Christopher Isherwood “Der Einzelgänger”

Dezember 18th, 2006

Christopher Isherwood: “Der Einzelgänger”, Roman, aus dem Englischen von Axel Kaun, mit einem Nachwort von Gerhard Hofmann, München 1991, zuerst 1964, 144 Seiten

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niagara

Ein schmales, ein gutes, seinem Freund Gore Vidal gewidmetes Bändchen über einen einzigen Tag im Leben, über das Älterwerden, vor allem über die Zeit und was sie mit uns macht, im Lauf der Zeit eben. Respektive wir mit ihr oder besser aus ihr – oder doch mehr sie mit uns?
Also natürlich auch ein Buch über die vermeintlichen oder tatsächlichen Schichten der Zeit, das die Frage stellt, wo wir mehr leben – im Erinnerten, Gewesenen, sodass es zum Gefängnis werden kann oder doch mehr in dem was aktuell vor sich geht. Wie sehr sind wir Getriebene, Angespülte und wie sehr bestimmen wir – noch? – was uns angeht?
Ein Buch über Zeit und ihr Vergehen, aber weit davon entfernt, ein abstraktes Buch zu sein. Im Gegenteil ist es sehr konkret, an einigen Stellen auch verhalten sinnlich, was jedoch vor allem besticht, ist seine fast ungeschützte Offenheit, etwa auch an körperlichen Vorgängen, an denen es den Leser teilhaben lässt. Diese Offenheit, die mit der Distanz zusammenhängt, aus der es geschrieben ist, sorgt für einen Teil seiner Qualität, vielleicht: Seiner Größe.
Ein Buch das Fragen stellt, sie wirken wie Spiegel, aber erzählt ist das mit Kühle und Genauigkeit und von einem Erzähler, der genau weiß was er tut. Mag sein, dass es das war, was Tennessee Williams veranlasste, über das Buch zu sagen:
„ Ein einzigartig modernes Werk – das beste, das Isherwood je geschrieben hat.“

Isherwood, der, wenn überhaupt, den meisten nur als Autor von „Leb wohl Berlin“ bekannt sein dürfte, dem Buch, das ihn, verfilmt mit Liza Minelli in dem Film „Cabaret“, berühmt machen sollte, er betrachtet seine Romanfigur durch das ganze Werk mit, wenn auch dezentem, erzählerischem Abstand.
Am Ende des Romans allerdings zieht er unvermittelt die Distanzschraube rapide an – er zoomt gleichsam weg von George und seinem kleinen Schicksal und nimmt den wohl extremsten point of view ein: Er sieht George aus dem Blickwinkel leichtester Vernichtbarkeit.
Das Buch eines alternden Mannes, ein melancholisches Buch, das nicht beschönigen und Altersweisheit vorgaukeln will und nicht auf die Chimäre Erfahrung pochen, wo andere Erfahrungen gemacht wurden: Mehr rückblickend, aus der Perspektive eines ziemlich desorientierten Vergehens betrachtet.
George ist, wie der Titel ausweist, ein Einzelgänger, ein gut Stück weit ein Gestriger, ein Fremder in der neuen Zeit, deren Entwicklungen ihm wenig behagen und deren Jugend ihm einigermaßen fremd ist.

Trotzdem hat er – Zeit ist denn doch keine Schwarzwälderkirschtorte – den Keim jugendlichen Übermuts, hat er die Lebens- und Lendenfreude noch in sich, kann sich, wenn auch alkoholisch angeheitert, für Momente vergessen und ganz der Gegenwart leben. Toll, die Strandszene – aber auch eine Ausnahme.
Denn das Buch schildert – man kann sagen vom ersten bis zum letzten Satz – einen Kampf.
Einen Kampf darum, wann man sich aufgibt. Und vielleicht: Aus welchen Gründen. Und wer aufgibt, der hat bereits verloren, denn die Zukunft, da liegt der Tod, wie es an einer Stelle heißt. (S. 116) Eine trockene Feststellung mit einer gewissen Tragweite, aber so sieht es nun mal aus. – Und was geschieht davor?
Man wird nicht weise, eher im Gegenteil, man verliert geliebte Menschen, erlebt Dissonanzen mit seiner Umwelt, man erfährt die schmerzhaften Diskrepanzen zwischen der Selbstwahrnehmung und dem Echo der Außenwelt. Und schließlich, wer weiß, ziemlich willkürlich vielleicht, ist der ganze Budenzauber vorbei. – So ist es, mag sein, aber dass es wie von weit her erzählt wird und Isherwood Distanz zu seiner Figur hält, die ihm andererseits autobiographisch sehr nah zu sein scheint – hier ist nicht nur an den Umstand zu denken, dass George schul ist, Isherwood hatte 1959 bis 62 eine Gastprofessur in L. A., 1962 war er 58 Jahre alt-, das hat Größe. Da drängt sich keiner auf oder weiß es besser, das wirkt keinen Moment schwülstig oder angestrengt, das ist einfach gut erzählt.
Das Buch schlägt den Bogen von einem Morgen zu seinem Abend, es beginnt mit einem mosaikhaften Erwachen und endet wieder im Bett, mit dem Schlaf, seit je Bruder des Todes. Das ist aber nicht nur melancholisch oder von einem gewissen Lebensekel kodiert, denn das ganze Buch, das nur einen Tag erzählt, zeigt – oder steht dafür -, wie reich und vielfältig und doch auch wieder eng und begrenzt, wie festgelegt und voller Leben, wie, trotz allem, voller Möglichkeiten, von denen man 99 % verpassen wird die gegebene Spanne dazwischen ist. Die Haltung ist in keiner Weise larmoyant, auch nicht böse, wütend oder zynisch: Es ist so. Mehr nicht.
„Zu behaupten, die Zeit ist böse, weil Böses in der zeit passiert, ist genauso, als wollte man behaupten, der Ozean ist ein Fisch, weil es im Ozean Fische gibt“, ist auf S. 52 zu lesen.
Fast mit dem nüchternen Blick eines Entemologen scheint das hier festgehalten. Mag es, wenn es das braucht, appellativen Charakter genug haben.
Es geht, worum es immer geht: Liebe – Glück – Verlust – Tod.
Darum kommt es wie immer darauf an, wie es darum geht.
Hier auf eine Weise, die es verdienen würde, mehr und auch heute noch Beachtung zu finden.
Isherwood nimmt sich einen Tag vor – es wird ihm kein Ulysses daraus – weder vom Umfang, noch vom Anspruch her. Seine Durchführung ist bescheidener, kann aber dem großen Wurf gerade dadurch in mancher Hinsicht auch überlegen sein.
Ein wenig kann man sich an Gustav Aschenbach erinnert fühlen, an einigen Stellen, besonders den amerikakritischen, an Richard Yates (etwa S. 21 und S. 23). Wie Aschenbach ist auch George um innerliche Haltung bemüht, scheint aber im Grunde kaum zu wissen wozu und seinem vergehenden Leben selbst ein wenig fremd und erstaunt gegenüberzustehen, in seinem Empfinden hinter seinem Alter herzuhinken.
Es geht also auch um Identität und um die Frage nach dem richtigen, dem geglückten Leben, sofern es so etwas geben sollte, und wie sehr es in der Hand des Einzelnen liegt, ein solches erlangen zu können.
Einer der Romanfiguren, Kenneth, will es von außen so erscheinen, als hätte George das Geheimnis des vollkommenen Lebens gar verwirklicht (vgl. S. 124), nur geht es ihm selbst keineswegs so, das von sich denken zu wollen oder zu können. Er erfährt eine gesplittete Identität, die auch, aber nicht nur mit seinem Schwulsein zu tun hat.
Es gibt Momente. Wenige, ausgezeichnete Momente, möglich dass es auf sie ankommt, nicht auf das Ganze, das vielleicht nur ein Gescheitertes sein kann. (Vgl. S. 41)
Sicher, wir leiden alle darunter, dass wir selten jemanden finden, der uns die richtigen Fragen stellt. (Vgl. S. 61)

