Tim Krabbé „Das Rennen“,

April 10th, 2006

Tim Krabbé: „Das Rennen“, aus dem Niederländischen übersetzt von Susanne George, mit einem Nachwort von Rainer Moritz, Leipzig 2006, zuerst und in der Originalsprache 1978 erschienen, 168 Seiten, 12,90 Euro

ketteÄusserlich ein schmales, innen aber ein voluminöses, ein reiches Buch.
Es geht ums Radfahren, das mehr ist als es selbst, um den Radsport als Leidenschaft.
Man ist in Versuchung sogleich kalauernd darauf hinzuweisen, dass in diesem Wort bereits „Leiden“ steckt, aber dazu später.
Das Buch stammt noch aus der Zeit, in der man mit sechs Ritzeln am Hinterrad unterwegs war, Ende der Siebziger war das. Radtechnisch gesehen ist das lange her und weit weg. Man fuhr noch mit Stahlrahmen und Hakenpedalen. Steinzeit also vom Carbonzeitalter aus betrachtet. Aber auch in anderer Hinsicht hat sich manches verändert. Thematisiert wird eine Veranstaltung, die nicht allzuviele kennen werden, ein Amateur-Rennen in den Cevennen, die Mt. Aigoual-Rundfahrt über 137 km und vier Pässe.
Das kann einen zunächst eher skeptisch stimmen, man könnte sich fragen, ob das einen etwas angeht, ob es irgendwie relevant oder spannend sein kann.
Rundheraus: diese Zweifel sind nicht nur vollkommen unberechtigt, sie zerstieben bei der Lektüre in Nichts. Mit Krabbés Buch sieht man ins Herz des Radsports, mitten hinein.
In temporeichem, teils fast hektischem, präsentisch erzählendem Reportage-Stil lässt er den Leser am Rennen teilhaben.

Wer schon einmal an Radrennen teilgenommen hat, merkt sofort, dass hier jemand schreibt, der weiss worum es geht. Die Stimmung vor dem Rennen, der Rennverlauf, aber auch was einem Fahrer nach dem Zielstrich so durch den Kopf geht, ist in äusserster Direktheit eingefangen. Man bekommt eine Innensicht, die so kein anderes Medium bieten kann.
Positiv auch, dass er die Erzählung durchbricht mit Geschichten aus der Geschichte des Radsports und, in umgekehrter Chronologie, mit Teilen seiner eigenen Karriere als schneller Radfahrer. Entstanden ist so ein spannendes, gut gemachtes Patchwork. Legenden tauchen auf, Anekdoten kommen vor, mit Namen, die man auch heute noch kennt.
Das Problem könnte sein, dass der Leser, um es wirklich zu verstehen, idealer Weise selbst Radsportler sein müsste – dann aber bräuchte er es wieder nicht so sehr, denn er wüsste aus eigener Erfahrung wovon die Rede ist. Krabbé schreibt selbst: „unvorstellbar, wenn man es nie gemacht hat“ (S. 139).

