beginnenden Vierziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts und in der Schilderung eines armen Kinderlebens in dieser Zeit. Besonders eindrücklich in der Phase, als die Familie den Bruder des Vaters aufsucht, der als Landwirt in einer ärmlichen Kate haust und es erst richtig deutlich wird, wie sehr sie sozial abgerutscht sind und was das für die Würde und die Gesundheit bedeutet. Das gilt auch für das Ende des Bandes, in dem der Einmarsch der Truppen Hitlers und Mussolinis beschrieben wird. Dem allerdings vorausgeht, dass er selbst in die Hitlerjugend-Uniform gezwungen wird, von seinen Eltern, die zwar gegen Hitler sind, aber fürchten ihre Wohnung zu verlieren, wenn er es nicht tut (vgl. S. 299). Das Ende des Buches gewinnt wieder an Qualität, Brisanz und Relevanz, weil hier Funken aus den Interferenzen zwischen Weltpolitik und Privatleben geschlagen werden. Gelungen ist auch, wie die kindliche Phantasie mit der Wirklichkeit umgeht, indem sie in die härtesten Erfahrungen Ritter und Indianervorstellungen einflicht. Das kindliche Weltbild wird als eines gezeigt, das näher am traumartigen Wahrnehmen ist und dadurch zugleich näher an der Wirklichkeit und auch weiter von ihr entfernt. Die kindliche Wahrnehmung erweist sich als der surrealen durchaus verwandt.
Der Erzähler zeigt das ganze Chaos der Zeit und er schildert auch Drastisches und Krasses, allerdings stets distanziert. Es ist ein weitgehend moralfreier Erzähler, der, so scheint es zunächst, nichts beschönigt. Von frühen sexuellen Interessen und Spielen wird ebenso berichtet wie von Diebstählen und Schul-Niederlagen oder zahlreichen Kämpfen, allein oder in der Jugendbande. Aus dem so beschaffenen Erzähler ergeben sich allerdings nicht nur starke Momente, er bedeutet auch eine Einschränkung der Perspektive und des Erzählhorizonts auf das konstruierte bzw. rekonstruierte Bewusstsein eines Kindes bzw. beginnenden Jugendlichen.
Das Buch hat Qualitäten, vollkommen geglückt scheint es indes nicht, auch wenn die slowenische Kritik den Roman zum Jahrhundertroman ernannte und ihm einen Preis verlieh und auch die deutsche Kritik ihn zur grossen europäischen Literatur zählt. Reflektierende Stellen darf man, das mag dem zarten Alter des Erzählers geschuldet sein, nicht erwarten. Diese Perspektive und ihre kühle Erzählhaltung gehen allerdings auch nur begrenzt ineins.
Auffällig ist zudem, dass es schwer ist manchen Passagen zu folgen, sie verschwimmen unter dem lesen, wirken merkwürdig unklar. Hat das etwas damit zu tun, dass der Erzähler doch nicht so schonungslos ist, wie er erscheint, wohl auch erscheinen will? Zwar durch die Blume, doch aber deutlich wird darauf hingewiesen, dass die Schwester Clairi, an einer Stelle auch seine Mutter, wohl durch die erbärmlichen Lebensumstände gezwungen sind, sich zu prostituieren. Diese Ausblendungen wirken eigentümlich, auch inkonsequent. Man könnte so argumentieren, dass das dem kindlichen Erzählerbewusstsein geschuldet ist, doch weist dies auf ein Problem: dass es nämlich notwendig eine nachträgliche Konstruktion darstellt. Der kühle Erzählton, wohl kaum der eines Kindes, sondern eine nachträgliche Überformung, die bereits von der Verarbeitung des Erlittenen und Sublimierung der Verletzungen erzählt, sorgt womöglich auch für die geringe Variationsbreite dieser Erzählhaltung, die besonders im langen Mittelteil monoton Leiden ausstellt und die Tonlage nicht wechselt. So wirkt das Buch bei allem Leben im Erzählten in manchen Passagen steif und leblos durch seine Erzählhaltung. Das ist zu aufzählend, hat keinen Spannungsbogen. Es tauchen Personen auf, sie werden beschrieben, bewertet, dann kommen die nächsten an die Reihe.
Die Einförmigkeit dieses Erzählens, das wohl mehr von der Geschichte und der Drastik des Erlebten und Dargestellten lebt als von seinem literarischen Wert, stimmen nicht ausschliesslich positiv. Steckt der literarische Mehrwert vor allem in den sprachlichen Bildern, so ist das nur ein halber Vorteil, da diese eben nur partiell zu überzeugen verstehen. Was er gut kann, das sind plastische Kurzcharakterisierungen von Personen, so etwa wenn er über den Pfarrer schreibt: „Was hätte ich diesem fetten Fleischsack schon erzählen sollen, dieser roten Krokodilhaut in der schwarzen Soutane, die hinter dem dunklen Gitter (am Beichtstuhl) kaum noch röchelte!“ (S. 244) Oder über den Lehrer: „Sein riesiger, nackter weißer Kopf ragte mit seiner glänzenden Spitze bis an den schwarzen Rahmen des Thronfolgerbildes…und auf einem Bein unterm Tisch ruhte sein orthopädischer Schuh, groß und schwarz, als stünde dort ein alter Fotoapparat.“ (S. 288)
Der Eindruck der Monotonie kann in der Ausstellung des Leidens liegen, aber auch daran, dass der Erzähler die Tonlage nicht wechselt. Die geringe Variationsbreite dieser Erzählhaltung kann den Leser ermüden, auch wenn der Autor in der Lage ist, einige Figuren und Szenen so plastisch zu machen, dass sie aus dem Text heraustreten.
