Petri Tamminen „Verstecke“

Januar 7th, 2007

Petri Tamminen: “Verstecke”, aus dem Finnischen von Stefan Moster, Frankfurt am Main 2005, die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel “Püloutujan maa” bei Otava in Helsinki, 99 Seiten, 15 Euro

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versteck Verstecke – wer bräuchte sie nicht?
Nur: gesteht man sich’s ein, ist man sich dessen noch bewusst?
Verstecken sich nicht nur Kinder? “Eins zwei drei vier Eckstein, alles muss versteckt sein…”
Worum geht es bei den Verstecken? Was ist ein Versteck überhaupt?
Ein Versteck ist ein zumindest kurzzeitig geschützter Raum.

Schutz, eine Auszeit, die Suche danach, gar Trost – und sei´s nur durch eine Weile Alleinsein – das klingt, je moderner respektive globaler die Zeiten werden, desto weniger als ein bloß kindliches Verlangen.

“Wie schön ist das Licht des Frühlingsabends, wenn es durch die staubigen Fenster scheint und wenn dazu in den Ohren das hoffnungsvolle Summen Tausender von Büchern klingt.” (S. 86 f.)
Wo kommt ein solcher Satz her? Was schlägt er für einen Ton an?

Ein poetischer Kinder-, ein Märchenton? Erzählung oder Parabel? Prosagedicht? Alles nicht so ganz. Ein wenig scheint manches was Tamminen schreibt aus dem Geheimnis zu kommen. Welches wäre sein Geheimnis?

