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	<title>Kommentare zu: Géza Csáth „Tagebuch 1912-1913“</title>
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	<description>Bücher, Bücher</description>
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		<title>Von: ewu simpel</title>
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		<dc:creator>ewu simpel</dc:creator>
		<pubDate>Sun, 02 Apr 2006 11:11:46 +0000</pubDate>
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		<description>lieber helmut!

abschlie&#223;end noch dies.

beim suizid kommen wir uns nicht n&#228;her. m&#252;ssen wir auch nicht. du grenzt - f&#252;r mich zu- scharf ab, ich weiche - f&#252;r dich unzul&#228;ssig - die grenzen auf. was das wohl &#252;ber uns aussagt? 
der entscheidende akt kann sich, so glaube ich, eben auch in kleinen sich zuspitzenden schritten vollziehen. nimmt man die fakten des tagebuchs so gleicht csaths leben einer hadesfahrt - alles weist in richtung tod. em ende will er sich erschie&#223;en lassen, als das ausbleibt, nimmt er eine &#252;berdosis tabletten. ist nur dieser letzte ultimative akt der selbstmord, der sich hier vollzieht? faktisch und juristisch sicherlich. aber ist ein selbstm&#246;rder nur der, der sich in einem einzigen gewaltakt umbringt oder nicht vielmehr auch jener, der ein kurzes leben lang am rand des abgrundes sich bewegt und erst bei einer wie zuf&#228;llig erscheinenden gelegenheit springt? aber wir m&#252;ssen keine haare spalten. die positionen sind klar oder in meinem fall eben nicht ganz so klar.

was du zu bekenntnissen schreibst, finde ich gut und richtig erkannt. bei csath bin ich mir nicht ganz sicher, ob er das tagebuch f&#252;r sich oder im blick auf eine &#246;ffentlichkeit geschrieben hat. er selbst spricht von einem &quot;spiel&quot;, das ihm noch nicht einmal mal mehr &quot;spa&#223;&quot; macht (5). das nachwort kl&#228;rt dar&#252;ber auf, da&#223; dieses tagebuch und andere autobiographische aufzeihnungen f&#252;r kostolanyi bestimmt waren, der daraus einen roman gestalten sollte. wir h&#228;tten dann das rohmaterial eines nie geschriebenen romans vor uns, das nun aus dem nachla&#223; von kostolanyi die &#246;ffentlichkeit erreicht. unredigiert sicherlich nicht und auch gek&#252;rzt. der text selbst zerf&#228;llt ja auch in drei teile. dem tagebuch selbst, den notizen f&#252;r kostolanyi, die als solche auch gekennzeichnet sind, und dem bericht &#252;ber die eheverh&#228;ltnisse, der sicherlich auch f&#252;r den befreundeten schriftsteller gedacht war. rohmaterial zwar, aus subjektiver sicht dargestellte lebensfakten, aber schon mit dem gedanken, diese in einer romanhaften gestaltung unterzubringen, die dann den eigenen lebens(irr)lauf fiktionalisiert in die &#246;ffentlichkeit gebracht h&#228;tte. innerhalb dieses buches w&#228;ren sicherlich auch familiengeschichte, soziale umst&#228;nde, &#228;sthetische selbstentw&#252;rfe uvm. angesprochen worden. ich sehe darin keine entschuldigung, eher erkl&#228;rungsversuche, ereignisse, einstellungen, neigungen, die angesprochen werden m&#252;ssen, um zu verstehen. deshalb die notizen f&#252;r kostolanyi, vor allem die auf seite 114 gegebenen. das ziel solchen schreibens w&#228;re dann u. a. bausteine zu liefern f&#252;r eine romanbiographie, die allerdings nie entstanden ist. so liegen nur die rohmaterialien vor, die es zu interpretieren gilt, da stimme ich dir zu. denn was treibt ihn letztlich an, dieses, sein leben, schriftlich zu fixieren? was ist der zweck des ganzen - jenseits des erw&#228;hnten zieles, materialien f&#252;r den befreundeten schriftsteller zusammenzutragen? was liegt mit dem tagebuch &#252;berhaupt vor uns? 

bei den gro&#223;en fragen glaube ich nicht, da&#223; sie sich verabschieden und neue entstehen, sondern eher, das es unterschiedliche grade der dringlichkeit gibt, sie zu beantworten. gro&#223;e fragen von heute, die morgen schon keine mehr sind: sind das &#252;berhaupt gro&#223;e fragen? interessant ist die wendung: soll man sie sich &#252;berhaupt stellen? oder lieber immer wieder neu und ereignis-, dh lebensnah entscheiden, welche und welchen man sich stellt? aber all das k&#246;nnen wir auch bei gelegenheit anderer werke wieder aufnehmen.

bis dahin, gr&#252;&#223;e uwe.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>lieber helmut!</p>
<p>abschlie&#223;end noch dies.</p>
<p>beim suizid kommen wir uns nicht n&#228;her. m&#252;ssen wir auch nicht. du grenzt &#8211; f&#252;r mich zu- scharf ab, ich weiche &#8211; f&#252;r dich unzul&#228;ssig &#8211; die grenzen auf. was das wohl &#252;ber uns aussagt?<br />
der entscheidende akt kann sich, so glaube ich, eben auch in kleinen sich zuspitzenden schritten vollziehen. nimmt man die fakten des tagebuchs so gleicht csaths leben einer hadesfahrt &#8211; alles weist in richtung tod. em ende will er sich erschie&#223;en lassen, als das ausbleibt, nimmt er eine &#252;berdosis tabletten. ist nur dieser letzte ultimative akt der selbstmord, der sich hier vollzieht? faktisch und juristisch sicherlich. aber ist ein selbstm&#246;rder nur der, der sich in einem einzigen gewaltakt umbringt oder nicht vielmehr auch jener, der ein kurzes leben lang am rand des abgrundes sich bewegt und erst bei einer wie zuf&#228;llig erscheinenden gelegenheit springt? aber wir m&#252;ssen keine haare spalten. die positionen sind klar oder in meinem fall eben nicht ganz so klar.</p>
<p>was du zu bekenntnissen schreibst, finde ich gut und richtig erkannt. bei csath bin ich mir nicht ganz sicher, ob er das tagebuch f&#252;r sich oder im blick auf eine &#246;ffentlichkeit geschrieben hat. er selbst spricht von einem &#8220;spiel&#8221;, das ihm noch nicht einmal mal mehr &#8220;spa&#223;&#8221; macht (5). das nachwort kl&#228;rt dar&#252;ber auf, da&#223; dieses tagebuch und andere autobiographische aufzeihnungen f&#252;r kostolanyi bestimmt waren, der daraus einen roman gestalten sollte. wir h&#228;tten dann das rohmaterial eines nie geschriebenen romans vor uns, das nun aus dem nachla&#223; von kostolanyi die &#246;ffentlichkeit erreicht. unredigiert sicherlich nicht und auch gek&#252;rzt. der text selbst zerf&#228;llt ja auch in drei teile. dem tagebuch selbst, den notizen f&#252;r kostolanyi, die als solche auch gekennzeichnet sind, und dem bericht &#252;ber die eheverh&#228;ltnisse, der sicherlich auch f&#252;r den befreundeten schriftsteller gedacht war. rohmaterial zwar, aus subjektiver sicht dargestellte lebensfakten, aber schon mit dem gedanken, diese in einer romanhaften gestaltung unterzubringen, die dann den eigenen lebens(irr)lauf fiktionalisiert in die &#246;ffentlichkeit gebracht h&#228;tte. innerhalb dieses buches w&#228;ren sicherlich auch familiengeschichte, soziale umst&#228;nde, &#228;sthetische selbstentw&#252;rfe uvm. angesprochen worden. ich sehe darin keine entschuldigung, eher erkl&#228;rungsversuche, ereignisse, einstellungen, neigungen, die angesprochen werden m&#252;ssen, um zu verstehen. deshalb die notizen f&#252;r kostolanyi, vor allem die auf seite 114 gegebenen. das ziel solchen schreibens w&#228;re dann u. a. bausteine zu liefern f&#252;r eine romanbiographie, die allerdings nie entstanden ist. so liegen nur die rohmaterialien vor, die es zu interpretieren gilt, da stimme ich dir zu. denn was treibt ihn letztlich an, dieses, sein leben, schriftlich zu fixieren? was ist der zweck des ganzen &#8211; jenseits des erw&#228;hnten zieles, materialien f&#252;r den befreundeten schriftsteller zusammenzutragen? was liegt mit dem tagebuch &#252;berhaupt vor uns? </p>
<p>bei den gro&#223;en fragen glaube ich nicht, da&#223; sie sich verabschieden und neue entstehen, sondern eher, das es unterschiedliche grade der dringlichkeit gibt, sie zu beantworten. gro&#223;e fragen von heute, die morgen schon keine mehr sind: sind das &#252;berhaupt gro&#223;e fragen? interessant ist die wendung: soll man sie sich &#252;berhaupt stellen? oder lieber immer wieder neu und ereignis-, dh lebensnah entscheiden, welche und welchen man sich stellt? aber all das k&#246;nnen wir auch bei gelegenheit anderer werke wieder aufnehmen.</p>
<p>bis dahin, gr&#252;&#223;e uwe.</p>
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	</item>
	<item>
		<title>Von: helmut</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2006/03/17/geza-csath-tagebuch-1912-1913/comment-page-1/#comment-1066</link>
		<dc:creator>helmut</dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Mar 2006 15:00:52 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://www.eckfenster.de/wordpress/?p=50#comment-1066</guid>
		<description>Hallo,