Aber auch wenn das seine Wahrheit hat und man diese akzeptiert, auch dem Unkundigen wird Krabbé Einblicke vermitteln in die Welt der „Schweissdiebe“ (S. 78), Hinterradlutscher, der Schmerzen und Leiden und der Lust. Es ist eine halb martialisch anmutende Welt, aber genau das macht einen Teil ihres Reizes aus. Kein Sport für Weicheier; in einer Zeitung war kürzlich in Bezug auf den Radsport sinngemäss etwas von der härtesten der Qualsportarten zu lesen. Wer selbst fährt, weiss, was gemeint ist.
Lapidare Sprüche gehören dazu, die, in der Art von „Der Ball ist rund“, irgendwo zwischen Banalität und sentenzhafter Weisheit schillern: „Das Hauptfeld ist ein Gefängnis“ (S. 24), „Radsport ist ein Sport der Geduld“ (S. 25), „nichts zischt so schön wie der platzende Reifen eines Konkurrenten“ (S. 53), „Radsport ist ein schwerer Sport“ (S. 64), „ab und zu lecken wir uns den Schlamm von den Lippen“ (S. 101), „man muss sich im Radsport etwas trauen“ (S. 150).
Aber das sind eingestreute Ausnahmen. Wesentlich geht es um die Schilderung eines Rennens, des Rennens, wie der Titel sagt, und das ist richtig so. Und zwar insofern, als es für nahezu jedes beliebige andere stehen kann.
Es geht Krabbé um nichts weniger als Heldentum. Er verwendet den Begriff für die heutige Zeit erstaunlich unbedarft, aber selbst das ist noch sympathisch und gut, denn umständliche philosophische Reflexionen würden nicht zum Stil dieses Buches passen und es braucht sie auch gar nicht. Es geht um seine Auffassung von Radsport, die er auch als Spätberufener lebt, sein erstes Rennen fährt er mit neunundzwanzig, 1973 war das. (Vgl. S. 26) Es geht ihm um Charakter. Um ein alchimistisches Leiden, das sich, nachdem es durchlitten ist, in die Erinnerung erlebter Lust verwandelt. „Damit“, so meint er, „zeigt sich die Natur den Rennfahrern für die Huldigung erkenntlich, die sie ihr darbringen, indem sie leiden. Samtkissen, Safariparks, Sonnenbrillen, die Menschen sind Plüschtiere geworden.“ (S. 124 f.) In diesem Buch wird dem Sport als vielleicht letzte, vielleicht einzige Möglichkeit positiven, wenn vielleicht auch, von aussen betrachtet, unsinnigen Heldentums gehuldigt. Das Leiden als schöne Kunst betrachtet.
Der springende Punkt dabei, abgesehen vom schieren, unerklärbaren Spass an dieser Fortbewegung aus eigener Kraft, dürften Zustände jenseits normalen Erlebens sein. Die lassen sich vor allem auch beim Überwinden von Bergen erfahren: „Klettern ist ein Rhythmus, ein Rausch, man muss die Proteste seiner Organe beschwichtigen.“ (S. 31) Aber das ist nur der Anfang oder nur ein Teil. Es ist nicht nur Rausch: „Mein Gehirn macht Anstalten, sich wurstartig aus meinen Ohren zu stülpen.“ (S. 36) Was hier mit einer gewissen Drastik zum Ausdruck gebracht wird, bezieht sich nicht auf eine Everest-Besteigung nebst Hirn-Ödem, sondern lediglich auf ein Radrennen in den Cevennen. Dass man in einem solchen aber Grenzerfahrungen macht, und dazu dürfte es unerheblich sein, ob man an erster oder an letzter Stelle fährt – es zählt nicht die gefahrene Geschwindigkeit, sondern das Erleben-, beglaubigen solche Bemerkungen, die in ähnlicher Weise auch in anderen Radsportbüchern zu lesen sind. So etwa in Peter Winnens sehr gutem Buch, der seinerseits wunderbare Bilder für die Anstrengung findet, die man im Bereich der totalen Verausgabung berührt oder in dem von Paul Kimmage, im Gespräch gewesen primär wegen des Doping-Themas. (Beide hier im Blog besprochen) Die unterirdische – oder himmlische? – Verbindung von Rausch und Leiden, aber ohne das billige Werkzeug der Küchenphilosophie, den Masochismus, ist es, um die es hier geht. Das Umschmelzen von akutem Schmerz in späteres Glück, in ein Triumphgefühl. Man hat etwas geschafft, etwas bewiesen, etwas überwunden – und sei es ´nur´ sich selbst. Mag sein, dass ein Teil der Menschheit mehr das Bedürfnis hat, sich zu verausgaben, ein anderer weniger.
Nicht schlecht, wie er den Gemütszustand auf dem Renner beschreibt: „Das Bewusstsein ist klein auf dem Fahrrad, je grösser die Anstrengung, desto kleiner. Jeder aufkommende Gedanke ist sofort absolut wahr, jedes unerwartete Ereignis ist etwas, das man schon immer gewusst, aber einen Moment lang vergessen hatte. Eine eingängige Zeile aus einem Lied, eine immer wieder von vorne begonnene Division, eine übersteigerte Wut auf jemanden reicht aus, um die Gedanken zu füllen.“ (S. 40)
Was die Helden, die sich Löcher ins Rad bohren, damit es leichter ist – schon Eddy Merx hatte unter anderem mit dieser Methode ein superleichtes Rad hergestellt -, und die sich vor dem Start neues Lenkerband um denselben wickeln – zur Motivation – antreibt, das ist ein unbändiger, grenzüberschreitender Wille: „Aber im Rennen, da bleibe ich an ihm dran. Weil ich es will. Kälte, Regen, Kilometer, Schlamm, wenn ich etwas will, dann schaffe ich das.“ (S. 104) Gut möglich, dass diese Reduktion aufs Elementare einen guten Teil des Reizes ausmacht. Die Möglichkeit überhaupt ´Grosses´ in relativ kurzer Zeit umzusetzen. – Und vor allem: körperlich. Denn wo gäbe es solche Herkules-Aufgaben heute sonst noch, ausser im Sport? Da aber gibt es sie. Zahlreicher sogar als man sie brauchen kann, derart, dass man süchtig werden kann darauf. Dieses sich in seinen Körper verwandeln (vgl. S. 83) zusammen mit einem Bewusstsein, das sich auf Wesentliches konzentrieren muss oder sollte man schreiben ´darf´, ist es sicher, das zum Antrieb dieser Spezies beiträgt. Dafür spricht auch die Martialik der Sprüche, etwa dass man einen überholten Gegner ´umgebracht´ habe.
