Charles Bukowski „Den Göttern kommt das grosse Kotzen“
Mai 8th, 2006Charles Bukowski: „Den Göttern kommt das grosse Kotzen“, illustriert von Robert Crumb, aus dem Englischen (wie immer) von Carl Weissner, Köln 2006, die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel „The Captain Is Out To Lunch And The Sailors Have Taken Over The Ship“, 159 Seiten, 16,90 Euro
Es sind Tagebücher, sie liegen hier erstmals in deutscher Sprache vor, sie beginnen am 28.08.1991 und enden am 27.02.1993; im Jahr 1994 stirbt der Autor. Die Daten sind mit Uhrzeit versehen. Zwischen den Eintragungen gibt es grosse Lücken. Vor- oder Nachwort gibt es nicht und in diesem Fall begrüsst man es; mag der Text für sich sprechen. Schätze, das tut er.
Oft ist es nicht so, in diesem Fall sind sogar die kongenialen Illustrationen von Robert Crumb ein Gewinn. Sie eröffnen eine zusätzliche Dimension; die Texte bräuchten sie nicht zwingend, aber sie sind eine Bereicherung, die passt. Ohnehin insgesamt ein hübsch gemachtes Buch, das man gern in die Hand nimmt.
Und der Inhalt erst: man möchte eine Passage nach der anderen zitieren.
Einfach Klasse, was der ´dirty old man´ noch so bietet, da steckt Leben drin – und Lesespass. Er berichtet über das was er so macht, was ihn umtreibt, im Grunde nichts besonderes, aber wie er schreibt, das macht es interessant. Er notiert seine Gedanken auf seine alten Tage mit Computer und ist begeistert davon, er geht oft auf die Pferderennbahn, eine Beschäftigung zu der er eine äusserst ambivalente Beziehung hat, er schimpft als Isolationist auf seine Mitmenschen, fragt sich, wer wohl die Rolltreppe erfunden hat und was es mit dem Aussterben der Dinos auf sich hat, vor allem aber geht es immer wieder ums Schreiben. Und da ist er jung geblieben, auch wenn die Tagebücher kurz vor seinem Tod abbrechen. Köstlich, wie er Shakespeare, Tolstoi und andere respektlos abfertigt, während er Sherwood Anderson hoch- und Carson Mc. Cullers für unterschätzt hält. (Vgl. S. 159) Und natürlich denkt er auch über den Tod nach, auf seine respektlose Weise:
„Zum Teufel mit dem Tod. Es gilt nur – hier und heute. Jetzt.“ (S. 88)
Samuel Beckett hätte dieser Tage hundertsten Geburtstag gehabt, es war einiges zu lesen über und von ihm – spannend, ihn mit Bukowski zu konfrontieren. Klar, man würde sie auf den ersten Blick meilenweit voneinander entfernt in die Literaturgeschichte einsortieren. Aber manche, und vielleicht grundlegenden, An- und Einsichten korrespondieren doch.
Ein Beispiel:
„Wer weiß, vielleicht wird mich bald ein Leiden ans Bett fesseln. Dann werde ich mir Papierbogen an die Wand pinnen und im Liegen malen. Mit Pinseln an langen Stecken. Wahrscheinlich wird es mir sogar gefallen.“ (S. 77)
Ist das nicht ein Gedanke und wäre das nicht ein Verhalten einer Figur aus einem Beckett-Stück? Becketts Feststellung, dass wir dazu verurteilt sind weiterzumachen, hier ist sie auch. Weitermachen. Bis es halt gar nicht mehr geht und auch wenn es absurd sein mag.
An anderer Stelle liest man:
„Es gibt keine bessere Lektion als das Verdauen einer Niederlage und das Weitermachen.“ /S. 61)
Na also.
