Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“

Mai 22nd, 2006

Richard Yates: „Zeiten des Aufruhrs“, München 2004, 373 Seiten, als Tb. 12.-, in´s Deutsche übertragen von Hans Wolf, mit einem Nachwort von Richard Ford, zuerst erschienen im Jahr 1961, das Copyright für das Nachwort stammt aus dem Jahr 2000

„Du warst zu gut, zu jung und zu ängstlich; du hast einfach mitgespielt, und so fing alles an.“ (S 124)

autoEine tragische Autorenbiographie steht hinter diesem Buch.
Und damit wieder einmal eine Bestätigung dafür, dass die Behauptung, das Gute würde sich, quasi von selbst, durchsetzen, nur äusserst bedingt zutrifft. Yates oder besser seine Bücher, beginnen sich nun durchzusetzen, ja, nur ist er 1992 gestorben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Redenschreiber für Politiker und vor allem als Leiter von Creative-Writing-Kursen. Zu seinen Lebzeiten wurden seine Erzählungen und Bücher skeptisch beurteilt, vielfach abgelehnt.
Zeit seines Lebens wollte er vom „New Yorker“ gedruckt werden – es gelang ihm nicht.
Er schrieb sieben Romane in seinem Leben, über dem achten starb er.
Schriftstellerischen Erfolg durfte er nie erleben.

Es ist ein Ammenmärchen, vielleicht – für wen? – ein nützliches, vielleicht nur ein beruhigendes, dass sich Qualität dann durchsetzt, wenn es, zumindest für den Autor, darauf ankommt: zu Lebzeiten nämlich. Was nutzt den Künstler, heisse er van Gogh oder Yates oder sonstwie, Posthumes?!
Für die Leser ist es egal. Die Bücher bleiben.
Gerade ist „Zeiten des Aufruhrs“ in einer Neuübersetzung durch die Aufnahme in die Manesse-Reihe geadelt worden (ca. 526 Seiten, 22,90.-) und es ist der Erzählungsband „Elf Arten der Einsamkeit“ von Yates für 19,90.- herausgekommen. Für ihn zu spät.
Ein wesentlicher Grund für die Ablehnung seiner Bücher mag dem Umstand geschuldet sein, dass sie als düster galten, als negativ. Sie beschrieben die Rückseite des amerikanischen Traums. Mehr noch: die Rückseite vermeintlich wohlgeordneter bürgerlicher Verhältnisse überhaupt. Oder die Rückseite eines positiven menschlichen Selbstbildes.
Harter Stoff also. Will man das hören, will man es lesen? Will man sich als Leser mehr als sich mehr oder weniger seicht unterhalten lassen?
Yates erzählt die Geschichte einer ganz normalen Ehe und ganz normaler Nachbarn im Jahr 1955. Die zeitliche Bedingtheit ist aber weniger zu betonen als Richard Ford es in einem etwas schalen Nachwort tut. Im Gegenteil ist gerade seine überzeitliche Gültigkeit ein Merkmal dieses Romans und ein Zeichen seiner Güte. Trotzdem scheint es dabei weniger um eine symbolisch codierte Darstellung zu gehen, wie Ford es als mögliche Lesart ansieht, als um eine rückhaltlose Darstellung des Menschlichen, vor allem des zwischenmenschlichen Bereichs. Vergleich hinken immer, aber bei allen Unterschieden denkt man an manchen Stellen an Sherwood Andersens „Winesburg, Ohio“.
Erbarmungslos und mit decouvrierendem Blick zeigt Yates nicht nur die Abgründe zwischen den Menschen auf, sondern vor allem auch die in ihnen selbst. Die Selbstfremdheit, die Selbstmissverständnisse, peinliche Eitelkeiten, die ganze elende Ziel- und Haltlosigkeit von ziemlich identitätslosen Wesen und die daraus resultierende Unzuverlässigkeit ihrer Gefühle und Taten. Die Ehe, die er in diesem Roman schildert, macht deutlich, dass unter der dünnen Tünche des gesellschaftlich nach aussen hin Gezeigten Menschen zusammen sind, die zufällig zusammengewürfelt wurden und die ihre Triebe, ihre Not und ihre Einsamkeit nicht im Griff haben. Wie mit einem Roentgenblick sieht er hinter den äusseren Schein und deckt Unschönes, Peinliches, Peinigendes auf. Es gibt keine Figur in diesem Roman, die wirklich gut wegkäme.
So ist es ein Buch, das ungute Gefühle verursacht, aber nur, weil es die Wahrheit sagt.
Dazu passt, und schon das ist kritisch, dass vielleicht die einzige Figur, die halbwegs Klartext redet in diesem Buch, John Givings ist, der Sohn der Nachbarn, der sich in der Psychiatrie befindet.
So ist es ein Kleinbürger-Epos, aber noch viel mehr als das. Es ist eine grosse Entlarvung, durchaus im Wortsinn: Yates reisst Masken herunter und zeigt die Fratzen dahinter. Zeigt sie aber nicht als Absonderlichkeit oder wie in einem Kuriositätenkabinett, sondern macht deutlich, dass sie dazu gehören, dass es die schiere Normalität ist. Wie John Givings bringt er, wenn auch dezenter und kunstvoller, Wahrheiten zum Ausdruck, die man so lieber nicht gelesen hätte, aber aus Erfahrung sehr wohl kennt. Wie mit einem Kinderblick weist er auf all die Unaufrichtigkeiten und das Theaterspielen hin, an das man sich so gewöhnt hat, dass es einem kaum noch auffällt. Ihm fiel es auf. Da mögen biographische Gründe mitspielen: ein von Beginn an verkorkstes, nahezu aussichtloses Leben, zwei gescheiterte Ehen, das und mehr wird als Erfahrung in dieses Buch eingeflossen sein. Vielleicht hat er auch zu nah bei sich geschrieben und ist, über den Umweg von Alkohol- und Nikotinmissbrauch, daran verbrannt.
Der dominante Eindruck, den das Buch erzeugt, ist der der Fremdheit.
Es gelingen ihm da erschütternde, unendlich bittere Szenen.

