Aglaja Veteranyi „Warum das Kind in der Polenta kocht“

Februar 2nd, 2006

Aglaja Veteranyi: „Warum das Kind in der Polenta kocht“, Roman, zuerst Sept. 2001, hier 5. Aufl. Juni 2005, 188 Seiten, Tb-Version 9.- Euro

Dieses Buch ist ein Aufschrei. Es starrt vor erfahrenem Schmerz, vor erlittener Verletzung und übernommenen, überfordernden Problemen. Die Bilder, die es dafür findet, platzen zuweilen ins Surreale. Bilder eines Kindes, das eine Kindheit hatte, wie sie kein Kind haben sollte. Man spürt: das ist keine Mache. Das ist buchgewordener Schmerz über die Welt wie sie ist, aber nicht sein sollte. Die Buchstaben des Buches wirken wie innerlich vertrocknete Tränen, geweint als Schrift, lesbar als unendliche Trauer, als Überleben von Verzweiflung. Es zeigt das Land in und hinter der Verzweiflung: Das Elend.
tunnelDas ist mehr als ´nur´ Literatur. Es ist ein Glücks- und ein Trauerfall in einem. Es ist Klage und Anklage. Schneidend scharfe, todtraurige Bilder drohen noch den Leser zu verletzen.
Ein Buch wie ein Sack voll wabernder Bitterkeit.
Wie hilflos die Worte, wie heillos die Phantasien sind!
Als kleine, erbärmliche Rettungsanker werden sie ausgeworfen, Enterhäkchen, die an keiner Mauer, an keinem Schiffsrumpf greifen wollen, die überall abrutschen. Töne, deren Echo verhallt.
Sie sind so weit weg von der Wirklichkeit, der sie zu entfliehen suchen, dass es schrill wirkt.
Lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre.
Jedes Wort in diesem Buch wirkt stimmig und am Platz.

Es gibt Bericht von einem Kinderleben, das mehr einem Alptraum gleicht, vom Exil, der Flucht der Familie aus Ceausescu-Rumänien mit unmenschlichen Zuständen, in den Westen.
Aber auch einem Exil innerhalb der neuen Gesellschaft, die nicht zur Heimat wird.
Und dem Exil innerhalb dieser Familie, die schliesslich in wilder Weise zerbricht: die Eltern trennen sich, die Autorin kommt zusammen mit ihrer Schwester in ein Heim in der Schweiz, später wird die Schwester mit dem Vater schlafen.
Es ist die Schilderung einer völlig einsamen Kinderseele, die die sich ereignenden Vorgänge nicht versteht und ihnen darum auf Kinderart begegnen muss. Mit kleinen Grausamkeiten, mit absurder Pseudologik und diesem typischen Blick, der naiv scheint und doch hellseherisch ist, auf Kinderart eben, der diesen Kinderzauber hat und diesen Kinderschmerz.

Einige Beispiele:

„Wenn ich gewußt hätte, was die Demokratie aus uns macht, wäre ich nie von zu Hause weggegangen! sagt meine Mutter. Wir gehen ins Paradies, sagte dein Vater.
Was, Paradies!
Hier sind die Hunde wichtiger als die Menschen! Wenn ich meiner Familie schreibe, daß die Regale im Laden voller Hundefutter sind, glauben sie, ich bin verrückt geworden!
Hier haben alle warmes Wasser im Bad und einen Kühlschrank im Herzen!“ S. 131

„Ich habe grosses Glück, wir sind immerhin schon so reich, daß ich Boxi nicht essen muß!
Wer in Rumänien einen Hund hat, läßt ihn entweder verhungern oder macht daraus Fleischsuppe, um selber nicht zu verhungern.“ S. 66

„Meine Mutter küsste uns Löcher in die Wangen. Sie und Frau Schnyder stiegen wieder ins Auto.
Winken.
Meine Mutter soll auf der Stelle sterben, dachte ich, dann werden wir sie im Garten unter unserem Fenster begraben. Im Sommer werden die Erdbeeren nach meiner Mutter schmecken.“ S. 83

„Ein Tier knabberte in meinem Bauch, es hatte mir schon die Beine weggefressen.“ Ebd.