“Macht nichts, dass er seine Frau betrogen hat, aber warum hat er sich selbst betrogen? Er will weg. Er will barfuß übers Eis nach Tallinn rennen und die Spuren hinter sich verwischen.” (S. 61)
Er berichtet vom Betrug anderer und vom Selbstbetrug. Er erzählt von Ängsten, von der Unvollkommenheit der Welt und dem damit verbundenen Bedürfnis nach Schonung – verdient oder unverdient.
Er schreibt von der Unreinheit der handelsüblichen Welt, von ihrer mangelnden Heiligkeit – und von unseren – daraus resultierenden? – Versehrtheiten. (S. 61 ff. z. B.)
Und wer versehrt ist oder es zu werden droht, der sieht sich nach Verstecken um. Dessen Wahrnehmung ändert sich, er sucht nach Seitenwegen und vielleicht Ausreden, will Spuren verwischen.
“Läßt sich jemand in einen Jahrzehnte zurückliegenden Sommer zurücksinken?” (S. 60)
Was ist das für eine Frage?
Ist das eine Frage von irgendeiner Relevanz?
Oja! – in einer anderen Welt als derjenigen, die nur auf Kosten-Nutzen-Relationen abgestellt wäre. Aber wo darf die noch existieren als vielleicht innen – und da ganz weit hinten?
“Verstecke” mag manches sein, es ist jedenfalls eine Kritik der gleichgültigen Welt. (Vgl. S. 64) Ihre Teilnahmslosigkeit ist dem Empfindsamen ein Affront. Ja mehr: Ein Riss in ihr.
“Ein vernünftiger Mensch wird nicht genervt und dann fuchsteufelswild. Er wird bedrückt. Die Bedrücktheit ist ein Versteck. Bedrücktheit befreit.” (S. 64)
Was ist das für eine Weltsicht, die Zuflucht wenn nicht im Negativen, so im Paradox sucht?
“Die Bedrücktheit” ist eines der zentralen Stücke des Buches. Es macht den Abstand deutlich, aus dem heraus hier geschrieben wird. Und der ist groß. Er sieht die Menschen und ihr Tun von weitem. Das lässt ihn zu Passagen wie folgender kommen:
“An diesem Tag und in dieser Situation, wenn alles gut geht, sehnt sich der Mensch nicht mehr nach Schutz und nicht mehr nach Verstecken. Er sehnt sich nur nach Licht und harten Wahrheiten. Er sagt sie sich selbst vor: Singt keine Choräle und bereuet nichts, sondern wundert euch und schämt euch dafür, dass eure Mutter keine Liebe mit einem schwarzen Mann erfahren hat.” (S. 65)
Tamminen hat ein Buch geschrieben, das man ob des geringen Umfangs schnell lesen könnte. Aber nicht sollte. Es ist zu dicht. Es braucht etwas Ruhe und Luft zum Atmen. Es spricht Vergessenes an und wühlt wie ein Kind mit einem langen Stock im Weiher trüber Alltäglichkeit. Es braucht einen Echoraum.
Wer es schnell liest, macht etwas grundfalsch. Verschenkt es, wirft es weg, gibt seine Botschaften verloren.
“Lemminkäinen fickte, trank und zertrümmerte Brustbeine, doch verstecken konnte er sich nicht.” (S.66)
Kurze, harte, nur scheinbar einfache Sätze. Manchmal Sätze wie Schläge.
Ist es ein Zurückschlagen? Lemminkäinen scheint ja ein starker, aber gerade deswegen defizitärer Typ zu sein.
Auch die einzelnen 42 Texte sind ja kurz – aber nach einer Weile merkt man: Sie haben exakt die richtige Länge.
Es sind merkwürdige kleine Erzählungen, in die, sentenzähnlich eingewoben, gesagt wird worum es geht: “Hält sich der Mensch, der sich versteckt, auf der Terrasse des Sommerhauses oder im Schuppen auf, fühlt er sich einen Nachmittag lang wohl. Am Abend sehnt er sich woanders hin, in ein neues Versteck. Er will sich immer selbst verlassen, bevor andere dazu kommen, es zu tun.” (S. 69 f.)
Die Melancholie oder wie Tamminen sagt, die Bedrücktheit, das Wissen um sicheren kommenden Verlust als grundierendes Lebensgefühl?
Es wird die Welt aus der Sicht desjenigen gezeigt, der ihr ein wenig abhanden gekommen ist. Desjenigen, der die Peripherie sucht – und in ihr Schutz, Deckung, Auszeit. Die Peripherie birgt also das bedrückte Glück des Melancholikers, der der Schonung vor der andrängenden, unflätigen und ungerechten, der teilnahmslosen Welt bedarf? Von der Seite kommt einen die Frage an, ob es zu weit ginge, dieses Büchelchen als Anti-Globalisierungswerk zu lesen. Vielleicht. Jedenfalls handelt der Autor vom Beiseitetreten, vom Randbereich, vom Bedürfnis nach der Flucht ins Kleine, Unscheinbare, Nebensächliche. Man kann in dieser tolldreisten, unklaren, aufdringlichen Umgebung den berechtigten Wunsch bekommen, momentweise zu verschwinden, kleine Eigen- und Nebenwelten zu betreten und in ihnen seine angefressenen Batterien aufzuladen so gut es eben geht.
Einfach kurz wegtauchen aus dem drückenden Strom der übermächtigen Anforderungen.
Wo werden derart kleine Zurückgezogenheiten möglich?
Nahezu überall, meint Tamminen.
“Bis auf die Rückbank des Personenfahrzeugs reichen die Gefahren. (…) Wenn das Auto über eine dunkle Autobahn saust und man sich auf den Vordersitzen unterhält, hat der auf der Rückbank das herrliche Gefühl zu verschwinden.” (S. 72)
Oder:
“Als Versteck kann es auch schon genügen, unbemerkt in der hinteren Ecke einer Reparaturhalle zu stehen, den betörenden Duft von Schmieröl einzuatmen und dem zuverlässigen Klicken der Werkzeuge und den Reden der Männer zuzuhören: ´Willste den verkaufen, weil du ihn so großartig herrichten lässt?” (S. 72)
Und was passiert im Versteck? Was geht vor im Abseitigen, in den vergessenen Gelassen und Hinterzimmern? “Immer stellen sich Gedanken ein, an die man im Alltag nicht herankommt, lebensbejahende kostbare Gedanken.” (S. 77)
Eine der großen Zumutungen der Welt ist die, dass man nur ein einziges Leben zur Verfügung hat. -
Das schreit zum Himmel!
Eine gottverdammte Ungerechtigkeit.
Und: Was für eine Verschwendung!

