Anne Fadiman „Ex Libris. Bekenntnisse einer Bibliomanin“

Januar 14th, 2007

Anne Fadiman: “Ex Libris. Bekenntnisse einer Bibliomanin”, aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz, München 2005, 203 Seiten, 18,80.- Euro; die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel “Ex Libris. Confessions of a Common Reader” in New York

Bild von morguefile.com: nasirkhan

feuerwerkDieses Buch zu lesen ist wie ein Glas guten Champagner zu trinken.
Es atmet Arno Schmidts Bonmot: “Es gibt keine Seligkeit ohne Bücher”; nur völlig ohne die Verbiestertheit, ohne das aggressive Moment, ohne das Zurückziehen in die Heide, die man bei Schmidt assoziiert.
Dieses kleine Buch ist ein Fest.
Es ist eines der sprichwörtlichen Bücher, die man gerne weiter und immer weiter lesen möchte, die einfach zu kurz geraten sind. Denn es teilt das mit, was seine Autorin wohl mit Büchern erlebt, für sie empfindet und durch sie empfängt: Glück. Ein großes Wort, sicher, aber hier darf es stehen. Und sie vermittelt das Glück. Das Glück des Lesens, des Büchersammelns, das Glück einer großen Bibliothek (ja, die Last, die das auch bedeutet bleibt nicht unerwähnt, aber trotzdem…!), das Glück ein Sprachbesessener in einer sprach- und bücherbesessenen Familie zu sein (was auch so seine Blüten treiben kann – etwa die des zwanghaften Korrekturlesens – auch von Speisekarten -, jedoch eine Marotte, unter der der Autor zugegebenermaßen selbst leidet). Jedenfalls ein Bändchen, das man immer wieder gern in die Hand nehmen und das eine oder andere Kapitel darin lesen wird.
Wer ist diese Anne Fadiman?
Der Klappentext lässt einen wissen, dass sie die Tochter des Schriftstellers und Gründers des berühmten “Book of the Month Club”, Clifton Fadiman ist. Dieser, Sohn russischer Einwanderer und Tausendsassa, gehörte in den Fünfzigern zu den populären, witzigen und geistreichen intellektuellen Typen des Fernsehens. (Mehr über ihn ist bei www.wikipedia.de nachzulesen) Man erfährt, dass seine Tochter für ihr Sachbuch “The Spirit Catches You und You Fall Down” 1997 mit dem National Book Critic Circle Award ausgezeichnet wurde, und dass sie Herausgeberin der Zeitschrift “The American Scholar” ist und in “The New Yorker”, “Harper´s Bazaar”, “Life” und der “New York Times” schreibt. “Ex Libris” wurde in den USA über 100.000 Mal verkauft (das ist zweifellos ein Erfolg – für so ein großes Land mit so vielen potentiellen Lesern allerdings ist das eine erschreckend niedrige Anzahl für so ein tolles Buch) und wird in 13 Sprachen übersetzt.
Wunderbar an dem kleinen Werk ist, dass es so lebendig ist, nicht nur in Bezug auf das Geschriebene und den geliebten Gegenstand, sondern auch durch seine Selbstironie und den Sprachwitz. Hier dürfte auch der Übersetzerin Melanie Walz ein großes Kompliment zu machen sein. An keiner Stelle hat man das Gefühl, eine Übersetzung zu lesen. Das Buch erinnert an Sartres “Die Wörter”. Ob das ein stichhaltiger oder guter Vergleich ist? Man müsste ihn überprüfen, es ist sehr lange her, dass ich “Die Wörter” gelesen habe, aber es erinnerte daran. Und das ist, auch wenn man berechtigte Vorbehalte gegen Sartre hat, ein großes Lob, denn “Die Wörter” ist ein grandioses Buch.
Fadimans “Ex Libris” ist von einer Beschwingtheit und Leichtigkeit, die man schon eine Weile nicht mehr in einem Buch gefunden hat. Sie versprüht Lebens- und Lesespaß.
Sie tut es auf 200 Seiten in 17 Kapiteln nebst Vorwort und Danksagung sowie Lektüreempfehlungen. Und sogar ein Personenregister gibt´s!
Das Buch selbst ist in feines rotes Leinen gebunden (was freilich an Wagenbach erinnert) und trägt die Silhouette eines Herbstblattes, das Verlagssignet, auf den Vorderdeckel geprägt. Es hat, was überaus angenehm ist, flexible Deckel und ein gleichfalls rotes Lesebändchen und rote Kapitälchen. Ob ich den weißen Schutzumschlag so recht gelungen finde weiß ich nicht, aber an ihm muss man sich nicht stören.
Diesem vor Heiterkeit und guter Laune strotzenden, gelungenen Buch sind möglichst viele Leser zu wünschen, vor allem auch weil es etwas Ansteckendes hat: Es macht Hunger auf Buchstaben, auf Bücher, auf Sprache, es vermittelt das Glück, das der Umgang und das Leben mit Büchern bedeuten kann. Und es tut dies auf vollkommen unverkrampfte Art.

Es geht hier nicht um das mit-dürren-grauen-Spinnenfingern-Bücherrücken-mit-dem-Richtscheit-im-Regal-ausrichten und sie vor dem Licht zu schützen oder dergleichen lebensfeindliches, woran man beim Wort “Bibliomanie” denken könnte – irgendetwas Krankhaftes also. Vielmehr dürfen bei ihr und ihrer Familie die Bücher der alten Trollope-Ausgabe ihres Vaters von den Kindern auch als Bauklötze benutzt werden. Händewaschen vor dem Bücherbenutzen? I wo! Bücher sind zum ´kaputtlieben´ da.
Es ist ein Buch über die Gefühle zu Büchern, über das Leben und das Älterwerden mit ihnen. Darüber, was sie für uns bedeuten (können) und wie sie unsere Einbildungskraft füttern und beflügeln, wie sie von klein auf an dem was wir “ich” zu nennen gewohnt sind, mitformen. Es geht also auch darum, Bücher nicht als x-beliebige Gebrauchsgegenstände wahrzunehmen.
Sie schreibt: “Als mein Sohn acht Monate alt war, konnte man allen Erstes von ihm behaupten, dass er Literatur verschlang. Wenn man ihm ein Buch unter die Nase hielt, biss er hinein. Ein Teil von Henrys DNS wurde erfolgreich in die zernagten Seiten von “Gute Nacht, lieber Mond” integriert, und die fehlenden Ecken der Seiten 3 und 8 lassen ahnen, dass ein Teil von “Gute Nacht, lieber Mond” erfolgreich in Henry integriert wurden.” (S. 117)
Sie kennt sich in fremden Kühlschränken aus und bekommt nach gelesenem Essen in einem Roman einen heißhungrigen Appetit, den sie gern auch im Bett befriedigt. (Vgl. S. 121 f.) Freilich gibt es auch Negativ-Beispiele wie die Orcas, deren wählerisch-verspielte Art des Fressens und mit ihrer “Nahrung” – Robben oder anderen Walen – umzugehen, auch in dem Film “Deep Blue” auf ebenso beeindruckende wie gruselige Weise zu sehen ist. (Vgl. im Buch S. 122)
Sie vertritt die These, dass es in jeder Bibliothek ein ´Kuriositätenkabinett´ gäbe und nennt ein paar einschlägige Beispiele, zugleich gesteht sie, dass ihres Literatur über die Polargebiete enthält, was eine einsame Sache und kein Gesprächsthema für Cocktail-Partys sei. (Warum eigentlich nicht?) Dort findet sie eine Liste erträumter Mahlzeiten der Polarforscher und ihr fällt auf, dass es wohl viele Süßspeisenliebhaber unter ihnen gäbe. (S. 124) Der Grund dafür liegt allerdings auf der Hand: Es wird der akute Kohlehydratmangel sein, der die Männer sich nach Süßem sehnen lässt. Unter den Polarforschern hat sie ein Faible für die scheiternden Engländer, die zwar Stümper aber vollendete Gentlemen seien. (S. 38 f.) Kurios ist denn auch, was sie von diesen berichtet. (Etwa S. 41 ff.) Ihr Mann nennt sie deshalb eine Romantikerin, das mag sein, jedenfalls ist sie eine phantasiesprühende, überaus unterhaltsame Erzählerin, die vollkommen überzeugend vermittelt, dass Bildung schieren Spaß bedeuten kann – egal wovon sie berichtet, sei es ihre “`Du bist dort´-Methode”, (vgl. S. 77) das Vorlesen (vgl. S. 159 ff.), das Thema Bücher-Unterbringung (vgl. S. 169) oder Antiquariatsbesuche am Geburtstag. (vgl. S. 179 ff.)

