Willem Elsschot „Käse“
Januar 13th, 2006Willem Elsschot: „Käse“, aus dem Niederländischen von Agnes Kalmann-Matter und Gerd Busse, mit einem Nachwort von Gerd Busse, Zürich 2004, die Originalausgabe erschien im Jahr 1933 unter dem Titel „Kaas“ in Antwerpen, 141 Seiten, 16,90.-, inzwischen auch im Modernen Antiquariat erhältlich.
Ein kurzes Buch – 24 Kapitel auf 120 Seiten -, auch ein eiliges, fast ein wenig atemlos wirkend. Die Zutaten sind recht einfach, das Gericht wirkt etwas grob gestrickt.
Das mag der Poetik des Autors entsprechen, der in dem beigegebenen Vorwort zur Originalausgabe schreibt: „Von Anfang an, denn ein Buch ist ein Lied, muss man den Blick auf den Schlussakkord richten, von dem etwas durch die ganze Geschichte gewoben werden muss, wie das Leitmotiv bei einer Symphonie.“ Und er fährt fort: „Wer den Schluss nicht aus den Augen verliert, wird von selbst alle Langatmigkeit vermeiden, weil er sich ständig fragt, ob all seine Details zum Erreichen seines Ziels beitragen. Und er kommt dann rasch zu der Entdeckung, dass jede Seite, jeder Satz, jedes Wort, jeder Punkt, jedes Komma das Ziel näher bringt oder es auf Distanz hält.“ (S. 128)
Elsschot formuliert hier selbst sehr schön und prägnant einen wesentlichen Teil seiner Poetik – es ist ein holzschnittartiges, fast hektisches Erzählen, das sich keinerlei Digression erlaubt. Ein Erzähler im genuinen Sinn ist er nicht. Braucht das Erzählen ein erklärtes Ziel, das zu erreichen ist? Und wenn es eines hat: wird es dadurch etwa besser? Ein Erzähwerk ist keine Abhandlung. Was wäre das Ziel, in dem Sinn, wie Elsschot ihn oben verwendet, von Poesie?
Durch seine Art des Erzählens kann (muss?!?) der Gegenstand an Spannung verlieren, an erzähltem Leben, er kann leicht etwas lehr- oder parabelhaftes bekommen, nur Mittel zum Zweck werden – und sei der auch immer gut, das Erzählte muss es nicht automatisch sein, fast möchte man zur Annahme des Gegenteils neigen.
Nun, was wird auf diese Weise erzählt?
Es ist die Demaskierung und Desillusionierung eines Kleinbürgers, der höher hinauswill, dazu aber völlig unfähig ist.
Ist das komisch?
Oder doch eher tragisch?
Der Autor hat dieses Buch selbst für sein bestes gehalten. Geschrieben hat er es in zwei Wochen, erstmals erschienen ist es im Jahr 1933.
Sicher, es gibt Ironisches, Sarkastisches, Zynisches in diesem Buch, aber unter dem Strich wirkt es auch eines skurrilen, manchmal aberwitzigen Humors zum Trotz doch sehr viel eher trist und traurig als witzig.
Es ist die Geschichte eines nur zu vorhersehbaren, unausweichlich eintreten müssenden Scheiterns, von dem der geneigte Leser das ganze Buch über gezwungen wird Zeuge zu sein.
Und dass Nachwort und Kritik mehrfach eine Parallele zum heutigen Unding und der Zumutung und der Hilflosigkeit und Flucht der Ich-AG ziehen, machen das ganze nicht witziger.
Das zwangsläufige Scheitern des sozialen Aufstiegs ist vielleicht auch nur ein begrenzt komisches Thema.
Der Autor stellt Absurditäten des sozialen, des geschäftlichen und des Ehelebens dar, teils auf grelle Weise, die komisch wirken können, die aber zugleich nie reine Komik sind, vielleicht auch nicht sein wollen, sondern immer einen Zwischen- oder Nebenaspekt mitführen, der einen nur grinsen lässt oder auch das Lachen in den Hals zurücktreibt.
Was schreibt Elsschot da: einen Roman?, eine Novelle?, eine Tragikomödie?, eine Erzählung, ist er Komiker, Realist, Sarkast, schreibt er eine Groteske oder Farce?