Seine Mitwelt geht im gegen den Strich:
„Aber wenn ich zu Empfängen gehe, könnte ich mich in den Arsch beißen; selbst wenn es umsonst zu trinken gibt. Ich habe nie etwas davon. (…) Ich muß Reißaus nehmen, um mich wieder zu regenerieren.“ (S. 25)
„Es sieht so aus, als würde die Masse da draußen, die Menschheit, die mir schon immer Probleme gemacht hat, am Ende doch gewinnen. Das größte Problem ist, daß sich alle nur noch wiederholen. Kein bißchen Originalität in ihnen. Nicht der Hauch von einem Wunder. Sie wälzen sich einfach weiter und walzen mich platt.“ (S. 145)
„Ich brauche das Scheißvolk für die kleinen notwendigen Dinge, auch wenn ich sie abschreckend finde. Und das ist milde ausgedrückt.“ (S. 155)
Eine Ungenauigkeit liegt im ersten Satz vor: „sie“ müsste „es“ heissen: Das Volk.
Er mag klassische Musik, braucht sie, Rockmusik gibt ihm nichts, die Klassik hört er im Radio, immer wenn er schreibt. (Vgl. S. 146)
Über die zeitgenössische Musik weiss er:
„Zum Beispiel drücke ich jeden Tag auf der Fahrt zur Rennbahn den Sender-Suchknopf und hoffe auf ein bißchen anständige Musik. Nein, alles ist schlecht, platt, leblos, monoton, lustlos. Doch manche dieser Stücke verkaufen sich millionenfach, und die Komponisten halten sich für wahre Künstler. Grässlicher Schund, der durch die Köpfe der Jungen surrt. Die mögen es. Sie fressen dir den puren Shit aus der Hand. Herrgott noch mal, können sie nicht mehr unterscheiden?“ (S. 155)
Zur Klassik heisst es:
„Ich stürze mich auf jeden Ton wie ein Mensch, der ausgehungert ist nach einem Schwall von frischem Blut und Sinn.“ (S. 146)
Was er über´s Schreiben äussert, ersetzt ganze Bibliotheken von Kreativ-Schreiben-Handbüchern“ mit wenigen, kernigen Sätzen:
„Schreiben sollte in erster Linie deinen Arsch retten. Wenn es das tut, wird es von selbst zu einer saftigen, unterhaltsamen Geschichte.“ (S. 59)
Wunderbar sein Vergleich des Schreibens mit dem – Boxen.
Ja:
„Um mein Schreiben in Form zu bringen, sehe ich mir gern Boxkämpfe an. Ich beobachte den linken Jab, den rechten Cross, den linken Haken, den Aufwärtshaken, den Konter. Ich sehe es gern, wenn sie in einen Schlag alles reinlegen, so daß es sie von den Füßen reißt. Es läßt sich etwas daraus lernen und auf die Schreibkunst anwenden, auf die Art, wie man es anstellt. Du hast nur eine Chance. Sie kommt nicht wieder. Dann hast du nur noch Seiten, die du genausogut ankokeln kannst.“ (S. 159)
Von welchen Autoren kann man Vergleichbares lesen?
Man stelle sich Thomas Mann vor, oder…
Was für ihn zählt, ist die nächste Zeile.
Und er berichtet, dass er sich vor seinem Computer, mit etwas zu rauchen und beim Hören klassischer Musik wohlfühlt – und fast nur so.
„Jede Zeile ist ein neuer Anfang und hat mit dem vorangehenden nichts zu tun. Wir fangen jedes
Mal neu an. Und natürlich hat das Ganze überhaupt keinen Heiligenschein. Die Menschheit kann leichter ohne Literatur auskommen als ohne Wasserklosett. (…) Ich selber würde natürlich lieber ohne WC auskommen. Aber ich bin ja auch ein Spinner.“ (S. 32)
Geradlinig, unverschwurbelt, metaphysiklos, wohl ein wenig romantisch und ein bissel existentialistisch angehaucht, aber immer er selbst, unverbildet, bullshit jederzeit erkennend, mit einer passenden, direkten, lebendigen, schnoddrigen, aber alles andere als blöden oder dumpfen Schreibe, das ist Bukowski, originell weil original.
Und selbst seine Zeit-, seine Gesellschafts-, seine Kapitalismuskritik kommt noch gut. Er nimmt die Sache nicht zu ernst. Ihm kann man kein X für ein U vormachen, auch wenn er kein grosser Analysierer ist.
