Martin Mosebach „Schöne Literatur. Essays“

März 8th, 2006

Martin Mosebach: „Schöne Literatur. Essays“, München und Wien 2006, 232 Seiten, 19,90 Euro.

buchrückenBei einer Geburtstagsfeier im vergangenen Jahr hörte ich einen der Anwesenden von dem Buch „Die Wasserfälle von Slunj“ schwärmen, es sei, ich weiss das Adjektiv nicht mehr genau, das beste, schönste oder bedeutendste Buch des vergangenen Jahrhunderts. – Ich war bass erstaunt, mir kam die Bemerkung gleich als eine mutige, wenn nicht forsche vor, aber sie machte mich neugierig. Ich besorgte mir das Buch und begann zu lesen – eine grössere Enttäuschung hätte sich kaum einstellen können. Ich fand das Buch nicht nur uninteressant, sondern regelrecht schlecht. Nach den ersten paar Seiten habe ich es geschlossen und seitdem nicht mehr aufgeschlagen.
Geschrieben wurde es von Heimito von Doderer. Dieser ist einer der Gewährsmänner von Martin Mosebach. Mosebach mag vielen als Romancier bekannt sein, mit dem vorliegenden Band tritt er als Autor von Essays hervor. Allerdings sind die Texte, die hier als „Essays“ vorgestellt werden, fast alle Zeitungsbeiträge entweder für die „Süddeutsche Zeitung“ oder die „Frankfurter Allgemeine“, die „Zeit“ bzw. für „Sinn und Form“. Man könnte Überlegungen anstellen, ob das erlaubt ist, ob hier nicht womöglich ein Begriff nivelliert wird, wenn nicht gar noch Strengeres, aber das darf hier aussen vor bleiben. Denn gleichviel, irgendwie muss etwas heissen und vermutlich klingt „Essays“ besser als ´Gesammelte Aufsätze´ oder ´Gesammelte Rezensionen´, auch wenn es sich im Wesentlichen um solche handelt. Nur eine Erstveröffentlichung ist in dem Band enthalten, sie trägt den Titel „Was ist katholische Literatur?“.

Was macht sich einer heute, man ist geneigt zu schreiben ´noch´, Gedanken über Katholisches? Ist das nicht ziemlich out of space, „Wir sind Papst“ hin oder her? Und ist das vielleicht auch gar nicht so schlecht so? Was ist, was soll uns Heutigen (noch) Katholizismus und Protestantismus – und dann auch noch in der Literatur? Aber gerade der Umstand, dass es etwas abseitig ist, könnte es auch wieder besonders interessant werden lassen.
Wenn man Bekannte auf Martin Mosebach anspricht, assoziieren sie „konservativ“ und „sprachverliebt“. Was aber könnte das Etikett ´konservativ´ heute (noch) besagen? Was wäre das aktuell, konservativ – fortschrittlich? Ist das von der neuen Unübersichtlichkeit nicht ebenso verwaschen worden wie andere Massstäbe und eindeutige Orientierungen, wie etwa ´links´ und ´rechts´? Ist das noch so simpel, in ein schlichtes Gegensatzpaar pressbar? Was wäre heute (noch) ein konservativer Autor? Oder das Gegenteil davon?
Würde dazu nicht zumindest der Titel des Buches, „Schöne Literatur“ gut passen? Klingt das nicht wie von vorgestern, ein bisschen altbacken? Man kann davon ausgehen, dass er gerade darum ausgesucht wurde, dass dahinter bereits ein Programm oder zumindest eine Haltung steckt.
Was fällt Mosebach zur katholischen Literatur ein?

