Patrick Leigh Fermor „Die Zeit der Gaben. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland an die mittlere Donau. Der Reise erster Teil“

Dezember 6th, 2005

Patrick Leigh Fermor: „Die Zeit der Gaben. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland an die mittlere Donau. Der Reise erster Teil“, aus dem Englischen von Manfred Allié, Zürich 2005, die englische Originalausgabe erschien 1977 in London, die erste deutsche Übersetzung zwei Jahre darauf bei Müller in Salzburg, 416 Seiten, Leinen, 23,90 Euro

Meines Wissens ist dieses Buch von der Literaturkritik bisher nicht beachtet worden. Eine kleine Reminiszenz gab es, versteckt in dem Artikel „Der Limes-Effekt“ von Wolfgang Büscher, dem Journalisten, der von Berlin nach Moskau und rund um Deutschland wanderte. („Die Zeit“ vom 13.10.2005, S. 65) Er spricht darin von einem „wunderbaren Reisebericht“.

rad-w Dieses Buch ist schön.
Das scheint jedoch Vorzug und Mangel ineins zu sein.
Es ist zu schön.
Zu schön, um wahr zu sein nämlich.
Es schwelgt in Beschreibungen und Aufzählungen. Das gerät dann zu einsinnig, zu beschaulich, zu blumig. Dieses mit Worten malen beginnt einen schliesslich zu langweilen, wenn es einem nicht gar auf den Geist geht.
Was hier fehlt, das sind Blut, Schweiss und Tränen.

Im zarten Alter von achtzehn Jahren und, noch dazu in den Dreissiger Jahren, unternimmt Fermor diese Fussreise von Holland nach Konstantinopel (im ersten Band kommt er allerdings noch nicht so weit). Allein dieser Umstand macht neugierig. Man brennt darauf mehr zu erfahren und wird im Laufe der Lektüre, obwohl das Buch vor Kenntnis und Schönheit strotzt, vermutlich leicht enttäuscht werden. Zudem ergibt sich auch ein Problem: die Reise unternahm er, gerade von der Schule geflogen, mit 18, 19 – geschrieben hat er das Buch Jahrzehnte später. Der sich daraus ergebende Widerspruch verlässt den Leser das ganze Buch über nicht: diesen Text mit all der stupenden Bildung, die da zu Tage tritt, sei es in Sachen Geographie, aber auch kunsthistorisch oder literarisch, hätte ein junger Bursche so nicht schreiben können.
Auf der anderen Seite ist der Autor sehr um sinnliche Unmittelbarkeit bemüht, die sich teils auch durchaus mitteilt.

Dieser Widerspruch steckt unaufgelöst in diesem Werk.
Dieses ist gut gemacht, es ist kenntnisreich, aber hat doch auch Längen, wird über die 400 Seiten dann schon auch mal etwas fade und einerlei. Fast ein bisschen erzähltes Rokoko mit viel Historischem und üppigen Landschaftsschilderungen. Aber alles so harmlos, so gefällig, so glatt! Diese Reise verbreitet im Wesentlichen das Aroma eines Sonntagsspaziergangs. Das wirkt geschönt, zuweilen geziert. Dieser Eindruck mag dadurch verstärkt werden, dass der Erzähler distanziert agiert, weit weg bleibt. Einmal hat sich ein Nagel im Schuh gelockert, dann hinkt er. Die erste im Freien verbrachte Nacht wird freudig, fast selig begrüsst. Kann das sein?
Die vielen lokalen oder historischen Details, mit denen nur der mit dem Beschriebenen Vertraute etwas anfangen kann – für diesen wird es aber wieder zu wenig detailliert bzw. in die Tiefe gehend sein – sind vermutlich opulent gemeint, wirken aber in der Häufung eher ermüdend. Man kann das was da beschrieben wird nur begrenzt imaginieren, es ist zu wenig Leben darin, als dass es befriedigen würde oder es wird versucht zu wortreich zu evozieren, wo weniger mehr gewesen wäre.

