Paul Kimmage „Raubeine rasiert. Bekenntnisse eines Domestiken“
Oktober 16th, 2005Paul Kimmage: „Raubeine rasiert. Bekenntnisse eines Domestiken“, die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Rough Ride. Behind the Wheel with a Pro Cyclist“ im Jahr 1990, ins Deutsche übertragen wurde das Buch von Andreas Beune, 318 Seiten, broschiert, 14,80.-
Doping, wie, um nur das prominenteste Beispiel der jüngeren Zeit zu nennen, auch die aktuellen Nachrichten um Lance Armstrong zeigten, ob berechtigt oder nicht, es scheint das immerwährende Begleitthema des Leistungssports zu sein.
Paul Kimmage hat dieses heisse Eisen in seinem Buch angepackt. Er wollte sich nicht der Omertá des Radsports, die er konstatiert, unterwerfen.
Dieses Buch opponiert dagegen, es wirkt aufrichtig, nicht um der Sensation oder um Verkaufszahlen Willen geschrieben. Sensation hat es trotzdem gemacht, freilich kaum Positive.
Der Autor berichtet, dass Doping im Radsport zumindest in der Zeit und dem Umfeld in dem er fuhr, die Regel, nicht die Ausnahme war. Er beklagt die alleinige Dominanz der Geld-Interessen im Sport und schreibt, dass es auch nicht unüblich gewesen sei Absprachen zu treffen und Unterstützung im Rennen oder Siege bei kleinen Rennen zu verkaufen.
Dass der Radsport ein hartes Geschäft ist, ist jedem bekannt gewesen, der sich ein wenig dafür interessiert oder, noch besser, der selbst ab und zu auf dem Rad sitzt und weiss, wie es sich anfühlt einen Berg an der Leistungsgrenze hinaufzufahren.
Dass der Radsport aber ein ausbeuterisches, absolut gnadenloses Geschäft ist, das seine Kinder frisst, muss einem so nicht klar gewesen sein.
Kimmage stellt es so dar.
Es ginge um zu viel, als dass man sich Schwächen oder schlechte Platzierungen leisten könnte. (Vgl. hierzu auch den Artikel in „Die Zeit“ vom 30.06.2005, S. 60: „Romingers Qualen“. Rominger beschreibt darin den Druck, der auf einem Fahrer lasten kann: „1994 hat das Team Mapei in mich sieben bis acht Millionen Franken investiert, sie haben meine ganze damalige Mannschaft gekauft, nur weil ich dort noch einen Vertrag hatte, Mapei aber unbedingt einen großen Fahrer wollte, der Rundfahrten gewinnen kann. DA ging es nur um mich. Das sind 70 bis 80 Leute. Da muss Leistung da sein. Da müssen Resultate kommen. (…) Da muss dir jeden Tag bewusst sein: Wenn du nicht vernünftig fährst, sind 70 arbeitslos.“)
Nur: wer kann permanent über seine Schmerzgrenze gehen?
Vielleicht ist es weniger interessant in den Chor der Kimmage-Gegner und -Hasser oder in den der Kimmage-Befürworter und –Bewunderer einzustimmen, als ihn und seine Darstellung zunächst einmal unvoreingenommen wahrzunehmen und abermals zu sehen, was kaum neu ist, dass der Sport ein Spiegelbild unserer Gesellschaft repräsentiert. Kann man ihm das verübeln?
Allzu leicht und allzu selbstverständlich wird im Umkreis des Leistungssports von Moderatoren und Reportern (das wäre ein eigenes Kapitel wert!) von ´Helden´ gesprochen und geschrieben. Werden sie gebraucht? Oder sind sie primär mediale Inszenierungen?
Es besteht die Möglichkeit, einmal abgesehen davon, dass man überhaupt berechtigte Bedenken gegen die Verwendung dieses Begriffs haben kann, dass die ´wahren´ ´Helden´ nicht die sind, die Millionen mit ihrem Beruf (!) verdienen und die sich vor Fans flüchten müssen, sondern diejenigen, die in ihrer Freizeit vielleicht die gleichen Berge, vielleicht nur den Hausberg hinaufschnaufen. Langsamer, weniger trainiert, vielleicht mit Übergewicht, vielleicht bedeutend älter als die Protagonisten des Sommer-Reissers Tour, dafür aber wirklich nur mit Wasser.
Ohnehin stösst es dem aufmerksamen Zuhörer immer wieder auf: wie passt das zusammen – Heldenverehrung und Fantum auf der einen Seite – und das Betonen des Profitums und der profihaften Einstellung, vom Radfahren als Beruf, auf der anderen Seite. Die Diskrepanz zwischen Glamour und alltäglicher Profi-Prosa ist gross. Das will nicht immer recht kongruent werden. Der Radsport ist eine merkwürdige Mixtur aus Zirkus und Show, härtestem Business und extremer sportlicher Leistung.
Vielleicht macht das einen Teil seines Reizes aus, vielleicht gibt es aber auch unauflösliche, wenig attraktive Widersprüche.
