Antonio Dal Masetto „Noch eine Nacht“

Februar 14th, 2007

Antonio Dal Masetto: „ Noch eine Nacht“, Zürich 2006, 267 Seiten, aus dem Spanischen von Susanna Mende, 22 Euro; die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Siempre es dificil volver a casa“ in Buenos Aires 2004

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Eine düstere Stimmung, die hier erzeugt wird – um nicht zu sagen: eine sackfinstere.
Es ist immer wieder ein Problem: Wie berichtet man von einem Krimi oder einem Thriller, von einem Buch also, das wesentlich durch seine Handlung bestimmt wird, ohne zu viel zu verraten und dem potentiellen Leser etwas vorweg- und damit die Lust zu nehmen, das Buch selbst noch zu lesen, was ja im Gegensatz zur Absicht stünde und somit fatal wäre?
Darum nur so viel: Es geht um einen Bankraub in der argentinischen Provinz, der aus dem Ruder läuft – und dessen Folgen.
An manchen Stellen wirkt das Buch etwas holzschnitthaft, was aber kaum stört, weil es um die Geschichte geht, die erzählt wird und zu der mag das sogar ganz gut passen. Unheimlich wird das Ganze, weil sich die eindeutige Zuordnung „Täter“ versus „Opfer“ in dieser Beschreibung auflöst. Das Buch hat Zug. Aber es scheint – liegt es an der Übersetzung oder am Original? – kein Sprachkunstwerk zu sein. Doch die Stimmung und die eindrücklichen Szenen und Bilder, die es liefert, haben Gewicht. Schade, dass manche Sätze holprig oder ungeschickt wirken bzw. schlicht fehlerhaft sind.

Einige Beispiele:
-„Sie verließen den Platz und schlenderte Richtung Fluss.“ (S. 23) ´Schlenderten´ muss es heißen, Plural wäre richtig gewesen.
-„Er starrte sie an, die Augen vom Rauch der Zigarette, die er ihm Mund hatte, verschleiert.“ (S. 34) Natürlich muss es ´im Mund´ heißen.
-„Sie öffnete seine Hose und zog sie aus.“ (S. 45) Gemeint ist: ´Sie öffnete seine Hose und zog sie ihm aus.´ Denn wenn sie seine Hose öffnet, kann sie sie nicht selbst ausziehen.
-Nicht ganz glücklich wirkt auch folgender Satz: „Sie hatten schon eine Weile nichts mehr gesagt und ruhten entspannt nebeneinander, während sie der Stille und den Geräuschen, die aus dem Park hereindrangen, lauschten.“ (S. 46) Es ist klar was gemeint ist, aber wie sinnig ist es zu sagen, dass man gleichzeitig der Stille und Geräuschen lauscht?
-„Er sah einen Mann auftauchen und rief ihm zu: ´Sag dem Revier Bescheid. (…)´“ (S. 74) ´Sag auf dem Revier Bescheid´ wäre wohl besser gewesen – das Revier ist ja keine Person.
-„Er glich einem Hund, und er hörte nicht mehr auf damit.“ (S. 108) Das klingt auch nicht nach einem besonders geglückten Satz und nötigt einem Zweifel an der Güte der Übersetzung auf. (S. 108)
-„Die trockenen Zweige, die sich ihm in den Rücken bohrten, die Blätter, die seinen Rücken berührten, und sogar der Vogel – ein Häscherweibchen -, der sich wenige Zentimeter (…).“ (S. 183) Ein „Häscherweibchen“? – Diese Vogelart muss denn doch erst noch erfunden werden – ´Häher´ wird gemeint gewesen sein.

Kleinigkeiten, kann man vielleicht argumentieren, aber in der Summe – und es gäbe noch mehr Beispiele – doch störend und ärgerlich und, so würde man meinen, bei ein wenig mehr Sorgfalt völlig unnötig.
Ohne das Original zu kennen sollte man nichts zur Übersetzung sagen. Aber es besteht der Verdacht, dass es sich hier teils um Lösungen handelt, die nicht aus dem Übersetzerlehrbuch stammen.

