Rick Gekoski „Eine Nacht mit Lolita. Begegnungen mit Büchern und Autoren

Januar 14th, 2007

Rick Gekoski: „Eine Nacht mit Lolita. Begegnungen mit Büchern und Autoren“, aus dem Englischen von Rainer Moritz, Berlin September 2006, 200 Seiten, 16,90.-; die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel „Tolkien´s Gown & Other Stories of Great Authors and Rare Books“ in London

Bild von morguefile.com: wellies

booksEin Buch gegen das man eigentlich nichts sagen kann.
Es ist unterhaltend, gut zu lesen, richtig nett.
Es ist hübsch anzusehen, ein Leinenbändchen mit roten Kapitälchen und rotem Lesebändchen, das Leinen ist in Rot und Schwarz bedruckt (mehr Stil hätte es allerdings gehabt, den hinteren Buchdeckel freizulassen).
Der Autor, der zudem auch als Kritiker und Verleger aktiv ist, kann erzählen, er hat etwas zu erzählen, vermutlich ist er auch persönlich ein interessanter Vogel und netter Kerl und am Ende auch noch mündlich ein guter Erzähler – was anzunehmen ist, da das Buch aus einer Reihe von Radiobeiträgen für die BBC hervorgegangen ist.

Also frage ich mich was mir eigentlich fehlt an dem Buch.
Ist es mir zu nett? Zu harmlos? Ist hier irgendetwas einfach zu…?
Fehlen Höhen und Tiefen?

Der Autor kennt sich zweifellos hervorragend in seinem Metier aus – er war Universitätsdozent und ist promovierter Literaturwissenschaftler sowie Antiquar der Hochpreisklasse.
Vielleicht fehlt hier der Wahn, die sich mitteilende Begeisterung, das Unkontrollierte, ein Schuss Irrationales?
Und: Erfolgsgeschichten sind per se Geschichten post rem.
Also liegt eine gewisse Langeweile und Anmaßung in der Natur der Sache.
Das nimmt dem Erzählten etwas von seinem Pep. Das gibt einen etwas billigen, abgestandenen Beigeschmack. Und bei aller ja vorhandenen Selbstironie des Erzählers wirft es ein ein ganz klein wenig schwadronierendes Licht auf diesen. Wohlgemerkt: Es mag sich alles genau so zugetragen haben, alles mag gut und richtig sein, so bekommt es doch einen Hautgout von Eigenlob und `es kam wie es kommen musste´ – und das muss man nicht mögen.
Ich habe das Buch gern in die Hand genommen, gern gelesen, mich gut dabei unterhalten, wurde an Vieles erinnert und habe manches Neue erfahren, der Autor verstand es literaturgeschichtliches und antiquarisches Wissen nahtlos zu vereinen – und doch wird man nicht wirklich warm mit dem Buch, irgend etwas fehlt oder ist zu viel.
Die hohen Preise, der Erfolg, die persönliche Verbundenheit mit den Autoren – das ist alles eine Spur zu lässig und das Understatement vielleicht etwas zu ausgestellt und nötig.
Das mag alles konstruktionsbedingt sein, doch fragt man sich, wie sich ein ganz ähnliches Buch nicht von ihm sondern über ihn gelesen hätte.

20 Antworten to “Rick Gekoski „Eine Nacht mit Lolita. Begegnungen mit Büchern und Autoren”

  1. 1 ewu simpel
    März 8th, 2007 at 11:25 am

    lieber helmut!

    du hast völlig recht: es fehlt dem buch etwas!
    die würze und -vielleicht- die würde des scheiterns!?

    mir enthielt es zu viel des anekdotenseligen geplauders eines buchändlers der hochpreisklasse.
    was sind ihm bücher anderes als reliqien? wo bleibt bei all dem räsonnement über erstausgaben und publikationsbiographien die reflexion des inhalts der angeführten bücher?

    an einer stelle (42) mokiert er sich sogar darüber, von den diversen nobelpreisträgern, mit denen er in kontakt stand, in deren büchern nicht verarbeitet, nicht genannt worden zu sein: zeigt sich hierin nicht die letztliche absicht dieser begegnungen mit büchern und menschen, so der untertitel: er will den glanz der bücher auf sein leben lenken, am ruhm derjenigen partizipieren, deren elaborate er wie ein trophäensammler aufgespürt und gewinnbringend verhökert hat.

    ist es nicht so? du siehst es ja ähnlich und stellst zurecht die frage, wie sich ein buch gelesen hätte, in dem er der held wäre. vielleicht so, wie sie die bücher von balzac und flaubert bevölkern: gewiefte antiquare, ein bißchen schrullig und doch bodenständig und soziabel, gebildet und intelligent, die ihre obsession in den dienst des geschäfts stellen.

    diese tüchtigkeit, diese erfolgseitelkeit, war es, die mich von kapitel zu kapitel mehr störte. kein wirklich tiefes wort zur “psychometrie der bücher” (125), wovon das werk von fadiman so viel und unterhaltendes zu berichten weiß.
    liest er die bücher oder schätzt er sie nur? er fragt selbst danach, was es den gebannten leser kümmert, welche ausgabe er liest, und doch treibt ihn die frage nicht weiter an, er läßt sie wieder fallen und berichtet von seinen trouveillen.

    geht es in diesem buch überhaupt ums lesen? beschreibt er nicht vielmehr nur die erotik der ausgaben und verschweigt dabei die des inhalts? diese ist es doch, die im doppeldeutigen sinne uns anzieht, oder?

    und trotzdem: bei all meinen einwänden, die letztlich darin zusammenzufassen sind, daß mir die begeisterung fehlte, bei all den einwänden konnte ich nicht umhin, auch ein gutes in diesem umgang mit büchern und ihren produzenten zu erkennen – er scheint vor jener ansteckung zu schützen, der ich mich immer allzu leichtfertig ausliefere. auch ich genieße es, ein gut gemachtes, schönes, die zeiten überdauerndes buch mit einer individuellen geschichte in den händen zu halten – doch letztlich geht es mir darum, was zwischen den deckeln passiert und was es mit mir anstellt.

    so viel dazu.
    grüße,
    uwe.

  2. 2 Helmut
    März 8th, 2007 at 12:29 pm

    Lieber Uwe,

    hast Du Dir also den Gekowski besorgt?!

