Peter Esterhazy „Die Hilfsverben des Herzens“
Mai 11th, 2006Peter Esterhazy: „Die Hilfsverben des Herzens“, Frankfurt/ Main 2004, 131 Seiten, 11,80 Euro, aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke, mit einem Nachwort von Imre Kertesz.
Hübsche Szenen darin, ansprechende, eindrückliche Schilderungen, aber auch viele Fragezeichen imaginär an den Rand geschrieben. Ein in sich zerfallendes Büchlein. Ein Roman? Was dürfte man heutzutage nicht so nennen?! Trotzdem kommt einem diese Bezeichnung hier etwas hochgestapelt vor. Ein wildes Sammelsurium. Soll das Assoziationsnaturalismus sein? Oder gar kunstvoll arrangiert? Zu oft macht es den Eindruck von Laberei. Das Buch zerfällt in Stellen. Einzelne sprechen einen an, andere wieder überhaupt nicht. Man fragt sich hin und wieder, was sie an dieser Stelle sollen. Die Kombination: fragwürdig, oft rätselhaft. Es zündet nicht. Man liest mit Mühe zu Ende.
Sehr ärgerlich auch die vielen unausgewiesenen Zitate. Im Vorwort die Namen der Zitierten in langer Reihe nennen, die in Grosschrift gesetzten Zitate im Text aber ohne Nachweis lassen, sodass man keine Quellenangabe, weder Werk noch Seite hat: nein.
Nach kurzer Zeit weiss man nicht mehr was man gelesen hat, nur das Thema bleibt haften: es geht um den Tod der Mutter des Autors. Ein ernstes, ein trauriges, gar düsteres Thema? Ja und nein, scheint es. Rührt daher das Disparate? Oder entspricht es einem gezielt arbeitenden Kunstwollen? Jedenfalls kommt einem manches nicht am Platz vor.
Das Thema ist aller Ehren wert; verständlich so ein Buch schreiben zu wollen. Letztlich ist auch die Art wie er es tut nachvollziehbar: so könnte man es machen. Aber es will nicht funktionieren, mich hat es nicht erreicht. Fragmente daraus, ja, einzelne Bilder, Stimmungen – aber das Buch als Ganzes kann nicht überzeugen.
Woran kann das liegen?
Vielleicht hätte es ein Schreiben müssen mehr als ein Schreiben wollen sein müssen, das ihn dazu veranlasste, dieses kleine Werk zu verfassen?
Es ist kein dickes Buch, es behandelt einen Gegenstand, der nun wirklich jeden angeht – ist zu viel Willkür darin, ist es zu privat, zu nah?
Sicher, ehemaliger Mathematiker, Büchner-Preisträger, bekannt für seine sprachliche Seite, für Kapriolen, für Ironie.
Trotzdem. Hilft alles nichts.
Zeitweilig drängte sich der böse Satz auf, dass der auf jede Seite gedruckte, den Text rahmende Trauerrand der beste Einfall des Buches ist. Da hilft mir auch das kurze Nachwort des grossen Kertesz nicht weiter. Man kann „Originalität“ sagen, aber sie muss sich auch mitteilen. (S. 129) Und dass hier die Sprache Handlung sein soll, Protagonistin, dass seine Prosa „ein Theater der Wörter“ sei – klingt gut, ist gut und schön, aber was, wenn mich das kalt lässt? (S. 130) Der Mutter „aus Trivialitäten einen Tempel“ bauen? (S. 130) Vielleicht ist es mehr diese Haltung und das Wie als das Was, das übernommen werden kann. Aber das spricht nicht für dieses Buch.
Und so etwas wie die schwarz gedruckte Seite mit drei Sätzen in weisser Schrift gab es schon im Ullysses und auch in anderen Büchern, das wirkt etwas gewollt und aufgesetzt.
Mitleid, sagt Esterhazy, wäre das Schlimmste. „Ich mache, wie sonst auch, Literatur, zur Erinnerungs- und Formuliermaschine verfremdet.“ (S. 130; vgl. auch S. 9) Passt das zusammen? „Ein richtiger Mann breitet seinen Kummer nicht vor der Welt aus“, heisst es im Vorwort. (S.