27 Antworten to “Anne Fadiman „Ex Libris. Bekenntnisse einer Bibliomanin“”

  1. 1 ewu simpel
    Januar 31st, 2007 at 7:23 pm

    lieber helmut!

    kürzlich las ich folgendes:
    “jeder leser ist einzigartig. diese einzigartigkeit lässt sich nirgends besser ablesen als in den besonderheiten und sonderbarkeiten seiner privaten bibliothek, die so etwas ist wie das intellektuelle genom eines jeden lesers. je größer die vielzahl und vielfalt der veröffentlichungen, desto einzigartiger die menschen, die sie lesen.”
    (gabriel zaid, so viele bücher)

    um so erfreulicher ist es, daß eine leidenschtliche leserin wie anne fadiman gleichsam ihre DNS offenlegt und öffentlich macht. es ist ein genuß, die einzelnen kapitel zu lesen und eine befriedigung zu wissen, daß es solche menschen gibt, die mit und in büchern leben, die ihre lebensgeschichte von büchern mitbestimmen lassen.
    das kleine werk ist ein beweis mehr, daß der manische leser ein homo sui generis darstellt, an dem man erkennen kann, was bücher aus uns machen.

    ich fühlte mich unmittelbar an das buch von daniel pennac “wie ein roman. von der lust zu lesen” erinnert. und wie ich dieses verschlungen habe, so habe ich mir auch das buch von fadiman einverleibt, mit dem gleichen ergebnis: der hunger läßt nicht nach, wird eher mehr.

    hab’ dank für den tip.

    zum schluß noch ein tip von mir, gleichsam als anschlußlektüre.
    ich lese gerade gabriel zaid, “so viele bücher. erstaunliches, kurioses und nachdenkliches rund ums lesen”. (siehe das zitat oben)
    auch dies ein leidenschafliches buch über bücher und alle, die ihr leben mit ihnen verbringen, ob nun als leser, verleger, händler, autor, bibliothekar oder als was sonst noch. sehr empfehlenswert.

    “und wer bücher kauft, der kauft sich seelen, / und die seelen können sich nicht wehren.” (joachim ringelnatz)

    in diesem sinne sollten wir weiter auf seelenfang gehen.

    grüße,
    uwe.

  2. 2 Helmut
    Februar 1st, 2007 at 12:09 pm

    Lieber Uwe,

    die Bibliothek als physiognomisch betrachtet: Gefällt mir. Allerdings: Wer tut das noch? Und wo kann man noch Privatbibliotheken finden?
    Es scheint mir kein Zufall, dass man hier zum “noch” neigt. – Und hat das womöglich mit der großen Zahl der Bücher über Bücher zu tun, die in der letzten Zeit erschienen sind? Die Fische, die nochmal leuchten, bevor sie sterben?
    Wie dem auch sei, es freut mich, dass es zu diesem Buch einen Kommentar gab!
    Pennac war mir in dem Zusammenhang auch eingefallen – man könnte noch manches aufzählen.
    Für den Tip zu Zaid besten Dank – ich kenne das Buch noch nicht.
    Habe aber schon einige Zeit ein anderes auf der Liste der begehrten Druckerzeugnisse: “Die Überlebensbibliothek” von Rainer Moritz.
    Du schreibst von “Hunger” – ist es nicht vielmehr Appetit?!
    Der wichtigste Punkt – und womöglich der kritischste – ist derjenige, die Lebensgeschichte von Büchern mitbestimmen zu lassen.
    Da könnte man einige Fragen anschliessen.
    Wie soll das aussehen?
    Warum soll das gut sein?
    Wofür soll es gut sein?

    Die Behauptung setzt voraus, dass Bücher mehr sind als andere Handelswaren.
    Dieser Mehrwert, worin soll der bestehen?

    Seelenkauf?
    Klingt ja schon beinahe verdächtig, klingt so nach Sklavenhandel.

    Du merkst: Ich mime etwas den Unschuldigen respektive den Advocatus diaboli.
    Trotzdem: Ein wichtiger Punkt.
    Sind Bücher in der Tat MEHR als nur Unterhaltung?
    Das sind – gute zumindest – ja immer auch.
    Aber sind sie mehr?
    Und worin liegt dieses mehr?
    Was machen sie mit uns?
    Machen sie uns aktiv oder passiv?
    (Keine unwichtige Frage!)
    Regen sie an oder auf?
    Nehmen sie mir Lebenszeit oder geben sie mir welche oder was machen sie mit der Zeit, die sie mir nehmen?

    Bücher sind ein Stück weit Zeitmaschinen.
    Man kann eine Art Gespräch führen mit lang schon Verstorbenen. – Und unterhält sich in deren Gegenwart vermutlich besser als im üblichen Smalltalk mit den meisten Zeitgenossen.
    Aber kann die Lesesucht – auch das gibts ja – nicht auch etwas Kritisches, Gefährliches sein? – Wie jede andere Sucht auch? Kann sie nicht lebensuntüchtig machen und verhindernd wirken?
    Auch wenn heutzutage andere Süchte en vogue sein mögen.
    Sind Süchte nicht, um an Tamminen anzuschliessen, krasse Verstecke?
    Oder das Anzeichen dafür, dass das Verstecken in einem Maße nötig war, dass es mit normaleren Mitteln nicht zu befriedigen war? Sucht als Super-Versteck? Dann geht auch das Verstecken immer auf Messers Schneide: Heilsam oder zerstörerisch.
    Man könnte das leicht länglich fortsetzen.

    Fröhliche Lektüre,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    Februar 2nd, 2007 at 8:54 pm

    lieber helmut!

    wie so oft bei dir: mehr fragen als antworten.

    das mit den büchern über büchern ist mir auch schon aufgefallen. ob das eine SOS-hilfs- und rettungsaktion ist, weiß ich nicht. der zaid gibt einige gute anregungen, über das spezifische des mediums buch nachzudenken. mit allem, was dazu gehört. vielleicht liest du es ja doch einmal, irgendwann.

    die vielen fragen, die du an den umgang mit büchern stellst: merkwürdig finde ich allein, warum du diese kritischen anmerkungen erst anläßlich meines kleinen kommentars machst und nicht, was viel naheliegender wäre, zu dem buch von fadiman selbst. in diesem äußerst sich doch eine manische leserin darüber, was bücher mit ihrem leben gemacht haben – ein intelligentes, sprachbegeistertes, witziges, selbstironisches menschenkind, was doch gar nicht so schlecht ist. warum also die fragen über wohl und weh der lesesucht nicht an das büchlein selbst stellen?

    im übrigen trifft deine invektive selbstredend den richtigen – und verfehlt ihn dennoch. ich komme vom buch nicht ab, diese sucht gönne ich mir. und wenn es mich lebensuntüchtig macht, was soll’s?! und überhaupt: tüchtig sein, wozu? um sich krumzulegen und dadurch besser in die kiste zu passen?!
    gibt es nicht auch ein recht auf lebensuntüchtigkeit? eine frage, die man auch mit tamminen stellen kann und mit der ich den advocatus mimen will.

    woran sollte mich die lesesucht hindern? am leben, mutmaßt du. aber wäre das leben ohne bücher nicht ein irrtum? wo sonst kann man noch eine solch ansteckende freiheit genießen als zwischen zwei buchdeckeln? eine bewegungsfreiheit, die sich wieder auf das leben auswirkt.

    alles kommt auf den leser an!

    den büchern kann man es nur bedingt anlasten, daß es mit dem leben jenseits von ihnen nicht immer klappen will.

    kenntest du den mehr-wert der bücher nicht, warum solltest du dann im eckfenster darüber berichten, wie schön und nutzbringend man mit einigen exemplaren einen teil seiner lebens-zeit verbringen kann? warum also immer wieder diese fragerei nach dem nutzen und nachteil der lektüre für das leben? welche offene wunde will sich da bei dir nicht schließen?

    ein weites feld.
    und wir müssen es nicht in diesem medium beackern. ohnehin werden wir immer wieder darauf zurückkommen. nur aufgefallen war es mir schon. deshalb die nachfrage.

    nichts für ungut.

    grüße,
    uwe.