Diesem Buch merkt man seine 42 Jahre nicht an. Es wirkt kein bisschen angestaubt. Sein Held ist, wie alle modernen Helden, ein Gebrochener, ein Einsamer. Diese Einsamkeit jedoch monokausal auf sein Schwulsein zurückführen zu wollen wäre eine Verkürzung und würde weder dem Buch noch seinem Autor gerecht. George ist nicht in einer Sinnkrise, er lebt eine. Und zwar für die Dauer seines Lebens.
Der Tod seines Freundes, ein Unfall mit einem Auto, mehr als ein Zeichen des Zufälligen? Ein Willkürakt des Lebens, wie andere mehr.
George hat so offensichtliche Schwierigkeiten, das mühsame Mosaik seiner Identität zusammenzuschustern und vor dem Auseinanderfallen zu bewahren, dass man, auch angesichts seines Alters von 58 Jahren, davon ausgehen muss, dass ihm Sinnerfahrung fremd ist. Auch insofern haben wir hier ein modernes Buch in der Hand – mit einem symptomatischen Helden. Als Einzelgänger ist er ein Einzelner, steht damit aber für eine Situation, eine Gesellschaft, eine Zeit – steht für die Erfahrung des modernen Menschen, seine Orientierungs- und Haltlosigkeit, sein willkürliches herumstolpern, auch und gerade im eigenen Leben.
Die implizit mitgeführte Frage nach der Chance eines geglückten Lebens und wie sehr der Einzelne es überhaupt in der Hand hat, ein solches zu führen, wird skeptisch, wenn nicht abschlägig beantwortet. Einsame kreisen umeinander und vielleicht sind sie in der einen oder anderen Situation so offen wie sie können, aber selbst wenn sie sich berühren, so nicht durch geglückte Kommunikation, sondern eher als treibende Monaden im Brei der gleichgültigen Zeit. Sie sind einsam nicht durch Beschluss oder Verfehlung, auch nicht durch ihre sexuelle Orientierung, sondern qua Existenz: Sie sind notwendig Einsame, einfach weil es nichts anderes gibt.
Unsicher, begleitet oder bestimmt von Halbwahrheiten, Versäumtem, Unausgesprochenem schwirren sie umeinander wie die Motten ums Licht – aber wirklich sich im Eigentlichen berühren, sich darin versöhnen, das können sie nicht. Allenfalls zufällig vielleicht, in raren, ausgezeichneten, allzu kurzen und vergänglichen Momenten. Das Leben nicht als Reife-, sondern bloss als Verfallsprozess.
Eine Feier der Jugend?
Auch das nicht.
George verachtet seine Studenten auch ein Stück weit und steht ihnen wie gesagt fremd gegenüber.

Auf den ersten Seiten des Buches heisst es über das Autofahren:
Solange man sich treiben lässt, ist nichts zu befürchten, ja, inmitten der Strömung überkommt einen sogar das Gefühl trägen Wohlbehagens.“ (S. 27)
Ist es zu viel, wenn man diesen Part als Lebensmetapher liest, die allerdings den Keim ihrer Kritik bereits in sich trägt?