Das Gehen selbst, die Schwierigkeiten, die Erschöpfung, Hunger, Durst, Angst, andere Unbill, alles was einem mit wenig Geld versehenen Reisenden begegnen kann, fehlen hier oder kommen so nebenbei und harmlos an, dass sie einem als Beschwernis gar nicht recht auffallen wollen. Ja, er übernachtet mal im Nachtasyl (meistens allerdings bei Bürgermeistern – ginge das heutzutage auch noch?), er begegnet Nazis und auch der Kälte des Winters. Wirklich brisant wirkt das nur an zwei, drei Stellen. Selbst als ihn die monatliche Geldsendung von zu Hause nicht erreicht und er sich in Wien mit dem Zeichnen von Porträts ernährt, wirkt das wie eine pittoreske Anekdote, wie ein gelungener, glücklicher Jugendscherz, nicht nach einem Handeln aus Not. Vielleicht hat das späte Schreiben des Buches den nostalgisch-vergoldenden Glanz der Erinnerung über all das Erlebte und inzwischen Vergessene gegossen?

Das Vorwort jedoch ist vom Feinsten. Dort erzählt der Autor in locker-ironischem Ton von sich selbst als Schüler, von seinem Vater, der Naturforscher und eifriger Museumsbesucher war (S. 18), davon, dass er selbst bereits mit 10 Jahren Bekanntschaft mit einem Psychiater machte (vgl. S. 15), dass er zur Mathematik unfähig war und in einem Baumhaus schlief (S. 19) und dass die Körperstrafen für seine ´Vergehen´ ihn innerlich unberührt liessen (S. 22). Er hält fest, dass er mit den Schulen und deren Wechsel nur begrenzt Glück hatte, dass es aber die Zeit in seinem Leben war, in der er so viel schrieb und las wie später nie mehr. (S. 21) Robert Byron lernt er persönlich kennen und wird durch ihn und seinen eigenen Freiheitsdrang sowie den Zauber, den fremde Ortsnamen ausüben zu seinem Fussmarsch motiviert, so schreibt er. Robert Byron ist ein Nachfahre von Lord Byron, der „the best travel book ever“ schrieb, wie die Kritik hymnisch meinte, „Der Weg nach Oxiana“ ist der deutsche Titel, es ist 2004 bei Eichborn in der ´Anderen Bibliothek´ erschienen. Byron reiste mit 28 Jahren bis nach Afghanistan, war elf Monate unterwegs und berichtete darüber mit grosser Kenntnis und sardonischem Witz. Nur scheint das zeitlich nicht recht zu passen. Byron reist 1933, also zur gleichen Zeit wie Fermor. Es kann also nicht dieses, wohl sein bekanntestes Buch Byrons, „Der Weg nach Oxiana“, gewesen sein, sondern muss sich um ein früheres handeln. „Der Weg nach Oxiana“ erschien erstmals 1937 und wurde dann 1981 mit einem Vorwort von Bruce Chatwin neu aufgelegt. Byron starb, wie der Lord, mit 36 Jahren. 1941 wurde sein Schiff, auf dem er in einer Spionagemission unterwegs war, in der Biskaya von einem deutschen U-Boot torpediert und fand den Tod.

Sehr charmant die Zeit in Heidelberg, deren Schilderung gehört zu den stärksten Stellen im Buch. Er selbst zählt seinen Aufenthalt im Roten Ochsen in Heidelberg zu „den Höhepunkten meiner Reise“. (S. 96) Beeindruckend auch die Schilderung des Barons Schley, der in seinem Schloss in einem Ledersessel in einer exquisiten Bibliothek sitzt und den ganzen Proust liest – sollte es Derartiges wirklich gegeben haben? (Und was wäre heutzutage das Pendant dazu?) Würde das alles nur nicht so zuckrig klingen! Wandert da eine schöne Seele, immer glücklich und beschwingt, stets „in bester Laune“ (S. 40, S. 43) im Rausch den durchwanderten Landschaften („eine Landschaft wie aus Grimms Märchen“, S. 154) und pittoresken Trachten der Bevölkerung (S. 402-404) hingegeben? Als Kostprobe: „Die Kleider der Frauen und Mädchen mit ihren Faltenröcken und farbigen Miedern und Schürzen und Brusttüchern waren vielfach nochmit Bändern und Stickereien und weiten Ärmeln herausgeputzt. Wie immer leuchteten die Rüschenkleider der Zigeunerinnen in den buntesten Farben: Lila und Purpur und Orangerot und Gelb und Giftgrün. Es war, als seien die Blumen es indischen Tempelschmucks zwischen die blasseren Blüten Europas gestreut worden.“ (S. 402 f.)