  4. 4 Helmut
    Februar 5th, 2007 at 4:54 pm

    Lieber Uwe,

    also gut, der Zaid ist bestellt – trotz wenig Zeit und vieler Bücher in petto.
    (Die Amazon-Besprecher waren nicht so begeistert, einer fand das Buch total überflüssig. – Ich hoffe ich komme nicht zum gleichen Urteil.

    Deine Umkehrung von Mc. Luhans Einsicht: “Alles kommt auf den Leser an!” ist so eine Sache. Man könnte es sich einfach machen und zustimmen. Der Satz klingt ja auch verführerisch einsichtig. Dann klingt es aber auch wieder verdächtig nach einer Beton-Reklame vor 20, 30 Jahren : Es kommt drauf an was man draus macht.

    Es muss nicht alles aus der Not geboren sein: Alles? Muss? – So pauschal stimmt fast nichts. Insofern hast Du recht. Dennoch: Wird nicht das Meiste, gerade gute Literatur, meistens aus Not geboren?

    Vielleicht sind Fragen ja auch wichtiger als Antworten. – Warum sie nicht beim Buch gestellt wurden? Ich sah keinen Anlass.
    Fadiman versprüht Glück – warum mäkeln?

    Mit ausgestellter Lebensuntüchtigkeit hausieren gehen zu wollen und es auf das Kurzvideo einer X-Box-Werbung zu reduzieren, in der ein mit Überdruck geborenes Kind auf direktem Weg durch die Luft saust und mit Krachen im Sarg einschlägt, nach dem Motto: “Life is short – play fast”, das finde ich denn doch etwas, sagen wir, verkürzend.
    Tüchtig sein heisst sich Krummlegen, heisst besser – am Ende gar schneller – in die Kiste passen?
    Geht die Gleichung so auf?
    Das wäre doch eine etwas armselige Weltsicht. – Mit dieser Argumentation kann man ALLES aushebeln und entwerten – auch die Zeit zwischen Geburt und Tod. Im Grunde ist das Nihilismus.
    Natürlich kann man das Leben verlesen – und wenn man es sich leisten kann: Man kann Schlimmeres tun, klar, Unangenehmeres, Schädlicheres.
    Obs ein guter Tausch ist? Das müsste man sich selbst beantworten.
    Sins Süchte gut? Sind sie gesund?
    Und dann diese! – Auch noch eine anachronistische Sucht.
    Nicht dass man da stets Avantgarde sein müsste, aber damit würde man vielleicht im 18. Jahrhundert verstanden – heute aber?

    Na denn,

    Helmut

  5. 5 ewu simpel
    Februar 7th, 2007 at 7:54 pm

    lieber helmut!

    daß ich mcluhan umgekehrt habe, war mir nicht bewußt. ich kannte das zitat nicht. was daran an eine beton-reklame erinnert, ist mir nicht klar geworden. exlipziere dich!

    immer noch bin ich der meinung, daß es auf denjenigen ankommt, der seinen kopf in ein buch steckt – zu welchem ende auch immer. was spricht dagegen? warum können wir uns auf diesem gemeinplatz nicht treffen und frieden schließen?

    sicherlich ist unglück, not ein quellgrund guter literatur. dies zu leugnen, fiele mir nie ein, habe ich auch nicht getan. es war lediglich der hinweis, beim verstecken das spielen nicht zu vergessen, auch wenn die not groß ist. vielleicht gilt es gerade dann, eine distanz zu wahren. wenn es geht, und es geht nicht immer, das weiß ich selbst.

    den absatz mit dem kurzvideo ist mir rätselhaft geblieben, auch nach mehrmaliger lektüre. ich weiß nicht, worauf du anspielen willst. meine frage war in erster linie rhetorisch gemeint, so wie deine advocatus-fragen zuvor doch auch. ich wollte klarstellen, daß es beim lesen in erster linie nicht um verwertungs- und nutzungszusammenhänge gehen muß, daß sich der wert des lesens vielleicht auch erst später erweist, nicht unmittelbar nach jeder lektüre, womöglich erst am ende eines leselebens.

    und warum meine (provokativ gemeinte) frage nach einem recht auf lebensuntüchtigkeit dem nihilismus gleichkommt, ist mir auch nicht klar geworden. möglich, daß hier ein mißverständnis vorliegt. es geht mir dabei nicht um eine im weitesten sinne lebensverneinende weltsicht, sondern um ein wenig sand im getriebe, der selbiges weniger gut laufen läßt und dabei – bestenfalls – den blick wieder freigibt auf die eigenen wünsche, bedürfnisse, träume, sehnsüchte etc. meine dir nicht unbekannt sein dürfende insistenz aufs pausieren.

    auch geht es mir nicht darum, das leben gegen das lesen einzutauschen. das wäre absurd. das leben muß gelebt werden, und lesen hilft bisweilen dabei. einen dialog zwischen beidem herstellen – damit wäre schon viel erreicht.

    man schreibt das so leicht dahin: lesesüchtig! darin, in dieser leichtfertigkeit beim finden von formulierungen, will ich dir recht geben. vielleicht sollte man in der sache mit dem lesen seine worte besser und mit mehr bedacht wählen.
    von einer sucht kann man nicht lassen, sie liegt jenseits unseres verfügungswillens. in diesem sinne ist mein lesen keine sucht – ich kann es auch bleiben lassen. ich habe viele lesefreie zeiten.
    eher schon gleicht das einem suchtverhalten, was ich in büchern zu finden hoffe. doch darüber müssen wir nicht an dieser stelle korrespondieren.

    wenn lesen eine anachronistische sucht wäre, was ist dann deiner meinung nach die entsprechende gegenwartskonforme sucht? und ist die etwa weniger gefährlich?

    so richtig klar ist mir also nicht, was dein einwand gegen das manische lesen ist. was treibt dich denn zum buch? und was dazu, anderen – im eckfenser und anderswo – mitzuteilen, was du einer bestimmten lektüre verdankst?

    so viel dazu!

    herzliche grüße,
    uwe.