Sein Alter registriert er befremdet, wie ein unzugehöriges Anhängsel, wie einen lästigen Blutsauger. (Vgl. S. 29) Seinem Lebensgefühl scheint es nicht zu entsprechen, er versucht, den Tag zu leben und ist ohnehin einigermaßen dankbar dafür, so weit gekommen zu sein. Denn er meint, dass er eigentlich schon Jahrzehnte früher hätte das Zeitliche segnen müssen, bei dem Versuch, sich totzutrinken, der aber misslungen sei. Ob das Kokettiererei ist oder für bare Münze zu nehmen mag der Leser für sich entscheiden – oder ob diese Frage wichtig ist.
Herb jedenfalls ist eine kleine, wie nebenbei fallende Bemerkung, man kann sie leicht überlesen, zumal sie nur aus fünf kurzen Wörtern besteht:
„Ich fand nie einen Freund.“ (S. 145)
Und mit den Frauen lief es auch nicht immer toll, er arrangiert sich mit der Realität:
„Ich wollte nur eine, die kein Albtraum war.“ (S. 145)
Ein kurzweiliges, oft witziges und wenigstens an einer Stelle hochkomisches Buch, das man immer nochmal lesen kann, richtig gut.
Das fand auch Helge Timmerberg in seiner Besprechung des Bandes in der „Zeit“ vom 16.03.2006, die lesenswert, anregend und witzig ist und gut zu dem Buch passt und mutig ist und auch in Zitierlust schwelgt. Und meines Wissens die einzige dieses Bandes bisher.
Auf Tuchfühlung mit der Menschheit fühlt er sich als „Scholar in der Hölle“ (S. 77), ist zuweilen vom Ennui geplagt, stellt fest: „Wir machen aus allem eine Müllhalde, wenn wir zu lange bleiben.“ (S. 38) und kommt zu dem Schluss:
„Ich ließ mich einlullen. Warum auch nicht? Verschaff dir einen Vorsprung. Verbessere deine Stimmung. Die Welt ist ein platzender Sack voll Scheiße. Ich kann sie nicht retten.“ (S. 79)
Da bleibt nur eins:
„Im nächsten Leben will ich ein Kater sein. Zwanzig Stunden am Tag schlafen und mich dann füttern lassen. Rumsitzen und mir den Arsch lecken. Menschen sind immer so zornig und ehrgeizig und schlecht drauf.“ (S. 45)
Mai 12th, 2006 at 9:46 am
lieber helmut!
du hast recht. das ist ein buch, das für sich selbst spricht, über das man am besten schreibt, indem man aus ihm zitiert.
trotzdem hier noch ein paar anmerkungen.
ich hatte vor ein paar wochen schon die briefe von buk, die unter dem titel “schreie vom balkon” veröffentlicht wurden, mit genuß und zunehmender begeisterung gelesen. die nun vorliegenden tagebücher habe ich mir dann als zugabe gleich besorgt und wurde auch nicht enttäuscht. obwohl vieles in den briefen schon ausgesprochen wurde und es viele überschneidungen zwischen den briefen der 90er jahre und den tagebüchern gibt, ergänzen sich beide publikationen bestens. in beiden medien läßt er sich gehen, schwingt sich bisweilen zu hinreißenden prosa-gedichten auf und handelt die gleichen themen ab, immer im angesicht eines andressaten, den er ja auch in den tagebüchern direkt als ein neutrales Du oder Ihr anspricht. schreiben ist eben letztlich das an-sprechen eines imaginierten Du. und was er darüber zum besten gibt, ist immer originell und original.
einzig die durchgängig skatologische metaphorik, sein griff ins verbal-klo, wie auch die selbststilisierungen als underdog und isolationist, der nur an seiner eigenen “scheiße” riechen und ansonsten weitgehend von welt und menschen ungehelligt bleiben will, nervte mich das eine und andere mal. doch auch an diesen stellen herrschte das quentchen selbstironie und humor, das mich wieder versöhnlich stimmte. ohnehin muß man nicht mit seiner idiosynkratischen, ja eigentlich nihilistischen welt- und menschenanschauung übereinstimmen, um dem buch etwas abgewinnen zu können. gerade aus der opposition, die sich beim leser sicherlich an einigen stellen regt, gewinnt der text seine schärfe und unverwechselbare eigenheit.
fazit: zwei rundum gelungene bücher, die unverzichtbar sind, wenn es darum geht zu erfahren, was es mit dem schreiben auf sich hat und wie es mit dem leben zusammenhängt.
grüße uwe.