Aber natürlich, der Tod fährt tatsächlich mit.
Trocken und deutlich, die Reihung der Ziffern von 1 bis 100, mit der Beischrift: „Rückennummern, mit denen Rennfahrer ums Leben gekommen sind.“ (S. 91)
Die Sturzgefahr ist allgegenwärtig, etwa auf Kopfsteinpflaster, vor allem wenn es feucht ist, man denke an Paris-Roubaix. Auch zum Kopfsteinpflaster weiss Krabbé etwas zu sagen: „Straßen mit Kopfsteinpflaster sind, wie Amsterdamer Rennfahrer sagen, ´noch von den Römern angelegt worden, die einfach einen Haufen Pflastersteine aus einem Hubschrauber runtergeworfen haben´. Erst auf Kopfsteinpflaster erfährt ein Mensch, was es bedeutet, ein Presslufthammer zu sein. Die Arme werden dreimal so dick, die Kiefer klappern wie Kastagnetten, die Kette bricht in Lachen aus und springt am liebsten ab.“ (S. 93)
Nur wer sich solchem oder ähnlichem Irrsinn aussetzt, kann Erfahrungen machen, die Sesselfurzer nie kennen werden. Erfahrungen, die einem keiner mehr nimmt und die schliesslich, und seien es nur Augenblicke, zu den wesentlichen in einem Leben zählen werden, zu solchen, die man nie vergessen wird, die eine andere Ebene in einem angesprochen haben. Krabbé drückt das für sich so aus: „-so wie übrigens alle meine 350 Radrennen zusammen das Jahr meines Lebens bilden, das am kürzesten zurückliegt“. (S. 95)
Das Buch handelt also nicht nur von einem in den Rennkalendern nicht besonders wichtigen froschRadrennen, sondern von Leiden, von Glück, vom Leben. Leben in einer besonderen Weise. Von Lebensauffassung, von einer Haltung. Einer, die von menschlichen Plüschtieren nichts wissen will und selbst hübsche Radsportfans der neueren Generation hasst, wenn sie die falsche Einstellung haben. (Vgl. S. 67 f.) Ebenso wie Zuschauer, die nicht nur den ersten applaudieren und gute Verlierer. (Vgl. S. 38 und S. 150) Es wird hier wohl auf dem Rad eine bessere, einfachere Männerwelt gesucht, die noch, auch wenn die Waffen keine Keulen mehr sind, Stolz und körperlichen Kampf kennt. Die Haltung des Fairplay-Sportsmanns nach altenglischem Vorbild scheint seine Sache nicht zu sein.
Toll, wie er am Schluss des Buches das Ende des Rennen beschreibt, die letzten Attacken, die schon längst jenseits der Grenzen der Erschöpfung und des normalen Leistungsvermögens stattfinden. Ebenso gekonnt, die geschriebene Zeitlupe des Zielsprints auf den letzten Seiten: dramatisch und spannend bis zum Schlusstrich – und darüber hinaus. Denn auch über das Danach erfährt man hier etwas. Das Fernsehen zeigt nur Bilder des Überfahrens der Ziellinie, wiederholt diese zigfach und geht dann zur Siegerehrung bzw. dem jeweiligen Moderator und seinen Interviewpartnern über – all das kann nicht liefern, was Krabbé anbietet.
„Ich will verlieren müssen, und dann gewinnen“. (S. 116) Es ist nicht allein wichtig zu gewinnen, wichtig wäre, „grandios“ zu gewinnen, das ist das Ziel. (S. 133) Was ihn also umtreibt, ist eine Underdog-Philosophie und es sind Augenblicke, die Grösse haben, wie sie das moderne, geschmacklose, nivellierte, zu bequem gewordne Leben nicht mehr bereithält. Augenblicke, in denen es um etwas geht, um eine Entscheidung: Er oder ich, um den Charakter, vor allem sich selbst zu besiegen, die Bequemlichkeit, die Schmerzen, die Lust zu kapitulieren, die Angst in der Abfahrt, um Zentimeter und Sekunden, um eine Art Naturerfahrung. Dieses archaische Moment und die Augenblicke, in denen man zu müde ist, sich „Gedanken über Leben und Tod zu machen“, (S. 145) machen die Faszination aus. Die Augenblicke, in denen der Körper regiert: „Ich atme jetzt auch nicht mehr. Ich lege einen Zwischensprint ein, direkt von meinem Gehirn aus.“ (S. 145) Dieser Kurzschluss, dieses Einswerden ist ein wesentliches Movens, sich den Strapazen stets aufs Neue auszusetzen, weil dieses Glück anders nicht zu haben ist.
Und natürlich, auch wenn er das nicht betont, geht es um Phantasie. Um Vorstellungswelten, die den Hobbyradler mit dem Star verbinden, in dem Moment in dem er das Trikot überstreift, sich auf sein Rad setzt und die Schuhe einklickt. Man macht seine Grenzerfahrung auch wenn man denselben Berg wie die Profis viel langsamer hinauffährt, wenn man es nicht schneller könnte und schon gar keine 200 km am Stück mit einem Vierziger Schnitt. Aber es gibt eine magische Verbindung zwischen den Helden der Landstrasse und den Amateuren oder Hobby-Rennfahrern, ja selbst den Feierabendfahrern. Sobald sie sich auf ein Rad setzen und Geschwindigkeit aufnehmen, werden sie teilhaben an daran, überall auf der Welt, eine verschworene Gemeinde.