  6. 6 Helmut
    Februar 11th, 2007 at 6:16 pm

    Lieber Uwe,

    tja nu – ich weiß gar nicht so recht ob ich en detail auf die vielen Fragen eingehen soll, denn meine Fragen waren teils bewusst provozierend.
    Mit dem Mc-Luhan-Zitat meinte ich natürlich DAS Mc-Luhan-Zitat: The medium is the message. – Dann kommt es eben nicht auf den Kopf an, den man ins Buch steckt.
    Und das Kurzvideo scheinst Du nicht zu kennen – dafür gibts http://www.youtube.de, da kannst Dus ansehen.
    Ein Missverständnis: Das ´Recht auf Lebensuntüchtigkeit´ hatte ich nicht mit dem Nihilismus kurzgeschlossen, sondern das Eindampfen des Lebens auf ein kurzes ´Von der Wiege bis zur Bahre´ gemeint.
    Spannend finde ich schon eher die Frage nach einer gegenwartskonformen Sucht. – Was fiele einem da ein? Freilich: Computerspiele, überhaupt das Surfen im Netz – Fernsehen ist ja wohl out, auch wenns noch viele betreiben: Richtig ´kicken´ tuts nicht mehr. – Aber ist das nicht zu naheliegend und kurzgegriffen? Was käme noch in Frage? Wie wärs mit bestimmten Denkweisen und -haltungen: ´Nach mir die Sintflut´ zum Beispiel.
    Wie es um die Gefährlichkeit bestellt ist? Ach, das mag jeder selbst entscheiden. Feststellen kann man aber, dass sich mit dem jeweiligen Süchtelchen schon auch etwas ändern kann – der Weg vom Buchstaben zum Bild ist kein geringer – aber auch schon lange und vielerorts diskutiert worden. Ich würde dazu neigen, dem Buchstaben Voteile einzuräumen, weil er sprach- und also auch denkerweiternd wirken kann und Begriffe liefert, mit denen man operieren kann und die die Wahrnehmung schärfen und ordnen können. Das ist bei Bildern so kaum der Fall, oder?
    Sand in wessen Getriebe willst Du sein? – Und ist das ein erklärtes Lebensprogramm – oder hat sichs trägheitshalber so ergeben? -Kein kleiner Unterschied.
    Sand im eigenen Getriebe?
    In dem der Welt?
    Irgendwo dazwischen?
    Und warum?
    Um Blicke freizulegen?
    Kann man das nicht auch anders bewerkstelligen?
    Dein `Recht auf Lebensuntüchtigkeit´ finde ich ja durchaus hübsch – nette Formulierung, erinnert an Paul Lafargues “Recht auf Faulheit”. Hübsch gerade weil es so vollkommen gegen den Zeitgeist und seinen Nutzungsfuror spricht.
    Denn was ist Hartz IV z.B. anderes als das Gegenteil des Rechts auf Lebensuntüchtigkeit?!
    Wir sind lauter systemhörige Selbstvermarkter geworden – oder sind eben nichts geworden. Das sagt über beide Seiten was aus.
    Eine Frage, die mich in punkto Lesen umtreibt, ist die, ob und wann es den Bereich blosser Unterhaltung verlässt. – Wenn es nur Unterhaltung ist, was ist es dann? Welchen Wert hat es dann? Wenn es mehr ist oder sein will – was wäre dieser Mehrwert? Liesse sich das überhaupt sinnvoll auf den Begriff bringen?
    Dazu gehört die Frage, was man von den Büchern erwartet, mit welchen Fragen, mit welchem Interesse man an sie herantritt. Geht es zum Beispiel um Selbstbestätigung oder geht es darum, sich mit Neuem, Fremden, auch Unbequemem, ja Unangenehmem zu konfrontieren?
    Dann kann das Lesen nah ans Leben heranrücken und, vielleicht, auch in es hineinragen oder -reichen.
    Oder ist das auch schon wieder zu viel Nutzungswille?
    Sollte es nur freischwebendes Spiel und lárt pour lárt sein? Wäre das nicht ziemlich selbstbefriedigend?

    Aber vermutlich ist es so pauschal gar nicht zu machen: Lesen kann und wird all das und auch noch mehr sein, möglicherweise auch gleichzeitig und durcheinander.

    Vielleicht kann man es nur etwas schärfer kriegen, wenn man konkreter wird: Das was in den Buchhandlungen so zum “Abverkauf” (-schon das Wort!!-) liegt, interessiert mich keine fünf Sekunden. Keine zwei. Fantasy, historische Romane etc.: Scheint sich zu verkaufen wie warme Semmeln – ich möchts nicht lesen. Verkaufte, fremdgesteuerte Auszeiten Tagräume. Kleine Fluchten aus der bösen Welt.
    Bücher die mich interessieren, müssen anderes und mehr liefern, dürfen kein Kitsch sein.
    Auch wenn mans nicht gern schreibt, es hat was mit Wahrheit und Echtheit zu tun. Es ist mir klar, dass das problematisch ist und man sofort in heillose Diskussionen kommen könnte.

    Schöne Grüße auch bei dem Mist-Wetter,

    Helmut

  7. 7 ewu simpel
    Februar 11th, 2007 at 7:50 pm

    lieber helmut!

    viel zu viel angesprochenes und weit ab vom ausgangspunkt – das büchlein von fadiman. wo sind wir wieder angekommen mit unserem ping-pong-spiel? kein wunder, daß sich kaum ein anderer einmischt.

    aber schön, daß du ein wenig von deinen lese-erwartungen, mit denen ich im ganzzen konform gehe, verbalisiert hast. ganz neu waren sie mir ja nicht.

    doch wie darauf antworten?
    zwei punkte möchte ich herausgreifen.
    sand im getriebe – da meinte ich vornehmlich das eigene und wie es mit dem der welt verbunden ist. es geht mir um eine kritische selbst-verständigung, bei der bücher hilfreich sein können. ein lebensprogramm würde ich das nicht nennen wollen, eher eine haltung, mit der sich distanz herstellen läßt zwischen sich und seine verhaltensformen und denkgewohnheiten. inwieweit das gelingt, kann man von fall zu fall nur beurteilen. aus trägheit jedenfalls gelangt man nicht zu einer solchen sicht, eher durch selbstzweifel und identitätsschwankungen.

    die ewige frage nach dem nutzen des lesens – das erinnert mich sehr an die diskussion um den nutzen der geisteswissenschaften. warum nur immer dieser rechtfertigungszwang oder -druck? wer zwingt passionierte leser dazu, sich für etwas zu rechtfertigen, was fast schon zur zweiten natur geworden ist? wieso fragen wir beim lesen nach einem mehr-wert? vielleicht ist dieser gar nicht auf den begriff zu bringen, wie du selbst schreibst. vielleicht muß oder kann er nur erlebt werden. und das wiederum kann nur jeder für sich selbst herausfinden.

    denn: jeder leser ist ein unikat. und die begegnung mit einem buch kann, muß aber nicht, zu einem lebenslangen dialog über fragen werden, die einen substantiell angehen (siehe deine kategorien der echtheit und wahrheit). sich über diese fragen klar zu werden und erkennen, daß sie einen betreffen, ist doch schon ein wert für sich. was willst du mehr? der nutzen liegt in dem, was das lesen aus und mit uns macht. ich jedenfalls gerate immer wieder gerne unter die laster des lesens und komme dabei selten ungeschoren davon.

    so viel, so wenig dazu.

    grüße aus dem spiegelglatten haha,
    uwe.

  8. 8 Helmut
    Februar 12th, 2007 at 11:15 am

    Lieber Uwe,

    auf einem Schiff brüllen sie, wenn es denn der Fall ist: “MANN ÜBER BORD!!!” – Derzeit könnte man – “wie ein wütender Kakadu”, wie es bei Joseph Conrad im “Lord Jim” heisst, brüllen: “Humanismus über Bord!!!” Und an die Stelle dieses angestaubten Begriffes könnte man noch ein gutes Dutzend andere setzen. – Warum das Lesen, warum den Selbstzweck, das Spiel etc. verteidigen? – Ei weil es von der ganzen Richtung, die das Schiff dieser Gesellschaft nimmt, angegriffen wird, ganz einfach! Und das Lesen scheint mir dazuzugehören. – Warum nach dem Nutzen der Geisteswissenschaften gefahndet wird? – Weil er ihnen abgesprochen wird! Es geht ja nicht um Kinkerlitzchen, es geht um Existenzfragen. Das könnte unter dem Titel “Rechtfertigungen von Angegriffenen” laufen.
    Stichwort “Kritische Selbstverständigung”: Bräuchte man dazu andere? Ausserdem: Das klingt mir so unangriefbar positiv, dass es dazu proviziert gegen den Stachel zu löcken und zumindest zu fragen: Wie könnte man das denn noch und anders nennen? –
    Wir sind vom Fadiman-Buch abgekommen: Stimmt, ja, nur störte mich das nun nicht. Und so ganz ab vom Thema – nun auch nicht. Es dreht sich um das Glück mit Büchern und mit dem Lesen – und das scheint mir durchaus in die Defensive gedrängt.
    Hübsch, die Schluss-Sequenz: Unter die Lkw des Lesens geraten, die doch wohl eher Rasenmäher sind?!

