Aglaja Veteranyi „Das Regal der letzten Atemzüge“

Februar 19th, 2006

Aglaja Veteranyi: „Das Regal der letzten Atemzüge“, Roman, Stuttgart und München 2002, 131 Seiten, in gebundener Form regulär 16,90 Euro, als Tb. 8,50, aber beide gibt es gebraucht deutlich günstiger

5Der Titel verspricht kein leichtes, fröhliches Buch, und das ist es auch nicht.
Es ist vom Sterben die Rede. Vom Sterben der Tante, die der Ich-Erzählerin näher stand als die eigene Mutter, zu der ein gebrochenes, widersprüchliches Verhältnis besteht.
Auf Seite 71 liest man: „Meine Mutter und ich hatten keine Sprache miteinander. Nur Wörter.“

„Es ist besser so, sagte der Pfleger.
Wenn uns nichts mehr einfällt, fallen uns solche Sätze ein, dachte ich.
Es ist besser so.
Sie sieht friedlich aus.
Jetzt ist sie erlöst.
Ich bin damit nicht einverstanden, sagte ich.“ (S. 127)

So liest man am Ende, nach dem Tod der Tante.
Dieses Nicht-Einverstandensein kann eine Kraft sein, aber auch ein Anlass mit Gott zu hadern, wie es bereits in „Warum das Kind in der Polenta kocht“ anklang. Und in der Tat heisst es zu Beginn aus dem Mund der Mutter:
„Ich bin böse mit Gott! Er hält nicht zu uns!“ (S. 15)
Larmoyanz oder der letzte Ausweg von Verzweifelten? Eine Mischung aus beidem? Theatralik und Selbstmitleid?
Jedenfalls eine Haltung, die keine gesunde Lebensgrundlage darstellt: sich nicht mit dem Gegebenen abfinden kann.
Beklagt wird die Teilnahmslosigkeit Gottes (vgl. S. 16), der Welt (vgl. S.21) und selbst des Wetters (vgl. S. 43).
Von der Religion kommt hier kein Glück, nicht einmal Trost, eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein: belastende Vorstellungen und Bilder. Ein Jesus wie in diesem Buch begegnet einem nicht alle Tage.

Dieses Erzählen ist so überbordend wie in sich gedrückt.
Erzählt wird vom Exil, aber es wird eher indirekt, nicht diskursiv, zum Thema, in abgedrehten Bildern, Bildkaskaden, die teils surrealen Charakter haben, sich auflösen, sich nicht unmittelbar erschliessen, sondern assoziativ gelesen werden wollen, wie Lyrik.
„Auf einem Tisch lagen Teller. Auf den Tellern Schuhe. Ein Mann im Frack rollte über den Boden, sein Bauch hatte Räder. Auf seiner Glatze krabbelte eine Ameise.
Er stand auf, beugte sich über den Tisch und öffnete den Mund.
Aus dem Mann rieselte Weizen.
Erde. Hühnerfedern.
Auf die Schuhe der Tante ließ er den Tod herunterrieseln. (…).“ (S. 110 f.)

Oder:

„ICE CREAM, Bucuresti 1995.

Ein Mann und ein Hund saßen sich gegenüber. Der Mann hatte keine Beine, er saß auf seinem Magen und schleckte Eis.
Der Hund machte Männchen.
Der Hund war eine Hündin. Mit langem Bein, Stöckelschuh und Strapsen. Aus ihrem Mund hing die Zunge wie Blut herunter.
Der Mann und die Hündin schauten sich an. Ohne Augen.“ (S. 87)

Eine Wahrnehmung, die sich sehr in Gegensätzen formt, der krude, nicht immer verständliche Bilder kommen; erzählt wird vom Exil, aber die Autorin schreibt von mehr als vom Verlassen eines Landes. Sie berichtet vom unerschöpflichen Vorrat an Fremdheit – und man hat den Eindruck, dass es gleichgültig wäre, in welchem Land sie sich befände – und davon, dass man von Geschichten im Kopf, von Erlebtem, von Menschen nicht loskommt. So berichtet sie von einem totalen Exil, von einem nie Ankommen, von einer Entwurzelung. Sie zeigt was es heisst und wie es sich anfühlen kann, wenn man zwischen die meisten vorhandenen Raster, wenn man existentiell aus der Bahn gefallen ist oder gefallen zu sein glaubt, was ja schon genügt.
Dabei reduziert sich die Sprache immer wieder bis hin zum blossen Aufzählen von Worten, von Listen, von offenbar Vorgefundenem.