Wie viele gute Bücher schildert auch dieses eine Höllenfahrt. – Hat sich jemand einmal um diesen Zusammenhang Gedanken gemacht? –
Der Autor deckt, ähnlich wie Freud in seinem annähernd achtzig Jahre alten Aufsatz über „Das Unbehagen in der Kultur“, den bodenlosen Abgrund, der unter einer dünnen Firnisschicht Zivilisation liegt, auf.
Die Perspektive liegt bei vier flüchtigen Bankräubern und ihrem Erleben. Der Zeitrahmen ist auf wenige Stunden begrenzt. Gut gemacht ist das Vermitteln der dichten Atmosphäre, ist die Schilderung der verschiedenen Charaktere und vor allem die gezeigte Disparatheit der Wirklichkeit.
Wie einer der Verfolgten in ein Haus eindringt und sich in der Küche hinter einem Vorhang versteckt, der zum Verdecken von Wasch- und Putzmitteln angebracht ist und was er in diesem Versteck erleben muss, etwa wie sich die dicke Hausbesitzerin zwei Mal in kurzem Abstand über die Stuhllehne beugt, um es sich zuerst von dem Hausarzt und dann von ihrem Neffen besorgen zu lassen, das ist von drastischer Realistik. Einen Schönheitsfehler könnte man daran allerdings finden: Woher weiß der Verborgene was sich im Raum vollzieht, wie kann er es detailliert beschreiben? Denn im Buch heißt es: „Der Vorhang berührte beinahe seine Nase, und seine Augen sahen allein die stille Helligkeit, die durch das bunte Stoffmuster drang.“ (S. 203) So müsste es schon der Erzähler selbst sein, der diese Szenen beschreibt, das wird aber so nicht deutlich. Sollten die Schilderungen von der Figur stammen, wäre es ein recht simpler Fehler, wenn man gleichzeitig darauf hinweist, dass sie ja gar nichts sehen kann.