    Nix für ungut,

    Helmut

  9. 9 ewu simpel
    Februar 12th, 2007 at 7:39 pm

    lieber helmut!

    die homonymie des wortes “laster” bringt – für mich – beides zur geltung – das obsessive element und das gefährliche der unternehmung, wenn man sie ernst betreibt.
    warum denkst du dabei an rasenmäher? wieder ein filmchen im hinterkopf?
    oder ist die geschwindigkeit resp. langsamkeit des gefährts das tertium comparationis zum lesen?

    ja, wie könnte man es noch nennen, meine lust auf selbst-verständigung durch bücher?
    spielerisch:
    eitelkeit?
    narzißmus?
    spiegelfechterei?
    oder doch ernster:
    lesen als über-lebensmittel? mit der gefahr der völlerei. der literaturgourmand!
    welchen stachel willst du mir ins fleisch rammen? nur raus mit der sprache.
    oder bewegen wir uns wieder lichtjahre voneinander entfernt auf den je eigenen umlaufbahnen unserer wortwelten?

    grüße. uwe.

  10. 10 Helmut
    Februar 13th, 2007 at 11:53 am

    Lieber Uwe,

    Rasenmäher?: Ganz einfach: Dein nicht “ungeschoren” vom LKW durchkommen. –

    Das Selbstbild bei der Bemerkung: “Kritische Scelbstverständigung” könnte auch anders formuliert werden. – Du hast ein paar Angebote gemacht.
    Woran ich dachte: Ein Lesen, das nur sich selbst, seinen Obsessionen, seinem Genuß folgt, macht es sich vielleicht zu leicht. Ist es nicht eine Art Schmusedecke über den Kopf ziehen und Daumenlutschen?
    Bei Haffmanns gabs eine Reihe mit dem hübschen Titel “Trost und Rat” – und ich würde sagen: Ja, genau, das trifft´s.
    Sicher: Man darf das. – Aber was, wenn man NUR seinem Affen Zucker gibt?
    Mir fehlt da was.
    Das Inkommensurable, Unbequeme, die Bodenhaftung, das Dagegen – in welcher Form auch immer, das Gebrochene, das die Dinge erst interessant macht.
    Es gibt ein selbstbefriedigendes Lesen und ein kritisches. Letzteres ist sicher das Offenere, Wachere, Lebendigere.
    Oder um das Spiel-Thema nochmal aufzugreifen:
    Weg dem Spiel!
    Das Spiel tötet!
    Es verdummt, lullt ein, macht unverbindlich.
    Her mit den Ernst!
    Keine Ausweichmanöver mehr.
    Mittendrauf.
    Ernstnehmen eben.
    Schluss mit den Tändeleien.
    Es ist ernst!
    Vielleicht schon kurz nach zwölf.
    Aber alles tanzt unter Masken auf dem Ball des Roten Todes.
    Schluss mit dem “wirtschaftlichen Faschismus” und der “Welt als Abriss-Party” (Jay Griffiths). Schluss mit dem zu-Tode-amüsieren.
    Schluss und Attacke!

    Wie wär´s damit als Alternativprogramm?

    Kriegerische Grüße,

    Helmut

  11. 11 ewu simpel
    Februar 13th, 2007 at 6:36 pm

    lieber helmut!

    wenn du blutigen ernst willst, warum dann zu büchern greifen? den findet man doch im leben selbst genug, und nicht in den kondensaten zwischen zwei buchdeckeln, oder?
    wie sähe das aus, ein ernstnehmen des lesens wie auch des schreibens?
    was bedeutet es, wenn wir mit dem lesen ernst machen?
    warum müssen wir das überhaupt?
    wer sagt, daß es ZU spät ist, um das alles nicht doch noch spielerisch nehmen zu können?

    du forderst das unkommensurable. das ist es doch, was gute bücher uns vor augen und unserem nach-denken anheim stellen. auch ich hatte der selbst-verständigung das kritisch hinzugestellt. mit bedacht.

    doch grundsätzlicher:
    lesen sollte der lust folgen, nur so erschöpft es sich nicht. muß es nicht letztlich als zweckfrei gedacht werden, um die freude daran lebenslang behalten zu können? (siehe pennac)

    die gefahr der selbstbespiegelung und selbstbebauchpinselung sehe ich durchaus, wenn man lesen an die eigenen obsessionen koppelt. aber was ist die alternative? was ist so falsch daran, wenn es sich das lesen leicht macht? das heißt doch nur, daß es einem leicht fällt und nicht, daß es einem das leben leichter macht. das lesen ist doch eine ausstrebende kulturtechnik, wie du nicht müde wirst zu betonen. noch dazu hat das buch als leitmedium abgedankt, was du auch immer wieder wenigstens in fragesätzen zu bedenken gibst. warum sollten dann wir, die wir bücher und das lesen lieben, ja lieben, warum also sollten wir nicht eher von der freude, dem gewinn, dem anspruch schreiben, den das lesen gewährt? warum sich einreihen in die phalanx der kulturpessimistischen kassandrarufer? weil sie recht haben? weil sie den status quo beschreiben? weil die tatsachen so sind? doch: sind sie wirklich so? und wenn: bräuchten wir dann nicht wieder bücher, um das ANDERE denken zu lernen, um weiter fragen zu stellen?
    was also ist dein alternativprogramm?
    literatur schreiben als sonderaktionsform der attac-gruppen weltweit? zur rettung von was?

    fiedensangebot:
    wenn dein aufruf allerdings darauf zielt, mehr ernst, gewissenhaftigkeit, aufrichtigkeit, echtheit, vielleicht gar wahrheit (dein wort) in das produzieren wie auch das rezipieren von literatur zu legen, dann kann ich nur zustimmen. ging es dir darum?

    vielleicht brauchen wir wirklich einmal ein pilzjahr (siehe hildesheimers “lieblose legenden”): die stornierung allen schreibens und publizierens für ein jahr, um wieder durchatmen zu können und uns vor allem von dem – von dir wortreich angegriffenen – seichten literaturschwulst der bestsellerlisten zu befreien. davon gibt es bei gott zu viel.

    peace for readers!

    uwe.

  12. 12 Helmut
    Februar 15th, 2007 at 11:13 am

    Blut, lieber Uwe, ist wie wir doch aus dem Fäustchen wissen, ein ganz besondrer Saft – von Blut soll keine Rede sein.
    Und ist die Rede von Spiel und Ernst nicht auch schon wieder Spiel? Oder wirklich ernst gemeint?
    Und freilich: Von Müssen: Keine Rede.
    Und zu spät: Es gibt Zeiten für dies und Zeiten für das.
    Es geht darum: Was machen wir mit unserer Zeit und was folgt daraus. – Vielleicht nicht nur für uns selbst. Und es geht um die Interferenzen zwischen Leben und Lesen. Und darum, ob man es für erlaubt hält – es sich selbst erlaubt – sich angesichts von Tagen, die wieder einmal (jaja, schon lang, wir wissen es) als die letzten bezeichnet werden, den Daumen in den Mund zu stecken und sich den Bauch mit einem gedruckten Ablenker zu pinseln.
    Natürlich kann man völlig zu Recht sagen:
    Geht mich nix an.
    Man kann diese Position vertreten.
    Wenn man kann.
    Du beziehst Dich zum wiederholten Male auf Pennac. – Es ist zu lange her, dass ich etwas von ihm gelesen habe, mein Eindruck war aber, so habe ich es in Erinnerung, dass er mir zu betulich und zu schön und irgendwie zu… war.
    Man kann einen (Kitsch-)Verdacht haben gegen die Dinge, die zu einsinnig, die zu leicht sind.
    Natürlich soll und darf lesen Spaß machen – wäre ja schwachsinnig was anderes behaupten zu wollen. Ohnehin müssten wir differenzieren: Es gibt zu viele verschiedene Arten des Lesens, die ihre Berechtigung haben mögen. Wir reden, denke ich, von den meisten nicht; es geht um eine bestimmte.
    Sollte es nicht um´s gefrorene Meer in uns gehen – das ist nur mit Spaß und Lust und Streicheleinheiten nicht zu tangieren. – Es braucht schon auch einen Stachel, es braucht Mühe und ein Dagegen, sonst ist keine Luft im Schlauchboot.

