Tim Moore „Alpenpässe und Anchovis. Eine exzentrische Tour de France“
Oktober 16th, 2005Tim Moore: „Alpenpässe und Anchovis. Eine exzentrische Tour de France“, 2. Aufl. Bielefeld 2004, zuerst erschienen 2001 in London unter dem Titel „French Revolutions. Cycling the Tour de France“, aus dem Englischen von Olaf Bentkämper und Jens Kirschneck, 312 Seiten, 19,80 Euro.
Am Start steht der umfassend untrainierte Autor, ein britischer Journalist Mitte 30, mit dem Vorhaben, die Strecke der Tour de France des Jahres 2000 alleine und vor den Profis zu abzufahren. Er schildert seine Umsetzung dieses Vorhabens – ist es ein Abenteuer, eine Prüfung, eine Selbstfolter…? – durchgängig und mit lockerer Feder, die tief in Ironie getaucht ist, auch in schonungslose Selbstironie, die wesentliches stilistisches Merkmal des Buches ist und es zu einem hochkomischen Lesevergnügen macht.
Begleitet wird er auf der Tour von seinen verhassten Packtaschen mit zusätzlichem Gewicht, zuweilen auch von einer gehörigen Portion Selbstmitleid und darum alsbald auch von Frau und Kindern nebst Begleitfahrzeug. Ebenso von einschlägiger Lektüre, bei der Paul Kimmages berühmt-berüchtigtes Buch „Rough Ride“ einen roten Faden darstellt. Doch auch manch anderes aus der Tour-Geschichte fliesst ein, Namen, Charakteren, Mythen.
Ohne Rücksicht beschreibt der Autor den Kampf mit sich, dem Wetter, den Bergen und lässt manches lose Wort über die französische Provinz, die Jung-Schweizer VW-Golf-Enthusiasten oder die Deutschen fallen. Da er aber auch sich selbst in keiner Weise schont, geht das völlig in Ordnung, ja macht einen Teil des Pfiffs des Buches aus, das ´Zug´ hat und das man sich einteilt, um nicht zu schnell zu Ende zu kommen damit.
Mit ebenso lockerer wie sicherer Hand streift Moore nahezu alles, was die Tour und den Radsport insgesamt betrifft: von den rasierten Männerbeinen über die Werbekarawane, natürlich das unvermeidliche Thema Doping, bis hin zur Selbstvergiftung durch ungepflegte Trinkflaschen oder dem etwa daraus resultierenden Fahren mit Durchfall. Von der klaren Selbsterkenntnis: „Ich war kein Kletterer.“ (S. 127) bis zu allgemeineren Feststellungen: „In Deutschland entwickelt man keine Urlaubsgefühle.“ (S. 263) Schade, warum eigentlich nicht?
Dem Thema Doping nähert er sich ganz unerschrocken, nämlich im Selbstversuch. Mit wenig überzeugendem Ausgang, auch wenn es nicht so fatal verlief wie bei einer anderen Referenzfigur des Buches, naheliegend für einen Briten: Tom Simpson. Der bekanntlich am Mont Ventoux während der Tour de France 1969 sein Leben in Folge dessen, was er an Ungutem zu sich genommen hatte, aushauchte. War Bartali wirklich der letzte saubere Champion, wie S. 166 nahelegen will?
Schön, wie er französische Provinzhotels beschreibt, köstlich wie er seine eigenen Malheurs nicht verschweigt: „Möglicherweise angelockt von meinem Versuch, die Werke von Hieronymus Bosch in einem einzigen Geräusch zusammenzufassen, möglicherweise auch vom Wasser, das durch die Decke tropfte, erschien es der Inhaberin angezeigt, mein Zimmer in exakt dem Moment zu betreten, der mit meinem wilden, feuchten Ausstieg aus der Duschkabine zusammenfiel.“ (S. 134 f) Der so Überfallene weiss nicht ob er lachen oder weinen soll, „als ich sah, dass die gewaltigen Härten des Tages meine Genitalien anscheinend dazu veranlasst hatten, sich selbst zu verspeisen.“ (Ebd.)
Nicht uninteressant, wie er, der blutige Anfänger auf dem Rad, alsbald in typische Radler-Klischees verfällt, um sich ganz am Ende seiner Tour sogar in einer schmerzhaften Prozedur die Beine enthaaren zu lassen, worauf seine Frau ihn zu Hause mit den Worten empfängt: „Das ist nicht dein Ernst.“ (S. 302)
Zum Lachen auch, wie er, am Denkmal für Henri Desgranges angekommen, an diesem sich die Blase erleichtert – als späte Rache für die Einführung der hohen Berge in die Tour.
Er beginnt auf dem Niveau eines Freizeitradlers, scheitert auch an dem einen oder anderen Berg, lässt den Umweg in die Bretagne ganz aus, aber dann schafft er den Izoard und den Galibier an einem Tag (S. 208- 210) und fährt am Ende seiner Tour fast 300 km an einem Tag. Hitze, Regen, Kälte, Hunger, Durst, grösste Anstrengung, Schmerzen – Elementargefühle, sie werden auf dem Rad in extremis erlebt und im Buch beschrieben: „Die gute Nachricht war, dass ich meine Kreditkarte nicht in Laruns vergessen hatte. Die schlechte war, dass mein Reisepass noch immer dort lag. Mir war, als hätte jemand meine Eingeweide püriert. Ich hielt an und sackte entkräftet über dem Lenker zusammen.“ (S. 126)
Am Mont Ventoux: „Der Schweiss brannte in den Augen und tropfte zischend auf den glühend heissen Lenker, und ich hatte das Gefühl, dies sei eine Heimzahlung des Schicksals für all die schrecklichen Dinge, die ich als kleiner Junge an sonnigen Nachmittagen mit Lupen und Holzläusen angestellt hatte.“ (S. 161)
Aber auch Lourdes-Hautacam birgt seine Schrecken: „Hautacam lag am Ende einer winzigen Sackgasse, die sich jemand mit einer außer Kontrolle geratenen Nervenkrankheit ausgedacht hatte. Ich würde den ganzen Weg hoch fahren müssen, und dann den ganzen Weg wieder runter. Heute. Ich schaute auf und begegnete dem aufmerksamen Blick des Kellners, eines Kerls mit Fliege und Stirnlocke, und dachte: Bitte, bitte, nehmt mich auf. Ich kann Geschirr spülen. Ich kann Betten machen. (…)“ (S. 129)
Aber Moores Buch berichtet nicht nur von Grenzerfahrungen, es ist spannend, komisch, lehrreich – es macht einfach Spaß.
Sicher, einige kleine Mängel gibt es auch hier, einige Druckfehler, einige wenige merkwürdig gestellte Sätze (S. 201), ein paar Ungereimtheiten (S. 31, 41, 73).
Das ist immer schade, schade auch, dass das Buch den Leser doch etwas melancholisch zurücklässt, nicht nur weil es einfach zu Ende ist, sondern weil am Ende das Rad, mit dem er die Tortour hinter sich brachte unbenutzt Rost ansetzt – ein leidenschaftlicher Radfahrer ist am Ende doch nicht aus ihm geworden und die abgefahrenen 15 Kilo Körpergewicht dürften sich allmählich auch wieder eingefunden haben.
Keine Antwort zu “Tim Moore „Alpenpässe und Anchovis. Eine exzentrische Tour de France“”