So etwa als Frank zu Maureen geht, mit der er ein Verhältnis hat, um ihr zu sagen, dass er es beenden will und sie für ihn einen Urlaub abgesagt hat, Musik auflegt und nackt vor ihm zu tanzen beginnt. (Vgl. S. 291 ff.)
Oder in den Szenen zwischen Shep und Milly gegen Ende des Buches, als sie Besuch von neuen Nachbarn haben. (Vgl. S. 348 ff.)
Oder als Mrs. Givings sich einen Hund zulegt – und in ihm offenbar einen besseren Sohn findet als an ihrem leiblichen; eine Stelle von trockener Härte.(Vgl. S. 355)
Yates´ Figuren verschwimmen zuweilen die Grenzen zwischen Realität und Traum und ihren Phantasien. Sie haben eine bestimmte, vielleicht angenommene, verordnete Sorte von ´Realität´ für sich verbucht, fühlen sich aber nicht kongruent mit dieser. Doch das Ausgeblendete, Unterdrückte meldet sich zurück, mischt sich ein.
Diese Figuren, und das ist nicht ihr schlechtester Teil, sind an der Wirklichkeit, einfach so wie sie nun mal ist, Gescheiterte. Sie kommen mit ihr nicht zurecht. Sind im Grunde bemitleidenswerte Geschöpfe, die sich ein anderes, ein besseres Leben erhoffen, es aber nicht bekommen und deren Versuche, es sich zu beschaffen, auf die kläglichste Weise scheitern. Es gibt keine Gewinner. Es könnte ihnen ganz gut gehen, von aussen betrachtet, in ihren Vorstadthäuschen, mit ihren Kindern und Gärten und Autos, und, ja, auch mit ihren Nachbarn und ihren Jobs. Aber das tut es nicht. Sie hatten mehr erhofft oder erträumt oder sich phantasiert und das nagt an ihnen, belastet sie, macht sie unzufrieden und lässt sie Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht tun wollen, lässt sie gegen eigene Interessen verstossen und lässt sie gegeneinander kämpfen, statt mit- und füreinander zu agieren. Stattdessen werden „Feldzüge“ geführt, schon das Vokabular – gewinnen, verkaufen, Schachzug – macht deutlich, dass hier etwas in den privaten Bereich hineingewandert ist, was da nur destruktiv wirken kann. (Vgl. S. 235-252)