zum Suizid: ich denke die Auffassungen sind benannt. Jean Améry redet vom ´Hand an sich legen´, &#252;bernehmen wir diesen Begriff, dann trifft er f&#252;r den ´Selbstm&#246;rder auf Raten´ nicht zu.
Genau das tut er nicht. Er geht den wesentlichen und einzigen Schritt nicht. Vielleicht trinkt oder raucht oder spritzt er zu viel, kann sein, aber er lebt.
Derjenige der hofft, dass es anders kommen m&#246;ge (ich nehme an, dass es ´noch´ statt &quot;nicht&quot; heissen sollte?!), tut eben den einen Schritt auf den es ankommt NICHT. Ein kleiner oder ein grosser Unterschied? Und wof&#252;r ein wichtiger?

Was die Bekenntnisse betrifft: so offen wie der, der sie &#228;ussert. - Ich muss da keine Haar spalten, aber ich bin skeptisch. Wer entscheidet dar&#252;ber? Der Bekennende selbst? Und auch wenn man sich auf ein ´Ethos des Schreibens´ beziehen m&#246;chte, so wirft das doch die n&#228;mlichen Fragen auf, oder?
Zudem w&#252;rde ich eine einfache Grund-Unterscheidung treffen wollen: Schreiben f&#252;r sich und nur f&#252;r sich oder Schreiben f&#252;r Publikum. Wer f&#252;r Publikum in welcher Form auch immer schreibt: wie aufrichtig KANN der sein? - Und dann behaupten, sich nicht preisgeben zu wollen? 
Zum Buch: Ja, ein n&#228;herungsweise ph&#228;nomenologisches Vorgehen, keine Ursachenanalyse. 
Es l&#228;sst sich fragen warum man so etwas schreibt. Was kann das Ziel sein? Und verhinderte es ein Sich-Preisgeben? Ich glaube nicht. Mit den ´Fakten´ gibt er ein Portr&#228;t. Was w&#252;rden Ursachen welcher Art auch immer daran &#228;ndern? Oder wird hier eine Entschuld(ig)ung versucht in dem Sinne, dass hier das Portr&#228;t einer Droge(nsucht) gegeben werden soll? Aber h&#228;tte man Anzeichen daf&#252;r? Und w&#228;re das glaubhaft?
Zu den grossen Fragen: Es gibt ein Denkbild Walter Benjamins, das sinngem&#228;&#223; sagt, dass sich die grossen Fragen von heute unbeantwortet verabschieden, morgen gibt es andere.

Sch&#246;ne Gr&#252;sse,

Helmut</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Hallo,</p>
<p>zum Suizid: ich denke die Auffassungen sind benannt. Jean Améry redet vom ´Hand an sich legen´, &#252;bernehmen wir diesen Begriff, dann trifft er f&#252;r den ´Selbstm&#246;rder auf Raten´ nicht zu.<br />
Genau das tut er nicht. Er geht den wesentlichen und einzigen Schritt nicht. Vielleicht trinkt oder raucht oder spritzt er zu viel, kann sein, aber er lebt.<br />
Derjenige der hofft, dass es anders kommen m&#246;ge (ich nehme an, dass es ´noch´ statt &#8220;nicht&#8221; heissen sollte?!), tut eben den einen Schritt auf den es ankommt NICHT. Ein kleiner oder ein grosser Unterschied? Und wof&#252;r ein wichtiger?</p>
<p>Was die Bekenntnisse betrifft: so offen wie der, der sie &#228;ussert. &#8211; Ich muss da keine Haar spalten, aber ich bin skeptisch. Wer entscheidet dar&#252;ber? Der Bekennende selbst? Und auch wenn man sich auf ein ´Ethos des Schreibens´ beziehen m&#246;chte, so wirft das doch die n&#228;mlichen Fragen auf, oder?<br />
Zudem w&#252;rde ich eine einfache Grund-Unterscheidung treffen wollen: Schreiben f&#252;r sich und nur f&#252;r sich oder Schreiben f&#252;r Publikum. Wer f&#252;r Publikum in welcher Form auch immer schreibt: wie aufrichtig KANN der sein? &#8211; Und dann behaupten, sich nicht preisgeben zu wollen?<br />
Zum Buch: Ja, ein n&#228;herungsweise ph&#228;nomenologisches Vorgehen, keine Ursachenanalyse.<br />
Es l&#228;sst sich fragen warum man so etwas schreibt. Was kann das Ziel sein? Und verhinderte es ein Sich-Preisgeben? Ich glaube nicht. Mit den ´Fakten´ gibt er ein Portr&#228;t. Was w&#252;rden Ursachen welcher Art auch immer daran &#228;ndern? Oder wird hier eine Entschuld(ig)ung versucht in dem Sinne, dass hier das Portr&#228;t einer Droge(nsucht) gegeben werden soll? Aber h&#228;tte man Anzeichen daf&#252;r? Und w&#228;re das glaubhaft?<br />
Zu den grossen Fragen: Es gibt ein Denkbild Walter Benjamins, das sinngem&#228;&#223; sagt, dass sich die grossen Fragen von heute unbeantwortet verabschieden, morgen gibt es andere.</p>
<p>Sch&#246;ne Gr&#252;sse,</p>
<p>Helmut</p>
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	</item>
	<item>
		<title>Von: ewu simpel</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2006/03/17/geza-csath-tagebuch-1912-1913/comment-page-1/#comment-1061</link>
		<dc:creator>ewu simpel</dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Mar 2006 19:38:52 +0000</pubDate>
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		<description>lieber helmut!