Dieser Kinder-Held kommt einem sehr nah, man wird sich an einige Bilder und die Lebenslage in der er sich befindet noch lange erinnern und ganz sicher die Schilderung dessen, was arm sein konkret bedeutet und wie einer der in Lumpen geht und vor Hunger Eicheln im Wald isst, die Welt sieht (vgl. S. 176 f.). Wie ist es, wenn die Weihnachtsgeschenke von einer deutschen Organisation kommen und die Eltern heimlich die Armbanduhr verkaufen oder gegen Essen tauschen, die er geschenkt bekommen hat und auf die er so stolz ist, ohne den Mut aufzubringen ihm das zu sagen? („Die Schweine“, vgl. S. 230) Es ist ein einsamer Held, der nicht nur die Umstände, sondern oft auch noch Eltern, Verwandte und Nachbarn gegen sich hat und sein Glück und seine Freiheit in der Flucht in die Natur sucht und sich entzieht und opponiert so gut er kann. Er nimmt auch einmal süsse Rache, indem er Schulden macht, indem er sich mit Süssigkeiten vollstopft, als ihm seine Uhr vorenthalten wird (vgl. S. 232). Freilich wird er dafür mit einer empfindlichen Körperstrafe bedacht. Bitter die Bemerkung: „Sie nahmen mir immer alles weg…dafür gab es kein Hindernis, das war ihr Recht.“ (Vgl. S. 240)
Er ist ein armer Hund, der sich durchschlagen muss, sei es mit Bettelei, sei es mit Lügen oder Diebstählen, und der bereits eine gewisse Finesse entwickelt und auch das Unheil der Zeit kühl für sich zu nutzen versteht, wenn es sich ergibt, wie an einer Stelle deutlich wird, an der er den Sirenenalarm benutzt um sich zuerst in einer Bäckerei satt zu essen und dann, wenn alles auf die Strasse stürzt, ohne zu bezahlen zu verschwinden (vgl. S. 298). Schön ist es, zu sehen, dass dieser so wenig heldenhafte Held in all seinem Elend, und auch wenn sich die Eltern überhaupt nicht verstehen und nur miteinander streiten, dennoch auch zu einem Ausruf kommen kann wie: „Die Welt war wunderbar!“ (S. 155)
Wenn das Buch gerade auf seinen letzten Seiten, auf denen der Einmarsch der Deutschen geschildert wird, einen Aufschwung nimmt, dann liegt das daran, dass und wie die grosse Geschichte mit der Kleinen, Privaten, Alltäglichen kurzgeschlossen wird.
Das Buch nennt sich auf dem Innentitel nicht ´Roman´, sondern ´Eine Chronik´. Mag es halbwegs chronologisch vorgehen – und diesem ersten Band folgen noch zwei weitere, der zweite ist gerade erschienen – eine Chronik im strengen Wortsinn ist es nicht. Nennen kann man es so, der Autor hätte das Buch jedoch auch ´Autobiographie´ überschreiben können. Man könnte sich Gedanken machen warum er es nicht getan hat, will er evtl. mehr als ´nur´ sein Leben beschreiben?
Genial in Auswahl und Reihenfolge sind die vier dem Text vorangestellten Motti, die man beim ersten Lesen mit Interesse, Überraschung und Neugier zur Kenntnis nimmt, deren Wert und Qualität in Bezug auf das Erzählte man aber erst nach der Lektüre einschätzen kann. Selbstironisch, augenzwinkernd, mit einem Hauch Entschuldigung, aber auch dem Selbstbewusstsein des Selbsterfahrers und der Vorwegnahme der Poetik, das Sein, besser noch den Raum ´zwischen dem Sein´ zu schildern, „nämlich zwischen seinem Dunkel und seinem Schimmer“. Das tut er und das ist unbestritten eine Qualität dieses Textes: ein Spiegeln des Lebens in changierenden Facetten zwischen Seligkeit und Schmutz, zwischen Gewalt und Verliebtheit, Grösse und Niedertracht und dem Bewusstsein, dass das alles, auch wenn es schwerfallen mag das zuzugestehen, Moral hin oder her, ein Ganzes ist und zusammengehört.
Man merkt dem Buch an: das ist nicht nur Ausgedachtes, nicht nur Spielerei und Papier, nicht ´nur Literatur´ und dadurch gerade, in emphatischem Sinn, Literatur. Hier schreibt einer das was er nur zu gut und zu sehr erfahren und erlitten hat, da schreibt einer, der weiss was er erzählt. Er führt in menschliche Niederungen, das Buch ist auch eine positive Zumutung.
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