    Je nun, hier hat ein Antiquar geschrieben.
    Wie es scheint ein ganz guter und zufriedener.
    Leser – muss er nicht sein.
    Vermutlich wäre es für seinen Beruf sogar eher abträglich, gar schädlich.
    Auch Büchersammler müssen nicht zwingend Leser sein.
    Ob es bei ihm also um´s Lesen geht – wohl eher weniger.
    Es ist ja ganz interessant zu sehen, wie man den ´Wert´ eines Buches bestimmen – und unterschiedlich sehen kann. Und da geht eben die Schere auf zwischen dem äußeren Kleidchen – vom handgebundenen Ledereinband bis zur limitierten Auflage – bis zum puren Inhalt – egal wie es aussieht und worauf es gedruckt ist.
    Alle Spielformen werden anzutreffen sein.

    Trotzdem könnte ich mir auch das Buch eines Antiquars vorstellen, das, erlauben wir uns hier mal den etwas speckigen Begriff, “Aura” hat. Aber diesen Eindruck, da scheinen wir uns einig zu sein, erzeugt Gekoski nicht. Obwohl ich auch nicht sagen würde, dass es ein schlechtes oder schlecht geschriebenes Buch ist.
    Aber letztlich kommt durch, dass es ums Geschäft geht, um Preissteigerungen, günstige Verkäufe etc. Das ist nicht sehr sexy und entwickelt wenig Zauber.
    Hübsch fand ich “Würde des Scheiterns” und “Erfolgseitelkeit”. – Aber was für ein ´Erfolg´? – Ich erlaube mir in diesem Zusammenhang einen Hinweis in eigener Sache: Am Ende der “In Tasmanien”-Besprechung ist auch von einer Art Erfolg die Rede, allerdings einer anderen.

    Schöne Grüße,

    Helmut

  3. 3 ewu simpel
    März 8th, 2007 at 9:34 pm

    lieber helmut!

    ja, da hast du wie nebenbei eine feine unterscheidung angesprochen: die zwischen dem sammler und dem leser. büchersammler sind nicht in erster linie leser, sondern sie suchen den gegenstand buch. es geht um besitz, um bewahrung, auch in materieller hinsicht. der leser will den geist, der die gegenständliche hülle belebt. bei vielen wird das hand in hand gehen, bei anderen als gegensatz bestehen bleiben. ich will ihn nicht absolut setzen.

    aufgefallen ist mir bei dem gekoski aber, daß er zwar von den denkwürdigen begegnungen mit büchern spricht, immer jedoch im hinblick auf besondere editionen, auflagen oder widmungsexemplare. was hat es auf sich mit dieser art des buchreliquienkultes? welcher zauber liegt in einem buch, dessen schmutztitel die widmung seines autors ziert? was ändert sich in der rezeption, wenn das buch selten oder von vornehmer herkunft ist?
    ich gebe zu, ich habe wenig sinn für diese “heiligen reliquien literarischer körperlichkeit” (fadiman, 69). ich liebe handwerklich gut gemachte, schöne, haltbare bücher – doch ihr wert erhöht sich mir nicht, wenn ich weiß und schwarz auf weiß erkennen kann, daß eine koryphäe sich in ihnen verewigt hat! meine hände zittern nicht bei der berührung eines vom autor höchstselbst signierten werkes. für diese unterstellte ‘aura’ bin ich empfindungslos. anders ergeht es mir bei antiquarischen büchern, in denen gebrauchs- und lektürespuren zu finden sind, eine art historischer patina, hinterlassen von den vorbesitzern, womöglich mit randbemerkungen, anstreichungen und dergleichen. das sind für mich spuren von bedeutung, bisweilen sogar beredte zeugnisse, die zu verfolgen es sich lohnt, die aber keinen (materiellen) wert besitzen.

    grüße,
    uwe.

  4. 4 Helmut
    März 10th, 2007 at 8:19 am

    Lieber Uwe,

    der Leser will den Geist?

    Will er das?

    Will er nicht erstmal unterhalten werden, und zwar gut?
    Und was heißt das? – Er will weg von sich. Dabei aber ganz bei sich bleiben – oder sich gar näher kommen. Das ist das paradox des Lesens (könnte man hier nicht auch: “Lebens” setzen?!)

    Das Büchersammeln wäre ein abendfüllendes Thema.
    Du sprichst zwei Dinge an:
    Den bibliophilen Aspekt und den der Leserspuren.
    Sie sind recht verschieden.
    Letzterer ist ein affektiver historischer Reiz, denke ich – und ich kenne ihn gut: Wer hat dieses Buch vor mir besessen? Wann? Was hat er gedacht, wo und wie gelebt? Leider – oder zum Glück – erfährt man es in der Regel nicht. Man kann oder darf oder muss spintisieren. Man könnte ganze Bücher schreiben, über das was man in Büchern finden kann. Das beginnt bei den Dingen, die die Leute als Lesezeichen verwenden oder flache Gegenstände, für die sie ein Buch als geeigneten Aufenthaltsort erachten und geht über Spuren der Zerstörung, wie Schimmel und Wurmfraß bis zu Tabakskrümeln oder Sand zwischen den Seiten (von welchem Strand?), Wein-oder Kaffeeflecken, Schokoladspuren, bis hin zu Marginalien aller Art, ob in Bleistift, Buntstift, mit Füller oder Kugelschreiber. Schmalzige Gedichte, schnell vergessene Herzensergießungen, Spuren regelrechter Arbeit, auch mal ein Kochrezept, Beckmessereien, Unterstreichungen in Rot, mit zittriger Hand oder sichtlich mit Lineal…
    Im Grunde ist man hier schon wieder auf halbem Weg zum Glück mit den Büchern. Sie spiegeln, wenn auch nur sehr fragmentarisch, Geschichte, bewahren sie auf.

