John Harvey „Schrei nicht so laut“
Februar 14th, 2007John Harvey: „Schrei nicht so laut“, München Januar 2007, 447 Seiten, 9,90 Euro; aus dem Englischen von Sophie Kreutzfeldt, zuerst erschienen 2004 unter dem Titel „Flesh and blood“
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Ein englischer Kriminalroman, preisgekrönt mit dem ´Silver Dagger´ als bester Thriller wie das Titelblatt informiert. Sein Autor John Harvey ist Jahrgang 1938, Vater von drei Kindern aus zwei Ehen und unterrichtete einmal an der University of Nottingham Literatur und Film. Verschwundene und anwesende Kinder, so um die 16, 17, geben dem Roman sein Thema. Wer noch immer Probleme damit hat, Krimis als ernstzunehmende Romane und einen ebensolchen Beitrag zur Literatur anzusehen, sollte sich Asche aufs Haupt streuen und zu lesen beginnen.
Harvey überrascht durch die Breite der Darstellung und eine große Anzahl Personen, die gleichwohl nicht als Staffage wirken, sondern als Person gewürdigt werden. Er überrascht ebenfalls durch seine auffallende Ausstattung des Geschehens mit Details: „Die Sonne strahlte immer noch auf die Felder und brachte die Bäume zum Glitzern. An der Seite seiner Mutter fuhr ein kleines Kind Dreirad. Es hielt an und winkte dem vorbeifahrenden Zug. Elder klappte sein Buch zu und schloß die Augen. In weniger als zwanzig Minuten würden sie ankommen.“ (S. 175)
Das Buch ist gut konstruiert und, für einen Krimi ohnehin eigentlich ein Muss, entwickelt Spannung bis zum Ende. Dabei ist es weniger der unwiderstehliche ´thrill´, als eine untergründigere Spannung, die sich aus dem Geschehen ergibt, auch aus der psychologischen Entwicklung.
Sein Held, der gewesene Polizist Frank Elder, der auf eigenen Wunsch frühzeitig pensionierte Detective Inspector, ist geschieden, trinkt gerne Jameson´s, einen wirklich genialen Whiskey, hat Alpträume und eine Tochter, liest David Copperfield, Katherine Mansfield aber nicht, ist nicht mehr der Jüngste aber ein zäher Hund, der nicht leicht locker lässt, lebt allein in Cornwall, wo Harvey auch mal für ein Jahr wohnte und erinnert in seinem Versuch, ein vor langer Zeit gegebenes Versprechen zu halten, an Jack Nicholson als Detective Jerry Black in: „Das Versprechen“ (Original: „The Pledge“) von 2001, das auf ein Buch von Friedrich Dürrenmatt zurückgeht. Sogar ein Handy wird sich Frank Elder im Verlauf des Buches kaufen.
Er hat Anlass, häufig auf Fragen so zu antworten: „Ich weiß nicht.“ (S. 373)
Trotzdem wird er seinen Fall lösen. Er braucht dazu gut 400 nicht langweilige Seiten. Das Buch liest sich leicht und schnell, so um S. 200-250 etwa legt es eine kleine Pause ein, um dann wieder an Tempo anzuziehen. Die Verbrecher werden mit ihrer Biographie vorgestellt – fast scheint es, als hätte es nicht anders kommen können als es kam. Man kann das begrüßen, man kann es kritisch sehen. Entschuldigendes Gutmenschentum findet man allerdings nicht. Gleichwohl scheint trauriges Verständnis durch die Art der Darstellung. Manche haben Glück, andere nicht. Oder wie eine der Hauptfiguren sagt: „Grundsätzlich ist immer alles möglich.“ (S. 232) Aber schnoddrig-schöne oder auf andere Art herausragende Stellen wie „Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber manchmal schnell.“ (S. 310) findet man nicht viele. Darum geht es hier nicht. Alles konzentriert sich auf das Vorantreiben der Geschichte und die dichte Beschreibung der Nachforschungen. Persönliche Beteiligungen sind integraler Teil des Ganzen und ebenso lebendig wie überzeugend geschildert. Psychologie und Intuition spielen eine Rolle, aber unaufdringlich und so, dass der Leser involviert wird. Das Buch schillert nicht zu seinem Nachteil zwischen den Krimi-Kategorien des Psycho-Thrillers, des Polizeiromans und einem Serienkiller-Drama. Wesentlich für die Spannung und Entwicklung ist das Hin- und Herschneiden zwischen den Verfolgern und den Verfolgten, bei denen jedoch unsicher ist, ob einer von ihnen überhaupt der Täter ist. Zudem kann Harvey Dialoge schreiben, die man ihm abnimmt, die passen und authentisch wirken. Und manchmal auch witzig sind: „´Danke. Vielleicht mache ich das. Jetzt sollte ich aber gehen. Ich habe ihnen genug Zeit gestohlen.´