Wie wäre es, wenn sich herausstellte, dass Armstrong alle seine Siege mit Hilfe von nicht erlaubten Mitteln eingefahren hätte? Die Tour – eine Farce? Was hiesse das für das Publikum? Was für seine Konkurrenten? Ullrich – oft Zweiter, dafür gescholten und mit Häme bedacht (auch das wohl völlig zu Unrecht: vgl. die hübsche Glosse in „Die Zeit“ vom 28.07.2005, S. 55, unter dem Titel „Im Jammertal“, in der Stephan Lebert zurechtzurücken versucht, dass Ullrich nicht wieder „nur“ Dritter ist und zu dick, zu faul, zu wenig explosiv, wie der Autor die Meinung der Presse paraphrasiert sondern, dass er der beste deutsche Radrennfahrer aller Zeiten ist) – wie wäre über ihn gechrieben worden, wie sein Leben verlaufen, wenn er statt der Zweiten oder Dritten erste Plätze gehabt hätte? Wie, wenn nicht nur Armstrong unter Strom gewesen wäre, sondern auch die Mehrzahl seiner Konkurrenten – wieder Fair play? Wäre dann wieder alles in Butter, Gerechtigkeit hergestellt? Würde das Publikum nicht mehr feiernd am Strassenrand stehen, nicht mehr gebannt bei herrlichem Sommerwetter vor den Bildschirmen kleben, wenn klar wäre, dass man wegen Epo oder irgendetwas anderem so schnell die Alpen oder Pyrenäen hochfährt? Das zumindest lässt sich ausschliessen: ein 35er Schnitt wäre ebenso spannend wie ein 40er. Und das Publikum würde so oder so stehen und schauen, sonst hätte es das schon lange einstellen können. Positive Dopingfälle gab es im Radsport seit dem Beginn dieses Sports. Darum geht es nicht. Es geht um den Wettbewerb, den Kampf Mann gegen Mann, die Überwindung des Leidens, das interessiert die Leute, nicht die Durchschnittsgeschwindigkeit. Das Problem liegt im zum Big Business gewordenen (verkommenen?) Sport oder wenn man es so global erträgt, in unserer Gesellschaft selbst.
Kimmage schildert wiederholt schon allein den psychologischen Nachteil, den ein Rennfahrer hat, wenn er nichts ´genommen´ hat. Er beschreibt den grossen Unterschied zwischen der Amateur- und der Profiszene, und dass es für ihn von Beginn an eine grosse Belastung war, Angst vor dem Doping zu haben. Allerdings vertritt er wohl auch eine extreme Position: er lehnt zunächst selbst die Einnahme von Vitaminen ab und mit der Darreichungsform der Spritze verbindet ihn eine regelrechte Phobie.
Aber auch wenn das Doping-Thema wichtig ist und einen roten Faden in Kimmages Buch ausmacht, so wäre es doch nicht in Ordnung – und das mag in der Rezeption geschehen sein (was mehr mit dem Thema und seiner Brisanz als mit seinem Buch zu tun hat) – es darauf zu reduzieren.
Sein Buch ist ein Stück Familiengeschichte, ein Stück Autobiographie, repräsentiert einen Teil des irischen Radsports, ja kann wohl auch zumindest als Reibungsfläche für andere Sportlerbiographien stehen. Zudem dokumentiert das Buch nicht nur etwas, sondern erzählt auch eine Geschichte.
Sein Vater war bereits irischer Landesmeister gewesen. (S. 29)
Das erste Rennrad bekommt er mit zehn. (S. 30)
Mit 11 trainiert er bereits, früh lernt er Stephen Roche kennen, mit und für den er später fahren wird und der sich nach diesem Buch von ihm abwenden wird. (S. 38 ff.)
Schon mit 19 ist er selbst irischer Meister. (S. 42)
Als Profi kommt er bald in Kontakt mit Amphetaminen, es ist die Rede von Kortison und Testosteron. (S. 113) Immer im Verhältnis zu den anderen, zu den körperlichen Strapazen und vor allem zum eigenen Gewissen. Lange, so stellt er es dar, sperrt und wehrt er sich, aber irgendwann ist auch er ´reif´, akzeptiert die erste Amphetamin-Spritze (S. 184) und tritt ´dem Club´ bei. Voran geht ein demütigendes Erlebnis: während der Tour wird er am Berg von einem bärtigen Rad-Touristen mit Satteltaschen überholt. (S. 176)
Er erzählt die Geschichte eines Jungen, dem seine Träume geraubt werden. Die Begeisterung für den Radsport, mitbeeinflusst durch den Vater, der Traum einmal die Tour zu gewinnen, wie Kinder in anderen Sportarten davon träumen einmal Olympiasieger oder Fussballweltmeister zu sein. Das wird konterkariert von der Realität des Profigeschäfts, von der Unterkunft in miesen Hotels und Sponsorendrohungen, von aufgegebenen Rennen und der bitteren Erkenntnis, nicht das zu sein, was man einen Siegfahrer nennt. „Bekenntnisse eines Domestiken“ ist demnach zu Recht der deutsche und nicht zu überlesende Untertitel.
