Michael Maar „Das Blaubartzimmer. Thomas Mann und die Schuld“

Februar 9th, 2006

Michael Maar: „Das Blaubartzimmer. Thomas Mann und die Schuld“, Frankfurt am Main 2000, Ln. 132 Seiten, 17,80 Euro, derzeit auch im Modernen Antiquariat für 8,95.-, als Tb. 6,50.-

geheimnis Ein Buch vor allem für Thomas Mann-Freunde und –Feinde.
Für diese aber ein Schmankerl. Eine kurzweilige philologisch-detektivische Spurensuche in Werk und Leben Thomas Manns. So kenntnisreich und unprätentiös vorgetragen und genau aber doch mit Gefühl argumentiert, dass es eine Freude ist, ihm zu folgen.
Michael Maar, der kürzlich durch die Entdeckung einer Quelle von Nabokovs Lolita-Roman für Aufsehen sorgte, verfolgt das Motiv der Schuld und seine Ausprägungen in Thomas Manns Werk. Gleichzeitig versucht er die Verbindung zu einer biographischen Grundlage dieses Motivs herzustellen. Ein handfestes Ergebnis, die klare Aufdeckung, mithin eine Sensation kann er nicht liefern. Trotzdem kreist er den Motivkomplex so behutsam wie gekonnt ein und sagt, was dazu wohl guten Gewissens sagbar ist. Und er sagt es auf absolut überzeugende und inspirierende Weise. Eine Weise, die Lust macht, noch einmal genauer hinzulesen bei Thomas Mann, auch wenn man nicht unbedingt ein Fan dieses Autors ist, und ernst zu nehmen, was er schreibt, ihn beim Wort zu nehmen.

Maar weist darauf hin, dass es bei Thomas Mann korrespondierende Stellen gibt, wenn es um den Komplex der Schuld geht und bringt diese miteinander ins Gespräch. Seine Darstellung liest sich wie ein Stück Kriminalliteratur. Steinchen für Steinchen trägt er das Mosaik zusammen, auch wenn eine endgültige Rekonstruktion nicht möglich ist, weil Mann die frühen Tagebücher verbrannt hat. Darin muss gestanden haben, was hier den schemenhaften Kern des Buches ausmacht, sonst hätte Mann im Jahr 1933 nicht eine solche Höllenangst gehabt, dass diese Tagebücher den Nazis in die Hände fallen und er vernichtet würde. Er denkt an Suizid und schickt seinen Sohn Golo, die Tagebücher zu retten. Sie geraten durch Verrat zwar doch den Nazis in die Finger, aber diese erkennen nicht was sie da haben und halten es wohl für uninteressaten, wertlosen Plunder.
Was nahe läge zu vermuten, dass es sich bei Thomas Manns Angst um die vor dem Outing seiner homoerotischen Leidenschaften handelt, entkräftet Michael Maar akribisch. Da muss, so meint er, mehr und anderes sein und weiss das durch Zitate Manns deutlich zu machen. Zu welcher Vermutung er kommt, hier zu verraten, wäre nicht fair.
Nach der Lektüre von Maars Buch dürften die Leser die Texte Manns anders lesen. Aufmerksamer, kritischer. Das ist nicht wenig und zeigt auch heute – ob man nun der Auffassung ist, es gäbe eine Krise der Geisteswissenschaften oder nicht -, was gute Philologie vermag.
Michael Maar schreibt zwar, dass es „schwierig, wenn nicht unmöglich“ sei, „durch die Schleier und Masken hindurch zum Lebenskern vorzustossen“ (S. 108 f.), vertritt aber andererseits die Auffassung, dass „alles“ nur „dichterischer Überschuss“ (S. 109) sei, wenig Plausibilität für sich beanspruchen könne. Es gäbe wirkmächtige Schuld, die nur auf Einbildung beruhe. So meine Proust etwa, dass er als missratener Sohn schuld am Tod seiner Mutter sei, was zu einer wesentlichen Keimzelle seines ´ozeanischen Werkes´ (vgl. S. 110) geworden sei.
Bei Thomas Mann liege es anders: „Für etwas Stilisiertes ist das Motiv nicht nur zu obsessiv, sondern oft auch wieder zu versteckt; wer sich stilisiert, tut es nicht am kaum sichtbaren Rand.“ (S. 111)

Maar fährt fort: „Es ist unwahrscheinlich, daß Thomas Mann solcher Vorstellungen wegen in der Tagebuch-Affaire den Selbstmord erwägt. ´Alle Wirklichkeit hat todernsten Charakter´ (XI, 121), und umgekehrt: die tödlichen Geheimnisse haben Wirklichkeit.“ (S. 111) Er geht von einem „Erfahrungskern“ (S. 111) aus, den es geben müsse. Die Schuld sei eine notwendige Stimulanz des Mannschen Werkes, erschöpfe sich daran jedoch nicht. (Vgl. S. 112)
Und Maar beschliesst: „Es sei sicher gut, heißt es im Tod in Venedig, daß die Welt nur das schöne Werk, nicht auch seine Ursprünge kenne; das würde sie nur verwirren, abschrecken und so die Wirkung des Vortrefflichen aufheben. (VIII, 493) Aber ist es in diesem Fall nicht anders – gewinnt sein Werk nicht sogar dadurch? Es hat sich ja kein Pünktchen geändert an ihm. Und doch ist es nicht ganz das alte mehr. Die Beleuchtung wechselt, und was blind schien, schlägt plötzlich die Augen auf. Blut strömt ein in die Lebensmaske des Mannes, dem es ernst war mit dem Platenschen Wunsch, es kenne ihn die Welt, damit sie ihm verzeihe.“ (S. 112)
Thomas Manns Lebensgeheimnis sei besonders im Dr. Faustus ausgebreitet (vgl. S. 91). Das Thema, das die späten Romane Thomas Manns beherrschen wird, sei „die Erhöhung trotz Schuld, Erhöhung gerade wegen Schuld“, „ein Thema, das ihm erst mit dem Weltruhm wichtig wird“. (S. 88)

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