    Friedensangebot und Crossover-Provokationen von Lesen und Leben (wenigstens Denken, Fühlen, Wahrnehmen) angenommen.
    Apropos Bestseller:
    Gestern auf der ZDF-Seite zu Elke Heidenreichs Sendung gelesen, was die Lieblingsbücher der Deutschen sind: Würgl. -
    Was für ein Kram!
    Nur Bestseller-Gedöns.
    Ich glaube es ist nicht ein Buch dabei, das mich interessieren würde. –

    Gruß,

    Helmut

  13. 13 ewu simpel
    Februar 23rd, 2007 at 7:33 pm

    lieber helmut!

    lang ist’s her. aber ich war unterwegs, hatte lesefreie tage. deshalb erst jetzt dieser kleine nachtrag zu deiner letzten stellungnahme.

    wir sind gar nicht so weit auseinander mit unseren überlegungen zum nutzen und wert des lesens für das leben. ich stimme dir zu, daß wir unsere lesezeit ernst nehmen sollten. aber auch da plädiere ich für nuancen: es kann nicht immer um das gefrorene meer in uns gehen, nicht bei jeder lektüre. es muß auch pausen geben, in denen wir auf eben diesem meer unsere kapriolen drehen.
    was spricht dagegen? wenn es das buch verlangt, legt sich der schalter ohnehin bei demjenigen von selbst um, der das lesen über-lebenswichtig ernst nimmt.

    bei all dem kommt es mir fast so vor, als ob wir das lesen als quasi-religiösen akt beschreiben und das buch als heiligen gegenstand. denn wir fordern nichts weniger als eine umkehr, eine katharsis, eine erlösung, um das große wort auszusprechen. zehren wir dabei noch von der sakralen tradition des in einem tempel unter verschluß gehaltenen buches, dem überzeitliche wahrheiten zu entnehmen sind? ist unsere vorstellung vom buch, das ernst zu nehmen ist, noch an diese metaphysische qualität gekoppelt? geht es uns immer noch um das erreichen DER deutungshoheit gegenüber der welt und den menschen, wenn wir zu einem buch greifen, dessen lektüre uns im wörtlichen sinne aufklären soll?
    kann man mit woody allen sagen: kunst ist der katholizismus der intellektuellen?
    ich will also nach den religiösen spurenelementen in unseren vorstellungen vom lesen und von den büchern fragen. liegt dem stachel, der die lektüre sein soll, der quasi-religiöse oder offen religiöse glaube zugrunde, daß bücher uns menschlicher, wirklicher, aufrichtiger machen können?
    ich sage nicht, daß du es so gemeint hast oder so verstehst. ich frage nach den implikationen deiner aufforderung, mit dem lesen ernst zu machen. wenn das so sein soll, müssen wir doch zugleich davon ausgehen, daß die im buch vorgetragenen ideen einen besonders ausgezeichneten mitteilungsstatus haben. ohne diese prämisse von dem spezifischen aussagewert und der sinnhaftigkeit des literarischen schreibens könnten wir uns nicht so viel von der lektüre erhoffen.
    noch einmal:
    ich frage nach dem grund, warum wir annehmen sollen, daß gerade romanen, fiction im weitesten sinne, ein wahrheitsanspruch eigen ist? denn darum geht es doch letztlich: die aufklärung über die conditio humana, der wir alle unterworfen sind. welchen anteil können daran bücher haben? wie müssen si beschaffen sein? und was berechtigt uns, das zu glauben?

    viele fragen. und so grundsätzliche. laß sie dir durch den kopf gehen. wir können sie auch anhand deiner anderen besprechungen immer wieder vornehmen. denn über unterhaltungsliteratur wirst du uns doch wohl nicht informieren auf deiner website?!

    bis bald.
    uwe.

  14. 14 Helmut
    Februar 27th, 2007 at 9:31 am

    Lieber Uwe,

    habe eben erst Deinen Kommentar entdeckt – ist schon die zweite Seite, es war ein Päuschen dazwischen, ich war am Wochenende auch unterwegs…
    Stimmt, ja: Große Fragen.
    Aber natürlich geht es um Erlösung – um was denn sonst, bitteschön?!
    Selbstverständlich ist Kunst Aufklärung und Religion.
    Ist es ein Widerspruch, dass Fiktion auch Wahrheit sein kann?! Warum? Überzeitlich?!: Ja, auch das oft: Don Quijote und selbst das Nibelungenlied oder das Gilgamesch-Epos sagen uns noch Wesentliches, wenn wir Ohren haben zu hören.
    Natürlich hat wirkliche Kunst einen ausgezeichneten Mitteilungsstatus – es ist höhere Rede. Sie ist gefiltert durch eine Person und ihr Erleben, ihre Schmerzen, ihre Enttäuschung, ihr Scheitern.
    Ein gutes Buch ist, obgleich aus vielen Worten, das Gegenteil vom Geschwätz.
    So kann ein gutes Buch, kann gute Kunst wirklicher sein als allzu oft banale, öde, die dämliche Wirklichkeit.
    Kunst hat mit Konzentration zu tun, mit Verdichtung, mit Mühe und Arbeit. Das mag lästig sein, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.
    Freilich: Es gelingt nicht immer. Es gibt eine Menge Müll auf der Welt.

    Grüße,

    Helmut

  15. 15 ewu simpel
    Februar 28th, 2007 at 8:42 pm

    lieber helmut!

    d’accord!

    letztlich ist es also die persönlichkeit, die hinter dem schreiben steht und die mit ihrer intensität und aufrichtigkeit, gekoppelt mit einer poetischen darstellungsgabe, den besonderen mitteilungsstatus der literatur schafft.

    allein:
    wie kommt es zu dieser höheren rede?
    wie gelangt ein einzelner im medium des fiktiven zu verbindlichen aussagen?
    was ermächtigt ihn dazu, das wirkliche und wirkende hinter dem alltag, den vermeintlichen tatsächlichkeiten unseres lebens zu entdecken und darzustellen?
    ist es etwas, das dem schreibenden per se zukommt? oder unterstellen wir es nicht vielmehr ihm, um ein mehr (ein meer!) an hoffnungen aus büchern schöpfen zu können?

    noch mal also:
    woran merke ich, daß ich beim lesen in die tiefe eines anderen, besseren, wirklicheren verstehens eintrete?

    grüße,
    uwe.

  16. 16 Helmut
    März 1st, 2007 at 10:21 pm

    Lieber Uwe,

    ich fürchte:

    Man merkt es gar nicht.

    Man meint es.

    Ob es stimmt?! -

    Dem Schreibenden per se kommt vermutlich auch nichts zu. Es gibt zu große Unterschiede. Im Gegenstand, im Niveau, in der Qualität…
    Man kann ein Backrezept schreiben und den Ulysses.

    Grüße,

    Helmut

  17. 17 ewu simpel
    März 3rd, 2007 at 7:29 pm

    lieber helmut!

    daran habe ich gar nicht gedacht:
    daß man es nicht merkt.
    ich reimte mir zusammen, daß man es vielleicht nie genug merkt und deshalb immer wieder zu büchern greift, auf der suche nach der erlösenden lektüre.

    vielleicht ist hierbei der weg das ziel und dauert ein leseleben lang. eine schöne vorstellung, wie ich meine, und zugleich ansporn genug, um nicht auf der stelle zu treten. wovor allerdings auch gute bücher einen nicht bewahren.

    deine, unsere, DIE frage ist also immer noch zentral und bleibt unbeantwortet:
    wann und wie wird die ansteckende freiheit, die das lesen sein kann, lebensrelevant? wann und (ob überhaupt?) verläßt es den bereich der unterhaltung und hilft dem leser, den faden der kritischen selbst-beschäftigung aufzunehmen?

    zuletzt:
    ist das, was wir hier machen und wie wir es machen, ist das, was wir uns für fragen stellen und wie wir die antworten immer wieder vertagen, schon ein ausfluß unserer vielen lektüren?

    grüße,
    uwe.

