Nick Hornby „A Long Way Down“

Januar 30th, 2006

Nick Hornby, 1957 geboren, in London lebend, zunächst Lehrer, dann erfolgloser, schliesslich erfolgreicher Schriftsteller, hat sich in seinem neuesten Buch dem Thema Selbstmord gewidmet – oder Suizid oder Hand an sich legen oder wie man den Umstand der Selbstauslöschung sonst unfreundlich oder freundlich nennen will.

hhausZu diesem Zweck schickt er am Silvesterabend vier Leute annähernd gleichzeitig auf das Dach eines Hochhauses, mit der Absicht, sie weder die Treppe noch den Fahrstuhl nehmen zu lassen um wieder herunterzukommen. Natürlich springen sie nicht. Sie bilden eine Zweckgemeinschaft. Sicher kein Zufall, dass die Geschlechterverteilung paritätisch gewählt ist. Schon da fängt man an, auf die Konstruktion zu achten. Was sind das für Figuren, die einem da angeboten werden? Man hat den Eindruck, dass Hornby auf ihre Auswahl, ihre Charakterbildung nicht wenig Zeit verwendet haben dürfte. Weil sie sehr verschieden sind. Weil sie so verschieden sind, dass sie das gesellschaftliche Spektrum recht gut und möglichst weit abdecken sollen.

Die zugrunde liegende Idee ist eigentlich, wenn man das bei diesem Gegenstand so sagen darf, recht hübsch und ganz witzig. Eine Versuchsanordnung in Sachen „Ja“ oder „Nein“ nebst der Erzählung der jeweiligen Gründe dafür.
Man liest das alles wohlwollend, aber ohne wirkliche Beteiligung. Das ist nicht schlecht gemacht, aber toll ist es auch nicht. Im ganzen Buch kommt, den Beginn ausgenommen, wenig Überraschendes vor. Die ewige Gossensprache und das dauernde Entschuldigen bei einer der Figuren, Maureen, die noch etwas anders gestrickt ist, kann einem dann schon mal auf den Nerv fallen. Das kann man mal machen, aber nicht am laufenden Meter. So stellt sich der Autor selbst ein Bein.
Demnach ist der Eindruck, den das Buch hinerlässt, ein lauer.

Hornby ist einigen Fallen, die bereitstanden ordentlich ausgewichen, doch das Gesamtergebnis kann nicht ganz überzeugen. Kein schlechtes Buch, aber es reisst nicht mit, rüttelt nicht auf – was vermittelt es an Erkenntnissen?
Dass das Leben, wenn man einfach weitermacht, auch wenn es einem Scheisse geht, so sehr, dass man meint am Ende zu sein, sich doch wieder drehen und einen freundlicher ansehen kann? Gut, sicher, aber nachgerade keine revolutionäre Erkenntnis.

Es gibt einige Hornby-typische Stellen, auch komische, freilich, auch nachdenkliche, das scheint ja genau der Spalt, den der Autor besetzt zu haben scheint: locker-flockige Art des Schreibens, mit viel Umgangssprache einschliesslich einem nicht geringen Repertoire an Gossensprache, gepaart mit einem recht guten und belesenen Köpfchen – U + E, um es auf die Formel zu bringen. Das ist auch ganz gefällig, aber das ist, hier zumindest, das Problem. Zu harmlos, zu nett, zu irgendwas. Zumal sich im Verlauf des Buches herausstellt, dass alle vier im Grunde doch nicht wirklich bereit waren zu springen. Der eine, der es dann im doch tut, das immerhin ist ein guter Einfall, redet nicht, lässt keinen an sich ran, er springt. Schluss. Aus. Tot. Aber er gehört nicht zum Quartett, es ist eine randständige Szene.
Man kann das mit Wohlgefallen lesen, manchmal mag es etwas schal sein, manchmal weniger, man wird sich nicht ärgern das Buch gekauft und damit Zeit zugebracht zu haben, aber nochmal lesen wird man es vermutlich nicht. Und ob man in ein paar Wochen sich noch unwillkürlich daran erinnern wird?

Man fragt sich warum Hornby das geschrieben hat? Was er damit sagen, wen er ansprechen wollte.
Alle? Weil wir alle Nichtspringer sind? Weil wir aber vielleicht auf die eine oder andere Art schon mal daran gedacht haben? Oder einmal in die Verlegenheit kommen könnten es zu tun?
Nein, es müsste ihn doch erzählerisch etwas gereizt haben an dem Stoff. Was ist es?
Die Göre Jess, die alle aufmischt?
Die unterschiedlichen Gründe mit ihren unterschiedlichen Arten des Scheiterns? Das Leben, als zu Verbrauchendes, im Nachhinein immer erschreckend kurzes? Ja, aber wissen wir das nicht bereits?
Was ist das Besondere an diesem Buch? Die Aufteilung in verschiedene Sichtweisen und Erzähler ist nicht neu, das gab es schon häufiger. Das Thema selbst?
Am Ende gar eigene Erfahrungen?

Wir wissen es nicht und das Buch scheint darüber auch zu schweigen, oder?
Natürlich gibt es auch hier Druckfehler. Nicht viele, aber einige. Die Buchpreise sind recht astronomisch geworden, die Qualität nicht besser. Die Verlage sollten daran arbeiten. „Zuwieder“ (S. 46) ist nicht nötig. Eine Allergie kann man entwickeln gegen das Verwechseln von „das“ und „dass“, begegnet einem das doch laufend schon in den Tageszeitungen, auch den grossen. Aber: auch hier: S. 302. Und soll „mein Exfrau“ (S. 314) nahelegen, dass sie ein ziemliches Mannweib ist? „Restaurierungebedürftigen“ (S. 310) ist zwar ein langes Wort, aber das ist noch kein hinreichender Grund den ´s´ mit dem ´e´ zu verwechseln. Genug davon, es gibt noch mehr.

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