Eduard Márquez „Im Schutz der Nacht“
November 28th, 2005Eduard Márquez: „Im Schutz der Nacht“, Roman, aus dem Katalanischen von Ilse Layer, die Originalausgabe ´Cinc nits de febrer´ erschien im Jahr 2000, 134 Seiten, 12.- Euro.
In diesem Buch regnet es von der ersten bis zur letzten Seite.
Die Jahreszeit wird nicht näher bestimmt, es muss sich aber um Spätherbst oder Winter handeln. Das wäre auch abhängig von dem Landstrich in dem es spielt.
Wie der Regen nahezu penetrant ist, so auch das Stilmittel der Wiederholung.
Sie bilden den Stimmungshintergrund und eines der auffälligsten erzählerischen Mittel.
Das Buch hat seine Spannung durch den Umstand, dass eine Frau einen Mann verlässt und verschwindet. Ohne Erklärung, er weiss nicht warum.
Sehr viel später hat er die Möglichkeit, die Geschichte zu rekonstruieren, weil er in ihre Wohnung kann in der sie einen Raum hat, der ein Archiv enthält. Das Archiv ihrer Beziehungenm auch der seinen. Mit allem Denkbaren: aufgehobenen und in Plastik eingeschweissten Blumensträussen und anderen Gegenständen, Tagebüchern, Audio-Casetten, selbst Videos.
Schon das wirkt künstlich und ausgedacht: wer hätte solch ein Archiv? Und selbst wenn: wie gross wäre der Schaden, den man für diese Person konstatieren müsste? Das Buch ist, passend zum schlechten Wetter, in einer düster-melancholischen Stimmung befangen, es erzählt von seelisch Beschädigten, von Suizid. Die Rekonstruktion der Geschichte gelingt anhand des genannten Archivs. Ohne alles zu verraten kann so viel gesagt sein: es ist die Geschichte einer bis zum Perversen obsessiven, einer bewusst tötenden Eifersucht.
Am Ende soll dann doch eine dankbare ewige Liebe alles überstrahlen? Auch das nicht überzeugend. Nicht so.
Sicher, es gibt Einsamkeit und existentielle Verlorenheit und heillose Obsessionen, es gibt das beschädigte Leben, aber ein Buch darüber muss das so erzählen, dass es als Kunstwerk stimmig wirkt, dass es vielleicht trotzdem Spass macht, es zu lesen.
Das ist bei „Im Schutz der Nacht“ nur bedingt der Fall.
Es wirkt teils etwas anfängerhaft.
Der elliptische Steno-Stil, der es durchsetzt, ist oft zu andeutend, nur aufrufend, zuweilen weiss man gar nicht wer jetzt redet oder denkt. Selbst die ständig erwähnten Musikstücke, die im Buch gehört werden und die es rhythmisieren und eine Stimmung liefern sollen, haben nur dann Sinn, wenn der Leser sie kennt. Ich bekenne freimütig die „Lachrimae“ von Dowland nicht zu kennen.
Man kann, wenn man gutwillig ist, die Redundanz und die Trockenheit dieses Erzählens als bewusst gewählt nehmen, als dem Thema angemessen, aber die Wirkung lässt Wünsche offen.
Auch dass der Erzähler seinen Helden variationslos stets mit Vor- und Zunamen nennt, kann einem auf den Nerv gehen.
Die Einwort-Sätze, die das Buch durchziehen: „Asche.Staub.“ (S. 125) etwa, wirken artifiziell. Auch das mehr aufrufend als ausführend.
Die hochfliegenden Klappentexte tun dem Buch eher einen Bärendienst, denn das dort Beschworene kann es nicht einlösen, es enttäuscht.
Das ist alles zu konstruiert, zu ausgedacht, zu papieren.
Etwa die Briefe von Helga und Sela, die Lars Belden, letzteren auch noch mehr zufällig, findet, das findet so in der Wirklichkeit nicht statt, da ist kein Leben drin.
Und welcher Kranke würde sich als Täter für so etwas hergeben?
Ein Freund, der dem Eifersüchtigen einen Gefallen tun will? Wohl kaum.
Wäre Geld das Motiv: wie sollte er es bekommen? Denn hätte er es bereits, dann bräuchte er auch nicht mehr zu tun was er tut.
Das geht nicht auf.
Ebensowenig wie der Umstand, dass Lars Belden der brieflichen Empfehlung einer Freundin folgt, keine Nachforschungen anzustellen. – Wie müsste er gestrickt, was müsste er für ein Tropf sein, wenn ihm das gelänge, wenn er das bereitwillig und schicksalsergeben über sich brächte! Um dann von Liebe zu schwafeln.
Auch über dieses Bild kann man stolpern: „Doch schon bald nach Stefans Tod, dem die Haut in den letzten Tagen wie welkes Efeu an den Knochen geklebt hatte,…“ (S. 117)
Und S. 107 enthält einen unschönen Druckfehler: „ke,w rd“ steht da in Zeile 10 zu Beginn. Nimmt man Zeile 9 hinzu, versteht man was gemeint war: „zurückdenke, wird“ sollte das heissen.
Und welchen Schaden muss Lars Belden haben, um eine Frau zu lieben, die jede Lebensregung archiviert, die nichts von sich erzählt, die nicht das Vertrauen hat, ihm zu erzählen was Sache ist und stattdessen sich lieber tötet?
Das ist alles zu schwer, zu tragisch, zu weit hergeholt, vor allem aber zu wenig in sich stimmig, auch zu wenig erzählt.
Das Buch ist andererseits nicht wirklich schlecht. Es hat eine gewisse Eindringlichkeit und enthält einige hübsche Ideen und gute Sätze, etwa: „… entschied ich mich für die schlechteste aller Lösungen: einfach die Zeit verstreichen zu lassen.“ (S. 102) Oder: „Wie immer kommt alles zu spät.“ (S. 116) Und: „Nicht jeder hat die Geschichte, die er sich wünscht.“ (S. 47)
Doch selbst diese kleine Blütenlese macht deutlich: diese Sätze stimmen fast immer und für jeden, sie haben etwas platitudenhaftes.
Zu den hübschen Ideen zählt auf S. 114: „Ich mag die Vorstellung, daß die Gegenstände, die Landschaften oder auch die Menschen Blicke speichern. Wenn wir sie erkennen könnten, fänden wir Zugang zum Gedächtnis eines Steins, eines Baumstamms, der Haut…“.
Die Feststellung: „Mit den Jahren habe ich herausgefunden, daß man es im Leben nur mit einer begrenzten Anzahl von Themen zu tun hat.“ (S. 107)
Oder die Frage: „Wenn du einen Moment deines Lebens verewigen könntest, welchen würdest du dann wählen?“ (S. 119)
Doch auch das hat etwas melodramatisches, vor allem tragen solche Einzelheiten kein ganzes Buch. Man hätte damit arbeiten, mehr daraus machen müssen.
Dieses Protokoll der Auswirkungen einer manischen, völlig irren Eifersucht ist von der Konstruktion her nicht überzeugend, besonders auch was die Psychologie der Figuren und deren Motivation betrifft und erzählerisch eher artifiziell und schmalbrüstig.
Es ist weder Krimi noch Psychogramm, soll es Liebesgeschichte sein? Was wäre es eigentlich gern geworden?
Keine Antwort zu “Eduard Márquez „Im Schutz der Nacht“”