„Tagwache 6 Uhr 30.
Arbeit macht das Leben schön.
Herr Anton Engele.
Putzmaterial.
Wenn es im Leben schwierig wird, hilft Lachen weiter.
Frau Klara Frischknecht.
Miteinander geht’s besser.
WC-Personal – Rauchen verboten. (…).“ (S. 108)

Oder als Negativ-Liste:

„TRINKMENGE.
Zeit. Flüssigkeit. Getrunken weg.
Nasensalbe weg.
Stein weg.
TAGESPLAN weg.
Butter weg.
FUNNY weg.
Hautfreundlich weg.
Augentropfen weg.
Maltherapie weg. Weg.
Dienstag weg.“ (S. 46)

Das macht grosse Fremdheit deutlich. Die Dinge, das was gesagt werden müsste, scheint so überwältigend, dass es sich gegen die Sprache sperrt und diese, nicht mehr in der Lage ins Erzählen zu kommen, sich nur noch imstande sieht, zu registrieren und aufzuzählen, einzelne Worte zu stammeln, Zitiertes nachzubeten, das alles gar nicht mehr zu Sätzen bündeln oder formulieren zu können. Die Worte werden wie Zeugen auf- oder angerufen. Wort und Zitat stehen für sich – und für mehr, stossen an die Grenze des Mitteilbaren.
Aber es gibt auch diese Bilder, die oft von subtiler Grausamkeit sind, die nichts Versöhnliches haben, sondern tiefe Verletzung manifestieren. Oft steckt in ihnen die Verschränkung des Abstrakten, des Schmerzes, der zu grossen Fremdheit und unversöhnlichen Angst mit dem Konkreten im krassen Bild, im schrägen Vergleich, in der grotesken Metapher.
„Wenn ich zurückkehrte, trat nur meine Haut ins Zimmer, ich und die Angst hatten keinen Platz darin.“ (S. 110)

Selbst Körpergrenzen werden von dieser Phantasie nicht eingehalten und auch nicht wirklich die zwischen dem Reich der Lebenden und dem der Toten. Diese mangelnde Grenzziehung, dieses zu intensive Verbundensein mit zu Vielem, ist ein paradoxer Part der zu grossen Fremdheit.
„Arme Rumänen im Ausland wurden von Tante und Mutter gemieden.
Zigeuner, hieß es.
Reiche wurden ebenfalls gemieden.
Sind gekommen mit dem Finger im Arsch, und jetzt halten sie sich für was Wichtiges!
Und Einheimische wurden gemieden, weil sie Fremde waren.“ (S. 91)

Ja, nur: wer bleibt da noch?
Mit anderen Worten heisst das doch: ALLE wurden gemieden. Wie gross ist diese Isolation?
Wie sehr kocht man im eigenen Saft in fremdem Land? Wie sehr ist man abhängig vom Mitgebrachten und der Umgebung?

Es ist ein Buch über tiefe Fremdheit und wahrscheinlich ist noch die Sprache, die davon berichtet auf paradoxe Weise, denn zugeich ist sie ja Medium der Mitteilung, ein Dokument davon. Es ist nicht die Sprache einer, was immer das sein mag, ´normalen´ Deutsch-Schweizerin, das wird ein nicht unwesentlicher Teil ihres Erfolges mit „Warum das Kind in der Polenta kocht“ ausgemacht haben.

Man kommt von der Heimat nie wirklich los und man kommt in der Fremde nie richtig an. Man hängt in einem trostlosen Zwischenreich – bis der Tod als nicht akzeptierte Erlösung – einfach dadurch, dass etwas vorbei ist – eingreift, etwas beendet, was sich in den Weiterlebenden ebenso absurd wie normal fortsetzt.
In Rumänien haben sie den Onkel zwanzig Jahre eingekerkert und gefoltert und ihm die Zähne ausgeschlagen, weil er schwul war, sodass sich die Erzählerin ihrer gesunden Zähne schämt, als er zu Besuch kommt. (Vgl. S. 101) Später wird er, in Rumänien gestorben, auf dem Beifahrersitz eines Autos, als Leiche noch durch das halbe Land gefahren werden, um seine letzte Ruhe bei den Eltern zu finden. (Vgl. S. 113) Zuvor erzählte er aus dieser Heimat:
„Mir haben sie Hände und Füße mit Draht zusammengebunden und mit einem Sandsack die Freiheit aus der Lunge rausgeklopft. Das waren dieselben, die später den Schumacher erschossen haben. Dieselben von heute. Dieselben, verstehst du!“ (S. 98)
Mit dem ´Schumacher´ ist der Diktator Ceausescu gemeint.
Dem Armen sei selbst panierte Scheisse noch eine Delikatesse. (Vgl. S. 90)