Dieser dichte, üppige Wortteppich, diese Wort- und Namensdichtung mit Hinweisen und Anleihen aus der Mythologie, der Bibel, der Geschichte, der gut gemacht ist, er lässt einen doch meist eigentümlich kühl. Vielleicht ist das Schöne zu ungebrochen. Auf S. 53 liest man drei Mal kurz hintereinander das Wort ´Zauber´ und auf S. 55 glänzt sein Wanderstock wie ein Zauberstab. Davon wäre nicht zu schreiben, das sollte sich dem geneigten Leser in der Lektüre mitteilen.

Interessantes kommt so eher beiläufig ins Spiel: Fermor erlebt das Deutschland der Dreissiger als überaus sangesfreudig. Wenn man das als historisches Faktum nehmen kann, dann hat sich in den letzten siebzig Jahren viel verändert.

Man neigt dazu, das Buch wie ein Orakel zu lesen. Man sucht darin die Vorboten der kommenden Greuel und Zerstörungen, geniesst auf der anderen Seite die Einblicke ins Noch-Bestehende. Dafür kann das Buch nichts. Aber Fermor hätte es wissen, damit rechnen und sich vielleicht darauf einstellen müssen. Denn schon von der Sache her drängt sich Nostalgie fast ein wenig auf: da war etwas, das ist nun weg, unwiderruflich. Rotterdam und Ulm bereist er vor ihrer Zerbombung. Doch das allein genügt nicht. Das ist interessant, aber es genügt nicht. Er selbst schreibt: „Meine Wanderung war ein einziges Erinnern, Wiedererkennen, Vergleichen.“ (S. 49) Einerseits bereichert das das Buch und den Blick, kann ihn auf der anderen Seite jedoch auch verstellen, bzw. das unmittelbare Erleben und dessen Wahrnehmung und Schilderung einschränken durch zu viel Mitgebrachtes, Gewusstes, zu Überprüfendes, Aufzusuchendes. Zu märchenhaft und zu vorgeformt?

Hübsch allerdings zu erfahren, wonach es in einer deutschen Kneipe im Jahr 1932 roch („Der Geruch von Bier und Bienenwachs, Kümmel, Kaffee, Kiefernscheiten und schmelzendem Schnee verband sich mit dem Rauch dicker, kurzer Zigaren zu einem anheimelnden Aroma, in das sich hin und wieder ein Hauch Sauerkrautduft mischte.“ S. 58ch), wie das Licht war, aber die Kombination aus Horst-Wessel-Lied, Hitler und Kaffee Hag ist doch etwas beschaulich. (S. 57 f.) Das drastischste Erlebnis scheint ein Junge zu sein, der einen Feuerwerkskörper verschluckte bevor er explodierte. (Vgl. S. 62 f.) Fermor erfreut sich an der Gastfreundschaft der Deutschen (S. 64, S. 69, S. 153), tanzt mit einer Schönen ohne Schneidezähne (S. 70), lernt einen netten Kölner Buchhändler kennen (vgl. S. 70 f.), hört noch eine ironische Hitler-Rede (S. 75) und sieht einen Laurel und Hardy-Film (S. 77). Am Neujahrstag 1933 hört er die Hass-Ansprache eines Nazis. Ulm erinnert ihn ans Mittelalter, vom Münsterturm weht eine Hakenkreuzfahne, ein paar Jahre später ist Ulm zerstört und entsteht als Betonwüste wieder (S. 125). Sicher er war sehr jung, man muss sich in diesem Alter nicht zwingend für Politik interessieren – aber hier ist wieder das angesprochene Problem: geschrieben ist das Buch viel später. Hätte er dem nicht Rechnung tragen müssen, bekommt es so nicht zwangsläufig etwas unechtes?