    Wasden Wert der besonderen, der wertvollen Bücher ausmacht, so finde ich schon, dass auch diese ihren Reiz haben. Aber dieser ist auch vielfältiger Natur. Es ist ein Unterschied, ob jemand Künstlerbücher schätzt oder Inkunabeln, ob er Autographen oder Widmungsexemplare sammelt oder auf Oasenziegenleder und Handeinbände steht, ob er Erstausgaben bevorzugt oder besondere Formate oder Illustrationen oder Provenienzen oder oder…
    Aber solche Preziosen haben ihren Reiz und sind in der Lage ihre Aura zu entfalten – wenn man nur Augen hat zu sehen.
    Materieller Wert und individueller Wert sind da nicht immer scharf zu trennen.
    Es muss dabei nicht nur ums Geld, um den Besitz von Wertvollem gehen (um Besitz aber schon!), es hat sicher auch mit Teilhabe, mit Nähe zu tun, unter Umständen auch mit Distinktionsgewinn, je nach dem.

    Schöne Grüße,

    Helmut

  5. 5 ewu simpel
    März 13th, 2007 at 2:13 pm

    lieber helmut!

    besitz – erotisches vergnügen – intimes verhältnis: formen verlagerter sexueller aktivität – ist es das auch?
    (siehe gekoski S. 157-159; eine der wenigen stellen, wo es um mehr als erlesene bibliophilie geht)

    und:
    kann man bücher wirklich besitzen?
    die handelsware, den gegenstand schon.
    aber den geist, den man aus der flasche läßt, was ist mit dem?

    zum greifen nah und doch unerreichbar fern:
    ist es nicht diese paradoxie, die den besonderen status von (guten) büchern ausmacht?

    grüße,
    uwe.

  6. 6 Helmut
    März 13th, 2007 at 8:52 pm

    Lieber Uwe,

    ich würde so sagen:
    Man kann wohl zu jedem Besitz, zu jedem Gegenstand eine quasi-erotische Beziehung haben – das aber für verlagerte Sexualität halten zu wollen würde ich allerdings für einen echten Kurz-Schluss halten.
    Mit einem Beispiel:
    Jede Begegnung kann man als eine (mehr oder weniger) erotische deuten oder sehen oder davon überzeugt sein, dass es eine solche ist – aber das ist etwas anderes, als Sex mit dieser Person.
    Das Beispiel hinkt (wie alle): Bücher sind keine Personen etc.
    Trotzdem: Diese Plump-Verdrängungs- und Sublimierungskiste kommt mir gänzlich unzulänglich und, ja, fehl am Platz vor.
    Ein Buch kann an sich ein gelungener ästhetischer Gegenstand sein und als solche eine – aber ebenim weitesten Sinne – erotische Ausstrahlung haben.
    Mit einem Buch kann man sich einer Person oder ihren Gedanken/ Ideen etc. näher fühlen.

    Zunächst gings ja um das Objekt Buch – das kann man besitzen. – Wenn Du die Sache im übertragenen Sinn verstehen willst und die Frage stellst, ob gute Bücher nicht zugleich zum greifen nah und unerreichbar fern sind (sein sollten?), dann wäre das nicht das gewesen woran ich gedacht hätte.
    Ich finde, dass gute Bücher uns – ihrer Ferne zum Trotz – im Innersten zu berühren imstande sind; das scheint mir etwas anderes zu sein.
    Man lässt den Geist ja nicht aus der Flasche – man lässt ihn in den Kopf, und, wenn das Buch was taugt, in die Seele – oder wie man diesen Bereich nennen mag.
    Die Seiten 157-159 sehe ich mir morgen an.

    Schönen Abend,

    Helmut

  7. 7 ewu simpel
    März 14th, 2007 at 12:08 pm

    lieber helmut!

    wir sind nicht so weit auseinander.

    zum ersten punkt: es war ein versuch, die triebe freizulegen, die unseren buchkäufen zugrunde liegen können. keine verlagerte sexualtität – wenn du das so siehst, auch gut. ich jedenfalls glaube, man kann tiefenpsychologisch eine ungeheure triebenergie dafür verantwortlich machen, daß wir immer wieder zu büchern greifen, sie besitzen wollen, uns zum gefallen und um ein begehren zumindest zeitweise zu stillen, das letztlich jedoch nicht zu befriedigen ist. hat das nicht doch etwas mit sex zu tun, im übertragenen sinne? ich sprach ja auch von verlagerter, transformierter sexualität, einer also, die sich auf – im psychoanalytischen jargon so genannte – übertragungsobjekte bezieht.

    zum zweiten, ungleich wichtigeren punkt:
    jede lektüre ist doch ein hermeneutischer prozeß und als solcher tentenziell unendlich oder nur willkürlich zu einem abschluß zu bringen. daher meine paradoxe fomulierung, jedes buch sei zugleich greifbar und doch unerreichbar – der deutungsprozeß, auch im hinblick auf die eigene person, bleibt doch letztlich offen: mit guten büchern kommt man zu keinem ende. (ein gemeinplatz aus den germanistischen seminaren, auf dem du dich genau wie ich aufgehalten hast.) deshalb ist es ein glück, sie immer wieder zur hand nehmen, nachlesen, neu lesen zu können. und der geist, den man dabei entbindet, der geht, da hast du natürlich recht, ein in den kopf, die seele des lesers. das hatte ich auch nicht anders gemeint, aber eben anders ausgedrückt, und eben das meine ich, wenn ich sage, der besitz eines buches vollziehe sich in einem endlosen, offenen mentalen aneignungsprozeß, ungeachtet der tatsache, daß wir es als besitzer in den händen halten. es verwandelt sich unter unseren händen sozusagen in eine neuschöpfung, die in jedem akt des lesens andere konturen und aspekte gewinnen kann. das war der übertragene sinn meiner rede von der unerreichbarkeit des werkes, so nah es uns auch innerlich kommen mag. ich rede hier nicht nur der unausschöpfbarkeit des literarischen textes das wort, sondern vor allem will ich es als ein plädoyer verstanden wissen, daß lesen teilhabe bedeutet: am buch, am autor, an einem selbst, an der geschichte, aber eben auch an dem, mit dem man über seine lektüren spricht oder in anderer form austauscht. um diese form der teilhabe ging es mir. daher die langeweile, die mich bei dem lesen von gekoskis erlesenen raria überkam. dort findet sich eben davon zu wenig, wie ich finde. er spricht es an, verfolgt es aber nicht so, wie die publikationsgeschichten der von ihm vorgestellten bücher.

    schönen tag,
    uwe.