Wie schon in ihrem ersten Buch ist es das Nebenbei des Leidens der Erzählerin, das besonders bedenklich stimmt. Dieses Nebenbei, die Unentschiedenheit und Ungeschiedenheit scheint ihre Nicht-Heimat geworden zu sein; offenbar keine sehr wohnliche, letztlich vielleicht eine tödliche. Banalitäten – Geld und die im Fernsehen Wrestling schauende Tante – und Existentielles – Tod und Schmerz – kollidieren. Nur manchmal bricht sich aus dem Nebenbei und dem Verschmolzenen heraus das Leid direkter Bahn.
“Auf dem Trödelmarkt kaufte ich ein verrostetes Gestell. Es sah wie ein Gebiß aus, ein aufgerissenes. Ich nannte es SCHREIHILFE und überlegte mir eine Schreianleitung.

1. Schreihilfe in den Mund stecken.
2. Lippen über Schreihilfe spannen.
3. Gaumen hineindrücken.
4. Schreien.“ (S. 121)

Diese Stelle macht den überhöhten Innendruck deutlich und ebenso die Unfähigkeit, ohne Apparatur, ohne äussere Hilfe sich Luft zu verschaffen, ein Gerät muss ge-, muss erfunden werden. Für eine gewisse Zeit mag es das Schreiben, mag es die Literatur gewesen sein. Nicht für sehr lange. Und offenbar nur ein bedingt taugliches.
Ein Bild dieses totalen Exils ist der Satz:
„Ein Koffer gross wie ein Land.“ (S. 91)
Das aber bezeichnet zugleich den Rucksack, den sie mit sich herumträgt und der offenbar zu schwer für ihre Schultern war.
Die Distanz zur Mutter und gleichzeitig der Umstand der zu geringen Distanz zu ihr wird besonders deutlich in der Szene, in der die Erzählerin beschreibt, wie sie, obwohl sie in der Wohnung ist, der Mutter nicht öffnet als diese klingelt und das Essen, das in Rumänien ein Vermögen wert gewesen wäre, das die Mutter vor der Tür deponiert, später wegträgt, um es irgendwo in der Stadt liegenzulassen. (Vgl. S. 88 f.)
Es ist allzu deutlich : hier schrieb eine gequälte, getriebene Existenz.
„Hier bricht man sich den Verstand, sagte ich.“ (S. 90)
„Ich selbstmordete mich täglich, (…).“ (S. 74)

Der Beginn des zweiten Kapitels wurde, etwas umgeformt, zum Motto des Buches:
„Wir sind viel länger tot als lebendig, sagt die Tante, Tote brauchen viel mehr Glück.“ (S. 13)
Wie die Autoren des Nachwortes dazu kommen, den Humor der Autorin zu preisen (vgl. S. 130) ist fraglich, überzeugend wirkt das nicht. Ist das ein Etikett um schwer verdauliche Wahre besser verkäuflich zu machen? Diese Assoziation kann man haben.
Die Bücher dieser Autorin sind eine Konfrontation, die Lektüre kann etwas von einem Exerzitium haben. Aber es sind gute, lesenswerte, sprachlich interessante Werke, die es nicht nötig haben, was ja übrigens ganz sinnlos wäre, unter falschem Etikett zu reisen. Es war ein Schreiben an der Grenze, eines, dem es ums Ganze ging. Das teilt sich mit.