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finnland Diese Zumutung sucht der Versteckliebhaber mit der Phantasie des Zigarettenholens zu bannen. Im Stück “Das neue Leben” wird das ausgeführt: Mal eben unter geringem Vorwand die gemeinsame Wohnung verlassen – um nie wiederzukehren und das Versprechen eines neuen Lebens einzulösen. “Die Welt ist groß genug, ein neues Leben lässt sich darin schon anfangen, und sei es als schwedischer Fährschiffer oder norwegischer Waldarbeiter.” (S. 75)

Eine Phantasie, die den Trost des Verschwindens in einem anderen Leben auskostet, das ebenso wie tausend andere das eigene sein könnte.
Und wie findet man Verstecke?
Seite 66 f. verrät: “Wer gefragt ist, Ratschläge für ein Versteck zu erteilen, der soll den Menschen, der sich verstecken will, so weit wegschicken, dass er unterwegs Zeit hat, viele eigene Entscheidungen zu treffen.”
Der Autor erzählt von der Poesie abseitiger Räume und vielleicht auch abseitiger, ganz normaler Menschen.
Er erzählt davon, wie man im Kleinen die böse Welt zum Verschwinden bringen kann; versuchs- und ansatzweise wenigstens.

Tamminens “Verstecke” ist ein Nachfahr und entfernter Verwandter von Walter Benjamins “Berliner Kindheit um neunzehnhundert”.
Beide suchen mit fremdem Blick nach den Schwebezuständen der Zeit; nach Räumen, in denen sich ihre notorischen und chronologischen Anforderungen auflösen in Augenblicke reinerer Gegenwart oder Erinnerung – oder auch noch ins Schweben zwischen diesen Schein-Alternativen.
Beeindruckend, mit welcher traumwandlerischen Sicherheit der Erzähler agiert – kein langes Buch, aber ganz bestimmt ein gereiftes, das seine Zeit brauchte. Sympathisch, dass es nicht appelliert, sondern vor Augen führt. Und dadurch aufrührt.

Dem Leser werden seine Verstecke, wird sein Bedürfnis nach solchen bewusst.
Unterstützung und Ermutigung allerdings, so ist sich der Autor sicher, wird der Mensch, der sich versteckt, bei den Mitmenschen, ja selbst bei Ehepartnern, vergebens erwarten. Der Mensch, der sich versteckt, muss sie sich aus Büchern holen. (Vgl. S. 82)
Ebenso pessimistisch – oder sollte man schreiben ´realistisch´? – wird das Familienleben beurteilt. (Vgl. S. 85)
Doch den Büchern ist ein eigener Text gewidmet. Darin werden sie als Schutzräume gepriesen: “Mit einem guten Buch gelangt man vom Wohnzimmersofa aus durch das Belüftungsfenster in der Küche direkt zum Torfabbau im Hämeenklima der 50er Jahre. (…)” (S. 92) So sind die Bücher stets auch Traumräume und der Tagtraum wieder Flucht- und Versteckmöglichkeit.
Was aber, wenn man nicht ins Versteck kommt?
Ähnlich wie in Benjamins Denkbildern gilt in diesem Fall der Vorschlag der Konzentration auf´s Detail. Denn eines geht bei Tamminen Hand in Hand: Versteck und Flucht.