  8. 8 Helmut
    März 15th, 2007 at 8:16 pm

    Lieber Uwe,

    Was wenn man die Bücher-Sex-Geschichte für Psycho-Quark hielte?! –

    Gleich zum Wichtigeren:
    Lesen als Neuschöpfung etc.: Mir wurde nun schon wesebntlich deutlicher als in der vorhergehenden Bemerkung, die ja auch sehr kurz gehalten war, worum es Dir geht.
    Aber: Wenn man das Lesen so unausschöpfbar findet, warum dann doch nicht nur EIN Buch?! – Böte sich doch an!
    Eins, das aber richtig, aus allen Lagen gewissermaßen. – Aber da das das Thema eines anderen Kommentars war, gehts damit dort weiter.

    Bis dahin,

    Helmut

  9. 9 Helmut
    März 19th, 2007 at 1:32 pm

    Hallo Uwe,

    ich wollte mir ja den Gekoski nochmal ansehen – kann ihn aber nicht finden.
    Sobald ich den Aufenthaltsort ausfindig gemacht habe…

    Derweil ein Zitat von Terry Gilliam von den Monty Pythons aus der “Zeit” vom 4. Mai 2006, S. 76:

    “Ich sehe nicht mehr viele Filme oder Fernsehsendungen. Lesen ist das Beste, was man machen kann. Lesen ist ein Weg, seinen Geist beieinander zu halten. Man muss alles erfinden. Beim Lesen muss man die ganze Arbeit selbst erledigen. Das trainiert diese Seltsamen Muskeln, von denen niemand weiß, wo wie sitzen: die Fantasie-Muskeln.”

    In diesem Sinne,

    Helmut

  10. 10 ewu simpel
    März 19th, 2007 at 9:11 pm

    hallo helmut!

    es ist auch eine kunst, die passenden zitate zu finden. wie nur kam die zeit vom mai letzten jahres dir unter die finger?

    auch ich bin fündig gewesen, beim blättern in broyards autobiographie seiner lehrjahre in greenwich village, new york 1946/47. eine passage, die ich noch vage in erinnerung hatte und die wohl und weh des lebens mit und in büchern aufzeigt. sie lautet:

    “[mit den büchern] konnte ich meine beschähmend gewöhnliche geschichte gegen einen bunten strauß von fiktionen eintauschen. ich konnte ein hypothetisches leben führen, unbelastet von erinnerungen, loyalitäten oder ressentiments. der erste impuls der pubertät ist der wunsch, ein waise zu sein oder jemand, der sein gedächtnis verloren hat. niemand im village hatte eine familie. wir waren alle unserer eigenen stirn entsprungen, spontan entstanden, so wie man sich die entstehung der fliegen dachte. [...] bücher waren unser wetter, unsere umwelt, unsere kleidung. wir lasen sie nicht nur; wir wurden zu büchern. wir nahmen sie in uns auf und formten aus ihnen unsere geschichten. es wäre einfacher zu sagen, wir hätten uns in die welt der bücher geflüchtet, aber in wahrheit hatten die bücher von uns besitz ergriffen. [...] sie zeigten uns, was möglich war. wir hatten mit dem gelebt, was gerade zur hand war, mit dem gegebenen, die bücher führten uns in weite fernen. wir hatten nur heimische gefühle gekannt, und die bücher zeigten uns, was mit gefühlen geschieht, wenn sie heimatlos sind. die bücher gaben uns halt – junge menschen sind so unausgeglichen, daß jede kleinigkeit sie zu fall bringen kann. die bücher stabilisierten uns; es war, als trügen wir eine schwere tasche in jeder hand, taschen, die uns im gleichgewicht hielten. sie verliehen uns schwerkraft. [...] die bücher ermöglichten es, uns selber als romanfiguren zu betrachten – ja, wir waren romanfiguren!-, und das gab uns eine gewisse kontrolle.” (anatole broyard, verrückt nach kafka (1993), Berlin 2001, S. 40-42)

    ich kann mir nicht helfen, aber bei allem widerstand, den ich beim lesen solcher passagen empfinde, steigt doch auch eine leise bewunderung in mir auf, ein nostalgisches sehnen nach SOLCHEN zeiten und charakteren.

    wie geht es dir damit?

    grüße,
    uwe.

  11. 11 Helmut
    März 21st, 2007 at 9:21 pm

    Lieber Uwe,

    das mit der “Zeit” ist wenigst geheimnisvoll: Sie lag hier noch herum. Und wenn man dem magischen Glauben anhängen mag, dass einem die richtigen Dinge ohnehin zur rechten Zeit unterkommen…

    Das Zitat, das Du anführst, gefällt mir sehr gut! Anregend geschrieben – und eine jugendliche Stimmung eingefangen.
    Da hätten wir es dann wieder, das Crossover zwischen Lesen und Leben, scheint ja das neverending Thema zu sein, wenn mans mal so hübsch deutsch ausdrücken darf.
    -Mit der – wiederum zumindest semi-magischen – Kehrwende: Nicht wir suchen die Bücher aus – es ist umgekehrt.
    Wie man sich dazu auch stellen mag, als Gedanke, als Gedankenspiel ist es interessant.

    Interessant wäre auch: Woher Dein Widerstand?!

    Das Sehnen nach solchen Zeiten: Meinst Du damit andere Zeiten – oder die (eigene) Jugend?

    Aber zu Deiner Frage:
    Ich hatte ja kürzlich angedeutet (es ging um Utopie), dass das Lesen vielleicht zu einem gut Teil (oder evtl. genauer: Die Motivation zu Lesen) einen wesentlichen Grund in solchen mimetischen Lese-Erfahrungen hat, und das ist eine gute Erinnerung, ja.