Nun ja. Welchen vorweggenommenen Vorwürfen will er hier begegnen? Ist das nicht schon ein wenig gewaltsam? Und spürt man das als Leser, ist das der Grund für die schmale Halbwertszeit?
Auch das Vorwort vom Autor selbst ist nur teils verständlich, bleibt holprig, unrund, nur sehr teilweise nachvollziehbar.
Es mag anderen anders gehen, es gab seinerzeit zwei Besprechungen, eine in der NZZ vom 7.09.2004, eine in der Süddeutschen vom 22.06.2004, beide sehr positiv.
In der NZZ ist die Rede vom „Pathos des lakonischen Blicks“, von einem „musikalischen Choreographen“, davon, dass sprunghaft dem Fluss oder Stau der Assoziationen gefolgt würde und die Erinnerung ihre eigene Geschichte webte.
Klingt sehr hübsch und wünschenswert. Willkür positiv gewendet. Webt die Geschichte selbst?
In der Süddeutschen war dann die Rede von der Diskrepanz zwischen der Schwere des Themas und der Leichtigkeit der Erzählung, von emotionaler Dichte, mitreissender Sprache, der Übersetzer bekommt ein Kompliment, die Unfassbarkeit des Todes, das Gleichmachende, Maskenhafte des Sterbens werde eingefangen.
Grosse Worte; wenn mans nur gelesen, empfunden hätte!
Wer sich ein Bild machen möchte, etwa im Stehen, in einer Buchhandlung, sehe sich S. 90 bis 92 an.
Oft weiss man nicht einmal wer erzählt. (Vgl. z.B. S. 94-96)
Dann wieder wirkt es wie Erinnerungssteno, es macht den Eindruck, als sollte und könnte es privaten Wert haben, würde sich aber gar nicht wirklich an ein Publikum wenden oder als wäre es dem Autor zumindest egal, ob bei diesem etwas – oder was – ankommt – und was nicht.
Mai 13th, 2006 at 1:05 pm
hallo helmut!
ich kenne das buch nicht.
einigermaßen verwunderlich finde ich, daß du es trotz deiner fundamentalkritik auf dieser seite vorstellst oder eben nicht vorstellst, sondern vielmehr deinen unwillen ihm gegenüber mehr oder weniger argumentativ ausdrückst.
eine anleitung zum nicht-kauf oder was war es, daß dich veranlaßte, es hier anzuzeigen?
versteh’ mich nicht falsch: du hast jedes recht zu einem verriß. meine frage lautet nur: warum gerade dieses buch und warum jetzt (es liegt ja schon zwei jahre vor)?
grüße uwe.
Mai 13th, 2006 at 8:04 pm
Lieber Uwe,
das ist recht einfach:
es hätte nicht nur Sinn, ausschließlich Hervorragendes zu besprechen. Wäre doch auch langweilig – und eine Realitätsverzerrung.
Die Bücherlandschaft ist zerklüftet.
Ausserdem habe ich extra auf die positiven Besprechungen der grossen Zeitungen verwiesen – offenbar gibt es andere Meinungen. Es kann ja sein, dass dieses Buch mich einfach nicht erreicht hat – es dies aber bei anderen tut. Es kann aber auch sein, dass man des Kaisers neue Kleider…
Warum jetzt?
Auch das ist einfach:
Es kam mir gerade in die Finger.
Was ich dezidiert auf dieser Seite nicht möchte, ist die Schnellhuberei die landauf landab herrschend geworden ist, mit ihrem tödlichen Vergessensturbo, hier auch betreiben. Für mich ist die Halbwertszeit (sic!) von Büchern eine längere. Ich könnte mir auch vorstellen, die Odyssee hier vorzustellen, einfach weil es mir mal angezeigt erschiene oder ich ein Leseerlebnis damit hatte. Oder etwas von Faulkner oder Musil oder Proust oder….
Zudem:
Mir scheint es kein Fundamentalverriss und auch kein Unwille zu sein, was ich geschrieben respektive zum Ausdruck gebracht habe, das ginge anders.
Es kann ja kaum darum gehen, den grossen Rezensionsorganen eine Konkurrenz machen zu wollen. Jedenfalls nicht auf die Art, nur das neuest vom Neuen aufnehmen zu wollen.
