Géza Csáth „Tagebuch 1912-1913“

März 17th, 2006

Géza Csáth: „Tagebuch 1912-1913“, aus dem Ungarischen von Hans Skirecki und mit einem Nachwort von Lászlo F. Földényi, Berlin 1990, soeben neu aufgelegt, 143 Seiten, Leinen, 22 Euro, gebraucht im Internet ab ca. 12 Euro.

liebe Dieses Buch verursacht Unwohlsein. Vielleicht liest man es zunächst belustigt, vielleicht angeregt, aber das dürfte sich bald ändern. Es ist ein wenig erfreulicher Blick in ein Leben. Da wird viel „koitiert“ – schon der Begriff! -, Spass das zu lesen, macht es nicht. Da schreibt einer, der Buch führt über seine Beischläfe pro Jahr und darüber berichtet wie ein geschmäcklerischer Trophäensammler.
Ein Arzt, der seine Patientinnen versucht reihenweise flachzulegen – das ist hier der passende Begriff. Lustvoll geschieht das nicht, eher getrieben, um eine innere Leere auszufüllen oder gegen Ängste anzugehen, irgendeiner Beschädigung zu leben, was immer. Neben der Sex-Besessenheit des Autors nimmt man auch Teil an seiner Drogenkarriere. Die Höllenfahrt eines Abhängigen, eingefangen in eher trockenem Berichtston; Morphium und Pantopodon sind seine Geisseln.

Es ist ein kluger und sicher zutreffender Hinweis Földényis, wenn er anmerkt, dass Csáth nicht im Leben Befriedigung fand, sondern allenfalls erst im Aufschreiben dessen, was er im Leben tat. Nicht der Beischlaf ist es, sondern, dass er ihn auf Papier festhalten kann. Es ist, als ob Csáth als ein vom eigenen Schicksal Ausgeschlossener leben würde. Als könnte er die Beobachterrolle nicht aufgeben. Überwach, überkontrolliert, mit hochfliegenden Plänen, sich gleichzeitig aber um alles bringend, was möglich gewesen wäre.
Ein von Selbsthass und Selbstekel gestresstes Leben lässt mit diesen Aufzeichnungen tief blicken. Tiefer als angenehm ist – und das macht zugleich eine Qualität des Buches aus, denn auf diese Weise hält es auch den Spiegel vor, ruft „ecce homo“ und stösst den Leser womöglich auf eigene, ähnlich geartete Seiten in ihm selbst.
Doch trotz Zeilen wie diesen: „Dies ist ein unermeßlich abstoßendes, verächtliches Leben. Ich bin so abstoßend, schwach und jämmerlich, daß ich mich wahrhaftig über Olga (seine Verlobte und spätere Frau, H.K.) wundere, daß sie mich noch liebt und nicht betrügt.“ (S. 106), hat man kein Mitleid mit dem Tagebuchschreiber. Zu übel benimmt er sich, zu unsympathisch denkt, zu kalt fühlt er.

Er stellt sich selbst eine Liste dessen auf, was er tun möchte oder Praktische Regeln (S. 85; S. 92 f.), an die er sich aber ebensowenig zu halten in der Lage ist, wie er es schafft, den Entzug von den Drogen zu meistern. Immer wieder ist der Wille da, immer wieder unterliegt der Süchtige. Auch Zwischenbilanzen helfen da nicht. Seine Zukunftsperspektiven sind düster, bereits als junger Mann denkt er an „die freudlosen Tage des Alters“ (S. 94), die er mit der Weise sein Leben zu fristen freilich gar nicht erst erleben muss. Nahezu gleichzeitig sieht er dann wieder eine glänzende Zukunft vor sich, phantasiert: „Ich darf nicht verzagen. – Ich verlasse mich auf mein Talent, und mit Ausdauer werde ich Erfolg haben. Zu Kompromissen und Verzicht (auf ein bequemes, schönes und reiches Leben) habe ich heute keine Lust. Ich werde neu anfangen, zehnmal und hundertmal, und wenn es sein muß – tausendmal. Ich darf das Ziel nicht verfehlen! Dorthin muss ich blicken. Noch immer sehe ich, noch immer liegen vor mir der literarische Welterfolg, eine leichte und blendend dotierte Kurarztstellung in einem schönen Hotel mit einer Terrasse, weiße Tennisschuhe, gute Zigarren, ein vornehmes Schlafzimmer, eine umwerfend elegante Praxis, Bücher, erlesenes, nicht fleißiges, aber stetig vorankommendes literarisches Wirken, Musik, im Alter von etwa fünfunddreißig Jahren die erste Oper oder Pantomime mit komplettem großen Orchesterapparat,…“ (S. 91)