„Jeder Tote bringt Gott seinen letzten Atemzug, sagt Costel. In diesem Atemzug kann Gott das Leben dieses Menschen lesen wie in einem Buch.
Gottes Bibliothek ist ein Regal voller Atemzüge.“ (S. 122)

7 Antworten to “Aglaja Veteranyi „Das Regal der letzten Atemzüge“”

  1. 1 Kathrin
    Februar 28th, 2006 at 8:05 pm

    Das Buch hört sich sehr interessant an. Danke für den guten Tipp. Ich werde es auch für das Cid-femmes anschaffen.

  2. 2 helmut
    März 4th, 2006 at 8:58 am

    Lieber Uwe,

    danke für die Frage.
    Gute Frage, schwere Frage.
    Sie geht Richtung Kern.
    Aber wie immer sind Warum-Fragen, Kinder stellen sie gern, nicht leicht zu beantworten?
    Vor vielen Jahren kam ein Freund abends zu Besuch, legte mir vier Gedichte vor und fragte mich, welches von einem Computer verfasst worden sei. Ich habe sie durchgelesen und nach kurzem überlegen nannte ich ihm das, das es meiner Meinung nach sein müsste; es stimmte.
    Um damit zu beginnen, was wohl ausscheidet: das Autobiographische. Das kann allenfalls Beglaubigung sein, Unterstützung, Ergänzung. (Vgl. dazu vielleicht die kurze Würdigung von Hilde Domin durch Ulrich Greiner in der neuen “Zeit”)
    Ein hartes Kriterium gibt es wohl nicht.
    Vielleicht kann man nur von der Wirkung ausgehen, die ein Text auf einen hat und dabei auf die Erfahrung vertrauen, die man gesammelt hat. Also auf alles, was sich im Lauf der Jahre so an Leben, Lektüre, Geschriebenem in einem angesammelt und einen gebildet hat.
    Wirkt es auf mich authentisch oder nicht?
    Wirkt es echt oder kitschig?

    -Mehr nicht?-
    Man könnte jetzt in mehr oder weniger subtile Textanalysen einsteigen – am Ende bliebe es doch in einem Bereich, der nicht wirklich hart zu machen ist. – Du nennst Beispiele selbst: das enorme Kinderleid, das hier, auch durch den naiven Blick und die ungewöhnlichen sprachlichen Bilder sowie das Nochnichtverstehen des Kindes, das das was ihm widerfährt und angetan wird auch noch gegen sich selbst wendet, aufgefaltet wird.
    Nun ist Evidenz keine befriedigende Antwort, aber vielleicht die einzige, die ehrlicher Weise möglich ist, was aber durchaus auch seine positive Seite hat
    Um auf Muschg einzugehen: die Beglaubigung läge in der Wirkung, die der Text auf uns hat, darin, ob er, innere Epoche in uns macht oder flach bleibt und schnell vergessen oder gar nicht erst wirklich wahrgenommen wird. Und das hat nicht nur mit dem Text, das hat eben auch mit uns zu tun. Frei nach Lichtenberg: wo ein Kopf und ein Buch zusammenstossen…
    Das Kriterium ist man selbst.
    Das was in einem entsteht und aufgerufen wird, das was echot, die Töne, die auf dem inneren Klavier der Erfahrung angeschlagen werden.

    Oder?

    Schöne Grüsse,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    März 4th, 2006 at 7:19 pm

    lieber helmut!

    hab dank für die ausführungen.

    wenn aber evidenz das ‘weiche’ kriterium sein soll, dann muß eine begegnung zwischen werk und leser stattfinden, die eben diese evidenz entstehen läßt. es muß also eine idealtypische korrespondenz zwischen werk und rezipienten stattfinden, das werk muß sozusagen sich seinen idealen leser bilden, damit es zu seiner vollgültigen wirkung gelangt. findet diese nicht statt, bleibt es im schlechtesten falle wirkungslos, wie nicht gelesen.

    in den meisten fällen wird das auch so sein. kann das aber sein? muß es nicht doch noch ‘objektive’ oder textimmanente kriterien geben, die im falle des polenta-buches greifen und die – nachvollziehbar für dritte – in der lage sind, es als ein sprachkünstlerisches meisterstück zu charakterisieren? klar braucht man dazu eine akribische textanalyse. aber vielleicht reicht auch schon die feststellung, daß in diesem buch ein maximum an erlittener erfahrung sich in einer erzählerischen reduktion manifestiert, die gerade in ihrem minimalismus eine lyrische intensität erreicht, die den leser unmittelbar erfaßt und überzeugt, wie sonst nur gedichte es tun. ohnehin erscheint mir das buch – mit ausnahme einiger deskriptiver passagen – wie ein assoziativ gereihtes prosa-gedicht, was in seinem falle gerade die unverwechselbare qualität ausmacht, die darin liegt, daß form und inhalt, erzählperspektive und thema ideal zur deckung gebracht wurden. daran vor allem lag es, daß es bei mir “innere epoche” machte und in seiner wirkung noch lange anhielt. was nicht heißt, daß diese wirkung von jedem prosa-gedicht ausgeht, aber von diesem allemal und mit einer nachhaltigkeit, die noch lange anhält.

