Antal Szerb „Die Pendragon-Legende“

Dezember 19th, 2005

Antal Szerb: „Die Pendragon-Legende“, Roman, aus dem Ungarischen von Susanna Vendrey-Großmann, mit einem Nachwort von György Poszler, Deutsche Erstausgabe München im Dezember 2004, zuerst in Budapest 1934, 311 Seiten, 14,50 Euro.

winterAntal Szerb gehört zu den in den letzten Jahren wieder ausgegrabenen ungarischen Autoren, er wurde im Jahr 1901 in Budapest geboren, promovierte 1924, schrieb Rezensionen und Essays und zehn Jahre später eine ungarische Literaturgeschichte. Von 1924 bis 1929 lebte er in Frankreich und Deutschland, anschliessend für ein Jahr in London. 1937 wurde er Professor in Szeged. 1945 wurde er im KZ Balf im Westen Ungarns getötet.

So ein Kürzestdurchlauf durch sein Leben. Wie geht man mit so einem Autor um, wie darf man mit ihm umgehen? Angesichts seines schrecklichen Endes. Andererseits: ist es berechtigt ein Leben nur von seinem Ende her aufzufassen? Oder ein Buch, das 1934 veröffentlicht wurde, aufgrund des furchtbaren Todes des Autors elf Jahre später, anders zu lesen als man es täte, wenn man diese Information nicht hätte?

Szerbs „Pendragon-Legende“ ist ein richtiger Schmöker, ein Buch, das auch gewiefte Leser, wenn sie es in die Hand nehmen mögen, an ihre Kinder- und Jugendlektüre erinnern wird. Es ist eine wilde Räuberpistole. Und dabei auch ein merkwürdig unrundes, unreifes Ding. Ungestüm wie ein Fohlen. Sein erster Roman. Was geht da alles eine Verbindung ein? Motive des Schauerromans, des Krimis, Horror-Anklänge gibt es, eine schwarze Messe, überhaupt viel mystisch oder geheimwissenschaftlich Verbrämtes. Dann wird aber immer auch wieder ein ironischer Umgang mit den Genres innerhalb des Buches. Teils wirkt es holzschnittartig, teils moritatenhaft, teils ist es zu hastig erzählt, ohne aus der jeweiligen Stelle etwas zu machen. Auf S. 211 wird die Auferweckung von den Toten zu schnell und man hat den Eindruck etwas lieblos abgespult. Das hätte man auf Effekt hin erzählen können. Es gibt klischeehaft-banale Sätze wie: „Und im hell erstrahlenden Glorienschein der untergehenden Sonne lag das wunderbare Reich der Earls of Gwynned vor uns mit seinen Bergen, Tälern und Dörfern.“ (S. 288) Das ist trivial, das ist einfach nicht gut, hätte man so nicht schreiben oder wenigstens nicht veröffentlichen dürfen. Zwei Seiten später gibt es dann einen überraschenden Vergleich: „Nach all den schrecklichen historischen Erlebnissen wirkten die Naturwissenschaften auf mich so erfrischend wie eine Alpenwiese.“ (S. 290) Das ganze Buch ist unrund, seine Teile wollen sich nicht stimmig zusammenfügen. Die unerfüllte romantisch-platonisch-vernünftige ´Liebesgeschichte´ zu Cynthia steht im Widerspruch zu der neusachlichen Deutschen Lene, die, sportlich und immer hungrig, für manche Überraschung gut ist und, nette Formulierung, „Gefühlslimonade“ hasst. (S. 155) Auch die dritte weibliche Hauptfigur, als Femme fatale angelegt, hat gewisse Reize, aber überzeugt letztlich nicht. Der Versuch, sie schillernd zu halten, gelingt nur teils und stürzt spätestens an der Stelle ab, als sie mit dem Protagonisten und Erzähler, der nicht unschwer als ein alter ego des Autors erkennbar ist, schläft – das passt zu beiden Figuren nicht und nicht zur Logik des Romans.

Dieser ist munter erzählt, der Beginn ist gelungen. Auch zwischendurch gibt es Gutes. Aber als Ganzes kann er auch den gewogenen Leser nicht gewinnen.
Vor allem, exzessiv auch in Szerbs späterem, viel besserem Roman, der „Reise im Mondlicht“: die Treffen! Wer wen wann trifft, damit strapaziert Szerb doch stets die Glaubwürdigkeit seiner Konstruktionen. Im vorliegenden Band bereits auf Seite 44 f., als der Zufall – allzuleicht und deutlich als die federführende Hand des Autors zu identifizieren – zwei zusammenfügt… Gut, hier wäre es noch aus dem Fortspinnen der Handlung motivierbar, aber wenn man die „Reise im Mondlicht“, zwar der spätere Roman, auf deutsch aber vor dem ersten erschienen, gelesen hat, ist man für solche Stellen bereits sensibilisiert.

