Andrzej Bobkowski – „Wehmut? Wonach zum Teufel? Tagebücher aus Frankreich 1940-41“

April 20th, 2006

Hier gilt es ein Desiderat zu besprechen, respektive zu beklagen, das aber lauthals.
Also ein Buch, das man nicht lesen kann – aber gern lesen würde: Ein Buch, das es noch nicht gibt. – Und um dieses ´noch´ geht es!

p-ris Andrzej Bobkowski wurde 1913 in Wiener Neustadt, einem Ort etwa 50 km südlich von Wien geboren, dem Ort, an dem sein Vater an der Theresianischen Militärakademie unterrichtet hatte. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Warschau und ging 1938 für zehn Jahre nach Paris. 1948 wanderte er nach Guatemala aus, wo er 1961 starb. Seine Pariser Kriegsmemoiren aus den Jahren 1940-1944 haben ihn, zu Recht, unsterblich gemacht. Sie erschienen 1957, nicht in Polen, sondern in Frankreich, im “Institute Litteraire”, unter dem Titel “Skice Piorkiem” oder “Federskizzen”. Sie sind ein eindrucksvolles Dokument der Exil- und ein Klassiker der Tagebuchliteratur. Beschrieben wird eine Reise auf dem Fahrrad, zusammen mit einem Freund, der Walter Hinck veranlasste, das Duo mit Don Quichotte und Sancho Pansa zu vergleichen. Beschrieben wird der Einmarsch der Deutschen in Frankreich, aber aus einer ganz ungewöhnlichen Perspektive und von einer ganz eigenen Warte aus. Mit Recht ist gesagt worden, Bobkowski hätte eher einen Roman als ein Tagebuch geschrieben. Seine Prosa ist von einer Lebendigkeit und sinnlichen Unmittelbarkeit, die ihresgleichen sucht. Es ist nicht zu viel gesagt: sie birgt Glück. Lebensglück, ganz buchstäblich das Glück – noch – am Leben zu sein; im Krieg, auf dem Rad, unter der Sonne Südfrankreichs, schwitzend und den Frauen nachsehend und im Meer schwimmend, unter freiem Sternenhimmel schlafend. Trotz oder doch eher gerade wegen der Zeit des Krieges hat dieses Tagebuch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nichts Düsteres oder Tristes, das Gegenteil ist der Fall: es platzt schier vor Bewegung und Licht und Lebenslust. Gleichwohl scheint hier kein Romantiker zu schreiben, wird kein falsches Idyll aufgebaut, wird der Krieg nicht vergessen oder verdrängt, er stellt die Folie dar, auf der diese Fahrradtour stattfindet, vielleicht auch nur so, auf diese besondere Weise, stattfinden kann. Dazu mag ein spezieller Charakter gehören und ein gutes Maß Chuzpe. Der Mut, sich nicht alles vorschreiben und die eigene Phantasie nicht restlos vom Diktat der Zeitumstände vereinnahmen zu lassen.
Warum Guatemala?

Bobkowski hat Europa voll Abscheu verlassen. In seinem freiwilligen ´Exil´ findet sich weder Schmerz noch Sehnsucht, darauf wies Andrzej Stasiuk hin. Europa war für Bobkowski “die Wiege der Kultur und der Konzentrationslager”, es habe sich ohne großen Widerstand vom Faschismus vergewaltigen lassen, zittere vor Angst vor den Bolschewiki und schiele kokett Richtung Kommunismus, ergo: “der Europäer verwandelt sich in ein Rindvieh”, also müsse man, um Europa wiederzufinden, es verlassen. (Zitate aus “Coco de Oro”, Stasiuks Text über Bobkowski erschien in “Le Monde diplomatique” Nr. 7259 vom 16.01.2004)

Guatemala dürfte für ihn also eine Art Utopie gewesen sein. Jedenfalls eine bewusste Abkehr, wenn nicht Flucht aus Europa. Das aus seiner Sicht von intellektueller Lähmung bedrohte Europa schien ihm weniger Zukunft zu bergen als ein anti-intellektualistisches Leben als Modellflugzeugbauer und -händler in Guatemala.
All das Gründe, die es verständlich machen, dass Bobkowskis literarisches und publizistisches Werk bis heute in Deutschland wie in Polen noch weitgehend unbekannt ist. Jerzy Giedroyc, dem Herausgeber der Pariser “Kultura”, ist es zu verdanken, dass er auch in seinem ´Exil´ zuweilen schrieb, seine Texte sind auf den Seiten der “Kultura” verstreut.

Der erste Band seiner Tagebücher aus Frankreich aus den Jahren 1940-41 ist unter dem Titel „Wehmut? Wonach zum Teufel?“ erschienen und ist ein phantastisches Buch.
Kaum möchte man mehr dazu sagen, als:

LESEN!!!