Das letzte Stück, “der Meister der Verstecke” handelt davon.
Dort heißt es, dass man sein Versteck nicht findet, wenn man erst im Zeitpunkt der Not zu suchen beginnt. (Vgl. S. 98) Der wirkliche Meister würde sich ein Reihenhaus kaufen und Normalität mimen – um in einer Art Geheim- oder Doppelexistenz unerkannt zu bleiben.
Tamminen schlägt also vor, rettende Zwischenböden in die so genannte ´Realität´ einzuziehen. Zwischenböden, Fluchtstufen Nebenräume – wer bräuchte sie heute nicht?
Einen ironischen ´Ratgeber´ hat der Autor da geschrieben, denn im Gegenteil zu den Ratgebern, die im besten Fall anpassen wollen, will er Sand ins Getriebe streuen. Nicht Anpassung, sondern heimliche Verweigerung ist sein Alternativprogramm: Ausbrechen, sich Fortstehlen, die Spuren verwischen.

6 Antworten to “Petri Tamminen „Verstecke“”

  1. 1 ewu simpel
    Januar 28th, 2007 at 4:11 pm

    hallo!

    für einen notorischen realitätsflüchtling wie mich war dieses buch eine offenbarung.

    ich kann dir in allem nur zustimmen.
    deine lesart ist richtig und und du hast dein verständnis in schöne, passende formulierungen bringen können.

    ein buch, das man immer wieder hervorholen wird, das mehrmaligem lesen standhält, ja, erst bei wiederholter lektüre seine ganze ungeheurlichkeit preisgibt – in den detailsatten beobachtungen, den humorigen charakterschilderungen, der ganzen phänomenologie der verstecke, seien es nun reale orte, mentale zustände oder verhaltensweisen.

    ein brevier für alle, die sich nicht heimisch fühlen, ob in der welt, bei sich selbst oder den menschen, und die trotzdem so etwas wie heimat, wohlsein, beisichsein suchen.

    das buch hat mich erreicht, dort abgeholt, wo ich mich befinde, nicht immer, aber oft. es hat auf mich eine wirkung ausgeübt, wie es sonst nur melancholische musik schafft, etwa die eines jean sibelius (auch ein finne, oder?). an manchen stellen fühlte ich mich qualvoll glücklich, auch darüber, daß es noch jemanden gibt, der sich über etwas so beiläufiges, kleines und doch so elementares mitteilt wie das sonnenlicht, welches auf einzelne sandkörner fällt (60) oder luftblasen auf der strömung eines kleinen baches (94). es gibt viele dutzend solcher beobachtungen, in den miniaturen verstreut wie kleine juwelen visueller genauigkeit und mit einer schärfe, die die beschriebenen dinge zugleich real und irreal zugleich erscheinen lassen. auch dies ein geheimnis der erzähl- und schreibweise des autors – und der kongenialen arbeit des übersetzers.

    du erinnerst an benjamin, was richtig ist.
    auch sprichst du von einem anti-globalisierungswerkchen, was sicherlich zu hoch gegriffen ist. ich dachte unwillkürlich an ilma rakusas “langsamer”. damit hat es sehr viel gemeinsam. auch tamminen versucht sich an einer entschleunigung, allein durch seine sprache und die gegenstände, auf die er sie richtet.

    was mir etwas zu kurz kommt bei all der not, die uns zum verstecken zwingt: das spielerische. es gibt einige hinweise darauf, das schon, aber der tenor sind doch die versehrtheiten durch eine brutale welt, wo pflichten, anforderungen herrschen und der “unschöne wettbewerbsgeist” (41) alles zärtliche zuschanden macht. das alles zwingt uns, zwischenböden einzuziehen, wie du richtig und treffsicher geschrieben hast. aber gibt es nicht auch das verstecken aus einer lust an der abwechslung heraus, ein verstecken aus einem grundsätzlichen ironischen vorbehalt dem leben gegenüber, dem verstecken aus der einsicht heraus, daß auch die welt nur eine bühne ist und alles ein spiel mit requisiten (33). tamminen spricht auch das an, aber ich meine doch, daß die bedrücktheit, das nicht-zurechtkommen als grundgefühl vorherrscht, was den fluchtimpuls bei uns auslöst und verstecke aufsuchen läßt. liege ich da falsch?