„In jeder Sprache heisst dasselbe anders.“ S. 87

Nur dass das Mass des zu Erleidenden für dieses Kind schier zu gross ist. Nur dass etwas in ihm zerbricht am Übermass des Unglücks, der Überfrachtung und der Zumutungen, die ihm widerfahren. Nahezu peinigend zu sehen, wie aus so viel unverschuldetem Leid Literatur, Kunst wird, die aber ihrer Autorin nicht mehr zu Nutz und Frommen ausschlägt. Dieses Buch und diese Lebensgeschichte kennen kein Happy End.
Am 3.02.2002 schwimmt Aglaja Veteranyi nachts auf den Zürichsee um zu sterben, nicht einmal vierzig Jahre alt.

Es gibt ein Buch von Adolf Muschg mit dem Titel „Literatur als Therapie?“ Da steht ein Fragezeichen am Ende, das ist nicht zu übersehen. Die Frage muss man wohl mit ´Nein´ beantworten. Da verschlägt auch der von Veteranyi gesagte Satz nichts:
„Das Schreiben hat mir das Leben gerettet.“
Ja, mag sein, für eine Weile.
Das Buch ist autobiographisch.
Die spätere Autorin ist zunächst Analphabetin, kennt keinen wirklichen Schulbesuch, kann keine Briefe an ihre Verwandten schreiben, auch in der eigenen Sprache nicht. Mit siebzehn Jahren bringt sie sich selbst Lesen und Schreiben bei. Vorher steht die riesige Scham über den Analphabetismus und die nicht vorhandene Bildung.
Sie beschreibt ein Leben ausser Balance.
Es gibt Leben, die liegen näher am Tod als andere.
Ihres gehörte wohl dazu.

Das Ausmass der Verletzungen ist nicht beliebig. Man erträgt nicht alles. Äusserlich mag man, zunächst, unversehrt sein, aber was nützt es, wenn die Seele irreparabel zerrüttet ist und das Leben nur noch als Krankheit zum Tode verstanden und gesehen werden kann? Der Blick auf die Welt und damit auf sich selbst und alles ist aus der Bahn verrückt.
Jean Améry hat das in anderem Zusammenhang schauerlich deutlich beschrieben.
Es gibt Beschädigungen, die man nur eine Zeit lang überleben kann.
Es ist ein wunderbares und ein furchtbares Buch, mit sprachlichen Bildern von grosser Wucht und Schönheit und Verlorenheit. Ein Buch ohne Trost.

Einige Beispiele:

„Wenn du Angst hast, nimmst du dein Herz in den Mund und lächelst, sagt meine Mutter.“ S. 126

„In der Nacht vor dem Unfall hatte ich geträumt, daß mir meine Mutter die Haare abschnitt.
Lange Haare graben sich in die Erde ein und ziehen dich zu den Toten, sagte sie.
Beim Sprechen fielen ihr die Zähne aus dem Mund.

Bist du jetzt die Mutter? Fragte meine Mutter.

Ich setzte mir ihre Augen ein und schaute sie an.
Ihr Gesicht war ein Zifferblatt, der Zeiger grub sich in die Haut ein und schnitt kleine Scheiben ab.“ S. 128

„Im Zimmer begann es zu schneien.
Das Sofa fror ein.
Die Wände froren ein.
Meine Hände und Füsse froren ein.
Meine Augen.
Der Schnee deckte mich zu.“ S. 166

Aber es ist unbedingt eines, dessen Lektüre man sich aussetzen sollte.
Es ist, so bitter es als Buch und noch mehr in Anbetracht des Schicksals der Autorin sein mag, ein Meisterwerk. Vergleiche hinken immer und treffen oder erhellen manchmal; man wird sich vielleicht nicht vergreifen, wenn man dieses Buch in einem Atemzug mit Franz Kafka, Bruno Schulz, Danilo Kis oder dem Landsmann von Veteranyi, Max Blecher, nennt.
Sprachlich steht es spürbar am Rand, an einem Krater, dessen Innenseite Depression, Wahnsinn oder Selbstmord heisst.

hängenPeter Bichsel hat das mit treffender Prägnanz auf dem Klappentext zum Ausdruck gebracht.
Die Brillanz wie die Härte des Buches beginnt bereits mit dem Titel, der so einfach ist, so märchenhaft naiv und grausam wie das was nachfolgt.
Auch im Text gibt es Sätze, die durch ihre Aussage und ihre lapidare Art provozieren:

„Aber was bringt denn kein Unglück!“ S. 69

„DIE ZEIT FRIERT.“ S. 90

„Das Leben ist ein Haufen Scheiße.“ S. 153

„Ich werde jung sterben.“ S. 156

„Ich bekreuzige mich nicht.“ Ebd.