Seine Erörterung des Themas, etwa vierundzwanzig Seiten lang, verdient jedenfalls den Ehrentitel des Essays, hat aber auch dessen Eigenschaft, Argumentationssprünge und –brüche aufzuweisen, sie beginnt damit, die katholische Literatur als ein Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts zu bezeichnen. (S. 105) Er meint, was dem Ansehen der Kirche unter den Künstlern am meisten geschadet habe, sei der Versuch juristischer Kontrolle gewesen. (Ebd.) Gerade hinsichtlich der Schönen Literatur sei das abwegig und „die Arbeit der päpstlichen Zensoren von unzähligen Blamagen begleitet gewesen“. (S. 106) Er spricht ihnen sowohl Desinteresse an der Literatur als auch Unkenntnis zu: sie hätten noch nicht bemerkt gehabt, dass es eine neue Form gegeben habe, den Roman nämlich. Und grosse Romane seien weder sinnvoll inhaltlich wiederzugeben noch konsequent, sondern würden im Gegenteil ihre eigenen Theorien durchkreuzen ohne sie zu widerlegen. (S. 108) Der Roman lasse sich nicht in die Pflicht nehmen, im übrigen sei nichts so abgründig wie ein anderer Mensch. (S. 109) Und um deren Darstellung bemüht sich ja nun mal der Roman.
Doch „trotz der großen Unpopularität des mißglückten Zensurunternehmens kam es im zwanzigsten Jahrhundert dann zu einer Welle von Büchern, die als ´katholische Literatur´ bezeichnet werden“. (S. 110) Angeführt werden Beispiele aus Frankreich, England und Deutschland, welch letzteres aber „einen erheblichen Qualitätsabstand zu den Franzosen und Engländern erkennen“ lasse: Léon Bloy, Charles Péguy, Paul Claudel, Georges Bernanos, Marcel Jouhandeau, Jean Anouilh, Francois Mauriac, Julien Green, Chesterton, Evelyn Waugh, T.S. Eliot, Graham Greene, Elisabeth Langgässer, Gertrud von Le Fort, Hans Carossa, Werner Bergengruen, Ernst Wiechert, Heinrich Böll, Luise Rinser, Alfred Döblin, Heimito von Doderer u.a. (S. 110 f.) Zu diesem Qualitätsabstand, der sicher richtig erkannt ist: warum eigentlich, gäbe es einen Erklärungsansatz?
Das Bedürfnis nach so etwas wie ´katholischer Literatur´ sei von der Erfahrung ausgegangen, „daß sich der Hauptstrom der Kultur von der katholischen Kirche wegbewegt hat“. (S. 112) Das ´Katholische´ sei zu einem Spezialfall geworden. (Vgl. ebd.)
Ein Essay, der den Titel „Über die Unmöglichkeit einen katholischen Roman zu schreiben“ tragen sollte, „müßte eine Betrachtung über die Schwierigkeit enthalten, mit den Mitteln des modernen Romans einen Heiligen zu beschreiben.“ (S. 113) Nun seien die Kernsätze der katholischen Doktrin Paradoxa, was aber gerade die eigentliche Stärke des Christentums ausmache – jedes andere System würde zerrissen. (Vgl. ebd.) Ebenso verhalte es sich mit dem Heiligen; er sei eine Evidenz – „es gibt ihn, obwohl es ihn eigentlich gar nicht geben kann“. (S. 114) Er bestehe aber nicht in der Ausformung der Persönlichkeit, sondern gerade in deren Auslöschung. Ein Heiligen-Roman sei etwas Unmögliches.
Der Gegenwart sei, so konstatiert der Autor, „die Fühlung mit der katholischen Welt beinahe vollständig verlorengegangen.“ (S. 117) „Es ist aber genau diese Welt, die ich beschreibe, diese bürgerliche Welt, die die metaphysischen Antennen eingezogen hat“. (Ebd.) Beschrieben werde also nicht eine Welt, wie sie sein sollte, sondern die Welt wie sie ist. „Die Welt, wie sie sein soll und wie sie gedacht ist, wird sich erst nach dem Jüngsten Tag zeigen.“ (S. 118)
„Literatur als Propaganda-Vehikel katholischer Lehre, das allein kann als Definition nicht ausreichen. Viele hundert Jahre hat die katholische Kirche Sein und Bewußtsein der Europäer unangefochten bestimmt, viele hundert Jahre gab es geistig überhaupt nicht die Möglichkeit, nicht Katholik zu sein“, die Literatur die dieser Zeit entsprang, sei „die eigentliche katholische Literatur“, Bücher nämlich, „die aus dem Bauch des Katholizismus geboren sind“. (Hört man hier nostalgische Wehmut mitschwingen?) Und er nennt: Dante, Chaucer, Wolfram, Tasso, Rabelais, Cervantes, Joyce und Proust, selbst Shakespeare. (S. 119) Hübsch und originell, Prousts Madeleine-Erlebnis, den Nucleus der Recherche, also das Zusammentreffen von Lindenblütentee und mürbem Gebäck, als Herleitung aus Brot und Wein zu interpretieren. Hier werde das Dogma umspielt, in seiner Atemluft getanzt. (Vgl. S. 122 f.) Und was Joyce betrifft: hätte man ihm seinen verhassten Katholizismus genommen, „er hätte verstummen müssen“. S. 128.
Schliesslich fragt er sich, „ob erzählende Literatur ganz allgemein ohne den religiösen Glauben, daß die Welt eine darstellbare Ordnung sei, überhaupt geschrieben werden könne. Alle erdenklichen Mittel, einen Stoff erzählerisch zu gestalten, rechnen mit dieser Ordnung, für die es, wie wir wissen, keinen wissenschaftlichen Beweis gibt. ´Solange wir an die Grammatik glauben, sind wir Gott nicht los´, sagt Nietzsche einmal.“ (S. 129)