Das Buch gibt es, es ist im Handel, man kann es kaufen und lesen – das genügt.
Wäre ja tragisch, wenn man dahin käme, nur das Neueste zu sich zu nehmen. Bücher sind ja nicht aus Hackfleisch. – Obwohl das Verhalten der Verlage annähernd so weit zu sein scheint. Wie man hört hat eine neues Buch 4 Wochen Zeit, sich zu bewähren. Hat es bis dahin keinen Erfolg: in den Orkus damit, oder: ins Moderne Antiquariat, wie der Ramsch eleganter heisst. Was für ein Wahnsinn!
Und schön würde ich es finden, wenn man darüber in eine Diskussion käme, die einem vielleicht zeigen könnte, was man bisher nicht sah, sodass man evtl. seine Meinung über das Buch erweitern oder revidieren könnte. Vielleicht übersieht man etwas…?
Aber es muss auch nicht jedes Buch mit jedem Leser eine glückliche Liaison eingehen.
Trotzdem, ich kann beruhigen: Es wird in Kürze ein ganz neues Buch aus dem Unionsverlag drankommen: “Bird lives!” von Bill Moody, der neulich in Marburg war, zu Lesung und Konzert.
Schöne Grüsse,
Helmut
Mai 14th, 2006 at 3:11 pm
lieber helmut!
hab’ dank für deine explikationen. sie erklären, wie es dazu kommen konnte.
trotzdem bleibt es für mich verwunderlich, wie du die energie aufbringen konntest, ein buch vorzustellen, das dich offensichtlich nicht erreicht hat. danach zu fragen, wie es dazu gekommen ist, finde ich gut und legitim. spannend wäre auch zu fragen, ob eher die eigene lesehaltung und literaturvorstellung als das buch daran schuld sind. stichwort: erkenntnis und interesse. so oder so ähnlich bist du ja schon einige male vorgegangen, vgl. etwa die bespr. von kristof oder elsschot.
und was meinst du mit halbwertszeit? und woran läßt sie sich festmachen? das würde mich eigentlich am meisten interessieren, denn dabei scheint es mir darum zu gehen, warum und zu welchem ende wir lesen.
sonnige grüße, uwe.
Mai 15th, 2006 at 6:35 pm
Hallo,
das mit der ´Halbwertszeit´ (ich hatte gezögert beim Hinschreiben des Begriffs, aber dann fand ich ihn doch ganz bildhaft und passend) bezog sich kritisch auf den sich immer schneller drehenden Betrieb. Es erscheint so viel und so schnell, dass man selbst als Interessierter nur ie Chance hat, einen kleinen Bruchteil davon wahrzunehmen. Im Grunde einen verschwindend kleinen. Von den sporadischen Gelegenheitslesern einmal abgesehen. Das hat zur Folge, dass grosse Werbeetats und Buchhandlungen, die auf den ´Abverkauf´ von Bücherstapeln eingerichtet sind, bestimmen, was primär gelesen wird – und was eingeht wie eine Primel. Das pusht naturgemäss die Mainstreamerzeugnisse. So wird glattgebügelt und der Durchschnitt gefördert. Also eher das Gängige als das Gute, eher das Flache als das Hohe, eher der Supermarkt…
In meinen Augen eine düstere Entwicklung.
Wie überall bestimmt nur noch das Geld. Eigenheit, Charakter etc. wird verdrängt. Eine Pseudo-Selbstzweckmaschine, die sich immer schneller um sich selbst dreht, sodass die Zentrifugalkräfte immer grösser werden und Vieles, was mehr als eine Chance verdiente, was einfach gut ist, vom Publikum gar nicht bemerkt werden kann und in den Orkus fliegt, der Modernes Antiquariat und dann Vergessen heisst. Die Dominanz des Marktes und des Geldes ist in diesem Bereich vielleicht tödlicher als in anderen. Und die Entwicklung ist noch nicht am Ende.
Das ist ein Argument dafür, sich von Erscheinungsdaten nicht irritieren und aus dem Konzept bringen zu lassen. Gutes kann auch – Bobkowski ist ein Beispiel – vergriffen und noch gar nicht wirklich in der Öffentlichkeit angekommen sein. Bestes dito. Und Geniales desgleichen.
Schönen Abend,
Helmut