„Ich habe keine Bücher.“ S. 161

„Das Glück hatte ich mir anders vorgestellt.“ S. 178

Jeder Satz ein Schrei. Und was für Sätze für ein Kind!

Grosses Leid muss nicht zu grosser Kunst führen, tut es in der Tat wohl eher selten, hier aber ist es geschehen. Man kann dem Buch nur viele Leser wünschen.
Immerhin, die Autorin hat einige Preise dafür bekommen.
1999 war sie mit ihrem Text beim Bachmann-Wettbewerb durchgefallen. Thomas Hettche hatte sie mit seinem Kitschvorwurf hart angegriffen, aber sie replizierte, dass Hettche damit nichts über die literarische Qualität ihres Beitrages ausgesagt habe, sondern sich einfach nicht mit dem Inhalt auseinandersetzen wollte.

„Warum das Kind in der Polenta kocht“ ist ein Dokument dafür, wie der in Schrift verwandelte Kinderblick auf permanente Angst, Verletzung, Schmerz, Fremdheit, Einsamkeit und Exil reagiert. Und auf die Nachricht, dass es hätte abgetrieben werden sollen. Beinah bestürzend zu sehen, dass selbst diese Sprache voll Poesie und Bildkraft, voll Ausdruck, letztlich nicht hilft, nichts bewältigt, nicht mehr in der Welt verankert. Manchmal nimmt sie in eher diskursiven Passagen Tempo auf, wenn der Schmerz zu gross wird, überschlägt sich, sie schwappt ins Kindlich-Surreale; Sichtweisen, die bereits Walter Benjamin zusammenführte.

Ob diese Sprache daher kommt, dass das Rumänische, man kann auch an die Sprache Herta Müllers etwa denken, eine Sprache von grosser Bildhaftigkeit und eindrücklichen Formulierungen ist oder ob sie daher rührt, dass Veteranyi ihre Schreibsprache deutsch erst spät lernte und sie darauf angewiesen war, sie sich selbst beizubringen und sie sich dadurch evtl. einen ganz eigenen, besonderen Zu- und Umgang zu dieser beschaffte, wäre eine interessante Frage.
Mehrfach erinnern Passagen des Werkes an das Buch Hiob: das Kind klagt Gott an.
Gott oder eine Welt, die das zulässt, was darin geschieht. Die Hölle der Ungerechtigkeit, der ungleichen Verteilung dessen, was da ist und man haben könnte und was aufs Sein sich auswirkt.

Die Sprache des Buches, vor allem seine Bildsprache, findet groteske, teils schneidende Bilder mit surrealem Charakter um das auszudrücken, was es ausdrücken muss. Und hier steht ein ´muss´, es könnte kein ´will´ dastehen. Darin unterscheidet es sich ebenso spürbar wie grundlegend von einem Roman wie etwa „A Long Way Down“ von Nick Hornby. Dort parliert man einen Roman lang über den Selbstmord. Die Autorin des vorliegenden Buches thematisiert ihn nicht, sie hat ihre Angst umgeschmolzen – und welche Kräfte müssen dazu nötig gewesen sein – in eine erzählerische Reduktion, die durch ihre Bildkraft äusserst sprachmächtig ist; sie redet nicht darüber, sie tut es schliesslich.
1962 wird Aglaja Veteranyi in Bukarest in eine Schaustellerfamilie und ein unstetes Leben geboren. Seit 1982 ist sie freie Schauspielerin und Autorin. 2002 will sie nicht mehr leben. Dazwischen stand eine Blitzkarriere und grosse Hoffnungen von Kritik und Publikum. Vielleicht sass sie in der ´Glücksfalle´, war sie durch inneren Zwang genötigt, den Eindruck grosser Angst und äusserster Verlorenheit, den sie mit Glück assoziieren musste, weil Kinder so reagieren, weil sie auch die Schuld für die Verfehlungen der Erwachsenen bei sich suchen, wie es auch im vorliegenden Buch mehrfach beschrieben wird, stets auf´s Neue zu reproduzieren – und war dem nicht gewachsen. (Es gibt diesen Effekt. Vgl.: Martha H. & William J. Pieper: “Wege aus der Glücksfalle”, Freiamt 2004)

