Patrick Leigh Fermor „Reise in die Stille. Zu Gast in Klöstern.“

April 6th, 2006

Patrick Leigh Fermor: „Reise in die Stille. Zu Gast in Klöstern.“ Aus dem Englischen von Dirk van Gusteren, München und Wien 2000, 117 Seiten, 13,90 Euro, die Originalausgabe erschien zuerst 1957 unter dem Titel „A Time to Keep Silence“ in London

booteDie fünfziger Jahre – das ist lange her.
Beim Lesen fällt das überhaupt nicht auf. Liest man die Jahreszahl des ersten Erscheinens nicht mit, könnte man auch annehmen, dass der Text gerade eben erst geschrieben wurde. Die gemachten Erfahrungen dürften sich von heute zu machenden kaum wesentlich unterscheiden.
Fermor bereiste mehrere Klöster, St. Wandrille de Fontanelle, Solesmes, Grand Trappe und die Felsenklöster Kappadokiens; in der Nachschrift ist noch von englischen Klöstern die Rede.
Wenn man sie nicht schon kennt, erfährt man etwas über die Unterschiede zwischen den Orden, vor allem der Zisterzienser und der Benediktiner, die auf andere Weise weltoffen und streng ausgerichtet sind. Ausserdem über die Trappisten, die Zisterzienser der strengen Observanz, deren Lebensgestaltung uns heute krass vorkommen muss, mittelalterlich, und ein Leben generierend, das nach modernen Gesichtspunkten wenig lebenswert, ja gefängnisartig anmutet. Ursprünglich ein Reformzweig der Zisterzienser, als solcher 1664 gegründet, erfolgte die endgültige Abtrennung im Jahr 1892, die Regeln, denen man sich zu unterwerfen hat, sind: strenge Askese, absolutes Stillschweigen und tägliche, harte körperliche Arbeit. Gelebt wird gemeinsam, es gibt keine einzelnen Zellen.
Ganz anders sieht es bei den Benediktinern aus, die auch Zeit zur Meditation bekommen und grosse Bibliotheken aufgebaut haben, die es bei den Zisterziensern so nicht gibt und die für ihre Biere bekannt sind.
Nach seiner Ankunft in einem Kloster beobachtet Fermor eine Veränderung seiner Schlafgewohnheiten. Er erklärt sich das mit der gewaltigen Müdigkeit, die jeder Zeitgenosse in sich habe.

Er schreibt:
„Nachdem ich anfangs unter Schlaflosigkeit und Alpträumen gelitten hatte und tagsüber eingenickt war, stellte ich bald fest, dass mein Bedürfnis nach Schlaf gewaltig wuchs, bis ich schließlich weit mehr Zeit im Bett als auf den Beinen verbrachte – dabei schlief ich so tief, als hätte ich ein starkes Mittel genommen.“ (S. 37)
Aber dieser Zustand hält nicht an, er ist eine Gewöhnungsphase, ein Erholen und Kraft schöpfen: „Dann begann eine außerordentliche Verwandlung: Die extreme Müdigkeit verschwand, die Nacht schrumpfte auf fünf Stunden leichten, traumlosen, herrlichen Schlafes, aus dem ich erfrischt und voller Tatendrang erwachte.“ (Ebd.)
Er hat auch eine Erklärung parat:
„Der Wunsch nach Unterhaltung, Bewegung und hektischen Gesten, der mich von Paris hierher begleitet hatte, fand an diesem Ort der Stille keine Antwort, keine Resonanz, und nachdem er im Vakuum noch eine Weile kläglich gestikuliert hatte, war er immer matter und blasser geworden und schließlich mangels Nahrung und Reizzufuhr gestorben.“ (Ebd.)
In der Folge sei die Müdigkeit, die jeder Zeitgenosse mit sich herumtrage über ihn hereingebrochen und habe ihn überschwemmt. Erst nachdem er dieser Schlafflut erlegen war, sei seine Energie nicht mehr versickert in Oberflächlichem und Hektik und vielfältigen „Trivialitäten, die das tägliche Leben vergiften“. (S. 37 f.)
Das habe ihm neunzehn Stunden „absoluter, göttlicher Freiheit“ täglich beschert. (S. 38)
Dies korreliert mit einer veränderten Zeiterfahrung, die besonders dann auffiel, als er die Klöster wieder verliess und nun Anpassungsschwierigkeiten in der ´Draussenwelt´ hatte. Der Tempowechsel, mit dem solch ein Rückzug von der Welt einhergeht, ist anstrengend. (Vgl. S. 109) Aber offenbar die Mühe wert, denn er spricht von der langsamen, sich steigernden Wirkung heilender Stille und deren Zauber. ´Zauber´, leider ein Wort, das der Autor, auch in anderen Büchern, gerne öfter benutzt. Nicht zum Vorteil, denn besser als ihn zu benennen oder zu beschwören wäre es, ihn durch seine Worte zu evozieren.