    Grüße,

    Helmut

  12. 12 ewu simpel
    März 22nd, 2007 at 12:28 pm

    lieber helmut!

    du vermutest richtig:
    es ist die erinnerung an meine exzessiven identifikatorischen leseerlebnisse in meiner jugend, die mich mit leisem schauder solche passagen wie die von broyard aufnehmen lassen.

    meine pubertät – was war es anderes als der versuch, meine herkunft zu verleugnen, letztendlich ein waise zu werden, ein versuch, sich nur sich selbst zu verdanken, eine kopfgeburt sui generis, was zu grotesken selbstwahrnehmungen und eigentlich nicht mehr gutzumachenden verhöhnorgien führte.

    so zu lesen, kann einen ein leben lang prägen und zugleich die gefahr spüren lassen, daß es nicht nur gut ist, sich seinen eigenen lebenslauf anhand der bücher immer wieder neu zu erfinden oder wenigstens ihn zu reformulieren, in alternativerzählungen vom eigenen und doch nur aus literarischen quellen übernommenen leben zu verwörtern, die bald selbst geglaubt werden.

    diese art, sich ein hypothetisches leben zusammenzuschustern, war aufregend, tröstlich, kreativ, verschaffte distinktion, baute die geburtskontingenz ab, wenigstens in der vorstellung – aber sie war eben auch unaufrichtig, unecht, führte von etwas weg und hin zu einer selbstverleugnung, ohne daß ich den wert erkannt hatte, die im familiär eigenen, im milieumäßig überlieferten liegen kann. sie war sozusagen voreilig, eine vorweggenommene selbstentzweiung, für die realiter gar kein grund bestand. ich habe über meine inneren verhältnisse gelesen, und ohne not aufgegeben, was mich mich bis dahin bestimmt hatte. ein kopf-sprung in den wörtersee, mit der hoffnung, beim auftauchen ein anderer, interesanterer, irgendwie aufregenderer zu sein.

    und dies einzig ausgelöst durch die begegnung mit den luftgeistern der bücher, die mir die erdenschwere meiner herkunft nahm, die mir zuvor gar nicht so zu bewußtsein gekommen war, die es vielleicht gar nicht gab. durch diese initiation ins fiktive wurde ein doppelter boden einzogen zwischen dem, was mein vorheriges leben bestimmte, und dem, welche vorstellungen von einem anderen leben mir die literatur an die hand und in den sinn gab.

    das hält bis heute an. ein guter teil meiner lesezeit ist dieser hoffnung geschuldet, ein buch möge mein leben ändern. pathetisch formuliert: ich bin ein kostgänger der ästhetischen (literarichen) kirche. ich erwarte nichts weniger als das messianische buch, welches die transfiguration bei mir ein- und auslöst.

    in wen? warum? was treibt mich an?
    das rührt am eingemachten. und das ist bekanntlich trübe. hier nur so viel, wie ich bisher in der lage war, darüber herauszufinden:
    lesen korrespondiert bei mir mit einem fluchtimpuls, einer emotional hochaufgeladenen tendenz, mich abstrakt abwesend zu machen. hört sich ver-rückt an, ist aber, glaube ich, weit verbreitet. ich will immerzu woanders, jemand anderes sein, oder zumindest die möglichkeit dazu haben, zwischen mir und dem, was mir als wirklichkeit gegenübertritt, etwas distanz zu bringen, einen vorbehalt, der mir die freiheit läßt zu behaupten, daß ich nicht GANZ in dem enthalten bin, was ich für andere zu sein scheine. man könnte es eskapismus, verantwortungs- und realitätsflucht nennen, das will ich gerne zugeben. aber wenn ich gründele, dann glaube ich bei mir doch auch ein rest an wahrheitssuche zu entdecken, die diesen fluchten immanent ist. vielleicht geht es mir darum, mich oder mein oder DAS leben nicht zu verfehlen, und bei diesem wunsch und seiner verwirklichung nehme ich ja nicht nur die bücher und die in ihnen geschilderten exemplarischen lebensgeschichten in dienst, obgleich sie einen großen anteil daran haben, nein, eigentlich nehme ich alles in dienst: den alltag, die aufgaben in ihm, meine lieben, die pflichten und neigungen, das schreiben an dich und andere und für mich, zufällige begegnungen, lange freundschaften und ihre pflege, das wirkliche leben im ganzen also.

    eine menage a trois der besonderen art: die bücher, das leben und ICH. was dabei herauskommen kann, daran hat mich das broyard-zitat erinnert:
    wohltuend, wie ernst man das lesen nehmen kann, und erschreckend, zu welchen formen der unaufrichtigkeit es führen kann. daher mein widerstand UND meine nostalgie.

    so viel autobiographie mußte sein! obgleich ich den eindruck habe, daß ich meinen worten in dieser sache immer noch ZUVIEL traue.

    ich hoffe, du kannst mir folgen, damit wir uns an anderer stelle wiederbegegnen können, an der nämlich, die entsteht, wenn du mir schreibst, wie du meinen sermon verstanden hast oder verstehen hast können oder gar wollen.

    die tastatur brennt!

    herzlichst,
    uwe!?

  13. 13 Helmut
    März 23rd, 2007 at 10:56 am

    Lieber Uwe,

    die Tastatur brennt? – Was meint das?

    Auf fiel mir – nicht nur hier -, dass sich die Kommentare alsbald abheben von der direkten Diskussion der Bücher und die Tendenz haben, sich weg von diesen, hin zu allgemeineren, auch persönlicheren Themen zu bewegen.
    Das sei einfach nur mal wertfrei festgestellt.

    Die Bücher als Mittel.
    Als Distanzierungsmittel.
    Zwischenschichten, Fluchtimpuls.

    Eine Möglichkeit.
    Es gibt andere.
    Man könnte auch Erweiterung oder Bereicherung suchen.
    Wahrheit? – Was immer das ist. – Eher ein schwieriges Kapitel.

    Die Bücher haben wohl das Schicksal, offen für alles zu sein, was der Leser aus ihnen macht. Insofern sind sie auch Spiegel – wenn man (selbst)reflexiv genug ist, darauf aufmerksam zu sein.

    So wie Du von Deiner adoleszenten Lektüre und ihrer Wirkung berichtest, scheint Dich das noch sehr zu beschäftigen, auf gewisse Weise noch nicht abgeschlossen zu sein. – Was war so schlimm daran?
    Und: Was können die Bücher, was kann das Lesen dafür?
    Sie haben offenbar zu einem damaligen Bedürfnis gedient. Man mag es später nicht schätzen, es ablehnen, es kann einem unangenehm und peinlich sein, aber ganz offensichtlich war es damals doch ein Bedürfnis. Es kam irgendwo her und hatte wohl seinen Sinn und seine Notwendigkeit. – Hättest Du es nicht an den Büchern bedient, wäre es vermutlich etwas anderes gewesen: Reisen, Malen, Musik, Gewalt, welches Medium auch immer hier hätte Ventil oder Ausdruck sein können.