Dies lebendig eingefangen zu haben ist nicht wenig, das muss man können, es ist der Grund, warum dieses Buch zum Kultbuch avancierte.
Es ist ein hübsches kleines Buch. Im Text sind nur zwei Druckfehler aufgefallen (S. 20, S. 41), aber warum der Verlag das Buch mit einem Druckfehler im vorderen Klappentext ins Rennen schickt, ist nicht ganz verständlich, zumal es das Wort betrifft, um das sich alles dreht: den Namen des Berges, der der Rundfahrt ihren Namen gab: den „Mont Aigoul“, der richtig Aigoual heisst.

Offen bleibt, warum der Autor erst so spät mit dem Radrennfahren begann, wenn er als Junge, sofern seine autobiographischen Einlassungen keine Fakes sind, bereits vom Tempowahn besessen war (vgl. etwa S. 85) und sein Talent schon früh erkannt wurde.
Ein bisschen merkwürdig berührt auch die plötzliche Bemerkung: “Ich und Radsport, das war natürlich ein Witz.“ (S. 136 f.) Diese Relativierung wirkt nicht ganz stimmig, wirkt wie ein Bruch. Auffällig aber, auch in anderen Radsportbüchern, dass sich selbst die Fahrer im Profi-Peloton noch nicht für geeignet halten müssen, an Radrennen teilzunehmen. Zweifel haben auch Paul Kimmage ständig begleitet und selbst Erik Zabel äussert sich in dem Kinofilm „Höllentour“ so, dass er immer wieder Angst davor hat, abgehängt zu werden – ein beinhartes Geschäft.
Und fest steht, das man bei Krabbés Ansicht über die Gewichtung von fotografisch dokumentierter Wirklichkeit und treffsicherer Anekdote streiten könnte. (Vgl. S. 128)

Das sind Kleinigkeiten, das Buch macht Spass und teilt auf gut gemachte Weise viel mit.