Das alles wird dazu beigetragen haben, dass Yates seinerzeit in den USA nicht gedruckt und nicht gemocht wurde. Er zeigt wie arm die mittelmässige Mittelschicht ist und wie normal diese Armut ist. Er zeigt ihre Verirrungen und ihre Grenzen. Zeigt wie identitätslos die ihr Angehörigen in einem fremden Leben treiben, das doch ihr eigenes sein sollte. Auf fast krasse Weise wird das deutlich in der Szene, die sich an den Beischlaf zwischen April, Franks Frau, und Shep, ihrem Nachbarn, auf dem Rücksitz eines Autos auf einem Parkplatz anschliesst: „´Das ist es nicht. Ehrlich gesagt, das Problem ist ganz einfach, daß ich nicht weiß, wer du bist.´
Ein Schweigen folgte. ´Sprich nicht in Rätseln´, flüsterte er. ´Tu ich doch gar nicht. Ich weiß wirklich nicht, wer du bist.´ Er konnte ihr Gesicht zwar nicht sehen, doch zumindest konnte er es berühren. Mit der Zartheit eines Blinden strich er ihr mit den Fingerspitzen über Schläfe und Wange.
´Und selbst wenn ich es wüßte´, sagte sie, ´würde das leider nichts helfen, weil ich nämlich auch nicht weiß, wer ich bin.´“ (S. 282)
Gerade haben sie zusammen geschlafen – und dann dieser Dialog. ER berührt ihr Gesicht, aber sie spürt es nicht.
So weit entfernt die Personen des Romans bei aller scheinbaren Nähe voneinander sind, so fugenlos und unerbittlich flutscht des äussere Geschehen. Seine Teile greifen wie Zahnräder ineinander, wie eine gut geölte Unglücksmaschine. Natürlich, so ist man geneigt anzunehmen, hat Frank plötzlich Erfolg bei seiner Arbeit, deren Wert er ständig selbst herunterspielen muss, genau in dem Moment, als sie beschlossen haben nach Frankreich zu gehen. Natürlich wird sie dann schwanger… Natürlich sind sie sich nicht einig, natürlich will er nicht mehr…
Vielleicht ist es sogar eine Spur zu glatt, zu passend. Aber es hätte so sein können. Wobei das nicht so wesentlich ist, sondern wie der Erzähler zeigt, auf welche Art seine Figuren mit den Umständen umgehen, wie sie aufeinander reagieren. Was sie voneinander halten und was sie sich antun – ohne doch anders zu können. Und wie klein und mies sind oft die Motive ihres Handelns – und wie werden sie von ihnen überhöht oder schmackhaft gemacht. Nicht für den Erzähler. Ist Shep in April verliebt? Oder bildet er es sich nur ein? Oder langweilt er sich nur bei seiner Frau? Geht sie ihm auf den Nerv? Sind sie einfach zwei verschiedene Menschen und passen also nicht zusammen? So einfach? Man macht sich etwas vor, lässt sich auf Spiele ein, denen man nicht gewachsen ist und von denen man nicht absehen kann wohin sie führen.
„Der einzige wirklich Fehler, das einzig Falsche und Unehrliche war, daß sie in ihm stets mehr gesehen hatte als das. Ja, ein paar Monate lang hätte man ein solches Spielchen nur zum Spaß durchaus mitmachen können, aber die ganzen Jahre über! Und das nur, weil sie es einst in ihrer Rührseligkeit und Einsamkeit als einfach und angenehm empfunden hatte, alles zu glauben, was diesem einen Jungen zu sagen einfiel, und dieses Vergnügen mit eigenen einfachen und angenehmen Lügen zu lohnen, bis jeder nur noch das sagte, was der andere am liebsten hörte – bis er sagte ´ich liebe dich´ und sie ´wirklich, ich mein es ernst. Du bist der interessanteste Mensch, dem ich jemals begegnet bin.´“ (S. 324)
Und so bleiben Ehrlichkeit und Wahrheit auf der Strecke.