Siobhan deutete eine Verbeugung an. ´Mylord, so nehmt sie hin.´
´Shakespeare? ´
´Werbung für Kartoffelchips. Ich suche Ihnen diese Nummer raus, und dann bringe ich Sie nach unten an die Tür.´“ (S. 186)
Ohne zu viel zu verraten:
Elder verlässt sein einsames Haus in Cornwall und geht einem etwa fünfzehn Jahre zurückliegenden Fall nach, den er seinerzeit nicht hatte lösen können. Ein sechzehnjähriges Mädchen war verschwunden, ein anderes bestialisch ermordet worden. Elder trifft alte Bekannte wieder, ehemalige Kollegen ebenso wie seine Ex-Frau, die ihn mit ihrem Chef betrogen hatte und nun mit diesem unglücklich zusammenlebt. Einer der Männer, die an dem Mord beteiligt waren, kommt frei, taucht entgegen seinen Bewährungsauflagen unter und ein weiterer Mord, der dem ersten sehr ähnelt, geschieht. Die Suche beginnt. Sie wird nicht einfach und dann auch noch brisant.
Die Beschreibung ist realitätsnah, der Blick in die ´Unterschicht´ ist lakonisch und doch auch kritisch, das wirkt alles sehr authentisch. Was es bedeutet, wenn Harvey die gesellschaftskritischsten Sätze im Buch einen Erzbischof sagen lässt, mag der Leser selbst entscheiden: „Wir könnten uns fragen (…), ob wir nicht lediglich die Ernte einer Entwicklung einfahren, die zu einer Gesellschaft geführt hat, in der sich Sex und Geschäft immer enger miteinander verbinden und in der die Sexualisierung unserer Kinder und Jugendlichen zunehmend akzeptiert wird, ohne hinterfragt oder angeprangert zu werden.“ (S. 312)
In den armen Familien ist Vernachlässigung, Gewalt und sexueller Missbrauch keine Ausnahme, die Opfer, für´s Leben beschädigte Menschen, werden ihrerseits zu Tätern im düsteren Gesellschaftkarussell.
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Gesellschaft, obwohl so gut wie nie explizit außer im eben Zitierten, ist ein Thema dieses Buches. Sie ist nicht nur die benutzte Folie, um darauf etwas zu inszenieren. Harvey beschreibt, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie sich wehtun und dennoch brauchen und wie die Umstände in denen sie leben und unter denen sie aufgewachsen sind, das eine oder das andere ermöglichen oder verbieten. Nicht von ungefähr wird am Ende des Buches der melancholische Satz zu lesen sein, dass zu viele Leben unerfüllt blieben. (Vgl. S. 441)
Harvey, der in England eine Größe ist, wenn nicht gar als der Größte gefeiert wird, ist in Deutschland weitgehend unbekannt. Er hat unter einem guten Dutzend Pseudonymen über 90 Bücher veröffentlicht, darunter Western, Jugendbücher und Gedichte. Er ist ein begeisterter Jazzer, der seine Gedichte auch schon vertonte. Seine Scott-Mitchell-Reihe stammt von 1976-1977, seine viel gelobte Charlie-Resnick-Reihe entstand in den Jahren 1989-1998.
Der Titel des vorliegenden Buches hat keinen Bezug zum Inhalt, er wirkt wie aufgeklebt. Die Wahl deutscher Titel ist ja oft zum Weinen – auch bei Kinofilmen – man fragt sich warum und ob das sein muss. Sollte hier etwas Knalliges Leser aufreißen? Das haben Buch und Autor nicht nötig. Auch das Titelbild steht in keinem Bezug zum Inhalt des Buches. Das ist schade und überflüssig.
Noch in diesem Jahr wird der zweite Band der Frank-Elder-Reihe im gleichen Verlag unter dem Titel „Schau nicht zurück“ (Original: „Ash and Bone“, 2005) und wie „Schrei nicht so laut“ als deutsche Erstausgabe erscheinen.
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