Mai 17th, 2006 at 9:16 am
Lieber Uwe,
Deine Kritik an Bukowski erinnert mich an Deine Kritk bei Krabbé.
Ich habe solche Reinigungstendenzen nicht.
Vielmehr denke ich, dass diese Dinge mit in den Kauf gehören, dass es das eine ohne das andere nicht gäbe. Es wäre also unaufrichtig (oder wie noch?), sie auszusondern. Ist, was Dich nervt nicht auch was das Buch im Kern ausmacht?! Kann man die Grundlage weglassen um nur den Zucker zu schlecken?
Zunächst mal wäre es wichtig, Bukowski aus der Schmuddelecke rauszuholen, in die er meiner Ansicht nach entschieden nicht gehört. Ja, freilich, er ist manchmal ordinär. Aber wenn er schreibt, dass auch Tänzerinnen pissen und scheissen, dann steckt dahinter auch eine Opposition. Die gegen den schönen Schein, gegen Unaufrichtigkeit, Vernebelung, Schmonzens und für Direktheit, Ehrlichkeit, Diesseitigkeit, dafür, sich kein X für ein U vormachen zu lassen. Es ist eine Reduktion, ein Blickschwenk. Ihm gehts ums Ganze und Getue jedweder Art nervt ihn – oder wie er vielleicht schreiben würde: geht ihm auf den Sack. Hier gehts nicht um ein ´als ob´, sondern darum, sich in einer recht ordentlich irren Welt irgendwie den Arsch über den Tag zu retten. – Was soll so einer mit schönen Worten?
Was ist für so einen wichtig und wirklich?
Wir kommen heute schnellfertig mit Selbststilisierungen. Was, wenn hier einfach nur einer Klartext redete? Nein, natürlich nicht, beim Schreiben geht alles durch den Filter. Aber mehr Klartext als Drechsler und Schönredner? Wenn einer einfach von der Leber weg schreibt und sich nicht darum schert, ob sich wer dran stört?
Grüsse,
Helmut
Mai 19th, 2006 at 7:16 pm
lieber helmut!
da liegt aber ein gehöriges mißverständnis vor.
weder wollte ich mit meinen anmerkungen ausdrücken, daß buk seinen ur-eigenden schreib-stil reinigen oder mit “schönen worten” aufpeppen soll, noch ging es mir darum, daß literatur einzig sich um einen schönen schein bemühen sollte. auch glaube ich nicht, daß man meine auslassungen dahingehend interpretieren kann, daß ich ihn – wie andere zuvor – in die “schmuddelecke” stellen will.
das müßtest du eigentlich auch wissen.
geschrieben habe ich, daß mich die redundanz dieses jargons bisweilen nervte, wohl wissend, daß er paßt, zum autor wie auch zu dem, worüber er schreibt. es ist sein idiom: äußerste, meist unter höchstspannung aufs papier gebrachte subjektivität. doch die häufigkeit und einseitigkeit (bedenke, daß ich neben den tagebüchern auch die briefe gelesen habe), mit der er immer wieder die welt und die in ihr agierende menschliche gattung als skatologische komödie (”ein großer Batzen Scheisse”) begreift, fiel mir auf, und ich habe mich an manchen stellen gefragt, was hier vorliegt: klartext oder mystifikation, selbstausdruck oder pose?!
die frage muß doch erlaubt sein, ob das von ihm propagierte und ausgeübte schreiben aus dem bauch heraus nicht auch zu einer manier werden kann? wird sie dann nicht genauso zu einer art selbststilisierung wie es der “schöne” umgang mit wörtern bei den “dichtern” wird?
auch finde ich die gegenüberstellung von klartextlern und drechslern nicht wirklich gelungen. denn: was könnte hierbei das kriterium sein, mit dem man dem einen aufrichtigkeit und dem anderen ausweichendes gerede zuschreibt? kann höchste kunstfertigkeit nicht trotzdem ganz dicht am leben sein? oder verstehe ich jetzt DICH falsch?
grüße, uwe.