Anspruch, bzw. Tagtraum und Wirklichkeit klaffen allerdings weit auseinander und diese erträumten Ziele werden sehr unverwirklicht bleiben. Am Ende wird er, von den Drogen nicht losgekommen, seine Frau Olga erschiessen und in Anstalten landen.
Dass da zunächst noch mehr ist, dass es auch anderes gibt, aber eben stets unter Drogeneinfluss, davon zeugen wenige rare Stellen. Die markanteste, vielleich schönste und atmosphärischste ist: „Ich kombinierte Kodein mit 1 g Brom, 1 g Paraldehyd und 0,01-0,02 g Kodein mit 0,05 g Veronal. Das wiederholte ich, wenn ich nachts zwischen 3 und 5 aufwachte, was sehr häufig geschah. Bis die Wirkung eintrat, las ich im Nguyat und darin mit besonderer Vorliebe die politischen Memoiren von Halász. Es war dies ein eigenartiges und unvergeßliches Gefühl. Nacht. Das Fenster offen, draußen dichter Nebel. Rundum plätscherndes Wasser. Unter elektrischem Licht, bis zum Hals im Bett steckend, lese ich, während sich an der Wand in unaufhörlicher Regsamkeit die Schatten des Untergangs und böser Ahnungen drängen.“ (S. 97 f.)

Die liessen sich dann auch nicht bitten, obwohl es noch etwa sechs Jahre dauerte, bis er sich völlig heruntergewirtschaftet hatte und nach kurzem Leben starb. 1887 wurde er als József Brenner in Südungarn geboren, Földényi schreibt im Nachwort: „am 11. September 1919 flüchtete er aus der Klinik, stahl in einer Apotheke Pantopon und trat, das Jackett über die Krankenhauskleidung gezogen, den Weg nach Norden an. Er wollte nach Budapest. Als er an die Grenze gelangte, stieß er auf serbische Grenzsoldaten. Sie sollten ihn erschiessen, bat er; als sie sich weigerten, schluckte er alle Medikamente, die er bei sich hatte, und wenig später war er tot.“ (S. 131)

Aber man kann auch andere Varianten finden. Man weiss nicht viel über ihn und sein droge skandalumwittertes, kurzes Leben. Selbst das Geburtsdatum scheint nicht ganz sicher – einmal findet man 1888, im Buch steht 1887. 1909 erscheint sein erster Novellenband und ein Essay über das Opium. In vier Jahren folgen vier weitere Bücher. Am 20. April 1910 spritzt er sich zum ersten Mal Morphium. Er spielt Violine und Klavier, sein Buch über Puccini wird ins Deutsche übersetzt. Als er 24 ist, spielt ein Budapester Theater zwei Stücke von ihm, ein Jahr später erscheint ein medizinisches Werk aus seiner Feder, das den psychischen Mechanismus der Geisteskrankheiten behandelt. Zusammen mit Ferenczi hat er früh Freuds Psychoanalyse in Ungarn rezipiert und etabliert.
Ob der Leser der von Földényi angebotenen interpretatorischen Überhöhung dieses unsympathischen und unmoralischen Subjekts folgen will, bleibt ihm überlassen. Földényi vertritt die These, der Autor der Tagebücher könnte für mehr stehen als nur für sich selbst, nämlich für seine Zeit. Er stehe gleichsam für das Schicksal und den Todeskampf der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. (S. 123) Er hätte nicht nur als Wissenschaftler auf den Verfall hingewiesen, wie Krafft-Ebing oder Sigmund Freud, sondern „er verkörperte ihn auch“. (S. 124)