Dieser Ordnungsgedanke, das fällt auf, ist einer, der für Mosebach zentral ist.
Er begegnet auch in den Kapiteln über Gómez Dávila und Heimito von Doderer, den er über alles schätzt, anhand dem er gar pathetisch wird und zum Superlativ greift, ja selbst vor der Textsorte Gotteslästerung kaum zurückschreckt.
Womöglich hat man damit sowohl den Kern der ´katholischen Literatur´ ebenso vor sich wie den von Mosebachs eigenem Schreiben?
Erhebt sich freilich die Frage, wie sich das bei Autoren verhält, bei denen dieser grundlegende Hierarchie- und Ordnungsgedanke, zusammen mit der Fähigkeit zur Integration von Widersprüchen, nicht vorhanden ist.
Denn auffallend ist schon, welche Autoren bei Mosebach besprochen werden, sie gehören nahezu sämtlich zum katholisch-konservativen Dunstkreis: Julien Green, Gerhard Nebel, Madame du Chatelet, Choderlos de Laclos u.a.. Sind es schlicht die interessanteren Autoren oder folgt das bereits einer bestimmten Sichtweise, einem bestimmten Geschmack, einer Haltung oder einer Weltsicht? Huysmans etwa, auch andere, wird nicht erwähnt.
Auffällig ist, dass in den Texten dieses Buches ein eigener Standpunkt vertreten wird. Das hat nichts Modisches, da wird keinem nach dem Mund geredet und der Massengeschmack spielt keine Rolle, allenfalls als Gegenbild.
Mit Julien Green wird die Provinz als Himmel und Hölle gesehen und sein der ecriture automatique ähnliches Schreibverfahren hätte viele Widersprüche, durch diese aber auch eine Qualität seines Textes, ein eigentümliches Flirren, hervorgebracht.
Bezüglich Flauberts wird die Frage erörtert, ob das Sammler-Duo Bouvard und Pécuchet nicht ein nur halb verhohlenes Selbstporträt des Autors sind, Henry James wird mit einer sehr hübschen Bemerkung über Flaubert zitiert (S. 140) und es ist von einer „Gehirnzermanschmaschine“ die Rede (S. 143). Sehr amüsant auch die Thomas Bernhard-Kritik „Dichter und Modell“.

