Bill Moody „Bird lives!“
Mai 22nd, 2006Bill Moody: „Bird lives!“, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, Zürich 2006, 262 Seiten, 19,90.-, die Originalausgabe erschien 1999 in New York
Der 1941 geborene Jazz-Musiker Bill Moody hat einen neuen Krimi vorgelegt.
Wie kommt einem eine solche Idee für den Plot?
Kaum von ungefähr, man wird selbst schon ganz ähnliche Anwandlungen gehabt haben. Wird die Abneigung, sofern der Begriff hier ausreicht, aus eigener Erfahrung kennen, die gegen kommerziell erfolgreiche aber vom Musikalischen her nichtsnutzige Musiker besteht. Man wird vielleicht seit vielen Jahren Musik machen und mit halbem Neid auf die schauen, die mit, wie man überzeugt ist, schlechter, unaufrichtiger Musik, das grosse Geld verdienen, während man selbst… So ist es auch eine grosse Anklage gegen den Mainstream, bzw. ein Plädoyer fürs Wahre, Echte, Gute – wenigstens im Jazz. Diesbezüglich scheint auf S. 48 ein Fehler vorzuliegen: Der Protagonist und wie stets halb unfreiwillige Detektiv Moodys, Evan Horne, erklärt einer FBI-Agentin den Unterschied zwischen Smooth Jazz und klassischem Jazz. Dort heisst es: „Für echte Fans bedeutet Jazz Miles Davis, John Coltrane, Keith Jarrett, geradlinige, swingende Mainstreammusik.“ – Geht es nicht gerade darum, die Mainstreammusik vom ´echten´ Jazz zu unterscheiden?! Hier scheint eine Verwechslung oder ein Übersetzungfehler vorzuliegen?!
Der Protagonist Horne, ein Anwalt und Vertreter des wahren Jazz, so wie der Autor ihn versteht, zieht die Fäden in diesem Fall, der sich mit einer obskuren Mordserie unter Smooth-Jazzern befasst, die offenbar getötet werden, weil sie von der reinen Lehre abweichen und schlicht Erfolg haben mit dem was sie machen. Das Personal des Romans ist begrenzt, er wirkt fast wie ein Kammerspiel. Das Buch liest sich leicht und gut, hat drive, zieht nach vorne, man hat es im Nu durch: gut gemachte Unterhaltung. Horne ist charakterisiert als einer, dem die Musik wichtiger ist als das Geld, das man mit ihr, mit einer anderen Art von Musik, verdienen könnte. Im Grunde verachtet er das Kommerzielle. Ein romantischer Idealist?
Er gerät zwischen zwei Frauen von denen eine, seine Freundin, durch zickige und
unkommunikative Eifersucht nervt, während der Held der anderen, die als gutaussehend und interessiert beschrieben ist, mit merkwürdiger Treue der ersteren gegenüber begegnet. Letztlich geht er leer aus. Das wirkt nicht ganz überzeugend, weder das desinteressierte Verhalten der Freundin gegenüber, mit der man ja mal ein paar vernünftige Takte reden könnte, noch das spurtreue, auch halb desinteressierte Verhalten der anderen Frau gegenüber, für das es unter den gegebenen Umständen kaum einen rechten Grund gibt. Warum bleibt er der reizvollen Andie gegenüber von dieser rätselhaften Standhaftigkeit, als ihn seine Freundin Natalie bereits verlassen hat? Braucht der Erzähler, aus guter alter Tradition, einen romantischen Einzelgänger als Helden?
Das Buch ist seinem Vorgänger über Chet Baker in vielem ähnlich.
Das kann man kritisch sehen, es darf nicht zum Muster werden, sonst leiden Lesespass und -spannung: Der Detektiv, der als Aussenseiter in die Affäre hineingezogen wird, aber dann freilich zur Hauptfigur avanciert, der Wechsel des Ortes innerhalb des Romans, im Baker-Buch von Europa in die Staaten, hier von Los Angeles nach San Francisco, das Näherkommen ans Aufzuklärende an einem abseitigen, düsteren, eher konspirativen Ort, der mit einem Outlaw bestückt ist, selbstverständlich die tragende Rolle der Musik, die Unfreiwilligkeit des Detektivs, der im Konflikt steht zwischen Jazz-Karriere und Ermittlertätigkeiten…
Obwohl der Plot ziemlich abgefahren und das Buch gut ist, stellt sich nicht die Spannung wie im Chet-Baker-Krimi ein.