„AM LIEBSTEN HABE ICH GESCHICHTEN MIT MENSCHEN, DIE ESSEN ODER GEKOCHT WERDEN.

In jeder neuen Stadt grabe ich ein Loch in die Erde vor unserem Wohnwagen, stecke meine Hand hinein, dann meinen Kopf und höre, wie Gott unter der Erde atmet und kaut. Manchmal will ich mich ganz zu ihm hinabgraben, trotz meiner Angst, von ihm gebissen zu werden.

GOTT IST IMMER SEHR HUNGRIG.

Er trinkt auch gern von meiner Limonade, ich stecke einen Halm in die Erde und gebe ihm zu trinken, damit er meine Mutter beschützt. Und ich lege ihm auch ein wenig vom guten Essen meiner Mutter ins Loch.“ S. 75

Eine Antwort to “Aglaja Veteranyi „Warum das Kind in der Polenta kocht“”

  1. 1 ewu simpel
    Februar 28th, 2006 at 12:15 pm

    lieber helmut!

    ich kann dir in fast allem zustimmen.

    nur eines ist mir nicht ganz klar geworden. auch in meiner eigenen leseerfahrung nicht. was ist dein kriterium, das dich sagen läßt, dieses werk sei ein buchgewordener schmerz, sei mehr als nur literatur und vor allem keine mache? ich weiß, worauf du hinauswillst, daß eben in diesem roman jedes wort stimmig gesetzt wurde und die literarische form überzeugend ihr thema darstellt. nur: literarisch gekonnt gemacht, aber keine mache – woran erkennt man das? vor allem, wenn man nicht – wie du und andere rezensenten – den rekurs auf die reale lebensgeschichte der autorin vollzieht? muß man das, um das buch als meisterwerk erkennen zu können? muß man das autobiographische sehen und ist es überhaupt so offensichtlich, um die not, die hinter der sprachlchen darstellung steht, zu spüren?

    wovor stockt uns beim lesen eigentlich der atem?
    vor dem real erlittenen leid?
    oder vor dem naiven kinderblick, der den geschehnissen und dem darin enthaltenen leid fassungs- und verständnislos gegenübersteht und sie in eine märchenhafte eigenwelt sui generis überführt?
    oder vielleicht davor, wie dieser kindheits-alptraum in sprachbilder übersetzt wurde, die gerade in ihrer erzählerischen strenge und reduktion, in ihrer unsentimentalität und grausamkeit den leser berühren, und das auch unabhängig von der realen lebensgeschichte der autorin?

    literatur ist beglaubigte einzelheit, wie es adolf muschg in seinen vorlesungen “literatur als therapie?” fomulierte. aber wodurch beglaubigt? durch das leben und den leidensdruck, der dahinter steht, oder durch die literarische qualität eines sprachlichen kunstwerks?

    wie gesagt, ich bin selbst unsicher, was genau dieses buch so einmalig macht. und ob seine intensität allein aus der tragik der lebensgeschichte herrührt, von der wir aus den medien wissen.

    kurzum: muß der rekurs aufs biographische sein? muß er bei diesem buch sein? legt es etwa selbst diesen nahe? oder ist nicht vielmehr das individuelle des lebensschicksals der autorin ins exemplarische gesteigert – und dies gerade durch die (wie ich finde) hochartifizielle sprachliche darstellung, die dichte und strenge, die unnachgiebigkeit und eindrücklichkeit der sätze und satzfolgen?

    ich hoffe, ich habe mich einigermaßen verständlich machen können.
    wie siehst du das?

    grüße uwe.