Und zwar unbedingt und sofort.

Fatal, dass der kleine Hamburger Rospo-Verlag, der diesen Band im Jahr 2000 herausbrachte, nicht mehr existiert. Denn seit dem Erscheinen des ersten Bandes giert man nach dem zweiten. Wo und wie oder ob er überhaupt erscheinen wird – all das ist fraglich.

Darum hier die Bitte an jeden Verleger oder Kritiker, der Verleger kennt und womöglich Einfluss auf sie hat:
Besorgen Sie sich die Rechte an diesen Tagebüchern, drucken Sie eine Neuauflage des ersten Bandes und nehmen Sie sich vor allem des nächsten an, ich kenne einige Leute, die längst ungeduldig darauf warten. Zudem wäre es ein großes Verdienst. Es gibt so viele entbehrliche Bücher. Dieses ist das Gegenteil davon, es ist ein Traum von einem Buch, ein Buch, das Freude und Mut macht (was heutzutage kaum schaden dürfte in dieser verzagten, bröckelnden Gesellschaft) und einen extrem langen Nachhall hat, eines, das einen begleiten kann, das man gerne wiederlesen wird, das man verschenken und weiterempfehlen wird, das Leben verändernd wirken kann, das in den ehrwürdigen Kanon der Weltliteratur gehört.
Es ist eine hinreißende, helle Jetzt-Feier in dunkelster Zeit. Die Bedrohtheit steigert die Intensität der Wahrnehmung und des Lebensgefühls in einem Maß, das noch heute durch die Lektüre in den Leser überfließt.
Nehmen Sie sich dieses Buches an, besorgen Sie sich die Rechte und drucken Sie recht bald!

Band 1 ist unter dem Titel „Wehmut? Wonach zum Teufel? Tagebücher aus Frankreich 1940-41“ erschienen, er wurde von Martin Pollack aus dem Polnischen übertragen, das Nachwort stammte von Basil Kerski, es erschien im Rospo Verlag Hamburg, es waren 359 Seiten zu 20 Euro.

2 Antworten to “Andrzej Bobkowski – „Wehmut? Wonach zum Teufel? Tagebücher aus Frankreich 1940-41“”

  1. 1 ewu simpel
    April 29th, 2006 at 7:01 pm

    lieber helmut!

    “das verb ‘lesen’ duldet keinen imperativ”, heißt es bei daniel pennac. bei diesem buch muß man eine ausnahme machen von dieser sonst sicherlich sinnvollen feststellung und mit dir die aufforderung noch einmal aussprechen: LESEN!

    für diesen tipp muß ich dir ein leben lang dankbar sein.
    ein buch, das nach der lektüre einen rundum zufriedenen und befriedeten leser zurückläßt, der dann allerdings bestürzt feststellen muß, daß der folgeband der tagebücher noch nicht erschienen ist und der – wenn man deinen recherchen glauben darf – so schnell nicht erscheinen wird. das ist nicht nur ein desiderat, das ist eine bankrotterklärung jeder verlegerischen intelligenz. deinen aufruf kann ich nur unterstützen und mit dir – und sicherlich vielen anderen, die den ersten band kennen- und lieben gelernt haben – hoffen, daß sich ein verlag mit osteuropäischem programmschwerpunkt findet, der dieses wunderwerk von einem buch ins deutsche übertragen läßt und veröffentlicht.

    was macht es so unvergleichlich? worin besteht das glück der lektüre gerade dieser tagebücher?

    du sprichst schon einiges an: der dokumentarische detailreichtum, die lebendige sprache, das fast gänzliche fehlen des tristen, der primat von leben, licht und sinnlichkeit, die sprachlich brillant vermittelte feier des jetzt, die jedoch an keiner stelle in eine weltflüchtige idyllik ausartet, und all dies vor dem hintergrund des von deutschland überrannten und okkupierten frankreich.

    das entscheidende aber für mich und für dich wohl auch: er schildert kein vollglück in der beschränkung auf den gleichsam geschichtslosen augenblick, sondern die historie ist immer gegenwärtig. im grunde ist es eine paradoxe situation. das weltgeschichtliche ereignis des 2. weltkrieges und mittendrin einer, der sein besonderes und individuelles glück erlebt, der eine unvergleichliche epoche seiner (verspäteten) jugend erlebt – das macht den besonderen reiz dieses buches aus: die selbstbehauptung des privaten glücks vor dem hintergrund der kriegerischen ereignisse, die jedoch nirgends in eskapismus mündet, sondern immer im konkreten, gegenwärtigen begründet bleibt.