Das klingt etwas blumig und etwas weit hergeholt, klingt nach einem Rettungsversuch.
Was verursacht das Unwohlsein bei der Lektüre? Földényi benennt es als die Kälte, die dem Tagebuch entströmt. Mit acht verlor Csáth seine Mutter, Földényi meint, dass das im negativen Sinn prägend für dessen Leben war, aber er psychologisiert nicht. Was naheliegend wäre. Er kann in Csáths Bilanzen und Regeln nur untaugliche Installationsversuche von Haltegriffen sehen, deren Wirkung jedoch die umgekehrte der intendierten war. (Vgl. S. 142) Er erkennt in ihm einen Geprellten, der sich geprellt fühlt, weil er nicht das ganze Universum besitzen kann. (Vgl. etwa S. 140) Es macht den Eindruck, als habe sich Csáth selbst den tödlichen Käfig einer Philosophie gebaut, die den Kern des Untergehenmüssens bereits in sich trug. Einer Philosophie, die Erfüllung und Tod, die grösstmögliche Aneignung und Suizid engführte. Wer das Leben als Krankheit zum Tode begreifen will, wird gute Chance haben, nicht allzu alt zu werden. Ob man Földényi folgen will, der den Leseeindruck des Tagebuches als den einer „stetigen psychischen Ejakulation“ beschrieb, mag jedem überlassen bleiben, sicher richtig ist aber wohl, dass man den Eindruck hat, dass hier ohne Filter berichtet wird. (S. 141) Das ist das erschütternde an diesen Aufzeichnungen. Man kommt dem Verfall tödlich nah, sieht einer Seele bei ihren unlustigen Schein-Vergnügen, im Grunde bei ihrem Selbstbetrug zu, bei ihrem gründlichen Scheitern und kann nichts tun. Siegfried Kracauer hat die Zeitlupe im Film als den „Unerbittlichkeitsstil“ bezeichnet, ein terminus technicus, den man anlässlich dieses Tagebuchtextes assoziieren kann. Man sieht dem Zug bei der langsamen Fahrt in den Abgrund zu. Nachvollziehbar ist die Beschreibung Földényis dieses Tagebuches als den „Aufzeichnungen eines lebenden Toten“. (S. 142) Der Gedanke liegt sehr nahe, diese Person und ihre Lebenshaltung unter pathologischem Gesichtspunkt sehen zu wollen. Aber man kann auch auf der ästethisch-soziologischen, bis hin zur metaphysischen Ebene bleiben, wie es Földényi präferiert. Fest steht, dass es ein krankes, leidvolles Leben war, ein zerstörtes, auch zerstörendes. Bei Erklärungsversuchen neigt man dazu, in die psychologische Begriffskiste zu greifen oder aber nach den Drogen zu schielen, wobei sich die Frage erhöbe, was hier Ursache, was Wirkung war. Jedenfalls war es ein Charakter, ein Leben mit einem grossen Knacks. Csáth war begabt, aber vielleicht war es ein Teil seines Leidens, dass übertriebene Ambitioniertheit bei ihm plötzlich abbricht, wie er selbst schrieb. (Vgl. S. 125)
Euphorie und Blues grenzen hart aneinander. (Vgl. S. 73 ff.) Dann heisst es wieder: “Es ist die reine Wahrheit, Freude und Schmerz sind für einen echten Morphinisten gleich unerträglich.” (S. 101)
Das entbehrt auch nicht immer des (unfreiwillig) Komischen, vor allem wenn man Eugen Egners „Tagebuch eines Trinkers“ kennt, an das Csáths Tagebuch an manchen Stellen doch erinnert. (Vgl. etwa S. 73)
Man kann das Buch als Spiegel der Zeit lesen, der Morphinist war ja auch eine Modeerscheinung dieser Jahre, man kann es als Spiegel einer verlorenen Seele lesen und sich selbst als solchen vorhalten: wo liegt die eigene Lebenslüge, wo ist die Grenze zwischen Sinn und Unsinn, zwischen Hilfe und Selbstbetrug, an welchem Punkt wird eine Lebensphilosophie oder – lüge zu einem tödlichen Kraut? Sicher ist es ein modernes Tagebuch. Wäre Morphium nicht längst aus der Mode gekommen und würde man ein paar andere zeittypische Details ändern, könnte es auch aktuell geschrieben sein. Ein trockener Bericht des Verzweifelns und Scheiterns am Leben. Und vielleicht des Missverständnisses, dass der Tod so etwas wie gesteigertes oder die Sehnsucht nach einem vollkommeneren Leben sei. (Vgl. S. 135) Der Selbstmord als Lebenswunsch und Streben nach dem Optimum. (Vgl. S. 133)

Csáth hatte seine Tagebücher seinem Vetter, dem bekannten Autor Kosztolányi vermacht, damit dieser die Geschichte seines Niederganges aufschreiben sollte. „Der Roman wurde nicht fertig, die Tagebücher gelangten aus dem Nachlass in die Hände privater Sammler. Zusammenhängend wurde auch in ungarischer Sprache nur der hier veröffentlichte Teil in der ungarischsprachigen jugoslawischen Zeitschrift ´Híd´ (1987-88) und in Buchform in Ungarn (Napló) 1912-1913, lektoriert von Gábor Tóttós und Zuzsana Vágó, 1989 bei Babits Kiadó, Szekszárd) herausgegeben.“ (S. 143)
Csáth wurde also mit jahrzehntelanger Verspätung erst wahrgenommen, der Kindler etwa kennt ihn nicht. Der Tabubrecher und sich mit psychologischen Abgründen Beschäftigende ist, und bleibt wohl, ein ewiger Geheimtip.

Das Buch ist in bekannter Brinkmann & Bose-Qualität hergestellt, ein kleiner Leckerbissen in grobem naturfarbenem Leinen mit geprägtem Titel in Schwarz und Weiss auf dem Vorderdeckel und dem Rücken, mit schönem Druckbild und Fadenheftung – ein Genuss anzusehen und in der Hand. Schön, dass so etwas heute, im Zeitalter steigender Preise und sinkender Qualität, auch noch gemacht wird.