vielleicht gibt das leben, das wir f&#252;hren, keine antworten, aber es zeigt oder l&#228;&#223;t deutlich, erkennbar werden, welche fragen f&#252;r uns wichtig sind. so in etwa war es gemeint.

bekenntnisse sind so offen wie der bekennende es ist. immer eingedenk der psychologischen tatsache, da&#223; sich restlose klarheit, auch und vor allem sich selbst gegen&#252;ber, nicht erreichen l&#228;&#223;t. alle worte, die wir zu unserer selbstbeschreibung beschw&#246;ren, hellen die innere tr&#252;bung nur bedingt auf. entscheidend jedoch ist das ethos des schreibenden und inwieweit es einer art von wahrhaftigkeit verpflichtet ist. auch da bleibt die frage: wie weit diese zu treiben ist? 
csath schreibt ohne filter, ist dabei aber nur bedingt offen. er entbl&#246;&#223;t sich zwar, gibt sich aber nicht preis: die &quot;innersten unerledigten angelegenheiten&quot; (5) bleiben unausgesprochen. einzig in den notaten f&#252;r den befreundeten schriftsteller konstolanyi, der anhand seiner aufzeichnungen seine lebensgeschichte erz&#228;hlen sollte, gibt er einige andeutungen. doch im tagebuchtext selbst geht er rein deskriptiv, ph&#228;nomenologisch vor. radikal ist die selbstanklage, die analyse der ursachen bleibt aus. es scheint, als ob er eine fallstudie in eigener sache betreibt: er interpretiert nicht, sondern bietet aus seiner sicht fakten seines lebens an, die interpretiert werden m&#252;ssen oder k&#246;nnen. was nun den bekenntnischarakter betrifft, so schreibt er selbst, da&#223; ihm das tagebuchschreiben keine &quot;lebensfunktion&quot; (5) ist und da&#223; er sein innerstes darin nicht preisgeben kann, da er von dem gef&#252;hl gehemmt wird, &quot;andere k&#246;nnten darin ebenso klar lesen wie ich in den schriften der schriftsteller, ich, der psychoanalytiker.&quot; (5) mit dieser selbstgew&#228;hlten einschr&#228;nkung sind also die aufzeichnungen zu lesen. eine interessante frage w&#228;re, ob er sich trotz dieser selbstbeschr&#228;nkung in seinem tagebuch nicht doch offenbart hat, sozusagen gegen seine willen und wider besseres wissen?

die mittellage habe ich nicht beschworen, sondern nur konstatiert, und zwar zun&#228;chst vor-urteilsfrei und ohne wertende absicht. ich meinte damit eine lebensform, in der extreme ausbalanciert sind, wohingegen csath allein in diesen lebt, und eben das dazwischen, den alltag im weitesten sinne, nicht zul&#228;&#223;t und nicht zulassen kann. 

ich denke schon, da&#223; es einen selbstmord auf raten gibt, gleichsam in zeitlupe &#252;ber mehrere jahre hinweg vollzogen. die entscheidung ist gefallen, nur der ultimative akt wird in portionen verwirklicht. du fragst, was dazwischen liegt? vielleicht die hoffnung, da&#223; es doch nicht anders kommen m&#246;ge, eine hoffnung, die dann immer kleiner wird. 

gesetz klingt statisch. zu normativ. zu sehr an der einen wahrheit ausgerichtet. da hast du recht. gemeint war das repertoire an &#252;berzeugungen, die eine identit&#228;t bilden und die sich im laufe eines lebens sicherlich &#228;ndern k&#246;nnen, die aber auch einen kern enthalten, der unverzichtbar ist und bleibt. diesen kern meinte ich: ein selbstentwurf, ein wunschbild, das ideale selbst. es ging mir gar nicht so sehr darum, da&#223; man dieses konsequent verfolgt, als darum, es nicht allzu schnell aus den augen zu verlieren, es sich vielmehr immer mal wieder vorzunehmen. das war ja auch die zentrale frage, die der text von csath bei mir ausl&#246;ste. 

so viel, so wenig dazu.

gr&#252;&#223;e, uwe.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>lieber helmut!</p>
<p>vielleicht gibt das leben, das wir f&#252;hren, keine antworten, aber es zeigt oder l&#228;&#223;t deutlich, erkennbar werden, welche fragen f&#252;r uns wichtig sind. so in etwa war es gemeint.</p>
<p>bekenntnisse sind so offen wie der bekennende es ist. immer eingedenk der psychologischen tatsache, da&#223; sich restlose klarheit, auch und vor allem sich selbst gegen&#252;ber, nicht erreichen l&#228;&#223;t. alle worte, die wir zu unserer selbstbeschreibung beschw&#246;ren, hellen die innere tr&#252;bung nur bedingt auf. entscheidend jedoch ist das ethos des schreibenden und inwieweit es einer art von wahrhaftigkeit verpflichtet ist. auch da bleibt die frage: wie weit diese zu treiben ist?<br />
csath schreibt ohne filter, ist dabei aber nur bedingt offen. er entbl&#246;&#223;t sich zwar, gibt sich aber nicht preis: die &#8220;innersten unerledigten angelegenheiten&#8221; (5) bleiben unausgesprochen. einzig in den notaten f&#252;r den befreundeten schriftsteller konstolanyi, der anhand seiner aufzeichnungen seine lebensgeschichte erz&#228;hlen sollte, gibt er einige andeutungen. doch im tagebuchtext selbst geht er rein deskriptiv, ph&#228;nomenologisch vor. radikal ist die selbstanklage, die analyse der ursachen bleibt aus. es scheint, als ob er eine fallstudie in eigener sache betreibt: er interpretiert nicht, sondern bietet aus seiner sicht fakten seines lebens an, die interpretiert werden m&#252;ssen oder k&#246;nnen. was nun den bekenntnischarakter betrifft, so schreibt er selbst, da&#223; ihm das tagebuchschreiben keine &#8220;lebensfunktion&#8221; (5) ist und da&#223; er sein innerstes darin nicht preisgeben kann, da er von dem gef&#252;hl gehemmt wird, &#8220;andere k&#246;nnten darin ebenso klar lesen wie ich in den schriften der schriftsteller, ich, der psychoanalytiker.&#8221; (5) mit dieser selbstgew&#228;hlten einschr&#228;nkung sind also die aufzeichnungen zu lesen. eine interessante frage w&#228;re, ob er sich trotz dieser selbstbeschr&#228;nkung in seinem tagebuch nicht doch offenbart hat, sozusagen gegen seine willen und wider besseres wissen?</p>
<p>die mittellage habe ich nicht beschworen, sondern nur konstatiert, und zwar zun&#228;chst vor-urteilsfrei und ohne wertende absicht. ich meinte damit eine lebensform, in der extreme ausbalanciert sind, wohingegen csath allein in diesen lebt, und eben das dazwischen, den alltag im weitesten sinne, nicht zul&#228;&#223;t und nicht zulassen kann. </p>
<p>ich denke schon, da&#223; es einen selbstmord auf raten gibt, gleichsam in zeitlupe &#252;ber mehrere jahre hinweg vollzogen. die entscheidung ist gefallen, nur der ultimative akt wird in portionen verwirklicht. du fragst, was dazwischen liegt? vielleicht die hoffnung, da&#223; es doch nicht anders kommen m&#246;ge, eine hoffnung, die dann immer kleiner wird. </p>
<p>gesetz klingt statisch. zu normativ. zu sehr an der einen wahrheit ausgerichtet. da hast du recht. gemeint war das repertoire an &#252;berzeugungen, die eine identit&#228;t bilden und die sich im laufe eines lebens sicherlich &#228;ndern k&#246;nnen, die aber auch einen kern enthalten, der unverzichtbar ist und bleibt. diesen kern meinte ich: ein selbstentwurf, ein wunschbild, das ideale selbst. es ging mir gar nicht so sehr darum, da&#223; man dieses konsequent verfolgt, als darum, es nicht allzu schnell aus den augen zu verlieren, es sich vielmehr immer mal wieder vorzunehmen. das war ja auch die zentrale frage, die der text von csath bei mir ausl&#246;ste. </p>
<p>so viel, so wenig dazu.</p>
<p>gr&#252;&#223;e, uwe.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: helmut</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2006/03/17/geza-csath-tagebuch-1912-1913/comment-page-1/#comment-1059</link>
		<dc:creator>helmut</dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Mar 2006 07:48:54 +0000</pubDate>
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		<description>Lieber Ewu,