Und dann „stellte man auf einmal fest, daß man mit dem Leben umging wie (…) – todernst, zugleich nachlässig, voller Anmaßung und immer verkehrt, dann merkte man daß man ´ja´ sagte, wo man ´nein´ sagen wollte, …“. (S. 324.)
Selbst die Liebe wird als Schein vorgeführt, als mehr oder weniger fromme und fröhliche Selbstsuggestion, die scheitern muss. Wie war der Titel des Erzählungsbandes: „Elf Arten der Einsamkeit“.
In diesem Buch agieren Verlorene in einer Normalität, die nur teilweise auch einer Wirklichkeit gleicht. Auf subtile Art schreibt Yates normalste „Wirklichkeit“ in Alptraum um.
Und das spüren die Figuren hin und wieder: die Wirklichkeit kommt ihnen vor wie ein Traum, fühlt sich gar nicht wirklich an. Die Verbindungstür zwischen diesen Bereichen sind Ihre Phantasien und Wünsche. Doch sie verstehen ihre Phantasien nicht und wenn sie ihre geheimen Wünsche in die Wirklichkeit umsetzen, führt das nur zu Chaos, Schmerz und Tod. Alle sind Opfer und Täter zugleich. Zerrissen zwischen Erinnerungen und Prägungen und dem was, vielleicht nur aufgrund dieser Prägungen, ihnen als ´Wirklichkeit´ begegnet. Zerrissen zwischen Bildern, die sie von sich und die andere von ihnen haben, deren Schnittmenge zuweilen aber erschreckend gering erscheint. Alle zutiefst verletzt und bemitleidenswürdig und gleichzeitig gleichgültig oder grausam in ihren Taten anderen gegenüber. Am wenigsten vielleicht noch der schwerhörige Mr. Givings, der für die ironisch-bittere Schluss-Sequenz des Buches gut ist. Er schaltet sein Hörgerät aus und schwimmt in sein privates Meer der Stille; eine Beschädigung, die ihm diesen Vorteil bringt. Fremd sich selbst unter Fremden, in einem scheinordentlichen Chaos: genial und heute gültiger als je sein Exkurs über die Zeit zu Beginn des ersten Kapitels im dritten Teil.
Halb ist es Langeweile, halb Kampf, was diese Menschen antreibt. Selbstbehauptung, die dem kategorischen Imperativ nicht folgt. So sagt April an einer Stelle: „Es hat mir nicht gereicht, daß ich dir dein Leben ruiniert hab; ich wollte den ganzen Spieß einfach umdrehen und es so aussehen lassen, als würdest du mein Leben ruinieren und als wäre ich das Opfer.“ (S. 125)
Das Leben ist ungerecht, hart und schmutzig und man will nicht auch noch selbst schuld sein daran, also muss man anderen diese Schuld zuschanzen und verletzt doch auf diesem Umweg nur wieder sich selbst. Ein mieser kleiner Kreislauf, der die Wheelers – Menschen, die um sich selbst kreisen – in Atem hält.
Wie ein Resümee liest sich der Satz: „Wenn man etwas ganz und gar Angemessenes, Richtiges tun wollte, dann mußte man es alleine tun.“ (S. 331)
So ist anzunehmen:
Wenn Yates weniger genau hingesehen hätte, wenn er weniger gut analysiert hätte, wenn er einfach ein schlechterer Schriftsteller gewesen wäre, hätte er vermutlich mehr, hätte er vielleicht rechtzeitig Erfolg gehabt. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte sich seinerzeit ja nicht vertan, wie bewusst auch immer wusste oder spürte sie, dass von Yates´ Roman, weil er sich an die Wahrheit hielt, Subversion ausging.
Diese Erkenntnis, wenn es denn eine ist, dürfte nicht nur für die Sechziger und Siebziger Jahre gelten.
Er betrieb Verunsicherung, wenn nicht Verstörung mit dem was er schrieb. Vielleicht war er damit zu modern für das Jahr 1961 und der allmählich beginnenden Flower-Power-Bewegung. Vielleicht entsprach er nicht dem damals gefragten Weltbild der klaren politisierten Gegensätze, vielleicht war die Zeit noch nicht reif für einen Roman, der die Alltagswirklichkeit schildert wie einen unbemerkt aus dem Gleis gesprungenen Zug, der trotzdem ganz unbeirrt weiterfährt.

Eine Antwort to “Richard Yates „Zeiten des Aufruhrs“”

  1. 1 wolf-dieter
    Mai 30th, 2006 at 9:23 am

    Florian Rötzer hat bei Telepolis einen Artikel veröffentlicht, der sich der “Halbwertszeit der Prominenz” auf dem Buchmarkt widmet.

    Die Halbwertszeit der Prominenz wird kürzer (http://www.telepolis.de/tp/r4/artikel/22/22767/1.html)