    als homo ludens, der nicht weniger der welt abhanden gekommen ist als der homo melancholicus tamminen’scher provenienz, will ich mich nicht nur verstecken, weil ich es nicht mehr aushalte, aus existenzangst also, sondern auch um die freiheit des anderssein-könnens zu genießen. ist das allein eine frage des unterschiedlichen temperaments oder enthält das büchlein auch dafür etwas bereit? vielleicht hast du es ja herausgelesen.

    ich bin jedenfalls dankbar, das werklein aus meinem berg der ungelesenen bücher genommen zu haben, es jetzt zu kennen und zu wissen, daß ich mich bisweilen zwischen seinen deckeln verstecken kann.

    grüße,
    uwe.

  2. 2 ewu simpel
    Januar 28th, 2007 at 4:31 pm

    hallo!

    noch ein kleiner nachtrag.

    du sprichst von der verweigerung als alternativprogramm, welches dieses buch anvisiere: degagement statt engagement!
    woran erinnert das?
    an welche literarische figur?
    bartleby, wenn ich mich nicht irre.
    kann man so weit gehen?

    ist in dem buch von tamminen eine existenzweise beschworen, die allein aus und in der verweigerung lebt?
    geht es nur ums verborgen-sein, um verzicht, letztlich auch um den verzicht auf leben, wenn man bartleby als möglichen subtext zugrundelegt?

    ich denke nicht.
    verzicht, verweigerung, das versteckbedürfnis der bedrückten weltflüchtlinge – all das ist durchaus gegeben. aber eben auch noch mehr. es geht um ein innehalten (siehe rakusa), um ein beisichsein, um eine arbeit gegen das vergessen, um die freiheit, die im rückzug liegt. das führt, denke ich, über bartleby hinaus. und doch denke ich, daß die figuren aus tamminens erzählwelt etwas von der haltung dieses exemplarischen verweigerers mitbekommen haben.

    grüße,
    uwe.

  3. 3 Helmut
    Januar 30th, 2007 at 10:45 am

    Lieber Uwe,

    es freut mich, dass Dir der Tamminen derart gefallen hat! – Offenbarungen erleben wir ja vielleicht nicht allzu oft. Ist vielleicht einfach nicht die Zeit dafür?
    Dein Tamminen-Kommentar war der leidenschaftlichste und emotionalste bisher und ich finde es gut, dass Du den Mut hast das auch so zu äussern und nicht das modisch-kühle Rührmichnichtan-Mäntelchen der Coolness umzuhängen versuchst.
    Die Assoziation an Rakusas “Langsamer!”-Buch kann man haben, das passt. Mir scheinen das Reaktionen zu sein auf das Immer-weniger-Lebenswertmachen der Lebenswirklichkeit. Die Menschen passen zu großen Teilen wohl immer weniger in diese unwirtliche Wirklichkeit. Sie wehren sich, vertecken sich, werden krank oder verrückt.
    Hier das Spielerische – das zumindest ist ein Thema, das Du als Generalbaß bläst?! – ins Feld zu führen, ist verständlich, kann aber nur aus einer Position des relativen Luxus heraus geschehen. Einer Position, die nicht allzu viel von Daseinskampf und seine Haut zu Markte tragen weiss. Wohl dem, der´s kann.
    Doch wie frei – was immer man darunter versteht – ist das Anderssein?
    Und wie kokett, wie narzißtisch, wie…?
    Sicher, das Verstecken aus Freiheit ist eine hübsche Komponente. Tamminen scheint mir da näher an Dringenderem.
    Und Bartleby?
    Zwar möchte er lieber nicht, aber warum?
    Seine Gründe bleiben völlig im Dunkeln. Glücklich wirkt er jedenfalls nicht. Ganz im Gegenteil. Wie von einem bösen Zwang getrieben, wie mit einer Krankheit zum Tode behaftet, schon mehr pflanzlich als menschlich. Bartleby bleibt völlig rätselhaft. Das wird nicht zuletzt sein, was ihn so stark und auch heute noch faszinierend macht. Aber in Bezug auf ihn kann man doch kaum von Innehalten und Beisichsein sprechen, er ist ein Besessener, handelt kaum aus Freiheit, führt ein mieses Leben.
    Was aber in Deutlichkeit an ihm vorexerziert wird ist, wie es einem ergeht, der nicht ganz der Norm entspricht, der sich außerhalb der Gemeinschaft stellt: Er wird ausgestoßen und selbst vom Geduldigsten und Verständigsten gnadenlos abgestraft. Einer der nicht in diese Welt passt und dafür noch nicht einmal trftige Gründe liefern kann oder will, der fällt aus ihr heraus.
    Wenn Du schreibst: Etwas von der Haltung Bartlebys mitbekommen, dann würde ich sagen: Ja, kann man sagen. Weiter würde ich die Parallele nicht ziehen wollen.
    Denn Bartleby tut zwar nicht mit, aber aus welchem Grund? Die Gründe bei Tamminen sind greifbar.
    Die Welt setzt uns massiv unter Druck. Es bestehen massive Forderungen. Leben kostet Geld. Das Eigentliche wird verdrängt und weggeschoben, man lebt ein entfermdetes Leben. – Da kann die Lust, ja das Bedürfnis, sich dem zu entziehen, durchaus einmal aufkommen. Ja es wäre Zeichen eines Rests Gesundheit.