    das ist wahrscheinlich auch kein wirklich ‘objektives’ kriterium, aber eines, was dem werk selbst entnommen ist und vor allem nicht den rekurs auf außertextliche, sprich auto-biographische quellen benötigt, die du ja auch ausschließen möchtest.

    könntest du mir hierin folgen oder gar zustimmen? liegt darin so etwas wie ein evidenzgefühl begründet, daß uns ja bei der lektüre erfaßt zu haben scheint?

    liebe grüße, uwe.

  4. 4 helmut
    März 12th, 2006 at 7:25 pm

    Lieber Ewu,

    mit den berühmten objektiven Kriterien ist es so eine Sache. – Man hätte sie gern, weil es einfacher wäre und vielleicht noch aus anderen Gründen. Es mag auch unbefriedigend sein, sie nicht zu haben, was aber, wenn es sich doch so verhält? Die Wirklichkeit muss ja nicht da sein, uns zu befriedigen.
    Das enthebt uns nicht, uns darüber Gedanken zu machen und uns zu verständigen – dabei wird man hin und wieder das hoffentlich berechtigte Gefühl haben, einer Sache näher (oder eben nicht) gekommen zu sein. Vielleicht ist viel mehr nicht möglich.
    Jedenfalls könnte ein guter Dialog weiterbringen, auch wenn gänzlich Objektivierbares nicht daraus entspringt.
    Vor der Vokabel “Meisterstück” zucke ich etwas zurück. Das klingt ein wenig altfränkisch oder heidenreichisch oder nach einer Verkaufsmache. – Was genau sollte das sein, ein “Meisterstück”, eine “Meistererzählung”? Aber das nur am Rande.
    Aber wenn ich das anmerken darf: es gibt schon Stellen in dem Kommentar, die Mr. Harry G. Frankfurt eine gewisse Freude bereiten dürften.
    Prosagedicht: Ja. Trotzdem: hilft das wirklich weiter?
    Was würde weiterhelfen?
    Vielleicht ein paar Beispiele:

    S. 24: “Ich kam ganz kahl zur Welt.
    Nachdem ich gebadet worden war, schminkte mir meine Mutter mit ihrem schwaren Stift dicke Augenbrauen.”

    Denkt man sich so etwas aus?
    Das wirkt authentisch. Und zeigt den Beginn der Tragik von Geburt an: der Vereinnahmung, der Verfälschung, des Zurechtgemachtwerdens, des nicht recht seins.

    S. 26: “Würden wir statt dessen das Geld sparen, könnten wir uns damit unser großes Haus mit Hühnern kaufen.”
    Armut eines Kindes, das sich Gedanken macht, das mit der Welt der Erwachsenen konfrontiert ist und auf kindlich-rührende Weise naiv und praktisch zugleich darauf reagiert. Noch zu wissen und es schreiben zu können, wie Kinder denken…

    S. 28: “Meine Mutter traut niemandem.
    Ich muß das auch lernen.”
    In all seiner Trockenheit ein furchtbarer Satz früher Vereinnahmung, auch hier. Den ERwachsenen, der, trotz allem, geliebten Mutter nacheifern müssen – was aber, wenn es nicht im Guten ist?

    S. 31: “Ich schreie nicht.
    Ich habe meinen Mund weggeworfen.”
    Dieses Ineinander von Abstraktion und Konkretion, diese Bildkraft. Und wer kommt auf so ein Bild, der nicht die Not, die es braucht, ein solches Bild zu finden, ausgekostet hätte? – Das strahlt aus, teilt sich mit.

    S. 50: “Seine Muttersprache klingt wie Speck mit Paprika und Sahne.”
    Sinnlich und genial – man weiss nun wie sie klingt, kann sie fast hören. Eine Charakterisierung in einem Satz. Das kann nicht jeder.