    Wäre nicht die Frage:
    Was sagt uns das über uns – und: Was sagt es uns über´s lesen?

    Das Lesen ernstnehmen als eine Art Hoffnung und dennoch als Verführung und Anleitung zu Unaufrichtigkeit?
    Ein wie gefestigtes ´Ich´ liest da?
    Angst vor feindlicher Übernahme?
    Das Buch, das nach innen (ein)greift?
    Wer, welche Bedingungen, lassen das zu?
    Zu viel Träumerei, zu wenig ´richtiges´ Leben? Hypothetisches Leben? – Ist das Selbstfremdheit? Spricht da ein M.o.E.?
    Einer, der noch gar nicht wirklich da ist, der in seiner Rolle nicht aufgeht? Einer, der gar keine hat und am Ende auch keine will? Einer, der zu oder für nichts steht, der keine Festigkeit hat, sondern sich fremde Leben und Identitäten sucht, um sich an ihnen zu nähren, phasen-, leih-, buchweise? Literatur als Wechselbalg? Als – natürlich – nie ausreichender Ausgleich dessen, was fehlt? Übernehmen von fremden Charakteren, Schicksalen, Leben – daher auch das Identifikatorische, das Verwirrende? Weil es nur Möglichkeiten sind, denen nicht mehr entspricht als ihre Möglichkeit, als das vorübergehende Füllen eines zu leeren Raumes?

    Etwas merkwürdig aber in diesem Zusammenhang auch passend erscheint mir das Mißtrauen den eigenen Worten gegenüber. Da muss ein “Ich stehe hier und kann nicht anders” sehr fremd sein.

    ´Schein´ müsste hier wohl ein zentraler Begriff sein.
    Der Aufenthalt in imaginären Welten, vorgekaute Halbrealleben, in die man sich einfühlen, die man aber auch ganz nach Bedarf wieder verlassen kann. Ihnen fehlt immer Wesentliches: Wirkliche Wirklichkeit.
    Da mag zu viel Identifikation sein, was aber auch eine Gabe sein kann, zu viel um sich wohlzufühlen und die Bücher als das zu nehmen was sie – sind?/ auch sein können?

    Ich hoffe das geht nicht zu weit oder zu tief. – Du hattest autobiographisch geschrieben und zu einem Kommentar aufgefordert.

    Ich wünsche ein anregendes Wochenende,

    Helmut

  14. 14 ewu simpel
    März 26th, 2007 at 11:57 am

    lieber helmut!

    noch ein nachtrag in eigener sache.

    dieser kommentar-bandwurm wurde zusehens persönlicher, da stimme ich dir zu. doch es ging doch bei den vorsgetellten werken von fadiman und gekoski um das leben mit und in büchern, daher fand ich es nicht unzulässig, ein wenig in die eigene leser- und lese-biographie einzusteigen und von eigenen erfahrungen zu berichten. das macht einen wesentlichen teil meiner lesehaltung ja aus, das zurückbiegen aufs eigene leben. vielleicht manchmal zu sehr auf biegen und brechen, das will ich gerne zugestehen.

    hab’ dank, daß du dich so ernst mit dem kleinen einblick in meine adoleszenz-krise beschäftigt hast. du sprichst vieles an und deutest es richtig. es war eine orientierungskrise und es galt einen leeren raum auszufüllen. dazu griff ich zu den büchern, ich hatte aber auch andere mentoren und vorbilder. ich war ungefestigt oder ich empfand mich als person unfertig, sehr wandlungbedürftig und -fähig. dazu dienten mir die vokabulare, die mir die bücher, die literatur, die mentoren anboten. man könnte es als eine art verzauberung verstehen, in der sich die macht der sprache für mich offenbarte. diese erfahrung machte mir bewußt, daß neue und andere dinge möglich und wichtig sein können – es war eine veritable horizonterweiterung. die allerdings zu verqueren selbstwahrnehumgen und später von mir nicht mehr geduldeten formen der unaufrichtigkeit geführt hat. darauf wollte ich hinweisen.

    die verwandlungssehnsucht ist mir geblieben. allzu oft finde ich nur “meine” themen in den büchern wieder, bringe nicht die nötige distanz auf. das kann eine gabe sein, ist aber auch manchmal ein fluch. obgleich nicht wenig von meinem leseglück in diesen momenten des begeisterten versunkenseins besteht, in denen ich mich besser und wirklicher zu empfinden und zu erkennen glaube.

    die notwendige ernücherung trat mit dem studium ein. nun heimste ich für die worte, die ich für meine leseerfahrungen fand, noten ein. der ertrag des lesens für mein leben wurde gewissermaßen objektiviert. das macht wohl jeder durch. die sphäre der selbstschöfung habe ich dabei nie ganz verlassen, immer noch ging es um verwandlung, bildung, aber vorrangig im medium abrufbarer, kommunizierbarer erkenntnisse. ich hatte es geschafft, eine distanz zwischen mich und den inhalten der bücher zu stellen: die frühere egozentrik wich einer intersubjektivität. ein notwendiger und heilsamer prozeß, ohne den ich das studium nicht hätte absolvieren können.

    wie du siehst, ging all das, was du geschrieben hast, weder zu tief noch zu weit, und ich bin dir dankbar dafür.
    meine ambivalenten gefühle gegenüber dem broyard-zitat, unser ausgangspunkt für meinen persönlichen rückblick, hat mir folgendes wieder vor augen geführt:
    es ist für mich bis heute eine gratwanderung – das lesen: es unterstützt meine flucht-und verwandlungstendenzen und stellt zugleich die mittel bereit, darüber zu reflektieren. insofern helfen mir die aufenthalte in der schein-welt der bücher bei dem versuch, wesentlicher, aufrichtiger, wirklicher zu werden. das vokabular wird immer größer, mit der man sich beschreiben kann, und vielleicht kommt man sich ja ein wenig näher dabei. warum ich dann meinen worten gegen ende meines letzten kommentars doch noch zu mißtrauen scheinte, ist leicht zu erklären: ich hatte den eindruck, eine mir allzu gut bekannte erzählung aus meiner jugend zu schildern, in gewohnte erklärungsmuster zu verfallen, die den kern noch nicht wirklich erfaßten. es fiel mir sozusagen zu leicht, es so zu formulieren.