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Oder wäre dieses träge Wohlbehagen bereits das einzig erreichbare Glück? Halbbewusstes Dahintreiben im Strom der anderen Einsamen.
Immerhin kommt George weder mit der Frau, die er besucht und zu der er ein höchst ambivalentes Verhältnis hat, noch mit dem jungen Mann, der ihn aufsucht, Kenneth, zusammen, sondern liegt am Ende onanierend im Bett – symbolhafter Ausdruck seines Einzel-Seins.
Er ist einer der wohl gesucht, aber nicht gefunden hat.
Das wird auch in einigen Sätzen am Ende des Romans deutlich, die er an Kenneth richtet und die man als Stück der Poetik von Isherwood zumindest für dieses Buch lesen kann:
„Ich bin wie ein Buch, das du lesen musst. Und ein Buch liest dir nichts vor, es weiß ja auch nicht, was in ihm steht. Und ich weiß nicht, was in mir steht.“ (S. 131)
Dass Isherwood diesen Roman – nicht seine frühen, bekannten aus den Dreißiger Jahren, von 1929 bis 33 lebte er in Berlin und arbeitete etwa bei Magnus Hirschfeld – als sein Meisterwerk bezeichnete, war wohl eine ganz realistische Selbsteinschätzung.

11 Antworten to “Christopher Isherwood “Der Einzelgänger””

  1. 1 ewu simpel
    Dezember 19th, 2006 at 1:03 pm

    hallo helmut!
    schön, wieder von dir zu hören.

    ich kann dir nur zustimmen. in fast allem deckt sich meine mit deiner leseerfarung.

    nur ein punkt interpretiere ich anders: deine sehr pessimistische einschätzung des tenors des romans, daß wir nämlich allesamt einsame monaden seien, die teilnahmslos im fluß der zeit aneinander vorbeitreiben.
    den roman kann man so verstehen. aber hinweisen sollte man darauf, daß wir trotzdem immer wieder versuchen, signale auszusenden, so verstümmelt sie auch sein mögen oder verstanden werden, so wenig kompatibel mit unserem innenleben oder unserer umwelt sie auch sind – so wie auch george es immer wieder versuchen wird, eine neue gegenwart zu finden, zu stiften, wenn er denn die nacht überlebt, was am ende offen bleibt.
    das problem der bewußtseins- und identitätsbildung, die metamorphotischen rollenexsitenzen, in die george den tag über hineinschlüpft, sehe ich also nicht ganz so dramatisch wie du. für mich leidet er zwar darunter, an seinem splitter-ich, aber er genießt doch auch sehr die verschiedenen rollen, in denen er von seiner um-welt er- und anerkannt wird, trägt die entsprechende psychologische schminke bisweilen mutwillig dick auf (seine wortflüge in der cafeteria, seine onkel-george-haß-gedanken beim autofahren, seine monologe in den vorlesungen, uam.) und findet gefallen daran, unerkannt zu bleiben, sich gleichsam als intellektueller paradiesvogel aus dem guten alten europa vom american way auf life abzusetzen. es ist also nicht nur ein leiden, sondern auch eine lust am spiel der identitäten, der wirklichen und er imaginierten. er ist ein einzelner und einsam, bis zuletzt. aber sein einzel-sein ist innerlich unendlich reich, auch in seinen verlusten – und vor allem: eigentümlich, ihm zugehörig. und er wird nicht aufhören, davon zu erzählen oder erzählen zu lassen. er taucht aus dem nirgendwo des schlafes auf, gerät in ein neues jetzt, versucht sich in verschiedenen identitäten, mit all ihren freuden und nöten, vergißt sich im alkohol- oder sinnenrausch, verfällt auch dem zauberischen sog des sich-erinnern, sucht die nähe zur jugend, will sex, der ihm verweigert wird, findet in der masturbation nur notdürftigen ersatz und sinkt erschöpft in neuerlichen schlaf, von dem er vielleicht nicht mehr aufwachen wird. zu beginn und am anfang also ein gleichsam heimatloses bewußtsein, dazwischen auch nicht wirklich in der welt oder bei sich selbst heimisch geworden – und doch: er wird einen neuen versuch starten, in eine kommunikation zu treten. dabei geht es darum, untereinander signale auszutauschen und nicht, wie es an einer stelle heißt, “uns gegenseitig durch kataloge zu identifizieren”.
    ich sehe also im problem der identitätsbildung im fluß der zeit nicht nur einen unumkehrbaren verfalls- und verlustprozeß, der uns vorneinander trennt, sondern auch eine möglichkeit, das je eigene leben immer wieder neu in angriff zu nehmen, es zu erproben, es lesbar zu machen, für sich und andere, um in dem bild zu sprechen, mit dem du deine besprechung enden läßt.

    kommen wir darin überein?

    grüße.

  2. 2 Helmut
    Dezember 19th, 2006 at 5:01 pm

    Hallo Uwe,

    danke für die Stellungnahme!
    Setzen wir unser einsames Ping-Pong-Spiel fort:

    Du sprichst mehrere Punkte an:

    - Europa-Amerika habe ich nicht stark gemacht, mir kam das nicht prägend vor. Aber ich sehe durchaus, dass man es stärker machen könnte. Dann darf aber auch die Frage erlaubt sein: Zu welchem Zweck? Ist da ein Erkenntnisselchen verborgen?

    - Gewichtiger ist, wie Du die Identitätsproblematik liest: Positiv nämlich. Als “Genuß” und “Lust” am Spiel.

    Meine Frage diesbezüglich:
    Wo liest Du das?
    Oder ist es mehr ein Mitgebrachtes?
    Vielleicht habe ich es auch übersehen?
    Gibt es Stellen, auf die Du Dich beziehst? -Dann wäre es leichter, sich zu verständigen.

    - Schließlich das Austauschen der Signale:

    Wie positiv KANN das sein?
    Wie gut, wie glücklich stellt man sich lauter kleine Sender vor, die nicht wissen ob sie empfangen werden – oder die, wenn sie davon ausgehen, empfangen zu werden, reichlich unsicher sind, dass sie auch verstanden werden?