Er selbst, er lebte von 1882 bis 1960, flog mit 16 von der Schule, war Laufbursche, Mitbegründer eines literarischen Zirkels, dann lernte er auf Druck seines Bruders Kaufmann, ging 1906 nach Paris, wo er bei einem argentinischen Geschäftsmann angestellt war, der wohl mehr Arbeit mit der Verwaltung seiner zahlreichen Mätressen hatte, als mit tatsächlichen Geschäften, ging nach zwei Jahren in die Niederlande, heiratete die Frau, mit der er bereits seit sieben Jahren ein Kind hatte, dem noch fünf weitere folgen sollten und ging schliesslich nach Brüssel, wurde mit einer Werbeagentur und einer eigenen Firma selbständig und hatte Erfolg damit.
Geschrieben hat er, nicht uninteressant, heimlich, unter Pseudonym, immerhin 11 Romane im Lauf der Zeit.
Ist es Selbstironie, sind es verdeckte Selbstporträts, die er schreibt? Denn sein ´Held´ Laarmans weist doch unabweisbare Ähnlichkeiten zu seinem Verfasser auf.
Erfolg hatten seine Bücher erst lange nach ihrem Erscheinen, zunächst wurden sie kaum beachtet.
Januar 17th, 2006 at 7:31 pm
dear helmet!
ich weiß gar nicht, was du willst. mir hat dieser kleine roman sehr gefallen. er ist komisch und zugleich tottraurig, eine gute mischung, wie ich finde. dazu in einem schnörkellosen stil geschrieben, der den plot emotionslos vorantreibt, ihn bisweilen sogar ins skurille übertreibt. jede sentimentalität fehlt und die vielen käse-neologismen lassen das in ansätzen tragische dieser figur immer wieder ins theatralische und aberwitzige kippen, ohne daß die existentielle tiefe verloren ginge. kleiner mann mit großen plänen, die grandios ins leere laufen. ein exemplarisches scheitern, mit kursorischen einblicken in die kapitalistische verwertungsmaschinerie und wie diese dazu führt, daß der held sich selbst, seine selbstachtung und die achtung seiner familie, überhaupt sein soziales standing verliert. für mich ist es, um auf deine frage nach dem genre des buches zu antworten, für mich also ist es eine charaktersatire, bisweilen mit leisen sozialanklägerischen zwischentönen: sie handelt von jemandem, der zu nachgiebig ist und der bei dem versuch, seine soziale minderwertigkeit loszuwerden, nach einer phase des aufstiegs und seiner psychologischen folgen zuletzt endgültig abstürzt und doch wieder bei sich selbst ankommt, allerdings mit veränderter selbstwahrnehmung: “ich glaube, daß mir dies alles passiert ist, weil ich zu nachgiebig bin. als mich van schoonbeke fragte, ob ich es tun wolle, hatte ich den mut nicht, ihn und seinen käse von mir wegzustoßen, wie ich es hätte tun sollen. und für diese feigheit tue ich buße. ich habe die käseheimsuchung verdient.” die käseheimsuchung läßt ihn, nach einem kartartischen prozeß der selbstverkennung und -überschätzung, aber auch der -täuschung, zuletzt seinen ureigenen wert im kreise seiner familie und seines angestammten berufes erkennen. vielleicht wird nicht viel erzählt in diesem buch, und vielleicht ist die straffe handlung allzu gleichnishaft verkürzt und zu einseitig auf das erzählerische ziel einer desillulsionierung hin konzipiert, doch es bietet auch einblicke in eine sehr spezielle conditio humana. so jedenfalls war mein leseeindruck. grüße ewu.
Januar 26th, 2006 at 5:41 pm
Lieber Ewu,
ich danke für den engagierten und nachvollziehbar argumentierenden Kommentar!
Dennoch, bei mir waren einige Aspekte der Wahrnehmung dieses Romänchens anders gelagert.
Noch einmal kurz:
Komisch und todtraurig: ja, mag sein, nur musste ich das Komische doch eher mit der Lupe suchen, wenn nicht mit dem Mikroskop.
Vor allem:
Der Grund dafür?