ja sicher, es sollte jederzeit berechtigt sein welche Fragen auch immer zu stellen.

Aber beantwortet das Leben Fragen?
Man wird sich das selbst beantworten m&#252;ssen.
Man kann es so oder so tun, ´ja´ oder ´nein´ sagen dazu. Und das &#228;ndert bereits den Blick auf alles &#220;brige.
Beantwortet das Leben Fragen - oder sind wir es doch nur immer selbst?!
Dann: wie offen sind Bekenntnisse? Wie offen k&#246;nnen sie, abh&#228;ngig von dem Ort und der Situation an der sie stattfinden, sein? Wie offen - oder kann man das genauer sagen? - k&#246;nnen sie &#252;berhaupt sein? Denn um etwas m&#246;glichst nahe zu kommen, was das Wort von der Offenheit ja meint, m&#252;sste man &#252;ber sich und seine Beweggr&#252;nde eine Art objektives Urteil f&#228;llen k&#246;nnen, m&#252;sste wirklich wissen was Sache ist - hm.
&#196;hnlich mit der von dir beschworenen Mittellage. - Wer bestimmt, was extrem ist, wenn nicht die benutzte Perspektive? Und die kann sehr unterschiedlich sein. Ist man in der ´Mittellage´, wenn man sich so f&#252;hlt?
Was das manisch-depressive Element und den ´Selbstmord auf Raten´ angeht, bin ich deswegen vorsichtig, weil schwer zu unterscheiden sein d&#252;rfte, wo hier Ursache, wo Wirkung zu verorten w&#228;re. Wenn es aber ´nur´ die Droge ist, die in ihm w&#252;tet, k&#246;nnte das das Urteil ver&#228;ndern. 
Zudem ist mir ´Selbstmord auf Raten´ zu aufweichend. Entweder man tut es oder man tut es nicht. Was sollte dazwischen sein? Man k&#246;nnte jedes normale Leben, jeden Atemzug mit dieser Denkweise einen ´Selbstmord auf Raten´ nennen; das schiene mir abwegig.
Die Formulierung ´das, f&#252;r das man einmal angetreten ist´ l&#228;sst mich etwas zur&#252;ckweichen. Das klingt mir so statisch. Ist es nicht ein Verlustbild? H&#228;ngt man da nicht etwas Vergangenem nach? Konstruiert man da nicht evtl. eine Identit&#228;t, eine Konsequenz, die man gar nicht hat, vielleicht nicht haben kann?
Gut gef&#228;llt mir die Formuierung und die Idee des Freisetzens von Bewegungsr&#228;umen durch Literatur! W&#228;re sch&#246;n, wenn Denk- und Stimmungsr&#228;ume &#246;fter zu Bewegungsr&#228;umen w&#252;rden.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Lieber Ewu,</p>
<p>ja sicher, es sollte jederzeit berechtigt sein welche Fragen auch immer zu stellen.</p>
<p>Aber beantwortet das Leben Fragen?<br />
Man wird sich das selbst beantworten m&#252;ssen.<br />
Man kann es so oder so tun, ´ja´ oder ´nein´ sagen dazu. Und das &#228;ndert bereits den Blick auf alles &#220;brige.<br />
Beantwortet das Leben Fragen &#8211; oder sind wir es doch nur immer selbst?!<br />
Dann: wie offen sind Bekenntnisse? Wie offen k&#246;nnen sie, abh&#228;ngig von dem Ort und der Situation an der sie stattfinden, sein? Wie offen &#8211; oder kann man das genauer sagen? &#8211; k&#246;nnen sie &#252;berhaupt sein? Denn um etwas m&#246;glichst nahe zu kommen, was das Wort von der Offenheit ja meint, m&#252;sste man &#252;ber sich und seine Beweggr&#252;nde eine Art objektives Urteil f&#228;llen k&#246;nnen, m&#252;sste wirklich wissen was Sache ist &#8211; hm.<br />
&#196;hnlich mit der von dir beschworenen Mittellage. &#8211; Wer bestimmt, was extrem ist, wenn nicht die benutzte Perspektive? Und die kann sehr unterschiedlich sein. Ist man in der ´Mittellage´, wenn man sich so f&#252;hlt?<br />
Was das manisch-depressive Element und den ´Selbstmord auf Raten´ angeht, bin ich deswegen vorsichtig, weil schwer zu unterscheiden sein d&#252;rfte, wo hier Ursache, wo Wirkung zu verorten w&#228;re. Wenn es aber ´nur´ die Droge ist, die in ihm w&#252;tet, k&#246;nnte das das Urteil ver&#228;ndern.<br />
Zudem ist mir ´Selbstmord auf Raten´ zu aufweichend. Entweder man tut es oder man tut es nicht. Was sollte dazwischen sein? Man k&#246;nnte jedes normale Leben, jeden Atemzug mit dieser Denkweise einen ´Selbstmord auf Raten´ nennen; das schiene mir abwegig.<br />
Die Formulierung ´das, f&#252;r das man einmal angetreten ist´ l&#228;sst mich etwas zur&#252;ckweichen. Das klingt mir so statisch. Ist es nicht ein Verlustbild? H&#228;ngt man da nicht etwas Vergangenem nach? Konstruiert man da nicht evtl. eine Identit&#228;t, eine Konsequenz, die man gar nicht hat, vielleicht nicht haben kann?<br />
Gut gef&#228;llt mir die Formuierung und die Idee des Freisetzens von Bewegungsr&#228;umen durch Literatur! W&#228;re sch&#246;n, wenn Denk- und Stimmungsr&#228;ume &#246;fter zu Bewegungsr&#228;umen w&#252;rden.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: ewu simpel</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2006/03/17/geza-csath-tagebuch-1912-1913/comment-page-1/#comment-1056</link>
		<dc:creator>ewu simpel</dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Mar 2006 09:19:44 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://www.eckfenster.de/wordpress/?p=50#comment-1056</guid>
		<description>lieber helmut!