    Das Spielerische bei der Sache, auf das Du rauswillst, scheint mir – bitte um Korrektur – doch mehr ein Mitgebrachtes als ein im Roman Vorfindliches zu sein?!?

    Schöne Grüße,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    Dezember 21st, 2006 at 4:43 pm

    hallo!

    vorab: ich habe eine andere ausgabe als du, vorsicht also bei den von mir angegebenen seitenzahlen.

    ad 1:
    die europa-amerika-thematik unterstützt meines erachtens die problematik des sich fremd-fühlens, des nicht-heimisch-seins der hauptfigur. auf der ebene dieses motivkomplexes stehen sich die “neuerungssucht” (97) amerikas, wo immer alles auf den neuesten stand gebracht wird (130), wo die dinge “renoviert, also entweiht werden” (145)dem althergebrachten und der geschichtsbewußtheit europas gegenüber, wobei anzumerken ist, daß george auch seine heimat england kritisch beurteilt. er gibt sich nur bedingt dem “zauber” der erinnerung an eine reise mit jim durch sein heimatland hin, schwankt zwischen entzücken und ablehnung (128-133).
    das tithonus-motiv aus dem huxley-roman, gegenstand seiner vorlesung am college, entstammt auch dem fundus europäischer geistesgeschichte, hier dem mythenschatz, und dient dem erzäler dazu, das thema des alternden mannes auf einer anderen ebene jenseits der tagesaktuellen handlung aufzunehmen. aber vor allem wird damit die suche nach dem sinn eines solchen motivs, die es beim leser zu initiieren gilt, der “gleichgültigkeit” der amerikanischen studenten gegenübergestellt. (68-70)
    signifikant scheint mir auch der zeitpunkt der handlung ausgewählt zu sein. ende 1962, die kuba-krise, ein höhepunkt des kalten krieges, ist gerade vorbei, das gefühl des noch-einmal-davongekommen-seins herrscht vor (101), und george reflektiert über die “angst vor dem überleben” und über das “fortleben in einer zerstörten welt” (85-86). hier wird die zentrale todes-thematik des romans, das immer und jederzeit mögliche vernichtet-werden, auf die ebene der weltpolitischen situation und ihren aberwitz bezogen – und dies, wie ich finde, sehr plausibel hinsichtlich des geistes- und seelenzustandes der hauptfigur.

    ad 2: bei der identitätsproblematik wollte ich bei allem leiden daran, worauf du hinweist, auch auf die lust von george hinweisen, die er empfindet, wenn er in die diversen rollen schlüpfen, sich identitäten imaginieren kann. stellen finden sich einige, die diese freude und dieses selbstbewußte und auch humorige spiel mit rollen und identitäten belegen – es ist eben auch eine lust an der vielfalt der eigenen individualität. hier die stellen: die “stimmliche mimikry”, die er morgens bei telefonanrufen aufwendet, um die gesprächspartner nicht zu ängstigen, zu einem zeitpunkt, wo sein identitäts-puzzle noch unvollendet ist (9); die geschicklichkeit eines “alten hasen”, die er an den tag legt, wenn er das collegegelände betritt und sich mit verve darauf verlegt, die rolle, die er jetzt zu spielen hat, mit der nötigen “psychologischen schminke” zu versehen (37); wie er sich wie ein “schauspieler” vorkommt, der durch eine welt von “requisiten” läuft (41) und wie er es kaum erwarten kann, daß man sich seiner “bedient”, seiner ihm dort, auf dem college, zukommenden rolle als prof (46); das spiel mit der identitäts-lochkarte eines studenten (43); das college, wo er seine “rolle beherrschen” muß (52). bei all dem scheint mir auch viel sportlicher spaß mitzuschwingen, wobei ich nicht verkennen will, daß er auch darunter leidet, in diesen fällen nur als projektion der anderen zu funktionieren. aber es ist eben nicht nur und ausschließlich ein leiden an der differenz, sondern auch ein stolzes und selbstbewußtes beharren darauf, ein gewahrsein des eigenen, das sich in glücklichen oder geglückten momenten sogar mitteilen läßt. ich habe diese lesart also nicht nur mitgebracht, sondern auch im roman vorgefunden.

    ad 3: die möglichkeit, signale auszutauschen, ist doch schon positiv zu werten. nichts anderes machen wir zwei hier in unserem ping-pong-spiel. und die tatsache, daß wir immer wieder antworten, zeigt doch, daß wir nicht anders können, daß uns nichts anderes übrig bleibt als zu versuchen, uns zu verständigen. wie eben george auch, der am schluß eben auch nur weiß, daß er einen neuen, anderen jim finden muß, weil ihm keine andere wahl gegeben ist. trotz der angst davor, kein gegenüber zu finden, keine wirkliche kommunikation zu bewerkstelligen, wird er, insofern er die nacht übelebt, weitersuchen – nicht zuletzt deshalb, weil er einmal erfolgreich war. ihm sind also sinnstiftende erfahrungen durchaus bekannt.

    so viel für heute.
    grüße.

  4. 4 Helmut
    Januar 10th, 2007 at 12:45 pm

    Lieber Uwe,

    eine Antwort ist längst überfällig, ich weiß es wohl! Tut mir leid, dass sie noch nicht hier steht. Du hattest Dir ja richtig Mühe gegeben und eine Menge Stellen herausgesucht und das soll freilich auch nicht umsonst gewesen sein. Wenngleich es die verschiedenen Ausgaben doch etwas umständlich machen. Trotzdem, es ist nicht vergessen und auch wenn ich schon wieder einige andere Besprechungen in Arbeit habe, werde ich meinen Isherwood noch einmal heruasziehen und sehen, ob ich die Stellen finde.