Es ist doch weniger, auch wenn die Selbsteinschätzung der Figur das behauptet, Nachgiebigkeit. Das Projekt ist von Anfang an gnadenlos zum Scheitern verurteilt – wegen totaler Unfähigkeit der Figur. Dem zusehen zu müssen kann peinlich oder doch peinigend sein. Wie wenn im Film das Auto in dem die Bremsen nicht funktionieren auf den Abgrund zufährt, aber die Insassen es noch nicht wissen.
Grandios ins Leere laufen?
Ist es nicht ein absolut klägliches Scheitern, ein mieses, kleines? Über seine Frau muss er sich erheben und selbst die Kinder helfen ihm und machen es besser als er selbst. – Was wäre daran grandios?
Vor allem aber hat mir die Erzählweise missfallen. Das den Stoff abhandeln, ein Ziel erreichen wollen.
Das mag auch ein Geschmackurteil einthalten, kann sein, dass mir digressivere Schreibweisen näherliegen, beides darf sein.
Jedenfalls danke ich für den Kommentar, ich werde meine Eindrücke auch noch einmal prüfen, in jedem Fall ist aber ein Gespräch über…immer gut, man muss ja gar nicht zu identischen Einschätzungen kommen.
Schöne Grüsse,
Helmut
Januar 27th, 2006 at 8:06 pm
dear helmet!
hier noch ein kurzer nachtrag.
liegt nicht in jedem scheitern die möglichkeit einer neuen standort- und selbstbestimmung?
gewährt nicht gerade das scheitern eine neue, reflexive und reflektiertere beziehung zum eigenen leben?
liegt das nicht auch bei unserem käse-helden vor? ist er am ende nicht doch mehr bei sich, und das gerade weil er diese soziale und psychische misere durchleiden mußte? liest man, wie ich, das werkchen als charaktersatire, wo zum schluß ein geläuterter ins eigene leben zurückkehrt, so wird man die gewählte erzählweise als angemessen empfinden können, ohne allerdings von ihr ganz eingenommen worden zu sein. denn das war ich auch nicht. trotzdem habe ich die logik und stringenz der stoffbehandlung estimieren können, und das gerade weil sie so unabänderlich und auch vorhersehbar gehandhabt wurde. ein schiffbruch mit zuschauer, dem leser nämlich. aber auch das dürfte eine geschmackssache sein. grüße ewu.
Januar 31st, 2006 at 10:08 pm
Dear Ewu,
Ich sehe zwei Punkte:
Einmal das was Du “Charaktersatire” nennst. Gut. Man kann den Käse so lesen.
Was ich aber noch anmerken möchte:
Dieser Charakter ist – und das ist kaum zufällig – auch ein Sozialcharakter.
Und was wäre dann das Moralchen des Buches?: ´Schuster, bleib bei deinen Leisten´? – Ziemlich affirmativ!
Und das noch aus uranfänglicher Unfähigkeit oder Verkennung der Tatsachen.
Merkwürdige Läuterung.
Man muss diese Botschaft weder angenehm noch sympathisch finden.
Ob sie komisch ist mag jeder für sic entscheiden.
Zum Zweiten:
Die Art wie hier erzählt wird.
Und hier meldest Du ja auch Distanz an.
Es wäre stringent gemacht.
Ja, sicher, aber das war ja auch Teil meiner Kritik: es ist mir zu straight, zu einsinnig und vorhersehbar um spannend zu sein. Zudem dagradiert dieser ´Schiffbruch mit Zuschauer´ den Leser zum Voyeur.
Hier könnte allerdings noch ein interessanter Aspekt liegen: wie weit ist der Protagonist weg vom Leser? Ist das Lachen über ihn auch ein Abwehr-Lachen? Steckt dieser Protagonist auch in einem selbst? Vielleicht liegt hier die produktive Seite des Büchelchens.
Ob das aber in der Absicht des Autors lag ist nicht sicher. Ob es dazu diese und nur diese Erzählweise gebraucht hätte noch weniger.