also lag ich richtig mit meiner vermutung, da&#223; ich wieder einmal n&#228;her an mir und den mir unter den n&#228;geln brennenden fragen bin als an dem text. trotzdem glaube ich, da&#223; man die &#039;gro&#223;en fragen&#039; anhand dieses textes stellen kann, auch im bewu&#223;tsein, darauf keine endg&#252;ltigen antworten zu bekommen. die gibt h&#246;chstwahrscheinlich das leben selbst.

warum klingt das, was du schreibst immer so vern&#252;nftig gegen&#252;ber dem, was ich hier zum besten gebe und das dagegen &#252;berspannt und auf dem weg befindlich erscheint? bist du mir immer schon einen schritt voraus oder n&#228;her dran am kern, mit mehr &#252;bersicht, auch n&#252;chterner?

hier noch ein paar anmerkungen.
ad einzelschicksal &#252;berh&#246;hen: gemeint war, was im nachwort geleistet wird an interpretatorischem aufwand, auch unter zuhilfename anderer texte von csath. das nachwort kontextualisiert den tagebuchtext und stellt - wie ich - an dieses geschilderte einzelschicksal die grunds&#228;tzliche frage nach den bedingungen der m&#246;glichkeit des in-der-welt-zu-hause-seins. zu recht, wie ich finde. du selbst sprichst etwas kleinlauter vom spiegel, den sich der leser anhand des textes selber vorhalten kann. die richtung ist doch dieselbe, nur eine nummer kleiner, bed&#228;chtiger, oder?

ad suizid: ich denke, man kann von einem suizid sprechen. der tod kommt ja leitmotivisch im text immer wieder vor: der sex als der &#039;kleine tod&#039;, die drogen als &quot;miniatursuizid&quot; (69), die selbstdiagnose &quot;todkrank&quot; zum schlu&#223;. der selbstmord, oder besser die selbstausl&#246;schung, scheint am ende des textes konsequent und f&#252;r den leser erahnbar. das nachwort kl&#228;rt &#252;ber die tats&#228;chlichen umst&#228;nde auf. ob es sich im moment der tat um eine willentliche aktion handelt oder ob sie sich im wahn eines t&#246;tlich-verdrehten selbstwahrnehmung vollzog, mag ich nicht beurteilen. der text legt eine tat im sinne der vorstellungswelt des autors nahe, also eine in letzter konsequenz bewu&#223;te handlung. aber &#252;ber die tats&#228;chlichen umst&#228;nde l&#228;&#223;t sich nur spekulieren. ein selbstmord auf raten, so k&#246;nnte man es sehen.

ad manisch-depressiv: nicht locker vom hocker, sondern aus eigener anschauung bei einem guten freund kam ich zu dieser &#039;diagnose&#039;, die ja andere zuweisungen nicht ausschlie&#223;en mu&#223;. nat&#252;rlich kann man im falle csath auch andere kriterien heranziehen: das ph&#228;nomen der &#228;sthetischen rechtfertigung der existenz, die umw&#228;lzung des tradierten vor dem hintergrund des 1. weltkrieges, die psychologischen einsichten zur triebnatur des menschen und anderes mehr. ich erkannte in dem st&#228;ndigen wechsel von euphorie und depression, dem schwelgen in &quot;g&#246;ttlicher wollust&quot; (82)und dem &quot;irdischen jammer&quot; (69) die mir von einem freund bekannte manisch-depressive pers&#246;nlichkeit wieder, die eben eine mittellage nicht kennt, nur extreme. daher meine &#039;diagnose&#039;.

ad mittelage: ich unterstelle keineswegs, da&#223; die mittellage auf kosten eines verrates zustande kommt. ich frage doch selbst danach, ob sie sich nicht vielmehr der einsicht in die notwendigkeiten des lebens verdankt. in jedem fall ist es eine entscheidung, die man trifft, unter umst&#228;nden, die nicht immer in unserer hand liegen, aber dennoch steht ein wille dahinter, die lage anzunehmen oder annehmen zu k&#246;nnen. lebensl&#228;ufe wie derjenige von csath werfen jedoch die frage auf, nach welchem gesetz wir angetreten sind und ob wir es noch kennen. diese frage kann man sich immer wieder stellen, auch angesichts solcher texte oder anderer. es lohnt sich, das eigene leben auf den pr&#252;fstein zu stellen. dazu dient auch literatur: das freisetzen von bewegungsr&#228;umen. 
selbstverst&#228;ndlich bewege ich mich mit einer solchen lesart weit weg vom text und gerate ins grunds&#228;tzliche. doch sind es diese fragen gewesen, die die lekt&#252;re bei mir ausl&#246;ste. auch aus pers&#246;nlichen gr&#252;nden, wie du wei&#223;t.

der welt rechtgeben?
nur bedingt und nicht immer. vielmehr sich angesichts der wirklichkeit nicht abbringen lassen vom existenzrecht eigener vorstellungen. 
jetzt sind wir endg&#252;ltig abgekommen vom ursprungstext. wir sollten diese und andere fragen im hinterkopf behalten und an weitere werke, die in diesem eckfenster besprochen werden, stellen. das k&#246;nnte auch eine form der gerechtigkeit sein, die wir den vielen leben, die hinter diesen werken stehen, zollen. 