    Schöne Grüße,

    Helmut

  4. 4 ewu simpel
    Januar 30th, 2007 at 6:52 pm

    lieber helmut!

    hab’ dank für die ausführliche antwort.

    du hast recht, das spielerische ist etwas, dem ich schon des öfteren das wort geredet habe. richtig ist auch, daß man das leben nur dann unter einem ironischen vorbehalt betrachten kann, wenn man nicht permanent mit dem kampf um die subsistenzmittel beschäftigt ist. hinsichtlich der tamminen-texte und der darin entwickelten fluchtcharaktere mitsamt ihren spezifischen versteckbedürfnissen wollte ich mit meinem hinweis aufs spielen die möglichkeiten des sich-verbergens fortschreiben. ich verstehe das buch als ein offenes werk, das die leser fortsetzen können, wenn sie mögen, ein work in progress sozusagen. denn jeder hat seine ureigensten verstecke, und die motive sind nicht minder eigentümlich. bei all der not und der bedrücktheit, die tamminen schildert, wollte ich auf etwas wie muße und spielerische unverbindlichkeit hinweisen, die auch in eine art verstecken münden können. weil gerade dies meinem verstecktemperament und auch einem großen teil meiner lebenshaltung entspricht. es war also, um es kurz zu sagen, ein höchst persönlicher einwurf, der nicht einen mangel in tamminens buch offenlegen, sondern nur seine bunte palette der endogenen versteckkünstler um den spielerischen typus erweitern wollte.

    das tertium comparationis bei bartleby war für mich die verweigerung. aber sicherlich hast du in deiner beurteilung recht: die tamminen-figuren sind bei weitem nicht so rätselhaft und mitnichten verabschieden sie sich ohne grund von der welt. dies tun sie im übrigen immer nur auf zeit, bartleby am schluß dagegen für immer, indem er verhungert. letztlich ist er wohl ein lebens-verweigerer, wohingegen die tamminen-figuren auf zeit aus dem gewohnten leben aussteigen. trotzdem mußte ich bei einigen passagen unwillkürlich an melvilles kleines absurdes meisterstück denken. denn in diesem wie auch in einigen texten von tamminen sind es die anderen, die mit-menschen, die das verständnis für den sich verweigernden nicht aufbringen, diesen vielmehr fast militant verfolgen. auch darin sah ich eine parallele.