5 Antworten to “Tim Krabbé „Das Rennen“,”

  1. 1 ewu simpel
    April 23rd, 2006 at 7:28 pm

    lieber helmut!

    das buch, schreibst du, führt direkt ins herz des radsports.
    deine besprechung auch.
    man merkt ihr in jeder zeile an, daß da einer aus der innenperspektive spricht, ein radsportbegeisterter, ein pedalathlet, in kleinerem maßstab zwar, aber mit vergleichbarem anspruch an sich und seine physis.

    ich dagegen, du weißt es, bin nichts weniger als ein sportsman. einzig genußradeln mute ich meinem körper zu, eine peripatetik auf rädern.
    um so erstaunlicher war es, daß mich die lektüre dieses buches begeistert hat. ich habe es kaum aus der hand legen können. spannungsaufbau und erzähltempo haben mich von der ersten seite an in atem gehalten, und das bei einem thema, das sehr weit von meinem eigenen erfahrungshorizont entfernt ist.
    form und inhalt sind paßgenau aufeinander abgestimmt, auch die retardierenden rückblicke auf die eigene sportkarriere stehen an den richtigen stellen, zuletzt scheinen erzählzeit und erzählte zeit zur deckung zu kommen und man spürt als leser regelrecht das überfahren der ziellinie. beeindruckend auch, wie das protokoll eines bewußtseins sprachlich vermittelt wird, das sich selbst dabei zuschaut, wie es im verlauf des rennens immer mehr das bewußtsein verliert und zuletzt von etwas gesteuert wird, was mit vernunft nichts mehr zu tun hat – eine verschmelzung mit dem rad, ein programm, das abläuft, ein einswerden mit der rennmaschine, wodurch zugleich die grenzen verschoben werden, die leistungs- wie auch die ich-grenzen.

    faszinierend zu lesen, obwohl ich nicht zu den praktizierenden dieser qualsportart gehöre. überhaupt bin ich nicht vom sportvirus infiziert, muß mich nicht (körperlich) verausgaben, werde von keinem grenzüberschreitenden willen angetrieben, der mich im namen einer selbstüberwindung an den rand des todes führt. trotzdem oder gerade deshalb war ich begeistert von diesen tiefen einblicken in taktik und psyche eines sportlers. man muß also nicht idealerweise ein renner sein, um dem buch etwas abgewinnen zu können.

    für mich war aber nicht die leidensathletik, der unbedingte, fast amoralische wille zum sieg oder die dressur der muskeln das wesentliche, sondern gerade der kunstgriff des autors, der mir als leser ein bewußtseinsprotokoll liefert, das so sicherlich nicht während des rennens stattfand oder stattfinden kann. was mich also erreicht hat, war die kunst der darstellung, die verdichtung der wirklichkeit, die klare bilder einer sportart vermittelt. hierbei waren es vor allem die einmaligkeit der erfahrungen und wahrnehmungen und das wie ihrer vermittlung, die mich faszinierten. der sich selbst beobachtende und bewundernde psychocyclist also (33), der zähne mit glasscherben auf einer mauer vergleicht (63), der lichtreflexe auf felgen wahrnimmt (97), sich an einer gefährlichen stelle ein museum der gehirne imaginiert (102) oder sich in sentenzen übt (103) und von einem surreal und skuril anmutenden rennfahrer-abc phantasiert (116-122). besonders schön auch die formulierung von einer “forteilenden ziellinie”, die das verlangen und die hoffnung wachhält (73) – könnte eine metapher für die unzähligen anstrengungen im leben überhaupt sein, oder?
    irritiert war ich dagegen ein wenig von der ewigen insistenz auf den kampf, den unbedingten sieg, dem lob der konkurrenzsituation, der rivalität bis aufs blut – die martialik eines männersports also, der fair play und mitgefühl zugunsten des höchsten und einzigen ziels: dem gewinnen aufgegeben hat. dieses ausspielen des heheren sports gegen die verweichlichte zivilisation fand ich nicht ganz so gelungen. dies liegt, wie ich weiß, im wesen und anspruch dieses leistungssports begründet. wer antritt, will gewinnen, sonst braucht er gar nicht erst teilzunehmen. nur der sieg zählt, der zweite ist nur der erste der verlierer (154-158). innerhalb der kampf- und konkurrenzsituation des sportlichen ereignisses ist das verständlich, muß auch so sein. aber als lebenshaltung, als charaktereigenschaft – du sprichst auch davon – scheint mir das nicht besonders sympathisch zu sein. da stehe ich doch lieber unter dem korrumpierenden einfluß der zivilisation und helfe einem gestürzten wieder auf die beine.