Földényi schreibt:
„Das Leben hat ihn gezwungen, unablässig einen Weg zu gehen, der zwar ausschliesslich der seinige, aber für ihn dennoch nicht annehmbar ist.“ (S. 137)

7 Antworten to “Géza Csáth „Tagebuch 1912-1913“”

  1. 1 ewu simpel
    März 20th, 2006 at 6:34 pm

    lieber helmut!

    hab dank für diese empfehlung und das dazugehörige buchpaket!

    du hast ganz recht mit deiner einschätzung: es ist eine veritable hadesfahrt, die hier in zeitlupe geschildert wird.
    dabei beginnt es recht harmlos und zum teil auch ermüdend mit dem journal intime eines sexbesessenen, in dem die auflistung der zahlreichen geschlechtsakte vorherrscht. dann nimmt der text tempo auf, indem er in das erschütternde tagebuch eines drogenabhängigen übergeht, der sich vergeblich an dutzenden entziehungskuren versucht und dessen leben zwischen euphorie und depression pendelt. zuletzt mündet er in einen kursorischen, nicht mehr tagebuchartigen bericht über eine ehetragödie und endet mit einem satz, in dem der autor sich eingesteht, todkrank und rettungslos verloren zu sein, ein satz, der den selbstmord erahnen läßt, der dann ja auch 1919 vollzogen wurde.

    was zu dem buch zu sagen ist, hast du und das vorzügliche nachwort geleistet, wobei ich das nachwort – wie du – als einen interpretatorischen überbau, als eine exegese des lebens und schreibens des autors csath empfinde. nicht jedoch als einen rettungsversuch, ich habe es eher als den versuch verstanden, das einzelschicksal ins allgemeinmenschliche oder gar metaphysische zu überhöhen. ein versuch, der in die frage münden könnte: sind wir nicht alle geprellte, um was auch immer?
    eine interessante frage, wie ich finde, die du ja auch stellst mit deinem hinweis auf den spiegel, den das tagebuch dem leser vorhält:
    wo liegen deine leichen im keller? wie funktioniert deine lebenslüge? wie und womit verschaffst du dir glückselige erlebnisse? und wie schaffst du es mit den talsohlen zwischen diesen gipfelmomenten zu leben? etwa, indem du täglich einen verrat begehst oder kompromisse eingehst? fragen dieser art kann man sich nach der lektüre durchaus stellen.

    irgendwo habe ich mal gelesen, daß jeder selbstmord das leben, das wir, die über- und weiterlebenden, führen, auf den prüfstand oder zur disposition stellt. wie sieht es damit aus angesichts dieses buches und des darin geschilderten extremen und selbst-zerstörerischen lebenslaufs, der notwendigerweise in den tod münden mußte – wie du und auch földenyi zu recht feststellst?

    das tagebuch zeigt, wie maßlose ansprüche, die sich nicht oder nur defizitär verwirklichen lassen (stichwort: restlose aneinung des lebens, streben nach dem optimum, dem intensivsten leben), unausweichlich in eine tödliche selbstzerstörungsmaschinerie münden. es zeigt also, daß absolut gesetzte ideen krank machen können oder, wie du es ausdrückst, daß eine lebensphilosophie oder -lüge zum “tödlichen kraut” werden kann.

    wir haben es bei csath sicherlich um eine manisch-depressive und insofern kranke persönlichkeit zu tun. und trotzdem stellt ihr extremer und extremistischer glücksanspruch an uns die frage, auf kosten von was wir es schaffen, zu leben? haben wir uns in einer wohltemperierten mittellage arrangiert, eingependelt zwischen anspruch und wirklichkeit, zwischen lust- und realitätsprinzip? womöglich auf kosten eines selbstverrats, der täglich erneuert wird? oder verdankt sich unsere mittelstandsexistenz der einsicht in die notwendigkeiten des lebens und stellt somit eine gelungene rationalisierung und sublimierung unserer potentiell maßlosen wünsche und triebe dar? ein zustand der halben resignation, in dem wir die kommoden fluchtmedien wie sex, kunst, literatur, sport u. a. aus angst vor der überdosierung nur in maßen genießen?! ein fader trost oder einsicht in die notwendigkeit, das leben auszuhalten, so wie es ist? sind wir nicht alle unangepaßt an unsere wirklichkeit, von bedürfnissen vezehrt, die sich nicht befriedigen lassen? und ertragen wir das nicht nur dadurch, indem wir die wirklichkeit temporär bestreiten oder durch eine gewaltige produktion an imaginärem kompensieren. nicht ale können oder wollen das. csath hat es zwar versucht, hatte auch genügend talent, es zu schaffen, ist aber letztlich an seiner überambitioniertheit gescheitert, die keine geeigneten mittel fand, in eine lebbare wirklichkeit übersetzt zu werden.

    das soll kein plädoyer für den selbstmord sein. aber die inkongruenz von kopf und welt, im 19. jh. hätte man es wohl “weltschmerz” genannt, an der csath in krankhafter und todbringender weise leidet, ist etwas, was jeden betreffen müßte und was mich betraf, als ich mit der lektüre fertig war.

    ich hoffe, ich liege nicht allzu sehr daneben und wieder allzu nahe bei mir.
    wie siehst du das?

    grüße uwe.