gr&#252;&#223;e, uwe.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>lieber helmut!</p>
<p>also lag ich richtig mit meiner vermutung, da&#223; ich wieder einmal n&#228;her an mir und den mir unter den n&#228;geln brennenden fragen bin als an dem text. trotzdem glaube ich, da&#223; man die &#8216;gro&#223;en fragen&#8217; anhand dieses textes stellen kann, auch im bewu&#223;tsein, darauf keine endg&#252;ltigen antworten zu bekommen. die gibt h&#246;chstwahrscheinlich das leben selbst.</p>
<p>warum klingt das, was du schreibst immer so vern&#252;nftig gegen&#252;ber dem, was ich hier zum besten gebe und das dagegen &#252;berspannt und auf dem weg befindlich erscheint? bist du mir immer schon einen schritt voraus oder n&#228;her dran am kern, mit mehr &#252;bersicht, auch n&#252;chterner?</p>
<p>hier noch ein paar anmerkungen.<br />
ad einzelschicksal &#252;berh&#246;hen: gemeint war, was im nachwort geleistet wird an interpretatorischem aufwand, auch unter zuhilfename anderer texte von csath. das nachwort kontextualisiert den tagebuchtext und stellt &#8211; wie ich &#8211; an dieses geschilderte einzelschicksal die grunds&#228;tzliche frage nach den bedingungen der m&#246;glichkeit des in-der-welt-zu-hause-seins. zu recht, wie ich finde. du selbst sprichst etwas kleinlauter vom spiegel, den sich der leser anhand des textes selber vorhalten kann. die richtung ist doch dieselbe, nur eine nummer kleiner, bed&#228;chtiger, oder?</p>
<p>ad suizid: ich denke, man kann von einem suizid sprechen. der tod kommt ja leitmotivisch im text immer wieder vor: der sex als der &#8216;kleine tod&#8217;, die drogen als &#8220;miniatursuizid&#8221; (69), die selbstdiagnose &#8220;todkrank&#8221; zum schlu&#223;. der selbstmord, oder besser die selbstausl&#246;schung, scheint am ende des textes konsequent und f&#252;r den leser erahnbar. das nachwort kl&#228;rt &#252;ber die tats&#228;chlichen umst&#228;nde auf. ob es sich im moment der tat um eine willentliche aktion handelt oder ob sie sich im wahn eines t&#246;tlich-verdrehten selbstwahrnehmung vollzog, mag ich nicht beurteilen. der text legt eine tat im sinne der vorstellungswelt des autors nahe, also eine in letzter konsequenz bewu&#223;te handlung. aber &#252;ber die tats&#228;chlichen umst&#228;nde l&#228;&#223;t sich nur spekulieren. ein selbstmord auf raten, so k&#246;nnte man es sehen.</p>
<p>ad manisch-depressiv: nicht locker vom hocker, sondern aus eigener anschauung bei einem guten freund kam ich zu dieser &#8216;diagnose&#8217;, die ja andere zuweisungen nicht ausschlie&#223;en mu&#223;. nat&#252;rlich kann man im falle csath auch andere kriterien heranziehen: das ph&#228;nomen der &#228;sthetischen rechtfertigung der existenz, die umw&#228;lzung des tradierten vor dem hintergrund des 1. weltkrieges, die psychologischen einsichten zur triebnatur des menschen und anderes mehr. ich erkannte in dem st&#228;ndigen wechsel von euphorie und depression, dem schwelgen in &#8220;g&#246;ttlicher wollust&#8221; (82)und dem &#8220;irdischen jammer&#8221; (69) die mir von einem freund bekannte manisch-depressive pers&#246;nlichkeit wieder, die eben eine mittellage nicht kennt, nur extreme. daher meine &#8216;diagnose&#8217;.</p>
<p>ad mittelage: ich unterstelle keineswegs, da&#223; die mittellage auf kosten eines verrates zustande kommt. ich frage doch selbst danach, ob sie sich nicht vielmehr der einsicht in die notwendigkeiten des lebens verdankt. in jedem fall ist es eine entscheidung, die man trifft, unter umst&#228;nden, die nicht immer in unserer hand liegen, aber dennoch steht ein wille dahinter, die lage anzunehmen oder annehmen zu k&#246;nnen. lebensl&#228;ufe wie derjenige von csath werfen jedoch die frage auf, nach welchem gesetz wir angetreten sind und ob wir es noch kennen. diese frage kann man sich immer wieder stellen, auch angesichts solcher texte oder anderer. es lohnt sich, das eigene leben auf den pr&#252;fstein zu stellen. dazu dient auch literatur: das freisetzen von bewegungsr&#228;umen.<br />
selbstverst&#228;ndlich bewege ich mich mit einer solchen lesart weit weg vom text und gerate ins grunds&#228;tzliche. doch sind es diese fragen gewesen, die die lekt&#252;re bei mir ausl&#246;ste. auch aus pers&#246;nlichen gr&#252;nden, wie du wei&#223;t.</p>
<p>der welt rechtgeben?<br />
nur bedingt und nicht immer. vielmehr sich angesichts der wirklichkeit nicht abbringen lassen vom existenzrecht eigener vorstellungen.<br />
jetzt sind wir endg&#252;ltig abgekommen vom ursprungstext. wir sollten diese und andere fragen im hinterkopf behalten und an weitere werke, die in diesem eckfenster besprochen werden, stellen. das k&#246;nnte auch eine form der gerechtigkeit sein, die wir den vielen leben, die hinter diesen werken stehen, zollen. </p>
<p>gr&#252;&#223;e, uwe.</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: helmut</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2006/03/17/geza-csath-tagebuch-1912-1913/comment-page-1/#comment-1055</link>
		<dc:creator>helmut</dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Mar 2006 17:14:10 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://www.eckfenster.de/wordpress/?p=50#comment-1055</guid>
		<description>Lieber Ewu,

freilich w&#228;re es leichter, n&#228;her am Buch zu diskutieren als mit einem K&#246;pper mittenrein zu springen ins Allgemeinmenschliche und Pers&#246;nliche und eventualiter in  Philosopheme dar&#252;ber.
Machen wir einen Versuch:
Das Einzelschicksal &#252;berh&#246;hen: ja, kann man, sicher - ob gleich ins Metaphysiche, und ob das hier passiert?
Sc&#246;n fand ich die Frage ob wir denn nicht alle Geprellte sind! Sind wir? Oder das Gegenteil? Oder f&#252;hlen wir uns so und sinds nicht? Oder was?

Aber anhand von Csáths Tagebuch kommt mir das nur begrenzt passend vor. 
Ist es ein Suizid, was er begeht? 
Eigentlich nicht wirklich.
Er ist s&#252;chtig. 
Und es ist die Frage, wie man das lesen will/ kann: psychologisch/ &#228;sthetisch/ sonstwie.
Ob er so locker vom Hocker als manisch-depressiv zu bezeichnen w&#228;re?

Du sprichst von einem extremen Gl&#252;cksanspruch. Hat er den? Geht es da um Gl&#252;ck? Ist es nicht schon reiner Selbstbetrug? Tagtraum, Fata Morgana?

Du greifst in die Vollen und machst das Fass ganz auf: was soll gelten: Extremes oder Mittellage? Schon unterstellend, dass diese nur Selbstverrat sein kann? Das sind viele grosse Fragen. Mache mir nicht anheischig sie hier en passant zu beantwortn, zumal es DIE Antwort kaum geben wird.
Vielleicht sie einfach f&#252;r sich als Frage festhalten, im Ged&#228;chtnis behalten und ab und zu daran nagen, von verschiedenen Seiten, um zu sehen was daran ist. 

Sicher scheint mir, dass Lebenshaltungen oder wie man es nennen will, -einstellungen, eine -philosophie r&#252;ckwirkenden Einfluss haben; die Frage ist, ob man sie sich aussucht - oder umgekehrt. Kann man sich eine Lebenseinstellung die gesund ist passgenau schneidern? Wer das k&#246;nnte, k&#246;nnte noch mehr.
Was die Inkongruenz von Kopf und Welt angeht - ich ahne, was gemeint sein soll - w&#252;rde Kafkas Franz sicher sagen: gib der Welt recht.
Jeder Einzelne taugt vielleicht als Roman- oder Filmheld. W&#228;re die Zeit, die man ihm lesend oder schauend widmet schon &#220;berh&#246;hung? Oder nur Grundanerkennung, Mindestrente? Vielleicht hat das alles auch etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Aber da ist man schon weit von Csáth weg. 