    so auf rädern zu rennen ist sicherlich eine grenzerfahrung, die verwandlung in eine reine impulsivität (83), bei der das eigene leben und manchmal auch das der anderen aufs spiel gesetzt wird (91). doch sollte sich dieses freisetzen von wundersamen kräften der selbstüberwindung, dieser krampf aus kraft und wille (62, 72, 99) einzig im rahmen des sports ereignen. dies anschaulich und literarisch anspruchsvoll gezeigt zu haben, ist eines der vorzüge des buches von krabbe. eine lebenshaltung konnte und wollte ich allerdings nicht daraus entnehmen. dies war wohl auch nicht krabbes wirkungsabsicht, eher vielleicht schon das nostalgisch gefärbte bild einer männersportwelt, die den naturgewalten näher steht und und in der das leiden im rausch des rennens als schön, zuletzt als lust empfunden wird. immer jedoch erst danach, nach dem überqueren der zielliene.

    soviel dazu.

    herzliche grüße vom einem sportabstinenten,
    uwe.

  2. 2 helmut
    April 27th, 2006 at 9:38 am

    Lieber Ewu,

    zunächst freilich schönen Dank für die Blumen, besonders aber freut mich auch, dass Dir das Buch, auch als peripatetischem Radfahrer, gefallen hat!
    Du beschreibt ja ausführlich und gekonnt, dass es gut gemacht ist. Mindestens die halbe Miete dafür, dass es auch ´funktioniert´, wie man heute so hübsch-hässlich im Technik-Jargon sagt.
    Ein interessanter Punkt ist sicher der, an dem man Befremden spürt: Das, was Du den amoralischen Willen zum Sieg nennst, die Martialik.
    Man kann sich fragen, ob das eine ohne das andere nicht zu haben ist.
    Oder ob man dieser Haltung (ist es eine?) nicht doch lieber die des englischen Fairplay-Gentleman vorzieht, dessen Sports geist so weit geht (oder nicht weit genug?), dass er (wenigstens nach aussen hin) mit Anstand zu verlieren versteht.
    Ich schätze Krabbé provoziert hier ganz bewusst. Es sieht so aus als ginge es ihm um mehr und anderes als darum, ein zweirädiges Gerät per Muskelkraft möglichst schnell von A nach B zu bewegen. Sieht so aus, als würde er im RAdsport ein Reservat mythischer und archaischer Kräfte aufspüren, die grundlegender sind als all die Tünche und der Talmi, die uns ansonsten zu Zivilisierten verbrämen. Wenn man so will die Rückseite des Unbehagens in der Zivilisation.
    Das mag Befremden, das soll es wohl auch.
    Dazu gehört auch die ´Leidensathletik´.
    Leiden – eigentlich etwas, das man vermeidet wo es geht, das man flieht.
    Paradox, es zu suchen. Es immer wieder zu wollen. Nur verwandelt es sich ja. Es ibt glücksähnliche Zustände, die ohne das Verausgaben nicht zu haben sind. Es ist auch ein Spiel. Es ist etwas körperliche-seelisches. Momente, in denen man ganz ist. Und in denen es ums Ganze geht. – Momente also, die alltäglich und in unseren Breiten doch weitgehend ausgefallen sind.
    Und mit diesem Kon- oder Subtext ist es ein Sportbuch, ja, aber auch noch mehr. Und das macht auch einen Teil seiner Qualität aus.
    Er hat mir mit diesem Buch jedenfalls Lust darauf gemacht, auch andere Bücher von ihm auszuprobieren.

    Schöne Grüsse,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    April 28th, 2006 at 9:51 am

    lieber helmut!

    das leiden als nicht-athletische, schöne kunst betrachtet und der radsport als gleichsam zivilisationsjenseitiges reservat, in dem man sein leben noch aufs spiel setzen kann, wo es ums ganze (dein wort) geht und wo der ernst eines unerbittliches kampfes herrscht: so oder so ähnlich habe ich das auch gesehen. da bin ich mir dir einer meinung.