    so viel und abschließendes – von meiner seite – zu dieser sache.

    interessant für mich wäre zu erfahren, wie du in die bücherwelt initiiert wurdest und inwiefern diese ur-erfahrung des lesens bei dir bis heute prägend geworden ist. wie du richtig bemerkt hast, bin ich mit dieser erfahrung noch nicht wirklich fertig geworden, aber es ist mir gelungen, sie reflexiv einzuholen.
    das alles müssen wir aber nicht in diesem blog austauschen. schön war es trotzdem, vom glück im umgang mit büchern und vom nutzen und nachteil des lesens für das leben im anschluß an deine besprechungen der fadiman- und gekoski-publikationen ein wenig zu räsonnieren. es ist aber ein thema, bei dem ein ende nicht abzusehen ist. und bei dem es für mich unvermeidbar war, nicht persönlich zu werden.

    liebe grüße,
    uwe.

  15. 15 Helmut
    März 27th, 2007 at 9:08 am

    Lieber Uwe,

    sicher darf das sein, ich wollte nur nochmal aufmerksam machen darauf.
    Wenn Du schreibst, dass Du ´Deine´ Themen fandest in den Büchern – dann beschreibst Du wahrscheinlich nur einen wesentlichen Teil des Lesens, des Lesevorgangs überhaupt.
    Wenn Du das in den Büchern Aufgehen allerdings als Gabe und Fluch siehst, dürfte es noch etwas anderes sein. – Lese ich da (wenigstens auch) eine Angst, jemand oder etwas zu sein? Einen Widerwillen (oder was?) vor dem Sich-Festlegen? Daher die Maskenspiele? Eben nicht nur Spiel, sondern auch Ernst. Nicht nur Willkür, sondern auch Muss? Fehlt einfach der harte Kern? Gibts den überhaupt?
    Eigentlich klingt Deine Beschreibung des Weges von der Egozentrik zur Intersubjektivität doch gut und gesund. Auch wenn vielleicht ein Stück Leseglück auf der Strecke geblieben ist. – Man kann vermutlich nicht alles haben.
    Zuerst von den Worten verzaubert, das klingt hübsch – mir fiele auch manches dazu ein, trotzdem: Könnte man es nicht versuchen genauer zu fassen?!
    Kam die verquere Selbstwahrnehmung aus den Büchern – oder holte sie etwas in einem aus ihnen heraus? Oder was passte da nicht?
    Vielleicht ist es gerade das: Nicht das Vokabular der Selbstbeschreibung erweitern – sondern tun, statt sich selbst zu berschreiben, pathetisch gesagt: Leben. (Fast hätte ich geschrieben: ´Leben, nicht lesen´- das habe ich dann aber doch nicht über mich gebracht)
    Auf Deine Fragen am Ende gehe ich gerne ein – und auch auf den Vorschlag, den Ort zu verlegen.

    Schöne Grüße,

    Helmut

  16. 16 ewu simpel
    März 27th, 2007 at 11:08 am

    lieber helmut!

    so langsam wechseln unsere kommentare, bei denen ich mich selbst zum gegenstand gemacht habe, vom spiel- auf das standbein über. warum nicht?

    deine letzten anmerkungen berühren dann schon eher die grundsätzliche frage nach meiner persönlichen und charakterlichen integrität – und das zu recht. ich selbst bin immer wieder auf dem weg zu solchen gründeleien.
    der harte kern, fehlt der bei mir? gibts den überhaupt?
    das scheint die zentrale frage zu sein!
    bin ich ein apeasement-charakter?!
    einiges spricht dafür, vor allem die lust am leben im zeichen eines umfassenden vorbehalts, die vorliebe für die ironie (mit und ohne tiefere bedeutung), die unentschiedenheit als modus vivendi.
    dann wieder kann ich mich wunderbar positionieren, meckern und klare ansagen machen, mich verbal und inhaltlich eindeutig und nachhaltlig in stellung bringen –
    trotzdem ein fehlender tonus im moralischen kann ich mir nicht ganz absprechen. der harte kern also – bei mir:
    keine sicherheit im eigenen, eher ein pool an möglichen selbst- und fremdbeschreibungen. aber komme ich an grenzen, stoße unvermittelt an die kanten der wirklichkeit, bin dem rohen, unironischen ansturm des lebens ausgesetzt, ja dann stabilisiert sich etwas in mir, eine art verhärtung tritt ein, und ich kann auf etwas unverbrüchliches, gefühlsechtes zurückgreifen, etwas, daß ich verantworten kann und will. ganz verloren bin ich also nicht in der standpunktvielfalt. aber es ist eben so ungemein reizvoll, zwischen sein und schein zu pendeln, auf zeit und von zeit zu zeit.

    der harte kern ist also ein mutabler kern und abhängig von intakten außenbeziehungen und den anforderungen, die das leben an mich stellt. da ich mich viel und gerne im fiktiven bewege ist der pendelmuskel gut trainiert und es fällt schwer ihn nicht zu bewegen und in diesem spiel aufzugehen, aber eben nicht ganz aufzugehen. auf kosten des lebens geschieht das nicht, es wird dabei eher in ein endloses semantisches unternehmen verwandelt, das von selbst wieder an seine grenzen stößt, und seien es jene der zumutbarkeit für andere. manchmal denke ich, daß ich vielleicht unterbewußt an dem paradoxen versuch laboriere, für alles im leben einen probedurchlauf haben zu wollen – ein komplexes, zur zweiten natur gewordenes spiel der verdrängung und kompensation, das mich wechselweise glücklich und unglücklich sein läßt.

    verzaubert – bei mir: gebannt, verfremdet, auf anderem terrain sich bewegend, fortgetragen, abwesend und als (schein-bar)anderer zurückkehrend, irgendwie verwandelt durch das wort, das er-lesene.

    das verquere schulde ich allein mir!
    schon in meiner jugend redigierte ich die texte nach meiner fasson!
    davon abzukommen und es nicht den büchern zur last zu legen war ein hartes stück leser-arbeit. was mir zum glück gelungen ist.