  2. 2 helmut
    März 23rd, 2006 at 7:14 pm

    Lieber Ewu,

    freilich wäre es leichter, näher am Buch zu diskutieren als mit einem Köpper mittenrein zu springen ins Allgemeinmenschliche und Persönliche und eventualiter in Philosopheme darüber.
    Machen wir einen Versuch:
    Das Einzelschicksal überhöhen: ja, kann man, sicher – ob gleich ins Metaphysiche, und ob das hier passiert?
    Scön fand ich die Frage ob wir denn nicht alle Geprellte sind! Sind wir? Oder das Gegenteil? Oder fühlen wir uns so und sinds nicht? Oder was?

    Aber anhand von Csáths Tagebuch kommt mir das nur begrenzt passend vor.
    Ist es ein Suizid, was er begeht?
    Eigentlich nicht wirklich.
    Er ist süchtig.
    Und es ist die Frage, wie man das lesen will/ kann: psychologisch/ ästhetisch/ sonstwie.
    Ob er so locker vom Hocker als manisch-depressiv zu bezeichnen wäre?

    Du sprichst von einem extremen Glücksanspruch. Hat er den? Geht es da um Glück? Ist es nicht schon reiner Selbstbetrug? Tagtraum, Fata Morgana?

    Du greifst in die Vollen und machst das Fass ganz auf: was soll gelten: Extremes oder Mittellage? Schon unterstellend, dass diese nur Selbstverrat sein kann? Das sind viele grosse Fragen. Mache mir nicht anheischig sie hier en passant zu beantwortn, zumal es DIE Antwort kaum geben wird.
    Vielleicht sie einfach für sich als Frage festhalten, im Gedächtnis behalten und ab und zu daran nagen, von verschiedenen Seiten, um zu sehen was daran ist.

    Sicher scheint mir, dass Lebenshaltungen oder wie man es nennen will, -einstellungen, eine -philosophie rückwirkenden Einfluss haben; die Frage ist, ob man sie sich aussucht – oder umgekehrt. Kann man sich eine Lebenseinstellung die gesund ist passgenau schneidern? Wer das könnte, könnte noch mehr.
    Was die Inkongruenz von Kopf und Welt angeht – ich ahne, was gemeint sein soll – würde Kafkas Franz sicher sagen: gib der Welt recht.
    Jeder Einzelne taugt vielleicht als Roman- oder Filmheld. Wäre die Zeit, die man ihm lesend oder schauend widmet schon Überhöhung? Oder nur Grundanerkennung, Mindestrente? Vielleicht hat das alles auch etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Aber da ist man schon weit von Csáth weg.

    Schöne Grüsse,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    März 24th, 2006 at 11:19 am

    lieber helmut!

    also lag ich richtig mit meiner vermutung, daß ich wieder einmal näher an mir und den mir unter den nägeln brennenden fragen bin als an dem text. trotzdem glaube ich, daß man die ‘großen fragen’ anhand dieses textes stellen kann, auch im bewußtsein, darauf keine endgültigen antworten zu bekommen. die gibt höchstwahrscheinlich das leben selbst.

    warum klingt das, was du schreibst immer so vernünftig gegenüber dem, was ich hier zum besten gebe und das dagegen überspannt und auf dem weg befindlich erscheint? bist du mir immer schon einen schritt voraus oder näher dran am kern, mit mehr übersicht, auch nüchterner?

    hier noch ein paar anmerkungen.
    ad einzelschicksal überhöhen: gemeint war, was im nachwort geleistet wird an interpretatorischem aufwand, auch unter zuhilfename anderer texte von csath. das nachwort kontextualisiert den tagebuchtext und stellt – wie ich – an dieses geschilderte einzelschicksal die grundsätzliche frage nach den bedingungen der möglichkeit des in-der-welt-zu-hause-seins. zu recht, wie ich finde. du selbst sprichst etwas kleinlauter vom spiegel, den sich der leser anhand des textes selber vorhalten kann. die richtung ist doch dieselbe, nur eine nummer kleiner, bedächtiger, oder?

    ad suizid: ich denke, man kann von einem suizid sprechen. der tod kommt ja leitmotivisch im text immer wieder vor: der sex als der ‘kleine tod’, die drogen als “miniatursuizid” (69), die selbstdiagnose “todkrank” zum schluß. der selbstmord, oder besser die selbstauslöschung, scheint am ende des textes konsequent und für den leser erahnbar. das nachwort klärt über die tatsächlichen umstände auf. ob es sich im moment der tat um eine willentliche aktion handelt oder ob sie sich im wahn eines tötlich-verdrehten selbstwahrnehmung vollzog, mag ich nicht beurteilen. der text legt eine tat im sinne der vorstellungswelt des autors nahe, also eine in letzter konsequenz bewußte handlung. aber über die tatsächlichen umstände läßt sich nur spekulieren. ein selbstmord auf raten, so könnte man es sehen.