Anlässlich Gerhard Nebels, einer der inspiriertesten Texte des Bandes, wird 1968 ebenso jesuskritisch beurteilt wie die Lehrer, die Schule und insbesondere der Sportunterricht in dieser (S. 80 ff.) und es wird Nebels Gedanke des Saufens als Expedition (S. 77) genannt.
Spannend ist, dass der arme Villenbewohner Borchardt mit einem Zitat vorkommt, das auf frappierende Weise an Intentionen Walter Benjamins erinnert: „Aber die wahre Geschichte ist allerdings nicht die der siegreichen Sache und der vollendeten Fortschritte…Erst das nicht ganz Geschehene, erst das nur Entworfene, Nie-Geschehene, erst das brechende Herz des besseren Mannes und der vernichtete Plan der rettenden Einsicht, – das in sich herrliche Nicht-Gewordene, durch alle Jahrtausende zusammenhängend hinter dem Stückwerk des Gewordenen, ist ihre reinste Kost…“. (S. 50) In der Fortschrittskritik, in der Geschichtsphilosophie der Hoffnung im Vergangenen, im Achten auf´s Nichtgewordene, auf Verlorengegangenes, das vielleicht für eine bessere Zukunft gestanden hätte, auf Torso und Fragment, ist das äusserst nah beisammen. Wie der konservative, ja der „Radikalreaktionär“ (S. 44) Borchardt sich in nahezu kongruenten Gedanken mit dem Möchtegern-Marxisten Benjamin zusammenfindet und ob diese Übereinstimmung womöglich ihren Grund in Denkweisen des assimilierten Judentums haben kann, wäre hochinteressant zu verfolgen.
Im diametralen Gegensatz hierzu steht, was sich im Kapitel über Marcel Proust findet:
„Zauber ist Wirklichmachen von etwas Unwirklichem, und was könnte es Unwirklicheres geben als die Vergangenheit? Sie ist noch unwirklicher als die Zukunft, das Reich des Möglichen. In der Vergangenheit ist gar nichts mehr möglich. Alles liegt unverrückbar fest, um niemals wiederzukehren. Tot und zugleich in jedem einzelnen Augenblick unwiederholbar, also unsichtbar ist, was hinter uns liegt.“ (S. 153)
Das ist antibenjaminsch im reinsten Wasser und, man hat den Eindruck mit Absicht, auch gegen Faulkners berühmt gewordenes Diktum, aus dem Gedächtnis zitiert: „Die Vergangenheit ist nicht tot, ja sie ist nicht einmal vergangen“, geschrieben. Und zumindest im Hinblick auf Proust ist sehr fraglich, ob sich das so halten liesse, zumal unabweisbare Nähen und Parallelen auch zwischen Proust und Benjamin bestehen, etwa was die Zeitauffassung und das Problem der Erinnerung betrifft.
Ein wenig leichtfertig könnte einem anhand mancher Biographie die Bemerkung vorkommen, „daß der Schriftsteller, der seine Heimat verliert, seiner Bestimmung näher kommt.“ (S. 38) Auch wenn dahinter steckt, was vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass Schriftsteller immer in einer Art Exil leben, und sei es, wie etwa bei Joyce, ein selbst gewähltes.