    Bis dahin,

    Helmut

  5. 5 Helmut
    Januar 15th, 2007 at 10:39 am

    Lieber Uwe,

    zurück zu Isherwood also:

    Was das Thema Europa – Amerika betrifft, stimme ich gerne zu; dem hatte ich keine große Bedeutung beigemessen, darum bin ich für den Hinweis dankbar und was Du dazu schreibst, erscheint mir richtig. Nur an dem Punkt, der sich mit der “gleichgültigkeit” der amerikanischen Studenten beschäftigt, vermute ich eher, dass ihn hier mehr die Jugend – Alter – Problematik interessiert.
    Auch dem, was Du zur Kuba-Krise schreibst, kann ich zustimmen.
    Aber zu Deinem Hauptanliegen, pardon, habe ich eine andere Auffassung, nach wie vor.
    Ich habe die fraglichen Stellen noch einmal gelesen und kann da beim besten Willen nur wenig Spaß finden.
    -Zu Beginn (S. 10/ oben) ist von George die Rede als von einer “Kreatur”, die “weiter kämpfen und kämpfen” wird “bis sie fällt” – und zwar “weil sie sich eine andere Alternative nciht vorstellen kann”. – Das klingt nicht sehr nach Spaß.
    -Auf der gleichen Seite unten ist von G. als von einem “dreiviertel Menschen” die Rede. Nicht sehr aufwertend, auch wenig spaßbetont.
    -S. 11 unten berichtet von schmerzhaften morgendlichen Beklemmungszuständen, die dem Durchstehen eines “bösen Krampfes” verglichen werden. Klingt nicht lustig.
    -Von G. wird berichtet, dass er sich “übergewissenhaft gegenüber allen gesetzlichen Bestimmungen” verhält. – Das klingt nicht lustbetont.
    -Auf S. 29 ff. hegt er eine Rachephantasie, die an Abu Graib erinnert. – Hätte das ein glücklicher Mensch?
    -Diese gipfelt schließlich in der Feststellung des Hasses von drei Vierteln der amerikanischen Bevölkerung (S. 31). Hass ist kein hübsches Wort.
    -S. 31 erzählt von G.s gespaltener Persönlichkeit, die sich den anderen anpasst. – Aus Spaß?
    -Auf S. 32 ist von Feinden die Rede – und davon, dass sich G. nirgends recht zugehörig fühlt. – Er ist eben der auf dem Titel bereits annoncierte “Einzelgänger”.
    -Auf der gleichen Seite übt er heftige Architektur-Kritik. Das spricht nicht für ein Wohlfühlen.
    -Auf eben dieser Seite bezeichnet er das im Bau befindliche College als “Fabrik”. Das klingt ebenso wenig positiv, wie der Umstand, dass es “mit hysterischer Eile fertiggestellt” würde. Und auch die “Wagenburg” drumherum (ironische Anspielung auf den amerikanischen Gründungsmythos) und die miesen Zukunftsaussichten des Gebäudes lassen nichts Gutes hoffen. (S. 33)
    -Das Motorrollerfahren auf dem Freeway findet er mutig oder naiv. (S. 33) Mit anderen Worten: Reichlich lebensmüde.
    -Auf S. 34 ist zwar von “Spiel” die Rede – aber im Sinne von Verstellung, das hat nichts Echtes, Befreites, Spielerisches.
    -Auf S. 34 erfährt man – höchst ironisch geschrieben -, dass jeder Morgen in Amerika ein guter Morgen zu sein hat. Ein Befehl.
    -Gegen die “Denkmaschinengötter”, die G. fanz offensichtlich ablehnt, begeht er eine “Blasphemie” und freut sich ein wenig daran – aber auch das hat nicht von unbeschwertem, lustvollem Spiel. (S. 35)
    -Von den Studenten redet er als von “männlichem und weiblichem Rohmaterial”. – Eine wenig freundliche und kaum lustvoll zu nennende Formulierung.
    -Wenig optimistisch auch die Einschätzung, dass es von denen, die sich gegen inhaltsleere Generationenfolgen durch künstlerische Arbeit auflehnen wollen, es allenfalls 1-3 unter Tausenden schaffen werden. (S. 36 f.)
    -Er selbst erfährt sich als zum “Inventar” des College gehörend – lustvoll?
    -Er erfährt sich als einen, dessen Kopf allein zählt, der also auch geköpft werden könnte, sodass man sein Haupt auf der Anrichteplatte in die Vl. tragen könnte. – Klingt das nach Spiel und Spass? (Vgl. S.
    39)
    -Er erhält eine unwillkommene Einladung. (S. 39)
    -Auch S. 41 bringt Unbehagen und Selbstfremdheit zum Ausdruck. Diese zieht sich ja durch das Buch, G. erfährt sich auf einer “Bühne” und in einer “Rolle” und ich kann nicht lesen, wo dies positiv konnotiert sein soll. (S. 42)
    -Dafür spricht auch nicht das Bild, das er für seine Situation am College findet: “Nur daß sich George eben dabei vorkommt wie ein Hausierer, der auf offener Straße einen echten Edelstein für einen Nickel verkaufen muß, den nur verschwindend Wenige zu schätzen wissen. Die übergroße Mehrheit jedoch bleibt nicht einmal stehen, da sie ihn für wertlos hält.” (S. 37)

    Sorry, aber ich sehe meine Lesart auch bei erneuter Lektüre nur bestätigt – und zwar auf der ganzen Linie – wo in dieser Phalanx aus Ironie und Kritik und Unbehagen an fast allem das Lustvolle versteckt sein soll – ich weiß es nicht. Nein, hier geht es, und das wird ja explizit gemacht, um Kampf. Den Kampf des Lebens. Den gegen das Alter, gegen die Einsamkeit, das Vergehen, die Fremdheit.