    ad manisch-depressiv: nicht locker vom hocker, sondern aus eigener anschauung bei einem guten freund kam ich zu dieser ‘diagnose’, die ja andere zuweisungen nicht ausschließen muß. natürlich kann man im falle csath auch andere kriterien heranziehen: das phänomen der ästhetischen rechtfertigung der existenz, die umwälzung des tradierten vor dem hintergrund des 1. weltkrieges, die psychologischen einsichten zur triebnatur des menschen und anderes mehr. ich erkannte in dem ständigen wechsel von euphorie und depression, dem schwelgen in “göttlicher wollust” (82)und dem “irdischen jammer” (69) die mir von einem freund bekannte manisch-depressive persönlichkeit wieder, die eben eine mittellage nicht kennt, nur extreme. daher meine ‘diagnose’.

    ad mittelage: ich unterstelle keineswegs, daß die mittellage auf kosten eines verrates zustande kommt. ich frage doch selbst danach, ob sie sich nicht vielmehr der einsicht in die notwendigkeiten des lebens verdankt. in jedem fall ist es eine entscheidung, die man trifft, unter umständen, die nicht immer in unserer hand liegen, aber dennoch steht ein wille dahinter, die lage anzunehmen oder annehmen zu können. lebensläufe wie derjenige von csath werfen jedoch die frage auf, nach welchem gesetz wir angetreten sind und ob wir es noch kennen. diese frage kann man sich immer wieder stellen, auch angesichts solcher texte oder anderer. es lohnt sich, das eigene leben auf den prüfstein zu stellen. dazu dient auch literatur: das freisetzen von bewegungsräumen.
    selbstverständlich bewege ich mich mit einer solchen lesart weit weg vom text und gerate ins grundsätzliche. doch sind es diese fragen gewesen, die die lektüre bei mir auslöste. auch aus persönlichen gründen, wie du weißt.

    der welt rechtgeben?
    nur bedingt und nicht immer. vielmehr sich angesichts der wirklichkeit nicht abbringen lassen vom existenzrecht eigener vorstellungen.
    jetzt sind wir endgültig abgekommen vom ursprungstext. wir sollten diese und andere fragen im hinterkopf behalten und an weitere werke, die in diesem eckfenster besprochen werden, stellen. das könnte auch eine form der gerechtigkeit sein, die wir den vielen leben, die hinter diesen werken stehen, zollen.

    grüße, uwe.

  4. 4 helmut
    März 28th, 2006 at 9:48 am

    Lieber Ewu,

    ja sicher, es sollte jederzeit berechtigt sein welche Fragen auch immer zu stellen.

    Aber beantwortet das Leben Fragen?
    Man wird sich das selbst beantworten müssen.
    Man kann es so oder so tun, ´ja´ oder ´nein´ sagen dazu. Und das ändert bereits den Blick auf alles Übrige.
    Beantwortet das Leben Fragen – oder sind wir es doch nur immer selbst?!
    Dann: wie offen sind Bekenntnisse? Wie offen können sie, abhängig von dem Ort und der Situation an der sie stattfinden, sein? Wie offen – oder kann man das genauer sagen? – können sie überhaupt sein? Denn um etwas möglichst nahe zu kommen, was das Wort von der Offenheit ja meint, müsste man über sich und seine Beweggründe eine Art objektives Urteil fällen können, müsste wirklich wissen was Sache ist – hm.
    Ähnlich mit der von dir beschworenen Mittellage. – Wer bestimmt, was extrem ist, wenn nicht die benutzte Perspektive? Und die kann sehr unterschiedlich sein. Ist man in der ´Mittellage´, wenn man sich so fühlt?
    Was das manisch-depressive Element und den ´Selbstmord auf Raten´ angeht, bin ich deswegen vorsichtig, weil schwer zu unterscheiden sein dürfte, wo hier Ursache, wo Wirkung zu verorten wäre. Wenn es aber ´nur´ die Droge ist, die in ihm wütet, könnte das das Urteil verändern.
    Zudem ist mir ´Selbstmord auf Raten´ zu aufweichend. Entweder man tut es oder man tut es nicht. Was sollte dazwischen sein? Man könnte jedes normale Leben, jeden Atemzug mit dieser Denkweise einen ´Selbstmord auf Raten´ nennen; das schiene mir abwegig.
    Die Formulierung ´das, für das man einmal angetreten ist´ lässt mich etwas zurückweichen. Das klingt mir so statisch. Ist es nicht ein Verlustbild? Hängt man da nicht etwas Vergangenem nach? Konstruiert man da nicht evtl. eine Identität, eine Konsequenz, die man gar nicht hat, vielleicht nicht haben kann?
    Gut gefällt mir die Formuierung und die Idee des Freisetzens von Bewegungsräumen durch Literatur! Wäre schön, wenn Denk- und Stimmungsräume öfter zu Bewegungsräumen würden.

