Werner Schreib „Gott raucht nicht – er braucht Pudding“

Januar 7th, 2007

Werner Schreib: „Gott raucht nicht – er braucht Pudding“, aus der Reihe „Randfiguren der Moderne“, hrsg. von Karl Riha und Franz-Josef Weber, Hannover 1991, 150 Seiten, 4,95 Euro

Bild von morguefile.com: rosevita

cake Wirklich befriedigt wird man das Buch nicht beiseite legen – amüsiert und evtl. angeregt aber schon. Ohnehin stand es von Anfang an zu befürchten: Das beste an dem Buch ist der knallige Titel – aber der ist doch wirklich klasse, oder?!
Was hat man hier vor sich?
Ein neongelb und schwarz eingebundenes, kartoniertes Buch.
´Werner Schreib`? – Nie gehört!
Man darf also neugierig sein.
Auch das Bild auf dem Titel originell und wild – es erinnert etwas an Yves Kleins Sprung aus dem Fenster auf die Strasse im Jahr 1960, nur diesmal von unten fotografiert.
Aber schon das erste Aufschlagen des Bändchens enttäuscht ein wenig: Konkrete Poesie, die sich in der Geschwindigkeit eines Tischfeuerwerks verbraucht, auch Listen – Serielles also, Zitate und insgesamt viel weißes Blatt.

Die Gedichte sind teils mäßig witzig, vieles wirkt pennälerhaft, albern oder platt, Scherze, manches auch nur abstrus oder sagt man freundlich: Experimentell? Auffallend, die vielen sexuellen Anspielungen. (Z. B. S. 23)
Zudem wird man auf Schritt und Tritt an bereits längst Bekanntes erinnert. Gleich auf S. 7 an Kurt Schwitters Ursonate. Die wenigen beigegebenen Fotos lassen von Ferne an Man Ray denken.
Ob einem wahnsinnig viel entgangen wäre, wenn man diesen Einblick in das Werk Werner Schreibs nicht genommen hätte? Kaum. Bei Vielem fragt man sich warum das wohl geschrieben oder dann gar veröffentlicht wurde, bei fast allem fällt einem die Zeitverhaftetheit auf: Typisch Sechziger.
Schreib war Maler, Graphiker und Zeichner. Der vorliegende Band sagt im Klappentext von sich, dass er „erstmals umfassend und in allen ihren stilistischen Schattierungen“ seine literarischen Arbeiten „allgemein zugänglich“ macht.

Erst im Nachwort von Riha wird einem mitgeteilt, dass Schreib, 1925 geboren und zunächst Soldat, bereits am 20. September 1969 nahe Lorsch durch einen Autounfall starb. Er, der Autofahren hasste!
Schwitters war noch weitgehend unediert und entsprechend wenig bekannt und auch die heute doch längst gähnlangweilige Konkrete Poesie steckte noch erst in den Kinderschuhen, als Schreib seine Sachen zu Papier brachte. – So mag die etwas abgestandene Wirkung auf den heutigen Leser ihren Grund lediglich in seinem Zuspätkommen haben, aber man darf und muss sich doch fragen, was das was man in den Sechzigern so verbrochen hat uns heute noch zu geben vermag, außer dass man dieses rührend und jenes putzig findet. Vielleicht dies: Den Mut, den man hatte, den Mut zum Experiment, zum Ausprobieren, den, die Kunst vom Sockel zu holen. Vielleicht auch den, Slogans zu äußern und auch den, auf diese Weise Subalternes zu produzieren, das nicht über den Tag hinausreichte, aber die Stimmung der Zeit widerspiegelt, von Aufbruch zeugt, vielleicht von – heute merkwürdig berührend – Beschwingtheit und guter Laune.
Schreib rieb sich an den Größen der Dreissiger – Kurt Schwitters, Max Ernst – ihn lernte er 1959 persönlich kennen, Paul Klee. Auch Alexander Kluge kommt vor – in Happening-Entwürfen. Schreib hat seit 1950 Happenings veranstaltet – das Happening, eine Kunstform, von der die heute Jüngeren kaum noch wissen dürften, um was es sich überhaupt handelt.

Ganz interessant, dass mit „Der Mond ist tot“ (S. 107) eine zeitgenössische Reaktion auf die Mondlandung durch die Amerikaner vorhanden ist, ganz witzig auch die Phantasie der Merz-Brigaden, die wieder an Schwitters angelehnt ist. (S. 113- S. 116)
Insgesamt viel Sprachspielerei, aber wenig, was man für bedeutend halten wird.
Aber teuer ist das Büchelchen auch nicht – es steht dem Kennenlernen und Bilden des eigenen Urteils nichts im Wege. Schön ist das Buch nicht – fast im Stil der Zeit gehalten. Gut gemacht auch nicht: Klappt man es auf, ist vorne der schwarze Umschlagdeckel eingerissen und hinten der Kleber zwischen letzter Seite und Umschlag herausgequollen. Unklar bleibt auch, warum von Seite 52 bis Seite 95 keine Seitenangaben zu finden sind – die davor und danach durchaus begegnen.
Insgesamt mehr Klamauk als Dichtung und mehr Ausprobieren als Ergebnis.
Als Maler mag er von anderem Format gewesen sein.

4 Antworten to “Werner Schreib „Gott raucht nicht – er braucht Pudding“”

  1. 1 Enrico Ghidelli
    Mai 20th, 2008 at 2:04 am

    Guten Tag!

    Der Grund, “(…), warum von Seite 52 bis Seite 95 keine Seitenangaben zu finden sind (…)”?

    Es sind m.W. 1:1-Abbildungen der im Nachlass gefundenen, unpaginierten Original-Blätter. Sie bilden ein Ganzes: den ‘Ideographischen Bericht 1967′, veröffentlicht 1985 von K. Riha und S.J. Schmidt in Siegen unter dem Titel ‘Gott raucht nicht / er braucht Pudding’ als Nr. 4 in der Reihe ‘experimentelle texte’.

    Freundliche Grüsse aus der Schweiz,

    Enrico

    PS: Die technischen Mängel der ‘neongelben’ Ausgabe von 1991 kenne ich nicht – mein Exemplar ist (vielleicht zufälligerweise) bestens beieinander.

  2. 2 Helmut
    Mai 20th, 2008 at 6:10 pm

    Hallo,

    haben Sie vielen Dank für den Hinweis! – Mir war das neu – und, so weit ich mich jetzt erinnere, auch aus dem Buch selbst nicht ersichtlich?!

    Schöne Grüße in die Schweiz,

    Helmut

  3. 3 Enrico Ghidelli
    Mai 20th, 2008 at 8:08 pm

    Guten Abend Helmut

    Yep, das neongelbe Buch weist nicht auf die 1985er-Ausgabe hin (obwohl Karl Riha Mitherausgeber beider Werke war).

    Gruess,

    Enrico

  4. 4 Helmut
    Mai 23rd, 2008 at 11:03 pm

    OK, danke – will die Tage auch mal Deine Seite näher ansehen, auf den ersten Blick sah sie interessant aus.

    Schöne Grüße,

    Helmut