Die Gespräche mit den Mönchen erlebt er als charakterisiert durch Sanftheit, Ruhe und Abwesenheit von Eile. (Vgl. S. 40 f.) Das überrascht ihn fast etwas. Diejenigen, die, wie er schreibt, die Last der Menschheit auf sich nehmen (vgl. S. 78), die sich einzig als Gemeinschaft dem schrecklichen Problem der Ewigkeit gestellt haben (vgl. S. 45), die vor dem skeptizistischen Zeitalter angesehen waren als „die unbekannten Helfer, die die moralischen Schulden der Menschheit verkleinern“ (S. 44), sind von unbeschwerter Frische, sodass er zu dem Schluss kommt: „Wie seicht sind doch die Vorwürfe der Heuchelei, der Faulheit, der Selbstsüchtigkeit und des Eskapismus, ganz gleich, ob man die christliche Religion für grundsätzlich wahr oder falsch hält!“ (S. 45)
Aber die Zeit, so stellt er fest, vergeht sehr schnell im Kloster, ein Leben ist flott vorüber. (Vgl. S. 50)

Das härteste und daher eindrücklichste Beispiel ist zweifellos das Trappistenkloster mit seinen asketischen Lebensbedingungen. Die Schilderung seiner Ankunft in Grande Trappe erinnert an die aus Filmen assoziierbaren Ankünfte auf dem Herrensitz derer zu Dracula. (Vgl. S. 68) Er legt in Kürze dar, wie man in einem Trappistenkloster lebt (S. 74 f.) und erklärt, dass bei diesen Mönchen das Gebet durch Buße ersetzt worden sei, Buße für sämtliche Sünden seit Adam und Eva. – Also kein kleines Programm und kein bescheidener Anspruch: hier soll die Last der Menschheit auf sich genommen, soll jeder Augenblick des Lebens Gott geweiht werden. (Vgl. S. 78)
Er interessiert sich auch dafür, dass man der körperlichen Lust entsagt hat und wie das zu bewältigen sei, hört von tagelangen „Schlachten“ gegen die fleischliche Versuchung (vgl. S. 86) und fragt nach den Folgen, die das haben könnte. Aber er stellt auch fest, dass die Mönche die er kennenlernt, nicht dem Klischeebild entsprechen, das er erwartet. Selbst im Abt findet er einen „beunruhigend normalen Menschen“ (S. 92).

Freilich, wie leider meist, es gibt auch hier wieder einige Fehler zu beklagen, aber die Aufzählung möge für diesmal entfallen.

Ein Urteil über die Welt der Klöster zu fällen, traut er sich nicht, er hält diesen Bereich offen, k-gangglaubt, dass er kein geeignetes geistiges Instrument besitzt, mit dem er seine Erfahrungen einordnen und könnte. (Vgl. S. 95) Das kann man für Stärke sowohl als für Schwäche ansehen. Dem Reizgewürz des Trappistenklosters muss man sich nicht zur Gänze ergeben, man kann versuchen, das Phänomen Kloster an sich auf sich wirken zu lassen. Wie steht ein solcher Lebensentwurf, wie steht solche Unterordnung unter ein Übergeordnetes in der heutigen Zeit und wo kann das Anstoss zum Nachdenken, vielleicht ja sogar zu mehr sein?

Was in Erinnerung bleibt, sind die beschriebenen Tempowechsel zwischen ´Drinnen´ und ´Draussen´ und die langsam sich steigernde Wirkung heilender Stille, die er an diesen Orten erfahren hat. Einer Stille, die, wie er bereits in den Fünfzigern glaubt, allen bereits in hohem Maße abging, ohne dass es ihnen bewusst wäre.
Die Stille, eventuell auch Entsagung und Tiefe, vielleicht ein Antidot gegen eine überlaute, superhektische, zerfaserte und unübersichtliche, nur noch oberflächliche Lebenswirklichkeit, deren sinnloser, ausschliesslich an Nutzungs- und Spasskriterien orientierte Konkurrenz-Galopp nur noch Krankheitsbilder unterschiedlicher Couleur zu produzieren scheint?

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