Schöne Grüsse,
Helmut
Februar 1st, 2006 at 7:09 pm
lieber helmet!
abschließend zum käse noch dies:
ad 1) die moral sehe ich in etwa so: schuster bleib bei deinen leisten, aber nur, wenn es die deinigen sind, und um das zu erkennen, muß er von ihnen weg und durch die fremde wieder zurück zu ihnen. die verkennung der sozialen tatsachen wie auch die fehlgehende selbsteinschätzung gehört zum läuterungs-weg, den der held zu gehen hat.
ad 2) voyeure sind wir doch als leser immer. die geschichte wird vor unseren augen und für unser vorstellungs- und denkvermögen ausgebreitet, insofern begehen wir immer eine indiskretion, wenn wir ein buch aufschlagen. und außerdem – das hatte ich schon einmal in einem mail angedeutet, vor monaten – liest man ja auch, um nicht alles erleben zu müssen, von dem man da erzählt bekommt. insofern könnte in deiner vermutung, daß unser lachen über den käse-helden, das im übrigen meist im halse stecken bleibt, aus abwehr geschieht, zutreffen, zumindest geschieht es aus der geschützten position des unbeteiligten und nicht-betroffenen heraus. das wäre dann allerdings ein lachen aus überheblichkeit und dazu besteht bei diesem büchlein kein grund. denn: die charakterdefizite des helden sind so allgemeinmenschlich, daß sich niemand davor gefeit glauben sollte. aber das alles sind zu viele worte für einen kleinen roman, der vielleicht nur belehrend unterhalten wollte und dafür die etwas didaktisch geratene fabel von der käseheimsuchung eines büroangestellten mit minderwerigkeitskomplexen wählte. mäßig große ereignisse, die von außen ins rollen gebracht werden und denen der held nichts substantielles entgegenzusetzen hat und der daher notwendigerweise – und für dich zu vorhersehbar und eineindeutig – scheitern muß – aber am ende, und daran will ich festhalten, ein anderer geworden ist: plötzlich ist da wieder die intimität eines gemeinsamen weinens zwischen den eheleuten möglich (s.113) und im büro kann er zwischen zwei briefen noch inneren stimmen lauschen (s. 115). ganz kuriert scheint er jedoch nicht zu sein, denn im salon, von dem alles seinen ausgang nahm, firmiert er weiterhin als direktor der gafpa. er hat also immer noch ein stück weg vor sich. was ihn für mich jedoch wieder sympathisch macht. so viel dazu. grüße ewu.
p.s.: mit dem ende, der friedhofszene, bin ich übrigens bis heute noch nicht im klaren. kannst du mich aufklären? was soll die szene mit der fremden frau am elterngrab bedeuten?
Februar 2nd, 2006 at 3:54 pm
Lieber Ewu,
ich hatte Deinen letzten Kommentar schon beantwortet, da hat der Netz-Orkus das ganze gefressen: grmpfl!
Es gibt noch andere (spannendere) Bücher, wir müssen uns nicht übemässig an diesem aufhalten. Trotzdem noch ein paar Bemerkungen:
-Leisten:
daraus klingt ein recht affirmatives Menschenbild, oder?
Und was sind “soziale Tatsachen”?
Birgt diese Formulierung nicht einen Widerspruch in sich? Ist Soziales nicht immer von Menschen Gemachtes? Sollte das ein für allemal zementiert sein?
-Voyeur:
Hier sehe ich dringenden Differenzierungsbedarf. Für mich ist kein Akt des Voyeurismus, wenn ich zwei Buchdeckel aufschlage. Bücher sind etwas Gemachtes und sie sind als Veröffentlichte für die Öffentlichkeit bestimmt. Was nicht drinstehen soll, braucht niemand reinschreiben. Wieso also Voyeurismus? Ein Voyeur ist doch jemand, der andere ohne deren Wissen und Einverständnis beobachtet und sich daran delektiert.
Eine Verkürzung kann schon eine halbe oder ganze Unwahrheit sein.
-Lachen aus Abwehr oder aus Überheblichkeit:
Für mich geht auch das nicht zusammen. Wer aus Abwehr lacht tut dies ja, eben weil er eine Ähnlichkeit entdeckt hat oder spürt – sonst wäre Abwehr ja sinnlos! Überheblichkeit hat hier also m.E. keinen Platz.
-Was Deine Frage bezüglich der Friedhofsszene angeht, so kann ich leider im Moment darauf nicht antworten, weil mir die Szene nicht in Erinnerung ist und ich es nciht nachschlagen kann, weil ich mein Exemplar von “Käse” beeits verschenkt habe.
Aber bei Gelegenheit könnte ich es mir ausleihen und nochmal nachlesen.
Ein buchreiches Wochenende wünscht
Helmut