Sch&#246;ne Gr&#252;sse,

Helmut</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>Lieber Ewu,</p>
<p>freilich w&#228;re es leichter, n&#228;her am Buch zu diskutieren als mit einem K&#246;pper mittenrein zu springen ins Allgemeinmenschliche und Pers&#246;nliche und eventualiter in  Philosopheme dar&#252;ber.<br />
Machen wir einen Versuch:<br />
Das Einzelschicksal &#252;berh&#246;hen: ja, kann man, sicher &#8211; ob gleich ins Metaphysiche, und ob das hier passiert?<br />
Sc&#246;n fand ich die Frage ob wir denn nicht alle Geprellte sind! Sind wir? Oder das Gegenteil? Oder f&#252;hlen wir uns so und sinds nicht? Oder was?</p>
<p>Aber anhand von Csáths Tagebuch kommt mir das nur begrenzt passend vor.<br />
Ist es ein Suizid, was er begeht?<br />
Eigentlich nicht wirklich.<br />
Er ist s&#252;chtig.<br />
Und es ist die Frage, wie man das lesen will/ kann: psychologisch/ &#228;sthetisch/ sonstwie.<br />
Ob er so locker vom Hocker als manisch-depressiv zu bezeichnen w&#228;re?</p>
<p>Du sprichst von einem extremen Gl&#252;cksanspruch. Hat er den? Geht es da um Gl&#252;ck? Ist es nicht schon reiner Selbstbetrug? Tagtraum, Fata Morgana?</p>
<p>Du greifst in die Vollen und machst das Fass ganz auf: was soll gelten: Extremes oder Mittellage? Schon unterstellend, dass diese nur Selbstverrat sein kann? Das sind viele grosse Fragen. Mache mir nicht anheischig sie hier en passant zu beantwortn, zumal es DIE Antwort kaum geben wird.<br />
Vielleicht sie einfach f&#252;r sich als Frage festhalten, im Ged&#228;chtnis behalten und ab und zu daran nagen, von verschiedenen Seiten, um zu sehen was daran ist. </p>
<p>Sicher scheint mir, dass Lebenshaltungen oder wie man es nennen will, -einstellungen, eine -philosophie r&#252;ckwirkenden Einfluss haben; die Frage ist, ob man sie sich aussucht &#8211; oder umgekehrt. Kann man sich eine Lebenseinstellung die gesund ist passgenau schneidern? Wer das k&#246;nnte, k&#246;nnte noch mehr.<br />
Was die Inkongruenz von Kopf und Welt angeht &#8211; ich ahne, was gemeint sein soll &#8211; w&#252;rde Kafkas Franz sicher sagen: gib der Welt recht.<br />
Jeder Einzelne taugt vielleicht als Roman- oder Filmheld. W&#228;re die Zeit, die man ihm lesend oder schauend widmet schon &#220;berh&#246;hung? Oder nur Grundanerkennung, Mindestrente? Vielleicht hat das alles auch etwas mit Gerechtigkeit zu tun. Aber da ist man schon weit von Csáth weg. </p>
<p>Sch&#246;ne Gr&#252;sse,</p>
<p>Helmut</p>
]]></content:encoded>
	</item>
	<item>
		<title>Von: ewu simpel</title>
		<link>http://www.eckfenster.de/wordpress/2006/03/17/geza-csath-tagebuch-1912-1913/comment-page-1/#comment-1054</link>
		<dc:creator>ewu simpel</dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Mar 2006 16:34:14 +0000</pubDate>
		<guid isPermaLink="false">http://www.eckfenster.de/wordpress/?p=50#comment-1054</guid>
		<description>lieber helmut!

hab dank f&#252;r diese empfehlung und das dazugeh&#246;rige buchpaket!

du hast ganz recht mit deiner einsch&#228;tzung: es ist eine veritable hadesfahrt, die hier in zeitlupe geschildert wird. 
dabei beginnt es recht harmlos und zum teil auch erm&#252;dend mit dem journal intime eines sexbesessenen, in dem die auflistung der zahlreichen geschlechtsakte vorherrscht. dann nimmt der text tempo auf, indem er in das ersch&#252;tternde tagebuch eines drogenabh&#228;ngigen &#252;bergeht, der sich vergeblich an dutzenden entziehungskuren versucht und dessen leben zwischen euphorie und depression pendelt. zuletzt m&#252;ndet er in einen kursorischen, nicht mehr tagebuchartigen bericht &#252;ber eine ehetrag&#246;die und endet mit einem satz, in dem der autor sich eingesteht, todkrank und rettungslos verloren zu sein, ein satz, der den selbstmord erahnen l&#228;&#223;t, der dann ja auch 1919 vollzogen wurde.

was zu dem buch zu sagen ist, hast du und das vorz&#252;gliche nachwort geleistet, wobei ich das nachwort - wie du - als einen interpretatorischen &#252;berbau, als eine exegese des lebens und schreibens des autors csath empfinde. nicht jedoch als einen rettungsversuch, ich habe es eher als den versuch verstanden, das einzelschicksal ins allgemeinmenschliche oder gar metaphysische zu &#252;berh&#246;hen. ein versuch, der in die frage m&#252;nden k&#246;nnte: sind wir nicht alle geprellte, um was auch immer? 
eine interessante frage, wie ich finde, die du ja auch stellst mit deinem hinweis auf den spiegel, den das tagebuch dem leser vorh&#228;lt:
wo liegen deine leichen im keller? wie funktioniert deine lebensl&#252;ge? wie und womit verschaffst du dir gl&#252;ckselige erlebnisse? und wie schaffst du es mit den talsohlen zwischen diesen gipfelmomenten zu leben? etwa, indem du t&#228;glich einen verrat begehst oder kompromisse eingehst? fragen dieser art kann man sich nach der lekt&#252;re durchaus stellen.

irgendwo habe ich mal gelesen, da&#223; jeder selbstmord das leben, das wir, die &#252;ber- und weiterlebenden, f&#252;hren, auf den pr&#252;fstand oder zur disposition stellt. wie sieht es damit aus angesichts dieses buches und des darin geschilderten extremen und selbst-zerst&#246;rerischen lebenslaufs, der notwendigerweise in den tod m&#252;nden mu&#223;te -  wie du und auch f&#246;ldenyi zu recht feststellst?

das tagebuch zeigt, wie ma&#223;lose anspr&#252;che, die sich nicht oder nur defizit&#228;r verwirklichen lassen (stichwort: restlose aneinung des lebens, streben nach dem optimum, dem intensivsten leben), unausweichlich in eine t&#246;dliche selbstzerst&#246;rungsmaschinerie m&#252;nden. es zeigt also, da&#223; absolut gesetzte ideen krank machen k&#246;nnen oder, wie du es ausdr&#252;ckst, da&#223; eine lebensphilosophie oder -l&#252;ge zum &quot;t&#246;dlichen kraut&quot; werden kann. 