    durch die lebendige, malerische und auch präzise, nie überspannte oder schwülstige prosa gewinnt man schon nach einigen seiten den eindruck, man lese nicht so sehr tagebücher als einen durchkomponierten und literarisch gestalteten entwicklungs- und bildungsroman – von einem, der auszog, sich selbst zu finden, zu erleben, der im chaos der ereignisse die freiheit des eigenen denkens und fühlens erlangt. dieses glück des erlebten augenblicks herrscht vor allem im zweiten teil mit der beschreibung der fahrradreise durch den französischen süden vor. es sind diese passagen, die nachdrücklich auf den leser einwirken: eine ungeahnte empfindungsfrische, eine fast animalische wonne des schauens artikuliert sich da, die einem beim lesen der vielen landschaftsbeschreibungen und schilderungen von stimmungs- und gemütslagen einen schauer nach dem anderen über den rücken fahren lassen. mir jedenfalls. denn man muß sich vor augen halten: eine welt gerät aus den fugen und der autor erlebt zugleich eine neue weise des selbst- und naturerlebens, erschließt sich neue, sinnliche zugänge zur welt und vermittelt dies in einer immer unprätentiösen und präzisen, einzig am erlebten und gegenwärtigen ausgerichteten sprache. und gerade weil die politische situation nie ausgeblendet, sogar nachdrücklich reflektiert und kommentiert wird, erhalten die schilderungen der momente sinnlichen glücks umso mehr anschaulichkeit und eine intensität, die auch dem leser, der bequem in einem sessel sitzt, zu einer form von seligkeit verhelfen. es ereignet sich ein sich-einfügen in einen neuen lebensrhythmus, in ein vagabundierendes leben von einem augenblick zum nächsten. es herrscht reine, zeitlose gegenwart. so wird der krieg für den autor zum haupttreffer, einer chance, sich von einer ungeliebten identität zu befreien und diese kritisch zu reflektieren. es ist eine zweite geburt, ein zur-welt-kommen, zugleich ein bruch mit der eigenen vergangenheit und der alten welt, die nicht mehr zu halten und zu erhalten ist.

    dieses glück galt es festzuhalten, niederzuschreiben in tagebuch-notaten, die dann später wie ein film entwickelt wurden. das tagebuch birgt glück, ganz so, wie du es formulierst, das schreiben, welches immer wieder das erleben nachzeichnet und dabei neue ernergien freisetzt, neue formen des aufmerkens schafft. und gerade dieses hochgemute ist es, was bei der lektüre begeistert, das hochgemute der zustands- und ereignisbilder des glücks inmitten der not, die immer mehr oder weniger präsent bleibt – eine literarisch gekonnte vermittlung einer “waffenruhe” im getöse des krieges, eine versenkung ins leben, in den lebendigen augenblick am rande des abgrundes. es ist diese erwartungs-wachheit, diese rückkehr zu einer lebens-spannung, dieser gesteigerte tonus der sinne und des intellekts, was mich beeindruckt und verzaubert hat. schön auch, daß bobkowski bei aller zum teil anti-intellektualistischen apotheose des sinnlichen, unmittelbaren lebens nie so weit geht, das eine – den intellekt – gegenüber dem anderen – dem leben – absolut zu setzten oder gegeneinander auszuspielen. er zeigt an seinem beispiel eine schwerpunktverlagerung auf: vom primär intelektuellen zum aus dem augenblick geborenen lebensvollzug. doch bei aller erlebnisseligkeit bleibt er bei verstand, nutzt seine analytische intelligenz zur beschreibung und kommentierung der politischen situation. die unsentimentale und intellektuelle schärfe dieser analysen der politischen und moralischen situation im besetzten frankreich stehen der intensität und schönheit seiner landschaftsschilderungen in nichts nach. beides, die erlebnisfrische und die politische klarsicht, die selbstbehauptung des individuellen und die dokumentarische dichte bei der analyse der politischen situation machen dieses buch zu einer trouveille.

    ich bin froh und glücklich, wenigstens den ersten band dieser tagebücher gelesen zu haben, werde sie in zukunft auch immer wieder zur hand nehmen, denn: sie schärfen die sinne und bereiten auch dem sinnsucher in uns ein unvergleichliches finderglück.

    frohgemute grüße, uwe.

  2. 2 helmut
    April 30th, 2006 at 7:39 am

    Lieber Ewu,

    wie würde man im Dialog eines schlechten – oder guten – amerikanischen Films sagen?:
    Wow!
    Es freut mich sehr, wenn das Buch gefällt – und noch dazu so gut, dass es die Energie freisetzt, einen so langen und überschwänglichen Kommentar zus schreiben!
    Ich möchte das einfach so stehenlassen.
    Dank dafür.
    Vielleicht haben wir Glück und es findet sich ein Verlag – das wäre eine feine Sache!
    Ich habe einige Personen, Verlage, Zeitungen und Zeitschriften angemailt – wenn es Interesse gibt, könnte etwas passieren.

    Ich wünsche einen angenehmen ersten Mai – trotz DIESES Wetters!,

    Helmut