  18. 18 Helmut
    März 5th, 2007 at 10:41 pm

    Lieber Uwe,

    vom Fadiman-Buch sind wir inzwischen ein Stückel abgekommen, aber das muss nicht zwingend ein Schade sein.

    Zunächst muss sich manches nicht ausschließen (man neigt immer zu Dichotomien, Antagonismen oder sonstigem Polar- oder Gegensatzkram): Denkbar, dass man zur erlösen sollenden Lektüre greift, immer wieder, und gleichzeitig meint (aber vielleicht nicht mehr als das) einem wirklichen Verstehen nähergekommen zu sein.

    Dann gäbs ja noch ne Möglichkeit:
    Die Erlösung ist die Zeit der Lektüre.
    Und deswegen, weil es nicht vorhält, muss man immer wieder zugreifen.

    Lebensrelevant?!:
    Tja, da könnte man sich auch fragen
    -als Ausfluss der Lektüre
    -oder als prinzipielle Haltung

    -oder eben noch was anderes

    Und man darf sich auch fragen, ob Unterhaltung und kritische Selbstbefragung sich notwendig ausschließende Gegensätze sein müssen. Man soll und muss sich ja auch nicht immer selbst kasteien.
    Es gibt völlig unterschiedliche Niveaus von Unterhaltung.

    Zuletzt:
    Auch, ja freilich.
    Aber eben nur: Auch.
    Die Suchbewegung braucht´s aber erst – ob aus Neugier oder Not oder einer Mischung aus diesem und noch anderem.

    Grüße,

    Helmut

  19. 19 Helmut
    März 6th, 2007 at 10:26 am

    Lieber Uwe,

    noch ein Nachtrag.

    Vielleicht kann man manches nur erzählen.
    Nur erzählend angehen.
    Vermutlich nicht mal bewältigen.
    Vielleicht sollte es nur erzählt werden.
    Vielleicht ist die darin liegende Qualität schon genug Wert an sich.
    Und da mag es Erzählungen geben, die mir etwas sagen oder nicht. Mit denen es eine Schwingung gibt, eine Interferenz, oder nicht.
    Und vielleicht liegt im Erzählen – und imanschließenden Lesen – bereits so etwas wie Wahrheit. Ein Geschichtsangebot, zur individiuellen Nutzung freigegeben. Freigegeben, es an die eigene Geschichet und ihre Seele zu halten und zu sehen und zu spüren, ob es da Kongruenzen gibt, die Worte etwas mitteilen und man etwas empfindet beim Lesen. Was man eben immer so “Kino im Kopf” oder “armchair travelling” nennt.
    Lesen ist ja, wenn man es kann, intensives, unter Umständen, auch das wird ja vielfach bezeugt, wenn man es nicht von sich selbst kennt, intensiveres Sein; so ist das Lesen schon im Akt des Lesens, ´lebensrelevant´ – nicht nur dadurch, dass es Lebenszeit kostet es zu tun.
    Dieses Paradox, dass man zugleich von sich weg und – dadurch – näher zu sich hin kommt, macht einen Teil des Kerns des Lesens und seiner ´Lebensrelevanz´ aus.

    Schöne Grüße,

    Helmut

  20. 20 ewu simpel
    März 8th, 2007 at 10:49 am

    lieber helmut!

    sag’ ich doch, und endlich gibst auch du es zu (bedenken):

    LESEN IST EINE SEINSWEISE.
    (eine griffige formulierung von pennac, ja, schon wieder dieser lehrer, der von der lust zu lesen schreibt, als ob er sich in die liebe seines lebens versenke)

    und seine paradoxe wirkung besteht darin, uns von der wirklichkeit abzulenken und gerade dabei – wenn’s gelingt – einen sinn für sie zu entwickeln.

    insofern ist lesen ein akt der subversion:
    es kostet lebenszeit und dehnt sie zugleich.

    was für ein glück,
    was für ein laster,
    ein leser zu sein.

    grüße,
    uwe.

  21. 21 Helmut
    März 8th, 2007 at 12:44 pm

    Lieber pathetischer Uwe,

    so ganz bin ich mit dem Statement “Leben ist eine Seinsweise” nicht zufrieden, irgendwie ist mir unwohl dabei. Ist es die Ausschließlichkeit, die Absolutheit, mit der das auftritt?
    Ich bin mir nicht sicher.
    Auch “Glück” und “Laster” ist mir, besondere Ausnahmen ausgenommen, einfach zu hoch gegriffen.
    Es kann von all dem sein, ja.
    Es kann Wissenserweiterung und gesteigerte Wahrnehmung zur Folge haben und es kann sogar eine Art trockenen Rausch erzeugen (oder erinnert man sich nur daran, dass es das einmal konnte?), es kann gesteigerte Lebenserfahrung bewirken, innere Bereicherung. Und doch.
    Das mit dem Glück und dem Laster müsste man mal näher bestimmen,mal genauer hinsehen und hinfragen und gucken, was dabei rauskäme, was man damit meint.

    Grüße,

    Helmut

  22. 22 ewu simpel
    März 8th, 2007 at 7:36 pm

    lieber helmut!

    schöner fauxpas: Leben ist eine Seinsweise!
    ja, was denn sonst?
    aber es war ja nur ein tippfehler.

    du willst mir meine verallgemeinerungen austreiben, antwortest auf meine generalia, die oft, da will ich dir recht geben, sentenziös daherkommen, mit dem konkreten, der vielfalt, der diversität. all dem will ich gerne folgen.
    also: lesen ist eine seinsweise –
    unter anderen. besser so?

    ein pathetiker, ja, das bin ich wohl: das tieferlegen stand mir noch nie so recht zu gesicht. es muß halt immer ein bißchen mehr und anders sein als auf den ersten blick zu erkennen oder zu erleben ist. die erfahrung ist doch: nach den jahrmärkten ist das dorf wieder dasselbe. was bleibt, sind die erinnerungen an sensationen, die das gewohnte auf zeit außer kraft setzten. und das gefühl versuche ich – manchmal über gebühr – auszudehnen, mit worten, die mich und mein kleines leben gewissermaßen aufpumpen, so daß ich – wie an einem ballon hängend – einige millimeter über dem boden zu schweben scheine. das ist das pathos, mit dem ich dem quark des üblichen ein wenig süße verabreiche.

    so, und jetzt hoffe ich: nein, ich weiß, daß du das nicht so stehen lassen kannst, sondern deine kanonen in stellung bringen und sie auf den ballon, die gedankenblase, ausrichten wirst.

    sicheres justieren wünscht,
    uwe.

  23. 23 Helmut
    März 10th, 2007 at 7:57 am

    Lieber Uwe,

    je nun – vertippt, ja; aber doch immerhin ganz hübsch: Wenn man zu schnell zu viel zu unkonzentriert…
    Dir etwas austreiben zu wollen, sei fern von mir.
    Mir fiel es nur auf – und in der Folge schwer -, so am Grünen Tisch über so etwas Vielfältiges wie das Lesen so pauschal zu schreiben. Etwa weil mir selbst ständig Varianten und Gegenbeispiele einfielen. Allein schon der Unterschied, ob ich Zeitung, eine Zeitschrift oder ein Buch lese. Aber was ist das, “ein Buch”? Ich kann einen Reiseführer lesen,ein Kochbuch, einen guten Roman, einen miesen Roman, hohe Literatur, einen Bestseller, Schund – all das ist Lesen. Und freilich hat man da nicht nur an einer Form Teil. Es ging nur um Genauigkeit – um überhaupt noch darüber reden zu können, um klar zu haben worüber man nun redet.
    Pathos als Seinsverzuckerung?!
    Pathos als Schwebeversuch?
    Als Alltagsmontgolfiére?!
    Aber Kanonen werde ich nicht in Stellung bringen: Was für eine militaristische Metapher! Ich werde auch die Haubitzen nicht auf der Lafette drehen und die Boden-Boden-Raketen im Arsenal lassen.
    (Ohnehin machte schießen auf Einladung ja nur den halben Spaß)
    Wenn man weiß, dass man Überhöhung braucht, stellt man sich dann auch die Frage wozu?
    Warum müssen/ sollen die Dinge mehr sein als sie sind?
    Das wird zumindest auf einen Mangel hinweisen, auf etwas, das fehlt.
    Und da könnte man es sogar ohne allzuviel Gewalt zu verwenden wieder auf das Buch von Fadiman zurückbiegen: Es geht um Glück?!
    Um den oben vertippten Satz noch ein wenig grauslich zu strapazieren: Bücher sind eine Glücksweise.
    Nur frage ich mich zuweilen auch, ob darin nicht mehr Utopie steckt als Wirklichkeit; mehr Erinnerung als Gegenwart.