    leben, statt lesen – eine treffliche und zugleich naheliegende umkehrung des flaubert’schen bonmots “lesen, um zu leben”. du hast dich gescheut, es niederzuschreiben und doch hast du es stehengelassen, in klammern – was das nun wieder zu bedeuten hat!? aber der rat ist angekommen und auch schon von mir beherzigt worden. das leben kennt kein konditional: entweder etwas geschieht oder eben nicht. ein drittes gibt es nicht. diese lehre habe ich begriffen. wichtig ist, dazu eine lebbare einstellung zu finden. dabei helfen mir die bücher, eben weil sie alternativen durchspielen oder sehr genau vorführen. die gefahren, die für MICH auf diesem weg entstehen und entstanden sind, habe ich jetzt sicherlich genügend erläutert, so daß wir in zukunft wieder über das, was IN den büchern steht, schreiben können.

    guter hoffnung, daß dies gelingen wird,
    grüße ich dich – vielleicht – ein letztes mal von der literarischen couch,
    uwe.

  17. 17 Helmut
    März 29th, 2007 at 8:25 pm

    Lieber Uwe,

    für alles einen Probedurchlauf haben wollen – ein interessanter Gedanke!
    Von mangelnder Integrität will ich nichts gesagt haben, wie müssen´s auch nicht weitertreiben und ich weíß ja, dass Dich das Spielbein mehr interessiert: Kein Problem, schönes Bild.
    So will ich auch gar nicht den Probelauf gegen die Lust am Leben ausspielen…
    Möge der Pendelmuskel auch weiterhin gut trainiert bleiben!
    Nicht klar wurde mir, was die Ankündigung, Du würdest Dich das letzte Mal von der literarischen Couch melden, meinte?

    In der “F.R.” las ich die Tage ein Interview mit Ingo Schulze, da hieß es u.a.:

    “Es gibt nichts Schöneres, als das richtige Buch zur richtigen Zeit zu lesen. Literatur, überhaupt die Kunst, ist per se schon ein Trost. Literatur ist dafür da, mit den eigenen Erfahrungen nicht allein zu bleiben.”
    (”F.R.”, 21.03.2007, S. 15)

    Alles kommt vor: Diäthetil – Trost – Lesen und Leben.

    Grüße,

    Helmut

  18. 18 ewu simpel
    März 30th, 2007 at 12:46 pm

    lieber helmut!

    nichts sollte man ZU weit treiben.

    ich will den pendelschlag beibehalten.
    vielleicht hilft er mir, die richtigen verhältnisse zu schaffen oder sie mental vorzubereiten. es kommt ja schon auch auf die erwartungshaltung an. nicht nur der richtige ort, die richtige zeit, sondern auch die richtige = passende ein-stellung des lesers, müssen zusammenfinden. gar nicht so einfach. aber es gibt solche begegnungen der besonderen art.

    das spielbein interessiert mich mehr. das stimmt. obgleich nicht immer zu entscheiden ist, mit welchem ich überhaupt noch einigermaßen sicher auf dem boden stehe, so muskelschwindsüchtig kommt mir bisweilen das sogenannte standbein vor. gerade dieses einzuführen bei unserem dauerthema lesen-und-leben schien mir naheliegend. und die couch-metapher bezog sich auf meinen gemäßigten seelischen striptease (adoleszenz-krise) in diesem blog. davon kann ich noch mehr – aber eben nicht an dieser stelle. und wenn doch, dann etwas verschlüsselter. der rückbezug auf mich und meine lebenslauferei wird nicht ausbleiben. dafür sind mir die bücher zu nahe an meinem leben.

    das zitat ist wunderbar. der letzte satz vor allem. nicht allein zu bleiben mit den eigenen erfahrungen heißt doch, daß literatur im weiteren sinne lebens-hilfe sein kann.

    grüße,
    uwe.

  19. 19 Helmut
    März 30th, 2007 at 3:08 pm

    Lieber Uwe,

    wir sind beide dabei, es hier auslaufen zu lassen und ich hatte kurz überlegt, ob ich´s mit Nr. 18 bewenden lassen soll. Aber ich wollte doch Rückmeldung geben, dass es mich bei den Worten “Striptease” und vor allem “Lebenshilfe” mittel gegruselt hat. –
    Literatur als Lebenshilfe?
    Weiß nicht.
    Mag sein, dass es sachlich gar nicht völlig daneben ist, aber irgendwie…
    Liegt es nur am Wort?
    Hm.

    Nachdenkliche Grüße,

    Helmut

  20. 20 ewu simpel
    März 30th, 2007 at 8:28 pm

    lieber helmut!

    ich denke, es liegt am wort. das klingt nach ratgeber für alle lagen, das will ich zugeben.
    oder es erinnert dich an eine organisation, etwa hefata, die sich um behinderte kümmert. das allerdings könnte im übertragenen sinne fast schon wieder stimmen.

    literatur als hilfestellung fürs leben – warum nicht? ich meinte ja nicht lesen auf krankenschein oder als eingetragene und anerkannte therapieform. oder als psychotrip und reine projektionsfläche.
    aber selbst du gibst zu, daß viele texte uns nicht kalt lassen. sie bewegen uns. sie schlagen eine brücke zu unserem leben. und bieten dennoch keine simplen gebrauchsanleitungen. aber sicherlich können sie als sehhilfen fungieren für uns selbst, die anderen, gott und die welt. das ist dir doch alles nicht fremd, und du hast es oft genug selbst ähnlich formuliert. warum also nicht zulassen, daß literatur lebens-hilfe in diesem sinne leisten kann? man kann die goldwaage ja auch mal eingepackt lassen.

    was den striptease betrifft: ich hatte schon das gefühl, daß ich ein wenig die hosen runter gelassen habe, als ich von meiner adoleszenten leseinitiation und ihren konsequenzen bis in die jetztzeit hinein schrieb. es blieb allgemein, dennoch: es war die schilderung einer persönlichen schlüsselerfahrung in meiner biographie und insofern habe ich mich “entblößt”. das passiert dir selten oder gar nicht. muß auch nicht, schon gar nicht in diesem öffentlichen medium.

    zerstreuende grüße,
    uwe.