    Schöne Grüße,

    Helmut
    -

  6. 6 ewu simpel
    Januar 15th, 2007 at 12:08 pm

    lieber helmut!

    hab’ dank für die ausführliche antwort.

    deine belegstellen zeigen das wenig lustvolle an der identitätsthematik, zeigen die beziehungslosigkeit dieses “single man” schonungslos auf. dem stimme ich zu.
    ich hatte das aber auch gar nicht geleugnet. auch ich schrieb ja von dem leiden daran, daß er zumeist als projektion der anderen zu funktionieren hat.
    auch ich hatte dieses peinvolle des zwischenmenschlichen mitein- und gegeneinanders durchaus gesehen und wollte es nicht wegretuschieren. ich wollte dagegen aber auch die belegstellen anführen, bei denen es, meiner einschätzung nach, um ein spielerisches hantieren mit rollen geht. von spaß habe ich da ohnehin nicht gesprochen, sondern von einem bewußtem beharren auf dem, was ihn als individuum auszeichnet. ich sehe den krampf und den kampf durchaus, doch erfolgen seine zum teil sarkastischen und ironischen beobachtungen der amerikanischen umgebung auch aus einer bewußten oppositionsstellung heraus. der abstand zu amerika, zur bürgerlichkeit, familie, ehe und heterosexualität wird von george mitunter selbst-bewußt eingenommen: wo du die daraus resultierende beziehungslosigkeit hervorhebst, möchte ich daran erinnern, daß erst diese distanz die kritischen beobachtungen ermöglicht. es ist gerade diese ambivalenz, was den text für mich so interessant machte: die chronik eines tages im leben eines schwulen literaturprofs, der unter seiner zunehmenden einsamkeit und körperlichen dysfunktionen leidet, den kampf gegen das alter und seine umgebung jedoch täglich neu annimmt. da steckt leiden drin, doch auch dieses dient letztlich dazu, eine identität auszubilden, an der man festhält.

    so viel für heute.
    grüße, uwe.

  7. 7 Helmut
    Januar 15th, 2007 at 9:29 pm

    vielleicht mendeln wir – und den Eindruck habe ich meistens – doch eine genauere Sicht heraus, mit der Zeit.
    Du meintest nichts von Spaß geschrieben zu haben – nun ja, in der ersten Stellungnahme hieß es schon “er genießt doch auch sehr die verschiedenen rollen”, er “findet gefallen daran, unerkannt zu bleiben”, er hat “eine lust am spiel der identitäten”.

    Du sagst, dass es Dir um ein Gegengewicht ginge, um die Feststellung von Oppositionen. Ich sehe durchaus, dass diese und somit déren betonen wichtig sind.
    Letztlich sind wir wahrscheinlich in der Beurteilung gar nicht allzu weit auseinander – vielleicht nur eine Nuance, eine Betonung.
    Die große Lust sehe ich nicht, auch kaum den Genuß. Die Rollenspiele wohl, aber sie kommen mir nicht besonders lustvoll vor. “Spiel”, das setzt Freiheit und ein gewisses Maß von Selbstbestimmtheit voraus. Das lese ich bei G. kaum, er kommt mir in Vielem und Wesentlichem, in seinen Rollen ziemlich aussengeleitet und fremdbestimmt vor.

    Man könnte sich freilich noch die Frage stellen – es geht ja um Identität – wie positiv so eine Identität überhaupt ist. Wie wichtig. Wie wünschenswert. – Und wie frei man denn ist im Bestimmen seiner Identität.
    Aber das würde vermutlich vom Buch ab und vielleicht auch in diesem Zusammenhang zu weit führen.

    Ich fand es jedenfalls gut und richtig nochmal genauer nachzulesen und den Eindruck zu überprüfen.
    DIE grosse Differenz sehe ich nicht, die Sichtweisen und Argumente sind ausgetauscht und wir halten beide das Buch für lesenswert und gut. Man könnte es dabei belassen?

    Schöne Grüße,

    Helmut

  8. 8 ewu simpel
    Januar 17th, 2007 at 11:51 am

    lieber helmut!

    so soll es sein: wir wollen die differenz des anderen achten – ganz so, wie es das buch nahelegt.

    interessant allerdings deine frage nach der identität und wie wünschenswert eine solche ist, da sie uns zwar eine selbst-gewißheit verschafft, aber eben auch dafür verantwortlich ist, daß wir letztlich eine uneinnehmbare, vielleicht auch unentdeckte insel für die anderen bleiben.

    hierbei erscheint mir der anfang und das ende des buches von zentraler bedeutung zu sein. denn zu beginn wie zum schluß treffen wir auf ein gleichsam heimatloses ich, ein bewußtsein, das sozusagen identitätslos dahintreibt: einmal kurz nach dem aufwachen und das andere mal im schlaf selbst. an beiden stellen – und einer wichtigen dritten – hat das wasser eine, wie ich finde, metaphorische bedeutung.

    zu beginn kommt er nach dem waschen und rasieren zu sich, nimmt seine existenzrolle im hinblick daruf an, was er den anderen schuldig ist und bekommt einen eigenen namen: george.
    ab da ’schwimmt’ er mehr oder weniger sicher und selbstbewußt in den “gewässern seines bewußtseins” und hat kontakte zur ausßenwelt.

    am schluß dann fällt er wieder in den schlaf, taucht ab in die “nacht der flut”, wie es heißt. es überkommt ihn das “wasser jenes anderen meeres, nämlich des bewußtseins, das recht eigentlich keines ist, doch alles und jedes umfasst, vergangenes, gegenwärtiges, zukünftiges, und das sich ununterbrochen ausdehnt bis in die weite des alls.” seine individualität geht auf in einen all-zusammenhang, von dem das wachbewußtsein “im tageslicht der ebbe” jedoch nichts oder wenig zurückbehält.