do-nauMan fragt sich auch ob seine Angabe stimmt, dass er an zwei Tagen von Heidelberg nach Stuttgart gelaufen ist. (Vgl. S. 101) Man fragt sich, ob nicht wenigstens ein Übersetzungfehler vorliegt, wenn seine Freunde bei einer Schiffsreparatur ein Stemmeisen benutzen – sind Stemmeisen doch Werkzeuge um Holz, nicht Metall zu bearbeiten. (Vgl. S. 76) Und wer weiss, was genau „karolingisches Wetter“ ist? (Vgl. S. 158) Wenn dann noch von „Tasthaaren“ bei einem Wels die Rede ist, beschleichen einen doch leichte Zweifel an der Übersetzung. Und den Brontosaurus, das weiss man inzwischen, hat es nie gegeben. (Vgl. S. 89) Auch würde man ein Schiff vielleicht weniger „scheitern“ (S. 243) als kentern lassen.

Sympathisch und im Grunde – wer kann es? – zu beherzigen ist allerdings seine Empfehlung zum Wechsel von Kuhstall und Schloss als Unterkunft. (S. 188)
Das Buch steht irgendwo zwischen empfindsamer Bildungsreise, einer neuzeitlichen´grand tour´, Schelmenroman und noch manchem mehr. Der Held hat immer Glück und betreibt beschauliche Wortmalerei, seine Reise erscheint ihm wie ein Traum, er kann wiederholt selbst nicht recht glauben, was er da tut, und dass er etwa in Wien ist (vgl. S. 285), wo er immerhin drei Wochen bleibt. Vielleicht ist das ein Teil des Mankos dieses Buches: hier schreibt ein Allesversteher. Fühlt er sich je wirklich fremd? Beides kann ein Talent sein! Möglich, dass hier mehr Fremdheit, mehr Distanz und weniger Wiederfinden ein spannenderes, kräftigeres Buch ergeben hätte.

Ein Jubelruf soll jedenfalls erschallen angesichts des Umstands, dass das Buch ordentlich gemacht und ausgestattet ist, innen wie aussen. Endlich einmal keine Druckfehler – eine Wohltat! Ob einem der orangefarbene Einband mit dem hineinmontierten Bildchen und der weiss geprägten Schrift gefällt, das dürfte Geschmackssache sein, zuerst kann man drüber erschrecken, aber immerhin ist es Leinen und beim dritten Hinsehen nimmt man es vielleicht schon gern in die Hand. Jedenfalls ist dieses outfit mutig und, auch ein Aspekt, gut wiedererkennbar.

Fermor selbst, der, über neunzigjährig, noch in Griechenland lebt, wurde nach seiner Fussreise zum Kriegshelden. Auf Kreta arbeitete er als Agent des Widerstands gegen die deutsche Besatzung und nahm 1944 General Kreip gefangen. So wurde er zum Ehrenbürger von Heraklion. Er bereiste die Karibik und war, wie auch Byron, ein Vorbild Bruce Chatwins. Aus dieser Karibik-Reise ging sein einziger Roman hervor: „Die Violinen von Saint-Jacques“, ausserdem ein weiterer Reisebericht: „The Traveller´s Tree“.

2 Antworten to “Patrick Leigh Fermor „Die Zeit der Gaben. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland an die mittlere Donau. Der Reise erster Teil“”

  1. 1 juh
    Dezember 18th, 2005 at 1:18 pm

    Das Buch wurde vor einer Weile auch in der taz besprochen:
    Buchtipp
    Old Europe
    8.10.2005 taz Reise 75 Zeilen, CHRISTEL BURGHOFF S. 15

  2. 2 Helmut
    Januar 26th, 2006 at 7:51 pm

    Hallo juh,

    vielen Dank für den Hinweis!
    Hatte das nicht mitbekommen, sondern in den üblichen Verdächtigen wie “Zeit”, “FAZ”, “Süddeutsche” und “FR” nachgesehen.

    Schöne Grüsse,

    Helmut