    Grüße,

    Helmut

  24. 24 ewu simpel
    März 13th, 2007 at 1:19 pm

    lieber helmut!

    meine erste assoziation zu deiner “glücksweise” war glücksspeise. auch ganz schön, und zutreffend, wie ich meine.

    aber auch bei dieser kann man sich fragen, wann das glück einsetzt: beim speisen, von bissen zu bissen?! so richtig zur entfaltung kommt es jedoch erst, wenn man vorfreude hat, aufgrund einer erinnerung, und dann beim langsamen vergehen der speisen im mund.
    so hast du ganz recht, das glück des lesens nicht nur in der gegenwart zu verorten, sondern auch in der erinnerung. schau dir doch noch einmal deine besprechung und meinen kommentar zu bobkowskis tagebüchern an: ein großer teil des glücks, das mir die lektüre verschaffte und von dem ich beredt zu berichten fast gezwungen wurde, mündet jetzt in die erregung, die ich allein bei dem gedanken empfinde, irgendwann wieder einmal in dieses brevier schauen zu können.

    ein wenig utopie mag auch mitschwingen. wer ist schon ganz bei einer sache, immer und in jedem augenblick, und wer bleibt bis zuletzt? das sind doch wohl nur ausnahmelektüren. zumal es eher die erstlektüren bertreffen dürfte, die “feuerprobe” (maar) der begeisternden, ansteckenden erstbegegnung mit etwas, das uns fern und zugleich ganz nah ist oder beim lesen wird. aber auch das wiederlesen dürfte einiges glück bereit halten, womit wir wieder bei der erinnerung und ihrem konstitutiven beitrag zum leseglück wären.

    um genauigkeit sollte es uns gehen. das stimmt. nur manchmal ist eine metapher das genaueste, was wir leisten können, oder eine erzählung, die etwas, vielleicht sogar das entscheidende, offen läßt.

    wozu überhöhung?
    um ein mehr am leben zu haben.
    um die pflicht zu leben zeitweise zu lockern.
    um, um, um … da gäbe es vieles zu nennen.
    letztlich bleibt – bei mir – ein unbehagen im und am eigenen leben spürbar. frei nach freud: der unbefriedigte phantasiert. das leben, das man führt und das einen führt, läßt sich eben nie ganz und gar annehmen – oder?

    grüße,
    uwe.

  25. 25 Helmut
    März 15th, 2007 at 9:00 pm

    Lieber Uwe,

    sehe ich das richtig?!:
    Wir köcheln auf mehreren Feuerchen doch eine Suppe? – Mit jeweils etwas anderen Gewürzen.

    Ganz haben wir uns nicht verstanden.
    Mit Utopie meinte ich etwas außerhalb des Lesens liegendes, das aber mit diesem verbunden ist. Ich meinte die Vorfreude auf das Lesen, die sich womöglich nährt aus aus einer Erinnerung und teilhat an einem Versprechen, das man mit dem Lesen verbindet. Das Versprechen von etwas, das man – wann? – mit dem Lesen verbunden hat – und gerne aktualisieren würde. (Vielleicht eine nie mehr ganz einholbare Erfahrung) Vielleicht das, was man als lesendes Kind erfahren hat: Das in der Geschichte auf-, das in sie eingehen. Lesen als Ganzheit, als Versprechen. Lesen als Geborgenheit und Sinn. Lesen mit roten Ohren, mit äußerer Abwesenheit und phantastischer innerer Bereicherung. Bücher unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von Wirklichkeit. Leben und Lesen klingt ähnlich, aber es unterscheidet sich doch nicht unwesentlich.
    Man mag nicht nur gebannt lesen, mit den richtigen Buch kann man auch die Wirklichkeit bannen – und wenn es nur für Momente ist, für den Moment der Lektüre?
    Sie können eine Art von Sinn liefern.
    Das ist anderes und mehr als Ablenkung.
    Sinn insofern, als es in Büchern gerechter zugehen mag als im wirklichen Leben. Aber selbst wenn nicht, so ist es doch nur (!) ein Buch (Erleichterung). Jedenfalls aber gilt in ihnen den Figuren Aufmerksamkeit. Sie werden genau beschrieben, man weiß etwas über sie, denkt über sie nach. – Man kennt den Effekt, dass einem Figuren, selbst unangenehme, gar dämonische, wenn man 200 Seiten über sie gelesen hat, nicht mehr so fremd sind, ja verständlich, ja regelrecht sympathisch werden können. – Hat das damit zu tun?

    Einen netten Abend,

    Helmut

  26. 26 ewu simpel
    März 16th, 2007 at 4:11 pm

    lieber helmut!

    ganz werden wir uns nie verstehen – und das ist auch gut so. denn was blieb uns dann noch zu sprechen übrig?

    weit waren wir aber auch nicht auseinander.
    ich kann dir in allem nur zustimmen! all die effekte, die du als begleitphänomene oder leitsymptome des lesens nennst, kenne ich, und mit mir die meisten anderen leser.

    nur bei der utopie, da lagst du richtig mit der vermutung eines kleinen verständnisgrabens, der sich zwischen uns aufgetan hatte: wo du sozusagen die ur-erfahrung des beglückenden lesens meintest, die wie ein versprechen für alle folgenden lektüren zu wirken imstande ist, da wollte ich nur darauf hinweisen, daß ein allzeit gegenwärtiges, aufmerksames lesen, ein ganz bei der sache bleiben nicht möglich ist. du meintest das glück der erstbegegnung mit dem, was lesen bedeuten kann, als motor jeder weiteren lektüre, und ich meinte die unfähigkeit, dieses glück immer wiederholen zu können, das aber nichtsdestotrotz als utopischer ansporn jedem leseerlebnis eingeschrieben sein sollte.
    so viel verständnis-nachtrag sollte sein. vielleicht ist es aber auch wieder ein neuerlicher beitrag zum un- oder mißverständnis. ein großer teil dessen, was unsere kommentare ausmacht, ist doch, daß wir unsere meinungen am jeweils anderen text explizieren – freiwillig, aber nicht nur zum spaß.

    grüße,
    uwe,

  27. 27 Helmut
    März 17th, 2007 at 10:30 am

    Lieber Uwe,

    hier bin ich nicht ganz einverstanden:
    In Nr. 24 drehten sich Deine Bemerkungen doch ums Lesen.
    Ich meinte in 25 etwas anderes.
    Ich meinte nicht (24) die Erinnerung ans Gelesene, sondern (25) die an den Sachverhalt des Lesens – und das damit verbundene Konnotat.
    Mir ging es nicht um die Erinnerung an gewesene Lektüren (Bobkowski), sondern um den Moment, den (Ur)Akt des Lesens selbst.
    Insofern ist, was Du (in 26) schreibst: “die unfähigkeit, dieses glück immer wiederholen zu können…” genau das, was ich meinte (in 25).

    Kompliziert?
    Trotzdem einen entspannten Samstag!,

    Helmut