    Ein paar fast willkürlich herausgegriffene Beispiele.
    Gut, kann sein, dass mancher davon nicht erreicht wird. Aber man darf durchaus seiner Wahrnehmung trauen, wenn dies doch der Fall ist; Beglaubigung nicht durch objektive Kriterien, sondern durch Vergegenständlichung und deren Wirkung. Das entbehrt ja auch nicht einer gewissen allgemeinern Wirkung. Es wird nicht ausschliesslich für jeden auf gleiche Weise fühlbar, aber doch wohl für Viele ähnlich.
    Man könnte sich auch fragen, wozu man überhaupt objektive Kriterien will, wozu man sie bräuchte? Um andere zu überzeugen? Um sich selbst zu überzeugen? Um…?
    Darf doch, ein Glück, jeder lesen was er will und kann.

    Schöne Grüsse,

    Helmut

  5. 5 ewu simpel
    März 15th, 2006 at 7:25 pm

    lieber helmut!

    wir müssen gar nicht weiter nach objektiven kriterien suchen. wir beide haben uns doch schon verständigt und somit muß in dem werk etwas liegen, was uns unabhängig voneinander ähnlich berührt und überzeugt hat. das dürfte noch vielen anderen so ergangen sein. würde man dann extrahieren, was es ist, käme man – auch anhand deiner ausgewählten beispiele – dahin, die grundlage unserer leseefahrungen in der sprachlichen dichte zu erkennen. es wird etwas in einer sprache geschildert, die ein sehr persönliches schicksal adäquat vergegenständlicht. diese stimmigkeit, mit der das thema formal bewältigt und vermittelt wird, ist es, was ich mit prosagedicht meinte, und du scheinst auch nichts anderes in deinen kommentaren zu den beispielen anzusprechen. du vermeidest das label, das ich benutzte, exemplifizierst im einzelnen, was die wirkung auslöst und wie die worte eine erfahrung unverwechselbar und anschaulich ausdrücken. darin, so lese ich deine anmerkungen, liegt die nachaltigkeit begründet, mit der dieser text dich erreicht hat. und mich auch.
    dieses evidenzgefühl beim leser verdankt sich der erzählhaltung und ihrer sprachlichen vermittlung, ist also in der objektiven struktur des werkes verankert und darauf kam es mir an: letztlich sind wir vom sprachkünstlerischen ausdruck betroffen und nicht davon, daß diesem ein leidvolles leben voranging. selbst wenn eine vielzahl der sprachbilder jeder wirklichen leid- oder lebenserfahrung entbehrte, würden sie uns trotzdem erreichen, mit derselben wucht und einem gefühl der authentizität.

    dein frankfurt-hinweis ist mir nicht ganz deutlich geworden. so verschwiemelt erschien mir mein kommentar eigentlich nicht. was genau meinst du? und auf welchen kommentar beziehst du dich, den ersten oder zweiten? wenn dir etwas unverständlich erschien, muß das nicht heißen, daß es sich einer strategie der absichtsvollen verdunkelung verdankt.

    grüße, uwe.

  6. 6 helmut
    März 16th, 2006 at 9:32 pm

    Lieber Ewu,

    ´Strategie absichtsvoller Verdunkelung´ ist hübsch.

    Je nun, was ich meinte:

    “klar braucht man dazu eine akribische textanalyse, aber vielleicht reicht auch schon die feststellung, daß in diesem buch ein maximum an erlittener erfahrung sich in einer erzählerischen reduktion manifestiert, die gerade in ihrem minimalismus eine lyrische intensität…”

    Nett ist auch schlicht:
    “mit einer nachhaltigkeit, die noch lange anhält”

    Ist schon verständlich, ich denke ich weiss was Du meinst, aber das weckte die Assoziation.

    Schöne Grüsse, nix für ungut,

    Helmut

  7. 7 ewu simpel
    März 17th, 2006 at 10:39 am

    lieber helmut!

    richtig.
    unglücklich fomulierte gedanken, vielleicht auch nicht wirklich zu ende gedachte, aber schlichtweg falsch oder unverständlich sind sie nicht. zu wenig redaktionelle nachbereitung. ich will mich bessern.

    grüße, uwe.