„Verris Pamphlet gegen die Folter“
Februar 10th, 2006„Augsburger Satyr“, hrsg. v. Andreas Nohl, Nr. 2, Februar 2006, 12 Seiten,
4 Euro inkl Überstellung, bei Nachbestellung 2 Euro:
„Verris Pamphlet gegen die Folter“
Die „Osservazioni sulla tortura“, die „Beobachtungen über die Folter“ von Pietro Verri sind hier, in einer Übersetzung von Johannes Hösle in stark gekürzter Form, aber, wie es heisst, „zum ersten Mal in deutschem Druck“ angeboten. (S. 1) Geschrieben wurde der eigentlich um das vier- bis fünffach längere Text in den Jahren 1776/1777, erstmals abgedruckt 1804. Eine halbseitige Vorbemerkung gibt in deutlichen Worten den Anlass des Abdrucks im Satyr an, er soll nämlich „allen denjenigen, die im Gefolge der Verhörpraktiken der USA in außeramerikanischen Gefängnissen über die Legitimität des Folterns von Gefangenen nachdenken“, (S. 1) empfohlen sein.
Zu Verri, der kaum vielen bekannt sein dürfte, ist zu sagen, dass er Jurist und Ökonom war und „einer der führenden Köpfe der lombardischen Aufklärung“. (S. 1) Er lebte von 1728 bis 1797 in Mailand und seine Gedanken wurden etwa von Kant, Marx und, auf dem Umweg über Kant, auch von Nietzsche wahrgenommen.
Was enthalten die gekürzten „Beobachtungen über die Folter“?
Die Darstellung eines Falles aus der Zeit der Pest zu Mailand im Jahr 1630.
Das Vorgehen des Gesetzes, armiert durch die Folter, das von Gerechtigkeit weitest entfernt ist. In trockenen, klaren Worten wird die Unsinnigkeit und Unlogik dieses Vorgehens ad absurdum geführt. Eine ´Gesetzestat´, die den Delinquenten zu Diffamierung, Meineid und Denunziation, also zu neuem und erweitertem Unrecht nötigt, wenn er nicht zerstört oder getötet werden will. Angeprangert wird die „Ignoranz und Wut“ der Verhörenden, (S.
bis am Ende der Vergleich mit den Hexenjagden gezogen wird. Es heisst: „Alles, was man zugunsten der Folter anführen kann, konnte man vor fünfzig Jahren von den Zauberern sagen. Mir scheint es ganz unmöglich, dass die Folter noch lange bestehen könnte, wenn es klar würde, wie viele unschuldige Opfer schon durch sie umgekommen sind, wieviele (sic!) durch sie zu falschen Schuldgeständnissen gebracht worden sind; dass sie eine grausame Qual ist und in der barbarischsten Weise gehandhabt wird; dass ihre Verschärfung lediglich in die Willkür des Richters gestellt, dass sie nicht ein Mittel zur Erforschung der Wahrheit ist und weder von der Gesetzgebung noch von den Rechtsgelehrten als solches angesehen wird, dass die besten Schriftsteller sie immer verworfen haben, dass sie nur während der Barbarei vergangener Jahrhunderte Eingang finden konnte, dass gegenwärtig schon viele Staaten sie abgeschafft haben und noch kein Nachteil daraus erwachsen ist.“ (S. 9)
Auch wenn es ein Satzungetüm ist, ein eindeutiges, ein klares Votum ist es doch.
Eines, dem man nur zustimmen kann.
Ob der Sache freilich mit dem Satz der Einleitung gedient ist: „Dass eine solche Frage (gemeint ist die: „Wird die Öffentlichkeit, die den Davongekommenen Name und Gesicht gibt, die Folterer des US.Geheimdienstes und ihre Helfershelfer nun ermuntern, ihre anonymen Opfer überleben zu lassen?“ S. 1)) heute Realitätsgehalt hat, zeigt, in welche vorzivilisatorischen Lebensdimensionen uns dieses Schreckgespenst eines amerikanischen Präsidenten und seine Kamarilla zurückgebombt haben.“ (S. 1)?
Vielleicht eher nicht.
„Vorzivilisatorische Lebensdimensionen“? Sind das nicht gerade sehr zivilisatorische? Sind sie nicht eher ein Produkt der Zivilisation?
Ob der Begriff der „Kamarilla“ angebracht und berechtigt ist, dürfte Ansichtssache und auch vom politischen Spektrum, aus dem man blickt, unterschiedlich sein.
Ebenso ob es sich bei dem aktuellen amerikanischen Präsidenten um ein „Schreckgespenst“ von einem solchen handelt.
Auch ist die Rede vom ´Zurückbomben´ so pathetisch und polemisch besetzt, dass sie eher an Stammtischen erwartbar ist und in Kombination mit „uns“ nicht so ganz treffend.
Man braucht das nicht, mag man es für richtig halten oder nicht, vor allem aber: es geht doch um mehr. Nicht um die Meinung, sondern um die Sache.
Gefoltert wurde vor Bush auch allenthalben und in anderen Ländern. Und wenn es um die Ablehnung dieser in der Tat widerlichen und höchst verabscheuungswürdigen Praktik geht, sollte man das ins Zentrum stellen – und vielleicht Verris erfreulich um Nüchternheit bemühten Text für sich sprechen lassen, als ihm einen Teil seiner möglichen Wirkung zu nehmen, indem man quasi auf dem Silberteller anbietet, sich mit dem, zugegeben billigen und kein Argument darstellenden, Vorwurf des Antiamerikanismus – oder was sonst noch so kommen mag – auszusetzen.