    vielleicht ist die frage, die der erzähler hier an den leser weiterzugeben scheint, die:
    müssen wir uns den – in anführngsstrichen – glücklichen george als einen schlafenden, dh hier weitgehend bewußtlosen vorstellen?

    dazu paßt auch die metaphorik des wassers in der grandiosen ozeanszene, das gemeinsame bad mit kenny. auch dort das aufgehen in einem anderen, flüssigeren element, dem wasser. nicht für ewig zwar, nur für ein paar selige augenblicke, ein “geschöpf des wassers”, in gewisser weise grenzenlos, und die “gedanken, worte, stimmungen” des gewohnten rollen-ichs sind wie weggespült. da ist er für sekunden “vollkommen glücklich mit sich selber”.

    wie beurteilst du diese zentrale wasser-metaphorik in den entscheidenden szenen des romans, und zwar hinsichtlich der von uns herausgearbeiteten identitäts-thematik?

    danach soll es dann gut sein und wir wollen uns dem nächsten buch widmen.

    grüße,
    uwe.

  9. 9 Helmut
    Januar 21st, 2007 at 9:36 pm

    Lieber Uwe,

    Wasser und Identität interessieren Dich. –
    Ich habe mir die fraglichen Stellen noch einmal durchgelesen. Zunächst mal fand ich Deine Frage ganz gut und spannend. So, als könnte es ein paar Magisterarbeiten dazu geben – oder man sie schreiben.
    Beim Lesen dann fand ich das Wasser-Thema nicht gar so dominant. In der Badeszene, natürlich, da ja. Und am Ende mit den Metaphern. Mir ist allerdings mehr als das Wasser bei der Neulektüre das Licht aufgefallen.
    Aber zum flüssigen Element:
    Zu Beginn finde ich das Wasser wenig auffallend.
    In der Szene mit Kenny am Meer scheint es mir – aber immerhin zusammen mit Rausch und Nacht und erotischer Spannung – für Spontaneität und Jugend zu stehen, für Frische und Lockerung der Konvention. man geht aus sich heraus, streift die Kleider ab, lässt die gewöhnlichen Ordnungen einen Moment hinter sich.
    Bezeichnend wohl, dass das George nur bedingt bekommt – Kenny muss ihn ja fast retten aus diesem Element.
    Bezeichnend ebenso, dass George die Nacht allein verbringt obwohl er Kenny zum Bleiben nötigt und abermals aus den Klamotten bekommt.
    Wenn Kenny als ´Schöpfung des Wassers´ bezeichnet wird, dann müsste das in der Lesart, die ich vorgeschlagen habe für sein lockeres, ungezwungenes Wesen stehen.
    Für George sind die Wellen zu hoch, in Bezug auf ihn ist von einem ´Ritus der Reinigung´ die Rede – es wird nicht erklärt, was damit gemeint ist. Aber die Differenzierung in die Trocken- und die Wasserwelt entspricht wohl der in die bürgerlich-geordnete und in die unkonventionelle nächtliche Welt.
    Wasser steht in der Badeszene in engem Zusammenhang mit Rausch, es ist auch von ´Wasserrausch´ die Rede. Das dürfte mehr und anderes sein als der profane berauschte Zustand durch zu viel Alkohol, wenngleich der an der Lockerung – ebenso wie die Nacht und der menschenleere Strand – nicht unwesentlichen Anteil daran haben dürfte.
    Zu unterscheiden wäre vielleicht auch prinzipiell zwischen Süß- und Salzwasser und dem Gebrauch des Wassers als Metapher.
    Wie hängt das nun mit Georges Identität zusammen?
    Oder besser: Seinem Erlebnis von Nichtidentischsein?
    Bei mir S. 131 liest man:
    “Ich bin wie ein Buch, das du lesen mußt. Und ein Buch liest dir nichts vor, es weiß ja auch nicht, was in ihm steckt. Und ich weiß nicht was in mir steckt.”
    Von vorne bis hinten wird deutlich, dass es hier keine klare Identität gibt. Dass Georges Identität porös ist, auch aussengeleitet. Eine Splitting-Identität – und somit schon fast keine mehr.
    Wenn ihm die berauscht Lockerung gut tut, dann vielleicht weil er dann näher an sich selbst ist, weil dann die Kontrolle kleiner wird, die er über sich ausübt, weil er sich dann dem Element das Wassers annähert und flexibler, unbewusster reagiert.
    Dazu würden auch die Metaphern stimmen, die am Ende des Buches vom “Tageslicht der Ebbe” sprechen – oder den “Gewässern seines Bewusstseins”. Der Tag ist das Nüchterne, zu ihm passt die Ebbe – das Bewusstsein ist eines im Fluss, in Bewegung, in ihm kommt alles vor, es wogt hin und her, ist dem Meer vergleichbar und ebensowenig greifbar – genau wie der Schlaf, wenn von den “Wassern des Schlafs” die Rede ist. Insofern steht das Wasser wohl mit den unbewussten, unwillkürlichen Kräften in Verbindung bzw. für sie.
    George weiss nicht recht wer er ist und was er soll – er ist sich selbst ein Rätsel geblieben. Das ist sehr modern und sehr wenig identisch; dieser Konnex ist sicher herzustellen.
    Theodor Lessing hat gelegentlich geschrieben: “Weil Wahrheit immer das Opfer des Ich fordert, weil aber andererseits niemand wahr sein kann, wenn er nicht den Mut hat, ich zu sagen…”. Eine paradoxe Situation, auch sehr apodiktisch formuliert – man könnte ja fragen: Warum sollte Wahrheit immer das Opfer des Ich fordern?
    Auf George bezogen ließe sich aber die Frage formulieren, ob er denn den Mut hat ´ich´ zu sagen. – Oder ob es keine Frage des Mutes ist, sondern eine andere, die einen evtl. daran hinderte, ´ich´ zu sagen.
    George spielt Rollen, Du hast das mehrfach betont – und ob er nun, da gab es ja den Dissens, Spaß daran hat oder nicht, gemäß Lessings Diktum könnte man sagen, dass ein Rollenspieler sich nicht traut ´ich´ zu sagen. Wenn er dann noch den Wert von Erfahrung bestreitet und sich selbst nicht lesen kann…
    Das Identische wäre ja etwas mit sich selbst identisches, wäre etwas Echtes – wohl im Unterschied zum Gespielten, zur Rolle. Es wäre Selbstkongruenz, wäre eine gewisse Sicherheit, im Kern und nach außen, für sich und andere.
    George wirkt noch so unfertig – und dann stirbt er vielleicht schon. Ein Träumer, einer, der neben sich steht und sich zusieht, der Abstand hat, auch zu sich und vielleicht zu viel. Das mag ihn sympathisch machen und zugleich kann darin ein Problem liegen. Eines für ihn und ein grundlegendes.
    George ist ziemlich monadisch unterwegs – Signale austauschen… – eine sehr philosophische Sicht – und was erwartet einen Solipsisten?