Man merkt allenthalben, hier schreibt ein gebildeter, auch historisch interessierter – Napoléon kommt auffallend oft vor-, aber nicht im unguten Sinn gelehrter Autor, der zu schreiben weiss. Trotzdem kann beim ersten Eindruck der Leser auch halb unbefriedigt bleiben. Es ist nicht leicht zu sagen, woran das eigentlich liegt. Womöglich spielt die Zurückhaltung Mosebachs, oder ist es Höflichkeit, Dezenz, eine Rolle? Auch muss es kein berechtigter, kein wesentlicher Eindruck sein. Liegt er daran, dass der Autor bemüht scheint, Stellungnahmen und Standpunkte eher zu vermeiden? Der Text über Gerhard Nebel wirkt spritziger als manche der anderen, in ihm sind auch Selbstaussagen und deutlichere Worte enthalten. Im Gómez Dávila-Kapitel scheint der Autor bemüht, obwohl Faszination durchleuchtet und er jenen wohl zu Hause besucht hat, sich zu bremsen, sich der Wertung enthalten und eine Position nicht wirklich erlauben zu wollen. Sollte das mit der Brisanz von Gómez Dávila zu tun haben? Das sollte nicht sein. Oder ist es der Anspruch, eher neutral darstellen und den Leser nicht bevormunden zu wollen, ihm nur etwas anzubieten? Das wäre dann falsche Bescheidenheit, man wird sich über Borchardt, der sich der „Selbstverbannte“ (S. 46) nannte, ein elitäres, gegen Humboldt gerichtetes Bildungsideal sein eigen nannte (vgl. S. 82) und das heilen wollte, was Luther seiner Ansicht nach zerstört hatte (vgl. S. 44) oder über Gómez Dávila im Kraftfeld seiner Bibliothek (vgl. S. 97) mit dem Hang zu ungewöhnlichen Koalitionen, etwa mit erklärten Feinden (vgl. S. 102), durchaus in Position setzen können. Wozu also die Distanz?
Erfrischend jedenfalls, wenn sich Mosebach zu kurzen, deutlichen Urteilen hinreissen lässt, was zuweilen auch vorkommt: „Mme du Chatelet ist der Paradefall eines Menschen, der einem durch den Verrat an seinen Prinzipien erst erträglich wird.“ (S. 149) Das ist klar, das sitzt.
Oder, beinah schon von peitschenknallender Härte: „Der perverse Libertin ist die einzige Form der Freiheit, die in der absoluten Monarchie möglich ist. Da war die Guillotine der Revolution kein Instrument der Strafe, sondern der kluge Aderlaß eines menschenfreundlichen Arztes, der die Menschheit von solchen Geschwüren befreite.“ (S. 176)
Man kann auch sentenzartig etwas über das Bürgertum (S. 87) oder über den Lauf der Avantgarden erfahren (S. 142) und wenn von der Durchtränkung der öffentlichen Debatte mit Ideologie gesprochen wird (ebd.), dann kommt auch Zeitkritisches nebenbei in den Blick, das an das kleine aber täglich brauchbare „Bullshit“-Büchelchen von Harry G. Frankfurt erinnert.
Ob Heimito von Doderer, der grosse Gewährsmann Mosbachs, allerdings der überlebensgrosse Strauss zukommt, der ihm hier offeriert wird? Ob ihm in der Tat eine Zukunft zukommen wird, wie Mosebach sie ihm zudenkt, es wird sich erweisen müssen. Unterdessen kann man es ja statt mit den Wasserfällen von Slunj mit den „Dämonen“ oder der „Strudlhofstiege“ versuchen. Ob man ihn allerdings mehrfach mit den gleichen Zitaten hätte anführen müssen?
Auch gibt es, wie leider meist, ein paar Druckfehler zu beklagen, mal fehlt ein ´zu´ auf S. 28, mal müsste es ´in´s´ und nicht nur „in“ heissen (S. 88), das eine oder andere Komma vermisst man auch , aber dass man, und in einem solchen Buch, ´das´ und ´dass´ nicht recht unterscheiden kann, ist denn doch ärgerlich, zumal einem dieser Fehler ständig schon selbst in den grossen Zeitungen begegnet (S. 228).
Schön und treffend das Zitat von Gómez Dávila, vielleicht auch programmatisch und ein wenig in eigener Sache vorgebracht:
„Gegen die heutige Welt konspiriert wirksam nur, wer insgeheim die Bewunderung der Schönheit verbreitet.“ (S. 99)
Rührt aus dieser ästhetischen Opposition – nur: für welche Zeit hätte sie nicht Geltung beanspruchen können? – sowohl eine Beschreibung des ´konservativen´ wie auch eine Erklärung für den Titel „Schöne Literatur“?

