Hans Herbst „Stille und Tod. Acht Stories von Hans Herbst“
März 22nd, 2006Hans Herbst: „Stille und Tod. Acht Stories von Hans Herbst“, Augsburg 2004, 231 Seiten, 12,90 Euro.
Wer Chandler und Hammett kennt und mag, wird auch Herbst mögen.
An ihrer Sprache scheint er geschult.
Die Stories springen in medias res, die Sprache ist von trockener Sinnlichkeit und verhaltenem, coolem, manchmal auch ein wenig ironischen Pathos, das sich über Details ausdrückt und dichte Atmosphäre erzeugen kann:
„Es war eine von diesen heissen Sommernächten, in denen die Selbstmörder wie Kastanien von den Hochhäusern fallen, und schwitzende Frauen bei Bier und Weinbrand unter dem weißen Licht von Küchenlampen sitzen und sich fragen, warum ihre Männer nicht vom Zigarettenholen zurückkommen.“ (S. 90 f.)
Einsame, mit allen Wassern gewaschene Helden, vielleicht schon etwas über ihren Zenit hinaus, bevölkern diese Erzählungen.
An einigen wenigen Stellen kommt sogar, aber ganz unaufdringlich, Gesellschafts- und Zeitkritik ins Spiel:
„Nach einer Pause, in der seichter Akustikmüll aus unsichtbaren Lautsprechern so deutlich wurde, wie Magenschmerzen, fragte Louie: ´Wie sieht´s bei dir aus?´“ (S. 143)
oder, schon handfester:
„Es war eine sterbende Zivilisation, aber sie würde noch eine Weile brauchen, um endgültig ins Koma zu fallen, und es störte ihn nicht, dass sie starb, es verletzte sein ästhetisches Empfinden, dass sie es mit so monströser Häßlichkeit tat. Die Frauen mit den fettesten Schenkeln trugen die kürzesten Röcke, fettwabernde Hinterteile waren in hautenge Hosen genäht, Mädchen, halbe Kinder noch, führten ihre fetten kleinen Bäuche vor, kurzatmige Männer knickten ein unter der Last mächtiger Gewölbe über dem Hosenbund, fette kleine Kinder schlugen gierige Zähne in triefenden Schnellimbißfraß und wurden mit Pillen ruhiggestellt, und die moderne Jugend schraubte gern Metall in die Gesichter, die nach der gängigen Vorschrift so ausdrucksvoll zu sein hatten wie abgenutzter Straßenbelag.“ (S. 54)
Ob man mit dem Wörtchen ´fett´ hier nicht etwas sparsamer hätte umgehen können und ob man Piercings schraubt?
Trotzdem: Herbst schreibt gut, unterhält spannend, mit Gefühl fürs Tempo (vgl. besonders S. 156 f.), mit gutem Auge und er liefert ein sattes Maß des romantischen Einzelgängers, der bereits in den Büchern von Chandler an dunklen Ecken im Regen stand, mit einer sehr ähnlichen Sprache und Atmosphäre.
„Es war fast still in dem kleinen Hotelzimmer, die Straßengeräusche verfingen sich in den schweren Vorhängen, und was von ihnen zurückblieb, war nicht mehr als ein weitentferntes Flüstern.“
Chandler oder Herbst?
Herbst.
Das ist genau, trocken, gut, macht Spass zu lesen. Besser als Fernsehen. Und man liest es schnell.
Es ist gut gemacht, an einigen Stellen merkt man jedoch etwas zu deutlich, dass es eben gemacht ist, etwa durch Wiederholungen. Das Kräuseln der Falten über der Nase kommt ein paar Mal zu häufig vor. (Vgl. z.B. S. 128, 150)
Auch Billy Holiday begegnet mehrmals: alter Jazz als Pinsel, mit dem man eine Stimmung malen kann, die Stimme einer Frau, die viel trank und viel Unglück hatte, recht früh starb und wunderbar sang, mit einer Stimme, der man all dies deutlich anhörte. Nur wird unverständlicher Weise ihr Name einmal „Holiday“ (S. 55) und mehrmals „Holliday“ geschrieben (S. 130). Richtig ist ´Holiday´.
Es gibt noch ein paar andere Ungenauigkeiten oder kleine Fehler, nicht schlimm, aber doch da: „Ich nahm sehr langsam ein Schluck von meinem Bier.“ (S. 143) ´Einen Schluck´ sollte man wohl schreiben. Einmal ist die Rede von einem „gutgeschenkten Whiskey“. (S. 147) Es ist klar was gemeint ist, aber heissen müsste es doch ´von einem gut eingeschenkten´.
Bei „Mit der Wärme, die ganz plötzlich kommt, wie eine weiche, feuchte Wand nach der klimatisierten Boeing, und man geht dadurch und fühlt seinen Herzschlag, und unten angekommen möchte man den Boden küssen.“ stimmt das „dadurch“ nicht. (S. 156) Man kann sich fragen ob Katzen wirklich „wittern“ und wie das aussieht (vgl. S. 180) und wie man es bewerkstelligen sollte, sich das Kinn zu verrenken (S. 194), klar ist aber, dass im folgenden Satz ein ´s´ fehlt: „ein ganz normales Loch in dem Ärmel eine Regenmantels“. (S. 193)
Derlei, es gäbe noch ein paar Stellen, ist schade, wäre aber leicht zu ändern und trübt den Lesespass an diesen Stories kaum, wenn man das verhaltene Pathos zu schätzen weiss, das diesen Geschichten entströmt, deren Helden so cool daherkommen und die doch in den atmosphärischen Stellen fast platzen vor zurückgehaltener Emotionalität:
„Sie war eine echte Blonde mit dunklen Augen und langen, schmalen Händen und jung genug, um ohne Bemalung auszukommen. So etwas wie sie sieht man sonst nur, wenn man für einige Zeit die Augen schließt und die Nacht vollkommen still ist. Und sie saß ganz allein an ihrem Tisch.“ (S. 138f.)
Unnötig zu erwähnen, dass der Erzähler nicht die Bekanntschaft der verführerischen Lady machen wird, die aber auch so verführerisch ist, weil sie jung ist, der Erzähler aber seine beste Zeit bereits hinter sich hat. So ist es oft auch die Melancholie, mit der hier gespielt, die hier zu Stories veredelt wird. Und es geht um besondere Momente:
„Es geht um den Augenblick der Wahrheit.“ soll Jörg Fauser über Hans Herbst gesagt haben.
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