Was das unfreiwillige Involvieren des Helden ins Geschehen angeht, sollte Moody den Bogen nicht überspannen, mindestens 80 Seiten lang wehrt sich Horne dagegen, in die Ermittlungen um diese Serienmorde hineingezogen zu werden – und ist doch zugleich auch fasziniert davon. (Vgl. S. 58) Der Leser hat dann schon begriffen worum es geht und wie es läuft – und schliesslich, ganz profan: er kennt den Helden bereits und weiss, dass es keinen Krimi ohne Detektiv gibt. – Warum also dieses allzu lange kokettieren mit der Weigerung, sich zu beteiligen? Auch dass nur er den Fall lösen kann (vgl. S. 152) ist das eine oder andere Mal zu oft erwähnt. Im übrigen bräuchte es Moody gar nicht. Er kann erzählen, er kann Figuren schildern und plastisch werden lassen, er müsste nur erzählen und bräuchte nicht dem Gebäude der Handlung Stützen einbauen, die sie gar nicht benötigt. Denn einmal erwartet und will der Leser ja, dass Horne der Sache nachgeht, zum anderen tut Moody sich einen Bärendienst was die Glaubwürdigkeit betrifft, wenn er den Punkt überbetont, dass NUR Horne…, denn das stellt die Fähigkeiten von Polizei und FBI doch in ein wenig überzeugend schlechtes Licht.
Mitten im Buch gelingt dem Autor allerdings eine wirklich überraschende Volte. Man ist überrumpelt ob dieser neuen Entwicklung, die neue Akzente für die weitere Handlung eröffnet.
Vorsichtig sollte man in Krimis mit Figuren sein, die als zu intelligent bezeichnet werden, da hat schon Conan Doyle doch zuweilen danebengegriffen. Denn was nutzt eine Figur, von der behauptet wird, sie sei oberschlau, man aber als Leser gar nicht den Eindruck vermittelt bekommt? Im vorliegenden Fall: Muss jemand besonders intelligent sein, wenn er in der Lage ist ein paar Haikus zu schreiben? (Vgl. S. 107) Doch wohl kaum, das könnte jeder Pennäler, wenn man ihm das Rezept auf den Tisch legt. – Und wenn jemand so superintelligent wäre, würde er dann nicht schon von weitem die Falle riechen, die ihm am Ende des Buches gestellt wird, als Horne, um der guten Sache zu dienen, über seinen Schatten springt und zusammen mit kommerziellen Smooth-Jazzern, deren Boss er noch dazu vom College kennt, und von dem er noch dazu wenig hält, auf die Bühne geht?! Zumal sich auch hier interne Widersprüche auftun. Einmal wird Horne beinahe als überempfindlich, geradezu nervenschwach geschildert, (vgl. etwa S. 90, S. 94, S. 125) als er gewisse Handy-Anrufe kaum aushält, dann aber ist er ohne weiteres bereit, als Lockvogel bei einem Auftritt zu agieren, bei dem der Mörder persönlich erwartet wird.
Auch aktuelles Zeitkolorit nimmt der Autor in seinen Roman auf:
Es wird eine Gruppe von Demonstranten erwähnt, die „GOLFKRIEG, UND JETZT KEINE KRANKENVERSICHERUNG? NEIN!“ auf ihren Transparenten stehen hat. (S. 97)
An einigen wenigen Stellen gibt Moody ein Stückchen Atmosphäre, dazu könnte er sich gerne etwas öfter hinreissen lassen:
„Ich stelle mich in die erste Reihe direkt am Sandstrand. Ich lasse das Fenster herunter und stopfe die Kalorien ohne Nährwert in mich hinein, während ich zusehe, wie sich die Wellen brechen und die riesigen Wolken über den Horizont segeln. Ich spüre das Brennen der Sonne und atme die Seeluft ein.“ (S. 109)
Warum es nur in den allermeisten Krimis, von „Tatort“ im Fernsehen bis sonstwohin, Usus ist schlecht zu essen, die Bücher des 2003 verstorbenen Manuel Vazquez Montalban einmal ausgenommen?
Worte sind Worte und Musik ist Musik, aber sie können ja auch wunderbar zusammengehen – wie wäre es denn, wenn man die Krimis mit einer inliegenden CD herausbrächte, die die im Buch genannten Stücke enthält? Ich fände das eine tolle Sache!
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