Die gediegene melancholische Ruhe des Umschlagbildes von Jack Vettriano erweckt ein falsches Bild des Romans, kann ihn nicht angemessen etikettieren. So ein Zurücklehnen gibt es im ganzen Buch nicht. Es wird von der Stadt aufs Land gefahren und wieder zurück, es gibt slapstickhafte Verkleidungsszenen, freilich auch einen Wettlauf mit der Zeit, der in eine delirierende Beschreibung mündet, in der aber der gössere Teil der an der Suchaktion Beteiligten vergessen oder unterschlagen wird. Das alles ruhelos, kolportagehaft voranstolpernd.
Hinzu kommt, hier wie leider meist, dass das Buch nicht sorgfältig gemacht ist. Dazu sind es zu viele Fehler:
„Pötzlich wurde es hell, und ich fand vor einem kleinen Tisch wieder,….“ (S. 198) Hier dürfte nach „fand“ das Wörtchen ´mich´ fehlen.

„´Vielleicht wird es Sie interessieren zu erfahren´, sagte ich wie eine Klapperschlange, ´was ich weiß, inwieweit ich eingeweiht bin, und wie ich sehr Ihnen schaden könnte, wenn ich es denn wollte.´“ (S. 167) Hier dürfte zumindest die Reihenfolge von ´sehr´ und ´ich´ verdreht sein.
„Zwischen den langstieligen Gewächsen schweben die riesigen Axolotl mit ihrem gallertartigen, weißen Körpern.“ (S. 150) ´Mit ihren´ müsste es heissen.
„Sie hat sich den rechten Augenblick dafür ausgesucht, sie konnte ungestört bis zu ihm vordingen, denn der Earl war allein hier.“ (S. 261) ´Vordringen´ also.
Auf S. 107 ist von einem Whisky gesagt er sei ein „dreistöckiger“. Es ist klar was gemeint ist, aber ist das eine geläufige Ausdrucksweise? Ich kenne meinetwegen dreifache Whiskys, aber dreistöckige?

Und auch ein Satz wie „Meine Kindheit begann in mir zu erwachen wie ein ferner Geigenton.“ (S. 106) wirkt an dieser Stelle zu unvermittelt und gesucht um gelungen zu erscheinen, zumal es noch fraglich ist, was dieser Vergleich im Leser aufrufen soll: was sagt mir dieser vielleicht etwas zu gewollt poetische Satz eigentlich?

Welche tiefere Bedeutung oder Ironie sich hinter dem folgenden Satz verbergen mag, wollte sich auch nicht wirklich erschliessen: „Ich habe ihr von Ihnen erzählt, und stellen Sie sich vor, sie sagte, daß es tatsächlich Ungarn gebe auf dieser Welt und sie habe sie sehr gerne, weil ihr Schicksal dem unsrigen, dem der Iren, sehr ähnlich sei.“ (S. 44) Hat irgendjemand an der Existenz von Ungarn hienieden gezweifelt?

Nun denn, man kann das Buch ohne Schaden lesen, es kann einen auch unterhalten, es hat spannende und witzige Strecken, aber zwischendurch mag man zuweilen kaum noch aus dem Fenster sehen und der Zielort ist, nun ja, allenfalls eine unansehnliche, eher enttäuschende Kleinstadt. Man kann es lesen, wird sich vielleicht auch nicht wirklich ärgern darüber, aber man muss es nicht, es gibt gelungenere, triftigere Bücher. Dieses Buch wirkt, als hätte sich der Autor noch ausprobieren, erst noch finden müssen. Es wirkt nicht fertig. Man hätte es nicht neu herausbringen müssen. Ist es nostalgisch, ist es ironisch? Es ist alles durcheinander, es ist unentschieden. Und es ist zu sehr nur Papier, zu ausgedacht, zu künstlich; wenn künstlich, dann bitte so, dass es als dieses Kunstprodukt so weit in sich stimmig ist, dass es überzeugen kann. Auch nicht alles was von Marai in den letzten Jahren wiederveröffentlicht worden ist, hält das Niveau seiner tollen Romane oder Tagebücher. Vielleicht werden jetzt auch diese alten Ungarn wiederbelebt, weil die Lizenzen ausgelaufen sind und man sie nun frei drucken darf?

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