    auch teile ich deine einschätzung, daß krabbe bewußt provozieren wollte. mit einer einschränkung:
    bringt er die erfahrungsintensität und das besondere der erlebnisse bei diesem rennen auf den punkt, so überzieht er bei der reflexion der motive und den hehren ansprüchen der betreibenden dieses sports den bogen und verfällt – an einigen stellen – ins polemisch-abfällige. immer dann nämlich, wenn er schmerzvermeidung als aufgeben charakterisiert (66), wenn er die zivilisation als naturferne zone menschlicher “plüschtiere” von den die natur verehrenden leidensathleten auf dem rad abgrenzt (78) oder gute verlierer als beleidiger des sportsgeistes verunglimpft (158) und das rennen in der sentenz “courir c’est mourir en peu” (103) als einübung ins sterben verunklärt.
    das geht meines erachtens zu weit. muß wahrscheinlich zu weit gehen, will er doch seinen sport vom “mischmasch des journalismus” abgrenzen, der nur noch von “emblemen”, stichworten, gemeinplätzen beherrscht wird (68). die stoßrichtung ist mit klar, leuchtet auch ein, nur die intensität ist mir zu stark und seinem fazit “lieber tot als im besenwagen” (126) – denn darauf läuft es hinaus – muß ich entgegenhalten:
    noch lieber lese ich davon, um es nicht selbst erleben zu müssen.
    freilich fehlt mir damit auch das besondere des zugangs, den du zu haben scheinst. ich will dabei für dich hoffen, daß es dir vornehmlich darum geht, distanzen in eigenanstrengung zurückzulegen, deinen körper in anspruch zu nehmen und dabei kraft loszuwerden und nicht so sehr darum, sich bis zum – letztlich finalen – selbstverlust zu quälen.

    in diesem sinne frohes radeln,
    uwe.

  4. 4 helmut
    Mai 3rd, 2006 at 10:04 am

    Lieber Ewu,

    ich verstehe worum es Dir geht und woran sich Dein Widerwille erregt.
    Aber:
    Vielleicht ist es überzeichnet, vielleicht nicht.
    Wie wäre es, wenn das was Du als ´den Bogen überspannen´ oder ´zu weit gehen´ empfindest mit ins Spiel gehört?
    Wenn man das eine nicht ohne das andere haben kann?

    Es geht ja nicht oder nicht primär um Naturverehrung.

    Es geht ums Selbstgewinn durch Selbstverlust.
    Und es geht um den Affekt, den das auslöst in der Beurteilung anderer, der Plüschtiere.
    Vielleicht geht er nicht zu weit, sondern ist nur, vielleicht provozierend, ehrlich?
    Vielleicht bringt er nur etwas auf den Punkt – und beklagt einen Verlust. Den von etwas ihm Wichtigem, Elementarem.

    Schöne Grüsse,

    Helmut

  5. 5 ewu simpel
    Mai 5th, 2006 at 12:37 pm

    lieber helmut!

    widerwille hat es bei mir nicht ausgelöst. ich fand die gegenüberstellung nur zu pointiert. als ob die “plüschtiere” nicht auch erfahrungen machen könnten, die über einen selbstverlust zu einem intensiveren selbstgefühl führen.
    es ist das implizite werturteil, welches in der gegenüberstellung wirksam wird, was mich irritierte und in seiner pointiertheit störte, da es dem einen menschenschlag etwas zuschreibt, was es dem anderen zugleich abspricht. wird da nicht ein exklusivrecht der leidensathleten postuliert? und auf was eigentlich?

    aber das sind (nur) feinheiten der wahrnehmung. auch darf und muß der autor seine idiosynkrasien ausdrücken oder besser: in formulierungen erkennbar werden lassen. er hat sein ur-eigenes geistig-moralisches profil und dieses spricht sich an den genannten stellen deutlich aus.

    letztlich geht es in dem buch ja auch um die beschreibung von erfahrungen, die in ihrer einmaligkeit und intensität ein leben prägen und eine identität bilden: die gefühlten und überwundenen qualen, die den radrennenden schmerzensmann zu einem besonderen, unverwechselbaren menschen gemacht haben (66). dies anschaulich gemacht zu haben, ist das große verdienst des buches. meine nörgelei bezieht sich auf die ausschließlichkeit des anspruchs, der das leiden miteinander rivalisierender radrennfahrer als die einzig noch verbliebene lebensform feiert, in der es um etwas elementares, urwüchsiges geht. immer jedoch nur bis zum überfahren der ziellinie – danach kommt unvermeidlich der kater.

    grüße uwe.