  5. 5 ewu simpel
    März 28th, 2006 at 9:38 pm

    lieber helmut!

    vielleicht gibt das leben, das wir führen, keine antworten, aber es zeigt oder läßt deutlich, erkennbar werden, welche fragen für uns wichtig sind. so in etwa war es gemeint.

    bekenntnisse sind so offen wie der bekennende es ist. immer eingedenk der psychologischen tatsache, daß sich restlose klarheit, auch und vor allem sich selbst gegenüber, nicht erreichen läßt. alle worte, die wir zu unserer selbstbeschreibung beschwören, hellen die innere trübung nur bedingt auf. entscheidend jedoch ist das ethos des schreibenden und inwieweit es einer art von wahrhaftigkeit verpflichtet ist. auch da bleibt die frage: wie weit diese zu treiben ist?
    csath schreibt ohne filter, ist dabei aber nur bedingt offen. er entblößt sich zwar, gibt sich aber nicht preis: die “innersten unerledigten angelegenheiten” (5) bleiben unausgesprochen. einzig in den notaten für den befreundeten schriftsteller konstolanyi, der anhand seiner aufzeichnungen seine lebensgeschichte erzählen sollte, gibt er einige andeutungen. doch im tagebuchtext selbst geht er rein deskriptiv, phänomenologisch vor. radikal ist die selbstanklage, die analyse der ursachen bleibt aus. es scheint, als ob er eine fallstudie in eigener sache betreibt: er interpretiert nicht, sondern bietet aus seiner sicht fakten seines lebens an, die interpretiert werden müssen oder können. was nun den bekenntnischarakter betrifft, so schreibt er selbst, daß ihm das tagebuchschreiben keine “lebensfunktion” (5) ist und daß er sein innerstes darin nicht preisgeben kann, da er von dem gefühl gehemmt wird, “andere könnten darin ebenso klar lesen wie ich in den schriften der schriftsteller, ich, der psychoanalytiker.” (5) mit dieser selbstgewählten einschränkung sind also die aufzeichnungen zu lesen. eine interessante frage wäre, ob er sich trotz dieser selbstbeschränkung in seinem tagebuch nicht doch offenbart hat, sozusagen gegen seine willen und wider besseres wissen?

    die mittellage habe ich nicht beschworen, sondern nur konstatiert, und zwar zunächst vor-urteilsfrei und ohne wertende absicht. ich meinte damit eine lebensform, in der extreme ausbalanciert sind, wohingegen csath allein in diesen lebt, und eben das dazwischen, den alltag im weitesten sinne, nicht zuläßt und nicht zulassen kann.

    ich denke schon, daß es einen selbstmord auf raten gibt, gleichsam in zeitlupe über mehrere jahre hinweg vollzogen. die entscheidung ist gefallen, nur der ultimative akt wird in portionen verwirklicht. du fragst, was dazwischen liegt? vielleicht die hoffnung, daß es doch nicht anders kommen möge, eine hoffnung, die dann immer kleiner wird.

    gesetz klingt statisch. zu normativ. zu sehr an der einen wahrheit ausgerichtet. da hast du recht. gemeint war das repertoire an überzeugungen, die eine identität bilden und die sich im laufe eines lebens sicherlich ändern können, die aber auch einen kern enthalten, der unverzichtbar ist und bleibt. diesen kern meinte ich: ein selbstentwurf, ein wunschbild, das ideale selbst. es ging mir gar nicht so sehr darum, daß man dieses konsequent verfolgt, als darum, es nicht allzu schnell aus den augen zu verlieren, es sich vielmehr immer mal wieder vorzunehmen. das war ja auch die zentrale frage, die der text von csath bei mir auslöste.

    so viel, so wenig dazu.

    grüße, uwe.

  6. 6 helmut
    März 30th, 2006 at 5:00 pm

    Hallo,

    zum Suizid: ich denke die Auffassungen sind benannt. Jean Améry redet vom ´Hand an sich legen´, übernehmen wir diesen Begriff, dann trifft er für den ´Selbstmörder auf Raten´ nicht zu.
    Genau das tut er nicht. Er geht den wesentlichen und einzigen Schritt nicht. Vielleicht trinkt oder raucht oder spritzt er zu viel, kann sein, aber er lebt.
    Derjenige der hofft, dass es anders kommen möge (ich nehme an, dass es ´noch´ statt “nicht” heissen sollte?!), tut eben den einen Schritt auf den es ankommt NICHT. Ein kleiner oder ein grosser Unterschied? Und wofür ein wichtiger?