3 Antworten to “Martin Mosebach „Schöne Literatur. Essays“”

  1. 1 ewu simpel
    März 24th, 2006 at 10:13 pm

    lieber helmut!

    hab dank für die leihgabe.

    wie bei dir hat sich in die begeisterung über die sprachliche brillanz, die historische bildung und interessante autorenauswahl bei mir ein gefühl des unbefriedigtseins eingemischt.

    zunächst finde ich es eine unsitte, renzensionen, die fürs tagesgeschäft geschrieben werden, gleichsam zu adeln, indem man sie in einem band als buch veröffentlicht. wenn dies wie hier geschieht, und wenn der autor versichert, die beiträge überarbeitet zu haben (236), wundere ich mich schon ein wenig, wenn bei der zitatfülle in den texten die quellen nicht angegegeben werden. zumal er in dem beitrag über flaubert den herausgeber von dessen texten lobt (143), und zwar gerade weil dieser die originalstellen und den kontext der von flaubert ausgewählten und zum teil verfälschten zitate angibt und so die lektüre bereichert. ähnliches hätte er doch auch tun können, wenn er die rezensionen schon für die buchpublikation bearbeitet hat. dies aber nur am rande.

    du schreibst einmal, die texte zeichnen sich dadurch aus, daß ihr autor einen standpunkt vertrete, und später vermißt du gerade diesen standpunkt, sprichst von distanz, dezenz, zurückhaltung im werturteil. hier bin ich mir nicht ganz sicher, welche meinung du letztendlich vertrittst.
    sicher ist es richtig, daß er sich im werturteil, in der kritischen auseinandersetzung – bis auf wenige ausnahmen, etwa nebel, chatelet – zurückhält. bei dem davila-beitrag fällt es ganz besonders auf, dort werden die zitate kommentarlos geboten, eine erläuterung oder gar kritik fällt ganz weg. was allederings geboten gewesen wäre, bei der brisanz der von davila vertretenen thesen und verwendeten begriffe. es scheint, als ob er hier einen geistesverwandten trifft, dessen entschieden unzeitgemäße gedankenwelt er affirmiert, in teilen wenigstens. gerade an diesem text wird für mich die grundstruktur der in diesem band versammelten rezensionen deutlich: ein explizites werturteil über den behandelten gegenstand bleibt aus – bis auf die erwähnten ausnahmen -, dafür sind die sprachlich brillierenden texte mit impliziten aussagen, statements durchzogen, die den standpunkt des autors mosebach kennzeichnen können.

    der programmatische originalbeitrag “was ist katholische literatur?” wird da schon deutlicher. hier liefert er in nuce eine ästhetische theorie des romans, so wie er ihn versteht. so nachvollziehbar seine bestimmung ist, der roman lasse sich nicht in die pflicht nehmen, ziele weder auf belehrung ab noch beabsichtige er eine beurteilung, sondern leiste die darstellung der welt, wie sie ist und nicht wie sie gemäß den wünschen sein sollte (108-109,117), so finde ich sie doch zu einseitig auf das mimesis-gebot ausgerichtet. auch sehe ich hierin einen widerspruch zu dem, was er am ende des beitrags als voraussetzung jeden erzählens ansieht, nämlich den religiösen glauben, daß die welt eine darstellbare ordnung besitzt (129). ist das etwa keine nur erhoffte oder gewünschte unterstellung? und muß die welt eine – wie auch immer geartete – ordnung haben, um über sie erzählen zu können? sicherlich ist erzählen auch sinnstiftung, sinnhebung, aber muß die grundlage dafür einzig im religiösen glauben an eine welt-ordnung liegen? einfacher ist es allerdings, sich mit einem solchen glauben als literat einzig der mimesis zu verschreiben, dh der romanhaften darstellung des ist-zustandes, da man dann mit der ruhigen gelassenheit eines katholiken den “jüngsten tag” abwarten kann, an dem es sich dann ausweisen wird, wie die welt sein soll oder wie sie gedacht ist (118).
    aufgefallen ist mir noch, daß er bei der aufzählung der grundmotive katholischer literatur zum einen deren humorlosigkeit feststellt (113) und zum anderen von einem katholischen humor spricht (125), der sich als desillusioniertes gelächter über die irdischen geschicke durch das katholisch inspirierte schreiben zieht. widerspricht er sich da nicht?