Der Verdienst ist nicht hoch, Überbeanspruchung, bleierne Müdigkeit, zuweilen schiere Verzweifllung fahren stets mit. Einmal beisst er bei einem Rennen so auf die Zähne, dass einer abbricht. (S. 197) Er fährt mit Koffeinzäpfchen (z.B. S. 256) und pisst sich auf die Hände, weil ein Rennen unter unmenschlichen Bedingungen stattfindet („bei einem Wetter wie diesem wäre jedes Skirennen abgesagt worden“ S. 260) und ihm die Hände vor Kälte nicht mehr gehorchen. Er holt sich eine Darmpilzinfektion (S. 214), er schildert, dass es bei kleinen Rennen übliche Praxis war, sich während des Rennens, auf dem Rad sitzend, Amphetamine zu spritzen (S. 215). Es reift die Erkenntnis, dass Radsportler „schon immer die Landstreicher der Sportwelt“ waren (S. 254) und es kommt zu dem statement: „Dieser Sport ist der reinste Schwachsinn.“ (S. 250)
Schliesslich wird Delgado als Tour-Leader positiv getestet. (S. 223 f.)
Trotzdem glaubt er keine andere Wahl zu haben als weiterzumachen, weil er nicht weiss, wie er sonst sein Geld verdienen soll, bis er nah am Nervenzusammenbruch ist. (S. 225)
Seine Rettung ist schliesslich der gleitende Übergang zum Sport-Journalismus. (S. 266)
Radsportlich sah es gar nicht schlecht aus, aber er will nicht mehr.
Sein erklärtes Ziel ist Aufklärung – um zu verändern. Um anderen ein ähnliches Schicksal wie sein eigenes zu ersparen.
Der Preis für dieses Buch waren Anfeindungen und die Aufkündigung von Freundschaften. Er hatte das Schweigen gebrochen. – Hat sich etwas geändert? Die Tour von 1998 und zahlreiche weitere Doping-Fälle, auch in jüngster Zeit, lassen das Gegenteil vermuten. Die Tour-Organisation lässt unliebsame Strassenaufschriften oder Bilder, wie die von Spritzen, entfernen bevor der Tross kommt und mit ihm die Kameras. Liest man in der Geschichte nach – wer war nicht gedopt? Man weiss es von Coppi, von Anquetil, von Merckx, von Simpson ohnehin, der daran starb, von Thurau, Delgado wurde schon genannt, Pantanis Fall wurde bekannt, viele andere, Rumsas, wären noch zu nennen. Manche wurden nie positiv getestet, auch Rominger, obwohl die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass auch sie… Gelegentlich war zu lesen, dass Bartali der letzte Aufrechte gewesen sein soll, der ohne diese Art von Hilfsmitteln ausgekommen sei. Ob dies stimmt und wie immer man dazu stehen mag, Doping in der Folge von enormem Druck und viel Geld ist Verlockung und Problem im Sport und wird es wohl auch bleiben. Kimmages Buch hat zwar einen Beitrag geleistet, eine Stimme in die Diskussion geworfen, aber man kann nicht im Ernst erwarten, dass danach im Nu alles anders ist. Zumal es einen ständigen Wettlauf gibt zwischen Dopern und Dopingfahndern. Zur Zeit sollen ca. 80 leistungssteigernde Wirkstoffe im Umlauf und wohl auch in Gebrauch sein, die (noch) nicht nachweisbar sind. (Vgl. „Die Zeit“ im genannten Artikel vom 30.06.2005.
Es ist bekannt, dass es bereits einige Epo-Tote gab: es verdickt das Blut. Der Anti-Doping Aktivist Alessandro Donati sagte kürzlich, dass Epo seiner Ansicht nach gar nicht ausreiche, um Armstrongs Leistung zu erklären. (Vgl. „Die Zeit“ 1.09.2005, S. 56, ein Interview mit Donati, geführt von Moritz Müller-Wirth) Peter Winnen hat es in seinem Buch „Post aus Alpe D´Huez“ als Turbo-Mittel bezeichnet, neben dem alles andere was zu der Zeit bekannt war, verblasst. Mittlerweile hört man von tierischem Hämoglobin und wer weiss, was man (noch?) nicht hört? Donati meinte, dass Anfang der 90er Jahre 90 bis 99 % der Fahrer Epo nahmen. („Die Zeit vom 30.06.2005) Das Thema Doping wird uns bleiben, da bestehen wenig Zweifel. So interessant wie bedenklich, wie kürzlich in dem Rennrad-Magazin „Tour“ zu lesen war, dass Armstrong den Verband, der gegen Doping arbeiten soll, mit nicht geringen Summen unterstützt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Nur ehrlicher guter Wille oder eine Form eleganter Bestechung?
Kimmages Buch jedenfalls ist ein unbedingt lesens- und bedenkenswertes, wenn auch (nicht durchgängig) trauriges Buch, das einen Blick hinter die Kulissen des Radsportgeschäfts gewährt. An Aktualität hat es wohl nichts eingebüsst.
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