    Was die Bekenntnisse betrifft: so offen wie der, der sie äussert. – Ich muss da keine Haar spalten, aber ich bin skeptisch. Wer entscheidet darüber? Der Bekennende selbst? Und auch wenn man sich auf ein ´Ethos des Schreibens´ beziehen möchte, so wirft das doch die nämlichen Fragen auf, oder?
    Zudem würde ich eine einfache Grund-Unterscheidung treffen wollen: Schreiben für sich und nur für sich oder Schreiben für Publikum. Wer für Publikum in welcher Form auch immer schreibt: wie aufrichtig KANN der sein? – Und dann behaupten, sich nicht preisgeben zu wollen?
    Zum Buch: Ja, ein näherungsweise phänomenologisches Vorgehen, keine Ursachenanalyse.
    Es lässt sich fragen warum man so etwas schreibt. Was kann das Ziel sein? Und verhinderte es ein Sich-Preisgeben? Ich glaube nicht. Mit den ´Fakten´ gibt er ein Porträt. Was würden Ursachen welcher Art auch immer daran ändern? Oder wird hier eine Entschuld(ig)ung versucht in dem Sinne, dass hier das Porträt einer Droge(nsucht) gegeben werden soll? Aber hätte man Anzeichen dafür? Und wäre das glaubhaft?
    Zu den grossen Fragen: Es gibt ein Denkbild Walter Benjamins, das sinngemäß sagt, dass sich die grossen Fragen von heute unbeantwortet verabschieden, morgen gibt es andere.

    Schöne Grüsse,

    Helmut

  7. 7 ewu simpel
    April 2nd, 2006 at 1:11 pm

    lieber helmut!

    abschließend noch dies.

    beim suizid kommen wir uns nicht näher. müssen wir auch nicht. du grenzt – für mich zu- scharf ab, ich weiche – für dich unzulässig – die grenzen auf. was das wohl über uns aussagt?
    der entscheidende akt kann sich, so glaube ich, eben auch in kleinen sich zuspitzenden schritten vollziehen. nimmt man die fakten des tagebuchs so gleicht csaths leben einer hadesfahrt – alles weist in richtung tod. em ende will er sich erschießen lassen, als das ausbleibt, nimmt er eine überdosis tabletten. ist nur dieser letzte ultimative akt der selbstmord, der sich hier vollzieht? faktisch und juristisch sicherlich. aber ist ein selbstmörder nur der, der sich in einem einzigen gewaltakt umbringt oder nicht vielmehr auch jener, der ein kurzes leben lang am rand des abgrundes sich bewegt und erst bei einer wie zufällig erscheinenden gelegenheit springt? aber wir müssen keine haare spalten. die positionen sind klar oder in meinem fall eben nicht ganz so klar.

    was du zu bekenntnissen schreibst, finde ich gut und richtig erkannt. bei csath bin ich mir nicht ganz sicher, ob er das tagebuch für sich oder im blick auf eine öffentlichkeit geschrieben hat. er selbst spricht von einem “spiel”, das ihm noch nicht einmal mal mehr “spaß” macht (5). das nachwort klärt darüber auf, daß dieses tagebuch und andere autobiographische aufzeihnungen für kostolanyi bestimmt waren, der daraus einen roman gestalten sollte. wir hätten dann das rohmaterial eines nie geschriebenen romans vor uns, das nun aus dem nachlaß von kostolanyi die öffentlichkeit erreicht. unredigiert sicherlich nicht und auch gekürzt. der text selbst zerfällt ja auch in drei teile. dem tagebuch selbst, den notizen für kostolanyi, die als solche auch gekennzeichnet sind, und dem bericht über die eheverhältnisse, der sicherlich auch für den befreundeten schriftsteller gedacht war. rohmaterial zwar, aus subjektiver sicht dargestellte lebensfakten, aber schon mit dem gedanken, diese in einer romanhaften gestaltung unterzubringen, die dann den eigenen lebens(irr)lauf fiktionalisiert in die öffentlichkeit gebracht hätte. innerhalb dieses buches wären sicherlich auch familiengeschichte, soziale umstände, ästhetische selbstentwürfe uvm. angesprochen worden. ich sehe darin keine entschuldigung, eher erklärungsversuche, ereignisse, einstellungen, neigungen, die angesprochen werden müssen, um zu verstehen. deshalb die notizen für kostolanyi, vor allem die auf seite 114 gegebenen. das ziel solchen schreibens wäre dann u. a. bausteine zu liefern für eine romanbiographie, die allerdings nie entstanden ist. so liegen nur die rohmaterialien vor, die es zu interpretieren gilt, da stimme ich dir zu. denn was treibt ihn letztlich an, dieses, sein leben, schriftlich zu fixieren? was ist der zweck des ganzen – jenseits des erwähnten zieles, materialien für den befreundeten schriftsteller zusammenzutragen? was liegt mit dem tagebuch überhaupt vor uns?

    bei den großen fragen glaube ich nicht, daß sie sich verabschieden und neue entstehen, sondern eher, das es unterschiedliche grade der dringlichkeit gibt, sie zu beantworten. große fragen von heute, die morgen schon keine mehr sind: sind das überhaupt große fragen? interessant ist die wendung: soll man sie sich überhaupt stellen? oder lieber immer wieder neu und ereignis-, dh lebensnah entscheiden, welche und welchen man sich stellt? aber all das können wir auch bei gelegenheit anderer werke wieder aufnehmen.

    bis dahin, grüße uwe.