    Bis dann,

    Helmut

  10. 10 ewu simpel
    Januar 24th, 2007 at 9:05 pm

    lieber helmut!

    ich stimme dir in deiner analyse der entsprechenden textstellen zu und unsere lesarten sind wohl auch genügend differeziert ausgetauscht worden.

    das mit dem licht will ich gerne noch einmal nachlesen, für mich.

    die wirklch interessante und spannende frage nach dem verhältnis von rollenspiel und identität sollten wir weiter im hinterkopf behalten, denn sie ist eine, die sich auch in anderen literarischen werken thamtisiert findet. vielleicht können wir sie bei anderer gelegenheit an einem der im eckfenster vorgestellten bücher wieder aufnehmen.

    nur eins vielleicht noch:
    ist george ein solipsist?
    bleibt er ununterbrochen im hermetischen raum seiner persönlichkeit be- und gefangen?
    versagt er sich der außenwelt oder versagt nicht auch diese an ihm?
    ist er nicht vielmehr ein single man, der sich die divergenz seiner persönlichkeit bewußt ist und der trotzdem den kontakt zu seiner um-welt sucht?
    warum tut er das?
    als solipsist wäre er daran nicht interessiert. hier wird die und vor allem seine erfahrung der zeit von bedeutung. die angst vor dem “gehetztwerden”, das fast tägliche erlebnis, eine “bei lebendigem leib absterbende kreatur” zu sein, das tief-existentielle gefühl für die eigene begrenzte lebenszeit und sterblichkeit / hinfälligkeit seines körpers, sind es, die ihn auf die anderen zugehen läßt. ob nun mit seinem rollen-ich oder seinem kern-ich – wenn es dies geben sollte – sei dahingestellt. ist das noch ein solipsist?

    die antwort darauf kann ruhig kurz ausfallen.

    die andere frage werden wir beibehalten und wieder aufnehmen, da bin ich mir sicher.

    bis hierher besten dank für den signaltausch.

    herzliche grüße,
    uwe.

  11. 11 Helmut
    Januar 27th, 2007 at 11:05 am

    Lieber Uwe,

    zu Deiner Frage nach der Außenwelt lockt es mich zu sagen:
    Die Außenwelt kann nicht versagen.
    Sie hat keine Aufgabe.

    Das ist freilich eine harte Position und vielleicht auch nur eine halbe Wahrheit.
    Denn es ist die Frage, ob George gescheitert ist.
    Freilich, man kann sagen das ist er.
    Aber:
    Wenn man sich an Beckett halten will, dann gibt es nur das eine: Scheitern.
    Es kommt also nur darauf an schöner zu scheitern.
    Und dann stellte sich lediglich die Frage, ob George das fertigbringt: Schöner zu scheitern.

    Wir haben uns viel über George auseinandergesetzt – von demjenigen, der George in Szene setzte, war wenig die Rede.
    Das kann gut und richtig so sein, aber nun würde ich doch gern sagen, dass, George hin oder her, sein Autor ein grosser Skeptiker ist. Einer, der vielleicht auf halbem Wege zum Zyniker war, diesen Schritt aber nicht vollziehen konnte oder, naheliegender, wollte. Es ist eine zurückgenommene, nicht ganz humorfreie Lebenssumme, die da gezogen wird und die, allem Schmerz zum Trotz, das alles nicht zu ernst nehmen will und den rechten Abstand und etwas Haltung bewahren will. So kann man´s machen,
    Was den Solipsismus angeht, wollte ich das nicht zu wörtlich genommen wissen. Im Sinne der Definition ist George freilich kein Solipsist. Ich hatte es mehr zum Verdeutlichen und im übertragenen Sinn gebraucht – oder wollte es so verstanden wissen. Eine Tendenz dazu gibt es; wahrscheinlich in jedem Einzelgänger.
    Interessant ist allerdings deine Ansicht, dass er auf andere nur zugeht aus Angst vor dem Tod. – Das wäre s e h r wenig, oder? Ungehfähr die Situation des Menschen, der verzweifelt ins All winkt und Botschaften rausschickt, weil er nicht allein sein will, in diesem endlosen Universum.

    Wenn es sich zwanglos ergibt, habe ich nichts gegen eine weitere Verfolgung des Themas “Rollenspiel und Identität” einzuwenden, wir werden sehen.
    Dank für die Anregungen und die gemeinsame Lektüre,

    Schöne Grüße,

    Helmut