Andererseits ist fraglich ob man gerade auf einen entlegenen Text aus dem 18. bzw. 19. Jahrhundert zurückgreifen muss, um Essentielles gegen die Folter sagen zu können. Das dürfte kaum der Fall sein und wirkt ein wenig exotisch. Jean Amery und andere haben überaus eindrucksvoll zeitnäher etwas dazu zu sagen gewusst. Und er beschreibt, anders als Verri, der auf den körperlichen Qualen abhebt und vom Verrenken der Glieder berichtet, die vernichtende Wirkung auf die Psyche, ja: die Seele des Menschen. Amery schreibt, dass der Gefolterte nie wieder Vertrauen haben wird, dass ihm das grundsätzliche Verhältnis zur Welt entrissen wird und er somit gleichsam aus der Welt herausfällt. Amery selbst, Primo Levi und andere haben Hand an sich gelegt. – Was wäre dem noch hinzuzufügen, wie sollte diese Anklage der Folter noch stärker ausfallen können?
Doch es soll gleichgültig sein, aus welcher Ecke und welcher Zeit eine Stimme gegen die Folter zitiert wird, wenn es nur der Fall ist.
Ob das allerdings Wirkung zeigen wird?
Das Problem ist vermutlich meist: wer das liest, ist ohnehin schon dagegen, kann und braucht also nicht mehr gewonnen zu werden. Und die anderen?
Ist das nicht wie mit dem Krieg? Alle sind dagegen.
Man darf kaum annehmen, nur hoffen, dass es zu einer wirksamen lückenlosen internationalen ÄCHTUNG kommen wird, und dass eine bekanntwerdende Abweichung von dieser unumstösslichen Doktrin mit empfindlichen Sanktionen (wenn auch nicht mit Folter) belegt sein wird.
Lieber heute als morgen.
Denn gespenstisch ist in der Tat, dass eine Nation, die sich demokratisch und frei nennt, Folter- Im- und Export betreibt. Noch gespenstischer, dass die Weltöffentlichkeit zusieht und sich offenbar über Jahre nichts ändert. Gespenstisch, dass es auch in Deutschland möglich ist, plötzlich wieder öffentlich über den Gebrauch der Folter als probates Mittel nachzudenken.
Wer möchte noch die Vokabel in den Mund nehmen, die offenbar eine Schimäre bezeichnet: „Fortschritt“?
Wie schrieb Verri: „Mir scheint es ganz unmöglich, dass die Folter noch lange bestehen könnte, wenn es klar würde, wie viele unschuldige Opfer….“
Verri war ein Aufklärer.
März 13th, 2006 at 7:04 pm
hört sich ja unglaublich spannend an. wie komme ich denn da ran? ist weder über google noch übers telefonbuch zu finden.
über ein kurze mail würde ich mich freuen, dominik.steiger|a|gmx.de
danke, Dominik
März 14th, 2006 at 12:45 am
Auch mich würden die Bezugsmodalitäten des Augsburger Satyrs interessieren. Nachdem Heribert Prantl in der vergangenen Wochenendbeilage der SZ ausgiebist daraus zitierte, werden sich die Anfragen wohl noch häufen, ist dies doch scheinbar die einzige Seite im Netz, die besagten Artikel bis dato zur Kenntnis genommen hat. Die besten Grüße, ak
März 14th, 2006 at 2:24 pm
Man kann den “Satyr” direkt bei Andreas Nohl bestellen: augsburgersatyr at aol.com – die Auflage beträgt ca. 6-700 ex.
März 17th, 2006 at 2:56 pm
Sehr geehrter Herr Nohl,
bitte schicken Sie mir das Heft “Augsburger Satyr” Nr.2, Februar 2006 – gegen Rechnung. Meine Adresse:
Konrad Heyde
Unterer Mühlenweg 38b
79114 Freiburg
Mit freundlichen Grüßen,
Konrad Heyde
März 17th, 2006 at 5:15 pm
Lieber Herr Heyde,
um das Heft zu bestellen, müssen Sie direkt an Andreas Nohl schreiben:
augsburgersatyr at aol.com
Bislang kann man das Heft nicht über unsere Seite bestellen.
Mai 3rd, 2006 at 3:45 pm
Strange:
“augsburgersatyr at aol.com”
ist keine mail-adresse – sic – aber auch unter “augsburgersatyr@aol.com” ist nichts zu finden!!! leider
ullrich
Mai 8th, 2006 at 12:47 pm
Das ist die Adresse, die wir von Andreas Nohl haben und sie scheint zu stimmen, vielleicht ein Tippfehler oder ein Leerzeichen bei der Eingabe?
Dezember 13th, 2008 at 5:25 pm
der Augsburger Satyr ist zu bestellen unter der mail-adresse:
augsburgersatyr@googlemail.com
die nr. 2 (veri) ist allerdings längst vergriffen. im dezember 2009 erscheint die nr. 9 ein weihnachtsheft.
beste (leider verspätete) grüße
andreas nohl