    doch genug des literaturhistorischen räsonnements. das buch ist viel zu originär als das man es vergleichen müßte, mit was auch immer. seine eigentliche originalität liegt ja nicht so sehr im thematischen als in der sprachlichen umsetzung. die lakonie, der bisweilen unterkühlte humor, die aberwitzigen vergleiche und steilen metaphernbildungen, aber auch die genauigkeit der charakterschilderung und die stupende fülle an einzelbeobachtungen – in all dem liegt meines erachtens der eigentliche reichtum des buches. und deshalb möchte ich noch ein großes lob an den übersetzer aussprechen. man merkt an keiner stelle, daß es sich um eine übersetzung handelt. gut so. weiter so.

    grüße,
    uwe.

  5. 5 Helmut
    Februar 1st, 2007 at 11:35 am

    Lieber Uwe,

    freilich: Die Hölle, das sind, wie wir wissen, die anderen.
    Ob das allerdings im Fall Bartlebys so mit Recht gesagt werden kann?
    Wo ist hier Henne, wo Ei?
    Zunächst verweigert ja Bartleby das, was gemeinhin als Usus, als Normalität angesehen wird. – Er stellt sich außerhalb des Konsens. – Man kann dann natürlich sagen: Die anderen sind nicht in der Lage, darauf entsprechend und für ihn passend einzugehen, aber das ist dann eine Frage des Blickwinkels. Der Erzähler es Stückchens ist ja durchaus ein verständnisvoller und nachgiebiger Mensch – aber sein Appell an die Vernunft und eine Art Gentleman Agreement kommt bei Bartleby nicht an.
    Die Erweiterung des Vergweigerungs-Kanons um den spielerischen Typus kann man gerne annehmen – könnte sich jedoch auch die Frage Stellen, warum gerade der bei Tamminen unterrepräsentiert ist! Ist da doch nicht ein ziemliches Quantum Kritik in der Abkehr?!
    Das Verstecken ist Selbstschutz, ist der Versuch der Bewahrung, dessen was einen ausmacht oder vielleicht rettet. – Um das nötig zu machen, muss es also bedroht sein. Ich finde, dass die so deutliche Formulierung mit diesem Titel schon auch im Thematischen originell ist – wenngleich mir die Umsetzung, Du hast das ja beschrieben, sehr gut gefallen hat. Er hat es sehr einfach gemacht, sehr greifbar, letztlich auf einen Begriff gebracht, den des Verstecks. Kinder verstecken sich, diese übrigens durchaus spielerisch. Was sagt es über eine Zeit aus, wenn die Erwachsenen allenthalben Verstecke brauchen? Gut, man könnte sagen: War schon immer so… Müsste man Soziologen und Historiker ans Thema stellen, wenn man das klären wollte.
    Nun kenne ich mich denkbar wenig mit dem Finnischen aus, aber zustimmen kann ich insofern, als es für mich auch nicht spürbar war, dass es sich bei dem Buch um eine Übersetzung handelte – und das ist nicht selbstverständlich.

    Schöne Grüße,

    Helmut

  6. 6 ewu simpel
    Februar 2nd, 2007 at 7:48 pm

    lieber helmut!

    sicherlich wächst aus der bedrohung der gedanke der bewahrung, doch es muß doch nicht immer so ernst und existentiell zugehen, wie es das in den meisten der tamminen-miniaturen tut. dies soll keine kritik daran sein, vielmehr finde ich die art, wie er seine versteckfiguren schildert und sie ihre selbstschutzräume finden und “genießen” läßt, überaus gelungen.

    allein: es herrscht denn doch sehr viel existenzangst vor. all dies mag es geben und ich bin der letzte, der dies leugnen will. die vielfalt der exitentiellen zwangslagen kennt keine grenzen. und es fiel mir ja auch leicht, mich in den texten wiederzufinden. doch nicht alles muß aus der not geboren sein. in diesem sinne wollte ich meine ergänzung verstanden wissen.
    damit soll es auch gut sein.

    grüße,
    uwe.