    dies waren einige gründe meines unbefriedigtseins. trotzdem liefert der band viele interessante einblicke in das schaffen der ausgewählten autoren und enthält formulierungen, die zu denken geben. etwa diese:
    “es ist der urwunsch der kunst, hinter der von ihr beschriebenen und erforschten welt eine andere von höherem wirklichkeitsgrad zu entdecken.” (184) und:
    “leben wir nicht alle so, mit einem moralischen ideal, das wir nicht selbst gesetzt haben, das als etwas allzeit fertiges neben unserem leben und seiner verworrenheit steht? ist es nicht geradezu das wesen der moral, daß sie vorgegeben, nicht aus dem stand der jeweiligen persönlichen entwicklung hervorwächst oder eben auch verkümmert?” (198) oder:
    “die liebe ist unmöglich, aber der drang zu lieben peinigt diese menschen wie ein juckreiz.” (183)

    grüße, uwe.

  2. 2 helmut
    März 28th, 2006 at 10:13 am

    Lieber Ewu,

    ich habe Deinen Kommentar mit Interesse gelesen und er hat mir gut gefallen, ist fundiert.

    Gut, ob man es für eine Unsitte halten will, wenn man für Zeitungen geschriebene Texte als Buch herausbringt, das mag jedem überlassen bleiben. Man kann ein flaues Gefühl dabei haben, das habe ich manchmal, man kann es auch begrüssen, weil man dann Texte greifbar serviert oder in Erinnerung gerufen bekommt, die sonst eher versteckt und schnell verschwunden wären. In diesem Fall ging es mir so, dass ich etwa an den Hacks-Artikel erinnert wurde, den ich schon gelesen hatte, gleichzeitig aber auch zusätzlich interessante Artikel fand.
    Vielleicht wäre eine prinzipielle Entscheidung für oder gegen derartiges Publizieren zu einseitig und darüberhinaus auch nicht notwendig? Dann käme es auf den Einzelfall an.
    Den kritisierst Du substantiell, etwa was fehlende Quellenangaben angeht. Es wäre eine Frage an den Autor warum er das so gemacht hat. Ich fände es auch begrüssenswert, wenn es sie gäbe.
    Vielleicht weist Du indirekt mit dem Hinweis auf Widersprüche auf eine Mosebachsche Denkfigur hin, die mir aufgefallen ist und die er dem Katholischen zuschreibt: der Integration von Widersprüchen nämlich. – Das kann man zunächst als geschickt ansehen, in einem weiteren Schritt allerdings könnte dies einem auch als Versuch auffallen, sich unangreifbar zu machen. Als etwas Statisches, das sich mit diesem Trick gegen alles, jedenfalls gegen Veränderung wehren will. – Sich damit aber langfristig bestimmt keinen Gefallen tut.
    Amüsiert hat mich der Hinweis auf´s Warten bis zum Jüngsten Tag – aber freilich kann man darin auch mehr als einen Scherz sehen.
    Einig sind wir uns im leichten Mißbehagen am Davila-Kapitel; dieses wirkt auf diese Weise nicht recht geheuer, da hätten ein paar klare Worte gut getan.
    Ob das verallgemeinerbar ist?
    Ich glaube ich hatte von “Haltung”, nicht von “Standpunkt” geschrieben; das ist ein Unterschied. Aber es steht auch nirgendwo geschrieben, dass man sich mit dem Urteil über Texte prinzipiell zu Reich-Ranickischer Überdeutlichkeit und Parteinahme und Verkürzung durchzuringen habe. Man darf sich dezent im Urteil äussern.
    Was die sicher wirklich wichtige Frage der Ordnung angeht, auf die man sich beziehen kann, zugleich aber eine Darstellung des Ist-Zustandes vorzieht: ein grosses, und wenn man sich darauf einlässt, weit ausgreifendes Thema. So klar lässt sich das sicher nicht scheiden. Ohnehin: was wäre eine Darstellung des Ist-Zustandes in bzw. mittels der Literatur überhaupt? – Eine Sammlung unendlich vieler Möglichkeiten!