wir haben es bei csath sicherlich um eine manisch-depressive und insofern kranke pers&#246;nlichkeit zu tun. und trotzdem stellt ihr extremer und extremistischer gl&#252;cksanspruch an uns die frage, auf kosten von was wir es schaffen, zu leben? haben wir uns in einer wohltemperierten mittellage arrangiert, eingependelt zwischen anspruch und wirklichkeit, zwischen lust- und realit&#228;tsprinzip? wom&#246;glich auf kosten eines selbstverrats, der t&#228;glich erneuert wird? oder verdankt sich unsere mittelstandsexistenz der einsicht in die notwendigkeiten des lebens und stellt somit eine gelungene rationalisierung und sublimierung unserer potentiell ma&#223;losen w&#252;nsche und triebe dar? ein zustand der halben resignation, in dem wir die kommoden fluchtmedien wie sex, kunst, literatur, sport u. a. aus angst vor der &#252;berdosierung nur in ma&#223;en genie&#223;en?! ein fader trost oder einsicht in die notwendigkeit, das leben auszuhalten, so wie es ist? sind wir nicht alle unangepa&#223;t an unsere wirklichkeit, von bed&#252;rfnissen vezehrt, die sich nicht befriedigen lassen? und ertragen wir das nicht nur dadurch, indem wir die wirklichkeit tempor&#228;r bestreiten oder durch eine gewaltige produktion an imagin&#228;rem kompensieren. nicht ale k&#246;nnen oder wollen das. csath hat es zwar versucht, hatte auch gen&#252;gend talent, es zu schaffen, ist aber letztlich an seiner &#252;berambitioniertheit gescheitert, die keine geeigneten mittel fand, in eine lebbare wirklichkeit &#252;bersetzt zu werden.

das soll kein pl&#228;doyer f&#252;r den selbstmord sein. aber die inkongruenz von kopf und welt, im 19. jh. h&#228;tte man es wohl &quot;weltschmerz&quot; genannt, an der csath in krankhafter und todbringender weise leidet, ist etwas, was jeden betreffen m&#252;&#223;te und was mich betraf, als ich mit der lekt&#252;re fertig war.

ich hoffe, ich liege nicht allzu sehr daneben und wieder allzu nahe bei mir.
wie siehst du das?

gr&#252;&#223;e uwe.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<p>lieber helmut!</p>
<p>hab dank f&#252;r diese empfehlung und das dazugeh&#246;rige buchpaket!</p>
<p>du hast ganz recht mit deiner einsch&#228;tzung: es ist eine veritable hadesfahrt, die hier in zeitlupe geschildert wird.<br />
dabei beginnt es recht harmlos und zum teil auch erm&#252;dend mit dem journal intime eines sexbesessenen, in dem die auflistung der zahlreichen geschlechtsakte vorherrscht. dann nimmt der text tempo auf, indem er in das ersch&#252;tternde tagebuch eines drogenabh&#228;ngigen &#252;bergeht, der sich vergeblich an dutzenden entziehungskuren versucht und dessen leben zwischen euphorie und depression pendelt. zuletzt m&#252;ndet er in einen kursorischen, nicht mehr tagebuchartigen bericht &#252;ber eine ehetrag&#246;die und endet mit einem satz, in dem der autor sich eingesteht, todkrank und rettungslos verloren zu sein, ein satz, der den selbstmord erahnen l&#228;&#223;t, der dann ja auch 1919 vollzogen wurde.</p>
<p>was zu dem buch zu sagen ist, hast du und das vorz&#252;gliche nachwort geleistet, wobei ich das nachwort &#8211; wie du &#8211; als einen interpretatorischen &#252;berbau, als eine exegese des lebens und schreibens des autors csath empfinde. nicht jedoch als einen rettungsversuch, ich habe es eher als den versuch verstanden, das einzelschicksal ins allgemeinmenschliche oder gar metaphysische zu &#252;berh&#246;hen. ein versuch, der in die frage m&#252;nden k&#246;nnte: sind wir nicht alle geprellte, um was auch immer?<br />
eine interessante frage, wie ich finde, die du ja auch stellst mit deinem hinweis auf den spiegel, den das tagebuch dem leser vorh&#228;lt:<br />
wo liegen deine leichen im keller? wie funktioniert deine lebensl&#252;ge? wie und womit verschaffst du dir gl&#252;ckselige erlebnisse? und wie schaffst du es mit den talsohlen zwischen diesen gipfelmomenten zu leben? etwa, indem du t&#228;glich einen verrat begehst oder kompromisse eingehst? fragen dieser art kann man sich nach der lekt&#252;re durchaus stellen.</p>
<p>irgendwo habe ich mal gelesen, da&#223; jeder selbstmord das leben, das wir, die &#252;ber- und weiterlebenden, f&#252;hren, auf den pr&#252;fstand oder zur disposition stellt. wie sieht es damit aus angesichts dieses buches und des darin geschilderten extremen und selbst-zerst&#246;rerischen lebenslaufs, der notwendigerweise in den tod m&#252;nden mu&#223;te &#8211;  wie du und auch f&#246;ldenyi zu recht feststellst?</p>
<p>das tagebuch zeigt, wie ma&#223;lose anspr&#252;che, die sich nicht oder nur defizit&#228;r verwirklichen lassen (stichwort: restlose aneinung des lebens, streben nach dem optimum, dem intensivsten leben), unausweichlich in eine t&#246;dliche selbstzerst&#246;rungsmaschinerie m&#252;nden. es zeigt also, da&#223; absolut gesetzte ideen krank machen k&#246;nnen oder, wie du es ausdr&#252;ckst, da&#223; eine lebensphilosophie oder -l&#252;ge zum &#8220;t&#246;dlichen kraut&#8221; werden kann. </p>
<p>wir haben es bei csath sicherlich um eine manisch-depressive und insofern kranke pers&#246;nlichkeit zu tun. und trotzdem stellt ihr extremer und extremistischer gl&#252;cksanspruch an uns die frage, auf kosten von was wir es schaffen, zu leben? haben wir uns in einer wohltemperierten mittellage arrangiert, eingependelt zwischen anspruch und wirklichkeit, zwischen lust- und realit&#228;tsprinzip? wom&#246;glich auf kosten eines selbstverrats, der t&#228;glich erneuert wird? oder verdankt sich unsere mittelstandsexistenz der einsicht in die notwendigkeiten des lebens und stellt somit eine gelungene rationalisierung und sublimierung unserer potentiell ma&#223;losen w&#252;nsche und triebe dar? ein zustand der halben resignation, in dem wir die kommoden fluchtmedien wie sex, kunst, literatur, sport u. a. aus angst vor der &#252;berdosierung nur in ma&#223;en genie&#223;en?! ein fader trost oder einsicht in die notwendigkeit, das leben auszuhalten, so wie es ist? sind wir nicht alle unangepa&#223;t an unsere wirklichkeit, von bed&#252;rfnissen vezehrt, die sich nicht befriedigen lassen? und ertragen wir das nicht nur dadurch, indem wir die wirklichkeit tempor&#228;r bestreiten oder durch eine gewaltige produktion an imagin&#228;rem kompensieren. nicht ale k&#246;nnen oder wollen das. csath hat es zwar versucht, hatte auch gen&#252;gend talent, es zu schaffen, ist aber letztlich an seiner &#252;berambitioniertheit gescheitert, die keine geeigneten mittel fand, in eine lebbare wirklichkeit &#252;bersetzt zu werden.</p>
<p>das soll kein pl&#228;doyer f&#252;r den selbstmord sein. aber die inkongruenz von kopf und welt, im 19. jh. h&#228;tte man es wohl &#8220;weltschmerz&#8221; genannt, an der csath in krankhafter und todbringender weise leidet, ist etwas, was jeden betreffen m&#252;&#223;te und was mich betraf, als ich mit der lekt&#252;re fertig war.</p>
<p>ich hoffe, ich liege nicht allzu sehr daneben und wieder allzu nahe bei mir.<br />
wie siehst du das?</p>
<p>gr&#252;&#223;e uwe.</p>
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