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Das alles klingt jedoch zu negativ.
Es handelt sich nicht um ein schlechtes Buch. Es hat Stärken, es ist spannend und im Grunde auch gut gemacht. Man liest es im Nu, und das gern. Obwohl es sich um etwas Ekelhaftes handelt, um etwas, das zum Ekelhaftesten gehört: Eine Menschenjagd.
Die Normalität wird aufgebrochen und die darunter liegende hässliche Fratze herausgezerrt. Damit wird aber ein Stück Alltag gezeigt, wie er in vielen Teilen der Welt Usus ist und wie es hier in der Nähe durch den Jugoslawien-Krieg oder die Boots-Flüchtlinge, die in Italien oder Spanien stranden, um nur diese Beispiele zu nennen, in anderer Weise in Erinnerung gebracht wird.
Dadurch ist dieses Buch mehr als ein Beitrag zur Kriminalliteratur. Es bekommt etwas Parabelhaftes, es weist durch die Konzentration und die Art der Schilderung auf mehr als nur sich selbst, es erweckt beinahe den Anschein als bezöge es sich auf ein verschlüsseltes Ereignis. Das Geschehen vollzieht sich – und es wird nicht erklärt warum, was sehr gut ist (überhaupt wird erfrischend wenig erklärt, wodurch das Buch nur gewinnt) – aus Routine oder einem inneren Gesetz folgend, wortlos und unerbittlich, wie nach Plan. Man wäre mit fortschreitender Lektüre geneigt zu schreiben „unmenschlich“ – nur trifft „menschlich“ wohl leider viel eher den Kern der Sache. Und gerade durch das Heraushalten des Erzählers vermittelt das Geschehen den Eindruck von archaischer Wucht.
Eine Menschentreibjagd, veranstaltet als eine Art Sport, als Provinzvergnügen, ja bis hin zur Lösung einer lästig gewordenen Ehe wie im Fall des Rechtsanwalts oder einer verformten Erfüllung eines Lebenstraumes – so in der Figur des Dicken, Bier trinkenden Pseudogroßwildjägers – entwirft ein bitterböses Bild vom Menschen. Provozierend und zugleich nur zu gut als real vorstell- und erkennbar, die Gleichgültigkeit den Leiden anderer gegenüber, ja die dumpfe Lust daran. Durch die Art der Beschreibung erhält das Geschehen etwas Chiffrenhaftes. Wie in Zeitlupe – Kracauer nennt die Zeitlupe im Film den „Unerbittlichkeitsstil“ – wird vom Einkreisen berichtet. Die „Falle“ wirkt dabei merkwürdig universell, übertragbar: Ist sie nicht überall? Befinden wir uns nicht alle darin? Sind nicht alle Täter und Opfer und gleicherweise in der Falle? So merkwürdig es einerseits erscheinen mag, aus einem blöden Dorf nicht herauskommen zu können, so plausibel macht es der Erzähler andererseits – und ist dabei eben völlig unerbittlich. Sowohl in der Schilderung als auch in der Hinrichtung – Gefangene werden nicht gemacht. So fatal das Ganze ist, stellt dieses Buch einmal neu die Frage: „Was ist der Mensch?“ Es kommt zu keiner erfreulichen Antwort. Gut und wichtig aber, dass sie nicht explizit getroffen wird. Ein merkwürdiger Kontrast besteht zwischen den Dorfbewohnern, die unglücklich an diesem Ort kleben, aber in ihm leben und den Flüchtigen, die diesen Ort auf dem schnellsten Weg verlassen wollen, damit auch kein Problem hätten – wenn man sie denn ließe. So ergibt sich eine eigentümliche Stagnation, ein Treten auf der Stelle und Drehen im Kreis bei allen Beteiligten. Glücklich ist keiner dabei. Alles ist auf den Raum reduziert und der scheint sich eigentümlich verengt zu haben, die Welt, geschrumpft zu einem Turm, zu einem Zimmer, auf eine Vorstadtstraße, zu einem Mauerausschnitt. Das Ungeheure vollzieht sich, und auch das ist gut, wie das Normalste, am hellichten Tage.
Sehr gut dabei die Beschreibung der Flüchtigen, das Nachvollziehen ihrer Gedanken und Empfindungen. Etwa das Erkennen der Absurdität der Situation, die Erfahrung der Unwirklichkeit des Allzu-Wirklichen., (vgl. etwa S. 233) die Erfahrung existentieller Einsamkeit, die Vorführung des Fatalismus´ der Dorfbewohner.
Die Erfahrung der Unwirklichkeit des Wirklichen in der bedrohtesten Situation erinnert an Walter Benjamins Bemerkung, dass erst derjenige der erhängt werden soll, gewahr wird was Strick und Balken sind. Genau diese Erfahrung fängt Dal Masetto mehrfach meisterhaft ein: „Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte ihn eine Erkenntnis. Doch er wagte es nicht, sich ihr zu stellen. Das Fahrzeug kam immer näher, war jetzt nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Dante drehte sich um und kniete nieder. Er ließ die Arme sinken und lehnte die Stirn gegen die Mauer. Vor sich sah er die rötlichen Ziegelsteine und darunter das Gras, das immer heller wurde und in dem versteckt ein paar Wildblumen schimmerten, deren Namen er nie erfahren würde.“ (S. 265)
Ganz hübsch, obwohl etwas zu deutlich geraten, das eingewobene Symbol der Ameisen: „Dann senkte er den Blick und betrachtete seine Schuhe auf dem gepflasterten Gehsteig und eine emsige Ameisenkarawane, deren Weg er mit einem Fuß abgeschnitten hatte. Er sah, wie sie alarmiert stehen blieben, zögerten, einen Ausweg suchten, um ihn herummarschierten und, jede mit ihrer Last, ihren Weg fortsetzten.“ (S. 227 f.) Ein ironisches, wenn nicht sarkastisches Symbol, das den Menschen in seiner Reaktionsweise nicht über das Niveau der staatenbildenden Insekten hebt. Wie überhaupt auffällig ist, dass die Dinge in sich widersprüchlich sind und bleiben. Ja man hat den Eindruck, dass der Autor gerade auf diese Widersprüchlichkeit zielt: Nichts ist eindeutig, nichts sicher und gestorben wird merkwürdig wortlos, unkommunikativ, abrupt, geradezu schmuck- und im Grunde natürlich völlig sinnlos.
Ein spannendes Buch, das einem das Gefühl, gejagt zu werden auf hautnahe Weise vermittelt. Es ist schnörkellos erzählt und der Autor weiß genau was er macht und wohin er will – schon auf S. 13 findet man eine Vorausdeutung, die vorbereitet und ahnen lässt, was kommen wird.
Nur ist es leider auch ein Buch, das nicht makellos ist und eine sorgfältigere Durchsicht für eine nächste Auflage verdient hätte.

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