  3. 3 ewu simpel
    März 29th, 2006 at 6:58 pm

    lieber helmut!

    du hattest standpunkt geschrieben. aber vielleicht zwei unterschiedliche sachverhalte gemeint. zum einen herrscht ein dezidierter standpunkt in mosebachs texten, der sich auf die auswahl seiner autoren wie auch auf die gewählte perspektive bezieht, in der er sie zeigt. zum anderen jedoch lassen sie zum teil einen standpunkt im sinne eines klaren und unmißverständlichen werturteils vermissen.
    das geht so weit, daß er zb über julian green vermerkt, daß dieser mit seinen werken jenseits jeder kritik stehe, und er dann aber auf das besondere, quasi-automatische schreibverfahren aufmerksam macht, das zu nicht unerheblichen widersprüchen und unwahrscheinlichkeiten hinsichtlich des handlungsverlaufs führt. der leichte schwindel, der sich beim leser von greens werken einstellt, wird nicht dem werk als defizit angelastet, sondern als ausweis seiner originalität beschrieben – er spricht von der “flirrenden atmosphäre der sinnestäuschungen”, die dadurch entsteht (133-138). dies mag richtig beschrieben sein, doch hätte ich mir hier eine genauere bestimmung dessen gewünscht, was dann die funktion eines solchen schreibens wäre. ein autor, der “nicht weiter darauf achtete, was er sagte”, so mosebach: was sagt das letztlich über die werke selbst aus? artikuliert sich in ihnen noch eine kommunikationsleistung oder geht es hier nur darum, in den “betörenden strom der literatur” einzugehen? und wenn dem so ist: was haben wir als leser davon?

    und noch ein zweites.
    du sagst, die integration von widersprüchen sei eine mosebachsche denkfigur und zugleich dem katholizismus geschuldet. dem ist zuzustimmen. doch finde ich, daß er allzu viel unter das katholische label subsumiert. katholische literatur hat das kleine , bedeutungslose im blick, zeichnet sich durch die verbindung des himmlischen mit dem irdischen aus, in ihr repräsentiert das einzelne das ganze, zudem herrscht in ihr ein abgrundtiefer humor, ein gelächter über die welt und ihre anstrengungen, vollkommenheit zu erreichen – all das subsumiert er darunter und markiert als das wesentliche merkmal katholischen schreibens und erlebens die “desillusionierung”: das ewige kann im irdischen nicht sein.
    das alles kann aber auch nicht-katholische literatur auszeichnen. und das-auf-der-erde-nicht-ganz-zu-hause-sein muß nicht unbedingt religiösen ursprungs sein, wie er unterstellt, sondern ist wohl eher eine existentielle grunderfahrung, die jeden befällt – immer dann, wenn sich neben der wirklichkeit das wünschbare oder wünschenswerte auftut. dies als uneinholbar und uneinlösbar zu denken und auf ein jenseits zu hoffen, wo die widerspüche sich auflösen, erscheint mir als eine variante, die nicht für jeden annehmbar ist.
    soviel dazu.

    grüße uwe.